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StartseiteBüchermarktSammeln bis zum Exzess31.07.2006

Sammeln bis zum Exzess

Neuer Roman von Evelyn Grill

Evelyn Grill widmet sich in ihrem Roman "Der Sammler" dem Messietum. Protagonist Alfred Irgang ist ein manischer Sammler, doch ein nicht unsympathischer Zeitgenosse, den man trotzdem nicht zum Nachbarn haben will. Seine Geschichte bleibt bis zur letzten Seite des Buches spannend.

Von Eva Schobel

Manische Sammler versinken früher oder später im Chaos. (AP)
Manische Sammler versinken früher oder später im Chaos. (AP)

Alfred Irgang aus Evelyn Grills neuestem Roman ist ein manischer Sammler bedeutungsloser Gegenstände, dem ein Kunstwerk wie ein echter Beckmann nicht mehr Wert ist als eine aus dem Müll gefischte Zahnprothese. Mit einer Behausung, in der ihm kein Platz mehr zum Wohnen bleibt, kann er sich arrangieren, nicht aber mit den Versuchen seiner Umgebung, Ordnung in seinem Leben und seinen vier Wänden zu schaffen.

Wie kommt es zu so einer Idee? Verdankt sich der literarische Einfall einer Zeitungsnotiz oder persönlich bekannten Vorbildern? Beides, meint Evelyn Grill. Für ihren Roman habe sie viel gelesen und viel recherchiert. Darüber hinaus seien Schriftsteller aber erbarmungslose Beobachter, die das, was sie erleben oder sehen zur Literatur verfremden.

"Wir sind ja Kleptomanen, wir stehlen uns ja die Schicksale zusammen und sind da auch, jedenfalls muss ich da für mich sprechen, ziemlich rücksichtslos. Wenn ich einen Stoff habe, dann muss ich den bearbeiten, auch wenn es unter Umständen jemand verletzen könnte. Ich verändere die Geschichten zwar sehr, aber es wäre mir gleich, ich habe diesen Stoff und der muss geschrieben werden und da geht man nicht gerade über Leichen, man hat ja keine Leichen, aber man ist da schon rücksichtslos, finde ich."

Rücksichtslosigkeit als Voraussetzung des Schreibens. Rücksichtslosigkeit nicht zuletzt gegen sich selbst. Um Schriftstellerin zu werden, musste sich Evelyn Grill zuerst aus ihrem gewohnten Leben als verehelichte Frau und Mutter von drei Kindern befreien. Verheiratet mit einem ganz normalen Mann, der sich eine normal funktionierende Ehefrau wünscht, konnte sie vorerst nur heimlich schreiben. Dann - als die Kinder endlich groß waren und sie selbst die 40 erreicht hatte - wurde sie langsam nervös: in der Mitte des Lebens und immer noch immer kein fertiger Roman. Sie zog die Konsequenzen, versuchte mittels Jurastudium aus den engen Familienverhältnissen auszubrechen und herauszufinden, ob sie Talent für die Schriftstellerei habe.

Das wurde ihr von der einzigen literarischen Ansprechpartnerin weit und breit, der mittlerweile aus der Mode gekommenen österreichischen Autorin Gertrud Fussenegger bestätigt. Der weise Ratschlag: wenn sie schreiben müsse, solle sie tun, was sie nicht lassen könne. Evelyn Grill konnte es nicht lassen und schrieb:
keine frustrierte Hausfrauenliteratur, sondern glasklare, illusionslose Geschichten. Je bizarrer und fremder desto besser. Was man nicht verstehen kann, soll literarisch erarbeitet werden. Die Autorin, selbst eher eine Ordnungsfanatikerin, versucht in ihrem neuen Roman zu begreifen, was in einem Menschen vorgeht, der seine Umgebung nicht auf- sondern zuräumen will.

"Der Messie liegt ja in der Luft in der heutigen Zeit. Man liest dauernd, dass die Wohnungen von Messies ausgeräumt werden. Vor einiger Zeit hab ich im Kurier gelesen, dass eine Frau von ihrer Sammlung erdrückt und erst entdeckt wurde, als die Wohnung schon fürchterlich stank. Ein Arm ragte heraus. Das sind so Erscheinungen, die mich schon interessieren. Aber auch wenn es weniger extrem ist, findet man immer wieder Berichte über zugemüllte Wohnungen. Und da ich persönlich ein Gegner der Zumüllung bin, haben mich diese Figuren unglaublich interessiert. Ich möchte immer wissen, wenn ich etwas nicht verstehe, was geht in diesen Mensch vor? Wie kommt man dazu sich das Leben so zu erschweren oder sich seine Umgebung so eng zu gestalten, dass man eigentlich nicht mehr so leben kann, wie ein so genannter normaler Mensch lebt?"

Alfred Irgang aus Evelyn Grills Roman ist ein nicht unsympathischer Zeitgenosse, den man trotzdem nicht zum Nachbarn haben will. Er muss suchen, was er findet, er muss aufheben und heim tragen was er in Müllcontainern erstielt hat. Was anderen Menschen Mist ist, wird ihm lieb und teuer. Zerknüllte Aufzeichnungen aus anderen Leben, kaputte Schuhe, Regenschirme, leere Jogurtbecher, Stadtpläne, Prothesen, Damenmieder - alles wird in Kartons verpackt und an den Wänden hochgestapelt, bis der immer kleiner werdende Rest von Wohnung nur mehr über eine Leiter begehbar ist - einer Wohnung die er mit Kakerlaken teilt, die er erlegt und in datierten Zündholzschachteln archiviert.

Es gibt Messies, die besuchen Selbsthilfegruppen, um sich aus ihrer Obsession zu befreien, Alfred Irgang aber fühlt sich offenbar in seinem Dreck geborgen.

"Es gibt verschiedene Ausformungen dieses Messietums, es ist noch gar nicht so erforscht. Es gibt Menschen, die darunter leiden, und es gibt Menschen, die keineswegs darunter leiden. Grundsätzlich sind sie, wie ich in einem Buch über 'Das Vermüllungssyndrom', gelesen habe, schwer therapierbar. Da gibt es die intensive Sammeltätigkeit mit eigener Systematik, dann die Vermüllung ohne erkennbare Systematik und die Vermüllung der Wohnung bis zur Unbewohnbarkeit. Und das letztere ist bei meinem Sammler der Fall."

Es gibt Sammler, die werden zu Verbrechern, weil sie ihre Sucht nach Kunstgegenständen oder Büchern nur durch Mord finanzieren können. Ursprünglich, sagt Evelyn Grill, wollte sie Ihren Messie als Mörder anlegen und einen Krimi schreiben. Aber dann hat sie sich eines anderen besonnen und ein psychologisches Gesellschaftsdrama verfasst. Alfred Irgang, Erbe eines beträchtlichen Vermögens, hat kein Interesse an Wertgegenständen und kann sich seine müßiggängerischen Touren von Mistkübel zu Mistkübel auf ganz legale Weise leisten. Irgendwann zieht er sich eine unterstandlose, stumme Gefährtin zu, die ihm hilft, den akkumulierten Müll in angemietete Keller zu verfrachten. Er ist ein friedlicher Messie, einer, der tote Materie braucht, weil er auf Grund traumatischer Kindheitserlebnisse Probleme mit emotionalen Beziehungen zu Menschen hat.

"Der Walter Benjamin sagt ja auch, dass für den Sammler der Besitz das allertiefste Verhältnis ist, das man zu Dingen überhaupt haben kann. Nicht, dass sie in ihm lebendig werden, er selber ist es, der in ihnen wohnt. Und das scheint mir eine sehr interessante Analyse zu sein, die auf meinen Sammler zutrifft."

Evelyn Grills Figur des Sammlers ist nicht zuletzt deswegen interessant, weil ihn die Autorin nicht auf den Fetischisten reduziert, sondern in seiner Ambivalenz zwischen Menschen und Materie zeigt. Alfred Irgang hat sich eine Restbeziehung zu mehr oder minder befreundeten Personen bewahrt. Allwöchentlich erscheint er bei einer Stammtischrunde von Wissenschaftlern und Kunstsinnigen, zu der sich neben Professor Voss, einem alten Freund seiner Eltern, auch dessen schriftstellernde Freundin Dora Stein, die Sozialarbeiterin Ute Aufbau und der Installationskünstler Dr. Bosart einfinden. Irgang, der immer zu spät kommt, lässt es sich nicht nehmen, liebevoll ausgewählte Fundstücke aus seinen Beutezügen zu verschenken, die kategorisch abgelehnt werden. Und doch ist es einzig und allein seine Person, die der Stammtischrunde Gesprächstoff, Sinn und Zusammenhalt gibt.

"Ja, es hat jeder seine eigenen Interessen an diesem armen Mann. Ich sage jetzt mal armer Mann, weil er schließlich doch irgendwo ein Opfer dieser Stammtischrunde wird. Jeder will auf seine Weise diesen Menschen umformen. Denn sie sehen, dass der Irgang, der lebt wie ein Penner und auch so aussieht, er riecht nicht gut, er wäscht sich nicht ausreichend, er lässt seine Zähne ausfallen, dass dieser Irgang ein Millionär ist, und das finden die geradezu obszön. Das sind keine reichen Leute. Und da sehen sie einen, der eigentlich so viel Geld hat und nichts mit diesem Geld macht. Wenn sie selbst so viel Geld hätten, hätten sie eine Menge Ideen. Und der macht nix außer Müll anzusammeln und sich verkommen zu lassen."

Der Professor möchte das Gemälde von Beckmann, die Sozialarbeiterin den armen Sonderling retten. Die Schriftstellerin sucht Stoff für ihren Roman, der Installationskünstler ein Ausstellungsobjekt. Nur was Alfred Irgang will, interessiert niemanden. Als er nach einem Rattenbiss für längere Zeit ins Spital muss, schreiten die Freunde zur verhängnisvollen Tat und entmüllen seine Wohnung.

Ein glänzend geschriebenes Buch voll scharfer Ironie, das bis zur letzten Seite spannend bleibt, auch wenn man das tragische Ende ahnt. Und doch gibt es auch ein Happy End. Denn Maroschka, seine unterstandlose Begleiterin, erbt Irgangs gesamtes Vermögen.

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