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StartseiteHintergrund"Samstags gehört Vati mir"01.05.2004

"Samstags gehört Vati mir"

Bald nur noch eine Erinnerung an die Wirtschaftswunder-Zeiten?

Nur noch die Älteren erinnern sich daran: In den fünfziger Jahren gab es für Arbeitnehmer keinen freien Samstag. Arbeiter, Angestellte und Beamte arbeiteten sechs Tage in der Woche täglich acht Stunden lang. Bei den 1.-Mai-Feiern 1954 spielte deshalb der Kampf um kürzere Arbeitszeiten eine zentrale Rolle. 40 Stunden und 5-Tage-Woche waren das Ziel, denn – so hieß es im Aktionsprogramm des Deutschen Gewerkschaftsbundes, das noch in jenem Jahr formuliert wurde:

Von Renate Faerber-Husemann

Arbeitszeiten - ein seit jeher umkämpftes Thema  (AP)
Arbeitszeiten - ein seit jeher umkämpftes Thema (AP)

Die Produktionsmethoden und Arbeitsbedingungen verursachen erhebliche körperliche Schäden. Zur Auffrischung der erschöpften Kräfte reichen die Ruhezeiten nicht mehr aus. Die soziale und sittliche Grundlage des Familienlebens ist gefährdet.

"Maß halten" mahnte dagegen der Vater des Wirtschaftswunders, Ludwig Erhardt. Lohnerhöhungen statt Arbeitszeitverkürzungen waren sein Rezept, um den damals noch äußerst bescheidenen Wohlstand zu mehren:

Die Gefahr besteht darin, dass wir weniger arbeiten und die Verkürzung in stärkerem Maße vornehmen als wir an Produktivität zulegen können. Und dass diejenigen, die das fordern, gleichzeitig den Schein erwecken, als ob das möglich wäre ohne dass nicht irgendwo im volkswirtschaftlichen Verbrauch ein Loch eintritt.

Viele sorgten sich damals zumindest vordergründig auch um das Seelenheil der Malocher, denen sie nicht zutrauten, mit mehr Freizeit sinnvoll umzugehen. Dabei waren die Arbeitsbedingungen in jener Zeit zumindest in der Produktion äußerst hart: Schwere körperliche Arbeit, Lärm, Schmutz, Hitze – unter solchen Bedingungen wurde sechs Tage in der Woche geschuftet, oft sogar länger als acht Stunden, denn Überstunden in der Produktion waren normal. Im Durchschnitt wurde in den ersten Nachkriegsjahren 55 Stunden in der Woche gearbeitet! Dennoch sorgte sich zum Beispiel Heinrich Nordhoff, der Generaldirektor der VW-Werke:

Sicher wäre ein freier Samstag für viele ein schönes Geschenk, aber für viele auch ein Fluch. Die meisten Menschen leben ohnehin auf der Flucht vor sich selbst. Ihnen wäre ein fehlender Arbeitstag kein Segen, sondern die Leere würde noch vergrößert. Und die trostlose Flachheit, mit der die meisten ihre freie Zeit vertrödeln, würde noch stärker zu Tage treten.

Doch die von Kriegs- und Nachkriegszeiten, von Hunger und schwerer Arbeit erschöpften Arbeiter verwahrten sich gegen solche Bevormundung. Der Gewerkschaftshistoriker Professor Michael Schneider erinnert daran, dass es damals auch darum ging, eine runde Million Arbeitslose ins Brot zu setzen:

Das war eine der Schienen, auf denen die Gewerkschaften argumentiert haben, weswegen es nötig sei, eine Arbeitszeitverkürzung in die Wege zu leiten, um einfach die Arbeit zu verteilen, um Arbeitslose in Arbeitsplätze zu bringen. Aber sehr viel stärker stand damals eher ein alltagskultureller Aspekt im Vordergrund der Argumentation, nämlich der der Familienpolitik, Freizeitpolitik, Lebensqualität zu schaffen durch eine Verkürzung der Arbeitszeit. Der bekannteste Slogan "Am Samstag gehört Vati mir” deutet genau in diese Richtung und genau das hat die Menschen damals mobilisiert, das hat den richtigen Punkt getroffen, nämlich auf dem Wege zu einer eher freizeitorientierten Gesellschaft.

Als nach dem Ende des 2. Weltkrieges die Grundbedürfnisse nach Essen und einer menschenwürdigen Wohnung allmählich erfüllt waren, erinnerten sich die Menschen etwa ab 1950 langsam wieder daran, dass es ein Leben jenseits der Arbeit gab. Man träumte vom Reisen, vom Wochenende im Schrebergarten oder einfach davon, weniger fremdbestimmt, also unter dem Diktat der Fabriksirenen, zu leben. Ein Werbefilm der IG Metall aus dem Jahre 1955 traf den Nerv:

Der eine liebt das Federspiel. Der andere bastelt gern und viel. Ein dritter weiß, wie viel es nützt, wenn er im Hörsaal manchmal sitzt. Die vierte kann es kaum erwarten, das Wochenend im Blumengarten. Der fünfte fährt mit Rad und Zelt mit der Familie in die Welt. Kurzum, es wird auf alle Fälle, das Wochenend zur Jungbrunn-Quelle. Genau gesagt heißt das Panier: Samstags gehört der Vati mir! Und dieses Ziel, allüberall, erstrebt es die IG Metall.

Es dauerte rund zehn Jahre, bis die 40-Stunden-Woche mit dem freien Samstag eine Selbstverständlichkeit geworden war. 1957 war, zunächst in der Metallbranche, die 45-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich erreicht. Doch auch ohne Lohnkürzungen bezahlten die Arbeitnehmer die niedrigere Arbeitszeit praktisch selbst, zum Beispiel durch die Intensivierung der Arbeit, aber auch, so Michael Schneider:

Der zweite Bereich, mit dem die Kostensteigerungen abgefangen werden konnten, war immer, dass die Arbeitszeitverkürzung nicht zu einer Lohnkürzung, aber zu einer Kürzung der sonst möglichen Lohnzuschläge geführt hat. Also von daher ist die Arbeitszeitverkürzung immer auch durch verminderte Lohnzuwächse mitbezahlt worden von den Arbeitnehmern.

Dennoch passten gewerkschaftliche Forderungen und Zeitgeist zusammen. Aus einem Wochenschaubericht von 1959, als die Mehrheit der Arbeitnehmer noch 45 Stunden arbeitete:

Nach einer Umfrage, die die Grundlage für diesen Bericht bildet, beschäftigen sich 31 Prozent mit ihren Kindern. Einige machen sich im Garten nützlich, aber manche pfeifen auf die Erholung und arbeiten wie an anderen Tagen. Sozusagen schwarz. 47 Prozent haben irgendein Hobby und 27 Prozent machen es sich zu Hause gemütlich. Viele Ärzte halten übrigens das verlängerte Wochenende für Unsinn. Sie plädieren für einen zweiten Urlaub. Doch so weit sind wir noch nicht.

15 Tage Urlaub waren damals übrigens die Norm. Als sich in den sechziger Jahre dann die 40-Stunden-Woche endgültig durchgesetzt hatte, warnten die Bedenkenträger - teilweise in beleidigender Form - erneut vor den schlimmen Folgen von zu viel Freizeit für die arbeitende Bevölkerung. Ein Fest für die Kabarettisten der Zwiebel:

Ist das nicht ein herrlicher Erfolg? Seitdem wir Metallarbeiter die 40-Stunden-Woche haben, ist doch auch prompt die Auflage der Zeit gestiegen. Ach Arbeitsbruder, was bin ich froh. Seit wir das Wochenende schon des Freitagmittags beginnen müssen, du ahnst es nicht, habe ich das Violinspiel aufgenommen. Es gelingt mir schon so mancher hübsche Strich. Das ist der Koperka, der die Nippel schmiert. Von dem soll demnächst ein Lyrikband erscheinen. Allerdings nur bei Luchterhand, aber immerhin. Du sag mal, wie verbrachtest du eigentlich das week end? Also wir haben im Familienkreis auf der Veranda Hölderlin gelesen. Glaub´s mir, so ein Sommersonnensonntag für Hölderlin, da freut man sich direkt am Montag auf sein Fließbändle.

Die Arbeitszeitverkürzung von mindestens 48 auf 40 Stunden in der Woche innerhalb von rund zehn Jahren hat das Land nachhaltig verändert. Es begann beispielsweise eine Kampagne für die Frauenarbeit, die Fabriken richteten so genannte Hausfrauenschichten ein. Teilzeitarbeit der Ehefrau wurde geadelt als ein Stück Selbstverwirklichung. Bis dato galt sie noch als eine Tätigkeit, die ihren Mann vor allem in Arbeiterkreisen verlegen machte, weil er seinen Stolz daraus zog, alleiniger Ernährer der Familie zu sein. Die Aktivitäten, Frauen für ein Berufsleben zu gewinnen, reichten aber immer noch nicht, um den Arbeitskräftebedarf zu decken, denn die Wirtschaft boomte. Michael Schneider:

Der zweite Weg, der dann sehr schnell und sehr offensiv beschritten worden ist, war das Anwerben ausländischer Arbeitskräfte, zunächst aus dem Mittelmeerraum, Spanien, Italien, Portugal, aber dann auch sehr bald aus einem weiter entfernten Land, nämlich aus der Türkei.


Doch die Zeiten von Voll- und Überbeschäftigung und scheinbar ewigem Wachstum gingen zu Ende. Ölkrise, Rationalisierungen in der Auto-, Uhren- und Elektroindustrie, die Verlagerung praktisch der gesamten Textilindustrie nach Südostasien schockten in den frühen 70er Jahren das verwöhnte Land und ließen die Arbeitslosenzahlen bald über die Millionengrenze schnellen. Und wieder diskutierten die Gewerkschaften über Arbeitszeitverkürzungen, dieses Mal nicht aus gesellschafts- und gesundheitspolitischen Gründen, sondern zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Eine Milchmädchenrechnung sei das, wehrten die Arbeitgeber schon damals ab. Werde die Arbeit zu teuer, dann seien zwangsläufig weitere Rationalisierungen und damit weitere Verluste von Arbeitsplätzen die Folge.

Im Winter 1978 streikten die Stahlarbeiter in Nordrhein-Westfalen dennoch 44 Tage lang für den Einstieg in die 35-Stunden-Woche – ergebnislos. Und doch sank die jährliche Arbeitszeit weiter, denn sie erreichten 6 Wochen Urlaub. Die IG Metall war und blieb Motor weiterer Verkürzungen der Arbeitszeit: Nach einem langen Streik wurde 1984 die 38,5-Stunden-Woche durchgesetzt, für viele Gewerkschafter nur ein Schritt hin zum Ziel der 35-Stunden-Woche. Ja, viele träumten damals schon von der 32-Stunden-Woche, um die immer weniger werdende Arbeit in der Industrie – bei steigender Produktivität – gerechter zu verteilen. Bei einer Großkundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes 1988 in Stuttgart versammelten sich 100 000 Menschen im Schneeregen und applaudierten dem damaligen IG Metall-Vorsitzenden Franz Steinkühler:

Wer nicht begreift, dass Arbeitszeitverkürzung für 20 Millionen Arbeitnehmer besser ist als Arbeitslosigkeit für weit über zwei Millionen , wer nicht begreift, dass es besser ist, Geld zur Finanzierung von Arbeit statt zur Bezahlung von Arbeitslosigkeit auszugeben, wer all das nicht begreift, der hat den Anspruch verloren, dieses Land zu regieren. Arbeitnehmer sollen 7 Tage in der Woche möglichst 10 Stunden täglich dem Unternehmer zur Verfügung stehen. Das aber wäre modernes Leibeigentum, das ist ein Anschlag auf die Freizeit, auf das Vereinsleben, das ist auch ein Anschlag auf die durch das Grundgesetz geschützte Familie.

Die barschen Töne waren eine Reaktion auf die Arbeitgeberforderungen nach insgesamt längeren Maschinenlaufzeiten. Also, kürzere Arbeitszeiten nur dann, signalisierten sie, wenn das Wochenende sehr viel stärker als bis dahin üblich in die normale Arbeitszeit einbezogen würde.

1995 war die 35-Stunden-Woche in der Druck-, Metall- und Elektroindustrie in Westdeutschland dennoch durchgesetzt, in Ostdeutschland wurde bis zur Wiedervereinigung meist 42 Stunden gearbeitet, die Arbeitszeit sank danach stetig bis auf 38 Stunden. Der Versuch der IG Metall, in den neuen Bundesländern mit dem Westen gleichzuziehen, endete 2003 mit einem Fiasko, von dem die Gewerkschaft sich bis heute nicht erholt hat. Auch im Westen des Landes hatten längst Diskussionen darüber begonnen, ob der Preis für Arbeitszeitverkürzungen nicht zu hoch sei. Der damals amtierende DGB-Vorsitzende Dieter Schulte räumte Ende der 90er Jahre ein:

Jeder von uns wusste auch in der Vergangenheit, dass in dem Jahr, in dem wir über Schritte der Arbeitszeitverkürzung entschieden haben, dieses zu Lasten des Verteilungsspielraums bei Lohn und Gehalt ging. Das heißt, im Gunde genommen haben wir als Gewerkschaften uns unsere Arbeitszeitverkürzungen auch selber erkaufen müssen.

Die IG Metall hat errechnet, dass ohne die kürzeren Arbeitszeiten die Löhne um 14 Prozent höher wären. Das mag so stimmen, denn Untersuchungen innerhalb der Europäischen Union zeigen, dass die Deutschen, die einst Spitzenlöhne kassierten, inzwischen bei der Lohnentwicklung erheblich abgerutscht sind, dafür aber die kürzesten Arbeitszeiten in Europa haben, zählt man Wochenarbeitszeit, Urlaubstage und Altersteilzeit zusammen. Der Preis war aber noch aus einem anderen Grund hoch, zu hoch, sagen viele Arbeitnehmer inzwischen. So auch Margrit Wendt. Sie ist Betriebsratsvorsitzende der Post AG, längst ein Global Player mit 380 000 Beschäftigten, davon 260 000 in Deutschland. Margrit Wendt:

Heute wird sehr viel angestrengter gearbeitet, weil sich die Leistung derart verdichtet hat, dass es von den meisten Beschäftigten kaum noch zu schaffen ist in der normalen Arbeitszeit. Sie arbeiten alle schneller, hektischer, oft unüberlegter, das zieht sich eigentlich durch alle Bereiche. Das fängt beim Zusteller an, aber es geht auch bis in die Management-Etagen hoch und man merkt ganz oft die Folgen, denn viele sind überarbeitet, überfordert, hoch frustriert, demotiviert. Und nur bei manchen hilft der Gedanke, dass sie noch Karriere machen können, dass sie die Arbeitsmenge noch schaffen.

Margrit Wendt ist auch eine der Vorsitzenden der Gewerkschaft ver.di. Dort kämpft man zur Zeit nicht um weitere Verkürzungen der Arbeitszeit, sondern stellt sich zumindest für den Öffentlichen Dienst auf einen Abwehrkampf gegen Arbeitszeitverlängerungen ein. Die bayerische Landesregierung will zurück zur 42-Stunden-Woche, in Nordrhein-Westfalen gilt ab 1. Mai bei allen Neueinstellungen die 41-Stunden-Woche, andere Länder, die Kommunen und der Bund halten sich zurück, werden aber auch vermutlich irgendwann auf diesen Zug aufspringen. Ver.di-Chef Frank Bsirske, der den Verlust von 100 000 Arbeitsplätzen fürchtet, drohte schon mit einem Konflikt in bisher nicht bekanntem Ausmaß. Und DGB-Chef Michael Sommer kündigte den Widerstand sämtlicher Gewerkschaften gegen eine pauschale Heraufsetzung der Arbeitszeit an. Je näher am Betrieb, desto vorsichtiger allerdings die Töne. Margrit Wendt:

Ich meine, es ist richtig, eher Arbeitszeit zu verringern, auch zu versuchen, einen Lohnausgleich zu schaffen. Wichtiger aber ist es, glaube ich, wenn wir intelligentere Möglichkeiten finden, Arbeitszeit zu flexibilisieren, nämlich auch an die Bedürfnisse der Menschen anzupassen. Ich glaube, es gibt tatsächlich junge Leute, die gerne mehr arbeiten wollen, die auch gerne mehr arbeiten wollen, weil sie das Geld noch mehr brauchen oder auch, weil sie für ihre Zukunft noch mehr vorbauen wollen. Es gibt aber mit Sicherheit andere, die durchaus in der Lage sind, ihre Lebensqualität höher zu stellen und deshalb auf Arbeitszeit zu verzichten und damit auch auf Lohn eventuell zu verzichten. Ich glaube, dass man intelligente Lösungen finden muss, dies zu flexibilisieren.

Die Zeiten, in denen die Arbeitszeit klar geregelt war, sind längst vorbei. Von 4-Tage-Wochen mit teilweisem Lohnausgleich bei VW oder nun auch bei der Telekom bis hin zu praktisch ständiger Verfügbarkeit auch nachts und an den Wochenenden ist alles möglich. Margrit Wendt:

Das ist in der Tat so. Diejenigen, die ein Handy haben, ganz besonders dann, wenn es beruflich gestellt wird, dann wird es eigentlich nicht ausgemacht, sondern man ist jederzeit erreichbar. Und das führt natürlich dazu, dass das Familienleben, die Ruhezeiten, das Nachdenken, das noch mal Überprüfen von Entscheidungen, das fällt immer mehr weg.

Die Gewerkschaften wissen längst, dass sie mit Slogans wie "5 mal 7 Stunden sind genug”, nicht nur die Realität in den Betrieben, sondern auch den Zeitgeist gegen sich haben. Studien aus den letzten Jahren sagen übereinstimmend: Mehr als die Hälfte der Befragten hält Wochenend-Arbeit nicht für ein Tabu. 37 Prozent sind laut einer Allensbach-Umfrage auch bereit, ohne Lohnerhöhungen länger zu arbeiten. In neuen Arbeitsverträgen tauchen Begriffe wie Kernarbeitszeit oder Überstunden nicht mehr auf. Ist ein Problem zu lösen, dann geschieht das eben auch in der Nacht oder am Wochenende. Das freie Wochenende und ein relativ starres Korsett von Arbeitszeiten zwischen Montag und Freitag ist vor allem jenen wichtig, die eine ungeliebte, langweilige, körperlich anstrengende Arbeit haben. Für sie beginnt das selbst bestimmte Leben erst in der Freizeit und die sollte möglichst am frühen Freitag Nachmittag beginnen und am Montagmorgen enden.

Zweifellos haben die Arbeitszeitverkürzungen der letzten Jahrzehnte zu einem Arbeitstempo geführt, das gerade von Älteren oft als mörderisch empfunden wird. Die Folge: In mehr als der Hälfte der Betriebe gibt es keine Beschäftigten über 50 mehr. Selbst der DGB-Chef Michael Sommer räumte kürzlich in einem "Spiegel”-Interview ein, dass die Arbeitszeitverkürzungen wie eine Rationalisierungspeitsche gewirkt haben:

Wenn rationalisiert wird, verschwindet menschliche Arbeit. Was diese Gesellschaft in den letzten 20 Jahren gemacht hat, ist eine ganz brutale Form der Arbeitszeitverkürzung. Sie hat die Arbeitszeit für Millionen von Menschen auf null reduziert. 4,6 Millionen Arbeitslose – das ist Arbeitszeitverkürzung ohne jeden Lohnausgleich.

Und doch wird nach wie vor ein Glaubenskrieg zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern über die Frage geführt, ob Arbeitszeitverkürzungen zusätzliche Arbeit schaffen oder eher vernichten. Die Antwort lautet vermutlich: sowohl als auch. Dort wo menschliche Arbeitskraft nicht ohne weiteres durch Maschinen ersetzt werden kann und die Arbeitsverdichtung ihre Grenzen hat, führt jede Verkürzung der Arbeitszeit zu Neueinstellungen. Doch die Mehrzahl der Arbeitnehmer hat die Erfahrung gemacht, dass entweder das Arbeitstempo höher wird oder dass, bei anspruchsvolleren Tätigkeiten, sich niemand darum schert, was in den Tarifverträgen festgeschrieben ist.

Gehört also wie vor 50 Jahren, als der Kampf um die 40-Stunden-Woche begann, Vati samstags bald nicht mehr seinem Kind sondern der Fabrik? Führen Flexibilisierung und Individualisierung dazu, dass Arbeits- und Freizeiten gleichermaßen fließend werden, je nach den Bedürfnissen von Produktion und Dienstleistungsgewerbe? Während die Gewerkschaften noch darum kämpfen, das Heft in der Hand zu behalten – und das heißt für sie eben kollektive Verträge nicht nur zum Lohn sondern auch zur Arbeitszeit – ist die Realität längst eine andere. Der Gewerkschaftshistoriker Michael Schneider:

Gewerkschaften haben den Arbeitnehmern diese Flexibilisierungsbestrebungen als ein allzu großes Entgegenkommen an die Wünsche der Arbeitgeber geradezu vorgehalten. Aus der Sicht der Arbeitnehmer ist das ein Beitrag vielfach auch zur Zeitsouveränität. Das heißt, sie wissen das sehr wohl zu schätzen, daß sie während der Woche einkaufen gehen können, dafür den Nachteil haben, daß am Sonntag kein gemeinsamer Familienausflug möglich ist. Also mit anderen Worten: Es sind ganz individuelle Abwägungsprozesse, die da eine Rolle spielen, die es vielen Arbeitnehmern nicht uneingeschränkt als Negativum erscheinen lassen, dass diese Flexibilisierung der Arbeitszeit Raum greift.

Niemand vermag wirklich zu sagen, wie die Zukunft der Arbeit aussehen wird. Vermutlich wird ein Teil der neuen Arbeitnehmer ohne Blick auf die Uhr arbeiten, die anderen werden zu kämpfen haben um Lohn und Arbeit, vielleicht sehr viel weniger arbeiten als heute. Denn das sind die Fakten:

Das Arbeitsvolumen in Westdeutschland ist zwischen 1950 und dem Jahre 2000 um etwa ein Drittel zurückgegangen. Das Bruttoinlandsprodukt hat sich in dieser Zeit verfünffacht. In den neuen Ländern dürfte der Rückgang noch stärker gewesen sein, allerdings ohne gleichzeitig wachsende Produktivität. Es gibt ganze Regionen, in denen von produktiver Arbeit heute nicht mehr die Rede sein kann.

Schon vor zehn Jahren trafen sich führende Ökonomen, Unternehmer und Politiker in den USA, um über die Arbeit in der postindustriellen Gesellschsft zu diskutieren. Ihr Fazit: 20 Prozent der Menschen im sogenannten arbeitsfähigen Alter werden ausreichen, die Weltwirtschaft am Laufen zu halten. Die anderen wird man durch Transferleistungen am Leben halten.

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