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StartseiteBüchermarktSantiago Gamboas "Die Blender"11.08.2005

Santiago Gamboas "Die Blender"

An unterschiedlichen Lebensentwürfen, Probeläufen, biographischen Schlenkern und Identitäten mangelt es dem kolumbianischen Schriftsteller Santiago Gamboa nicht. Er ist erst 40 Jahre alt, hat mehrere Berufe und war schon in vier Ländern und drei Sprachen Zuhause. Nach seinem Leben Nummer eins in Kolumbien begann er sein Leben Nummer zwei in Spanien und studierte Hispanistik in Madrid, bis es zu einem dritten Neuanfang in Frankreich kam. Gamboa verdingte sich als Nachrichtenredakteur des spanischsprachigen Programms von Radio France und ging jeden Morgen um sieben Uhr auf Sendung.

Von Maike Albath

Einer der Helden in Gamboas Roman "Die Blender" ist passionierter Rundfunkjournalist. (Stock.XCHNG / mikael cronhamn)
Einer der Helden in Gamboas Roman "Die Blender" ist passionierter Rundfunkjournalist. (Stock.XCHNG / mikael cronhamn)

" Radio besitzt für mich eine große Magie. Ich saß vor dem Mikrophon und am anderen Ende der Welt gab es Tausende von Menschen, die zuhörten, was ich dort in Paris sagte. Radio stellt - vielleicht ist das eine romantische Idee aus dem 20. Jahrhundert - eine ganz besondere Form von Intimität mit dem Zuhörer her. Es hat etwas Familiäres, irgendwo sitzt vielleicht eine Familie um ein Radio herum und hört, was es für wichtige Neuigkeiten gibt. Außerdem wurde fast alles, was im 20. Jahrhundert von Bedeutung war, zuallererst über das Radio verkündet."

Kein Wunder also, dass einer seiner drei Helden in dem neuen Roman "Die Blender" passionierter Rundfunkjournalist ist und 170 lateinamerikanische Sender mit dem Programm Frankreich und die Welt versorgt. Gamboas eigene französische Existenz dauerte sechs Jahre - mittlerweile ist er längst im Leben Nummer vier, Sprache Nummer drei und bei Ehefrau Nummer zwei gelandet. Zuerst ging er als Korrespondent der kolumbianischen Tageszeitung El Tiempo nach Rom und berichtete während des Jugoslawienkrieges aus Bosnien. Aber als aufwendige Recherchen über europäische Abgasregelungen, die Enzyklika des Papstes oder Details der französischen Einwanderungsgesetze überhand nahmen, Gamboa täglich zwischen Terminen, Redaktionsschluss und Telefonklingeln hin und her hetzte und für seine literarischen Arbeiten höchstens Nachts Zeit fand, begann eine zweite Phase des Lebens Nummer vier, die bis heute anhält: ein geruhsameres Dasein als freier Schriftsteller, Kolumnist von García Marquez' Zeitung Cambio und Familienvater in einem kleinen Dorf unweit von Rom.

" Als Journalist arbeitet man mit denselben Muskeln, die auch ein Schriftsteller gebraucht. Allerdings ist die Beziehung zur Wirklichkeit eine ganz andere. Denn für den Journalismus ist die Wirklichkeit natürlich zentral, schließlich müssen die Dinge erst passieren, damit man über sie berichten kann. Beim literarischen Schreiben ist das nicht der Fall. Aber die Probleme sind dennoch oft dieselben. Wenn man zum Beispiel eine Reportage schreibt, muss man überzeugend sein, man muss die Geschehnisse so gut und so lebendig wie möglich erzählen, wenn Personen auftauchen, müssen sie realistisch und in sich stimmig wirken. Der Anfang eines Artikels sollte den Leser am Schopf packen und in die Geschichte hineinziehen, denn heute lesen viele Leute ja nur die Überschrift und ein paar Zeilen, der Funke muss gleich überspringen. Der Schriftsteller arbeitet genauso, er muss einen Leser, der kurz in einer Buchhandlung in seinem Roman blättert, sofort gewinnen, denn wenn er in den ersten Sätzen nichts findet, was ihn anspricht, nimmt er das nächste Buch zur Hand."

Santiago Gamboa beherrscht die Kunst des packenden Anfangs: Bossa Nova und Tango sind gar nichts gegen seinen überhitzten Erzählrhythmus voller überraschender Drehungen und unvermuteter Kehrtwendungen. Schon auf der ersten Seite gerät man in die Gesellschaft eines anonymen Schreibers, der in Besitz eines kostbaren Manuskriptes ist, sein Leben riskiert und sich irgendwo in Peking versteckt halten muss. Im nächsten Moment landen wir in Paris, bald darauf in Texas und dann in Hamburg, um wieder nach Peking zurückzukehren, wo die Verwicklungen mit der Atemlosigkeit eines Kriminalromans ihren Lauf nehmen. "Die Blender" entpuppt sich als ein Spionagethriller mit parodistischen Fußangeln. Der Handlungsmotor ist die Suche nach eben jenem mysteriösen Schriftstück, das bei verschiedenen Parteien Begehrlichkeiten auslöst. Es stammt aus der Feder eines verfemten chinesischen Schriftstellers und gilt als Gründungsurkunde der Boxer - der legendären Geheimgesellschaft Yi Ho Tuan, die das alte China gegen Einflüsse von außen abschotten wollte, Anschläge auf Telegraphenmasten verübte und die europäischen Missionare verfolgte. Als man den Boxeraufstand um 1900 blutig niederschlug, wurde Peking völlig zerstört. Im kapitalismustrunkenen China der Jahrtausendwende hat die Sekte großen Zulauf: umso dringender sind die neuen Vertreter auf eine historische Legitimation angewiesen und setzen alles daran, das Dokument zu ergattern. Aber davon ahnen die drei Akteure nichts, denn jeder gerät auf andere Weise in den Bann des Manuskripts. Da wäre zunächst Suarez Salcedo, der Rundfunkmann aus Paris, ein leicht übergewichtiger, melancholischer Kolumbianer, der gerne Schriftsteller geworden wäre, statt dessen seine französische Ehefrau beim Internetsex ertappte und seitdem ein trostloses Metropolendasein fristet. Dass er im Laufe der Geschichte eine heiße Affäre mit einer Kubanerin hat, ist nur gerecht. Salcedo wird von einem obskuren Pariser Geheimdienstvertreter nach Peking geschickt und hat den Auftrag, das Schriftstück unversehrt nach Frankreich zu bringen. Der zweite unfreiwillige Detektiv heißt Nelson Chouchén Otálora, aus Peru gebürtig, Professor für spanische Literatur an der Universität von Austin in Texas, angesehener Literaturkritiker, trotz seiner pinguin-artigen Korpulenz notorischer Studentinnenflachleger und wegen akademischer Kungeleien gerade vom Dienst suspendiert. Obwohl er es besser wissen müsste, hält er sich für ein literarisches Genie, veröffentlicht auf eigene Kosten unsägliche Romane und lässt sich von bestochenen Rezensenten Lobeshymnen schreiben. Er reist nach Peking, um zu neuer Inspiration zu finden. Otálora hat einen chinesischen Großvater, der, wie sich bald herausstellt, einer der Anführer der Boxersekte war, weshalb der libidogesteuerte Peruaner von den neuen Anhängern der Vereinigung als Beschaffer des Manuskripts instrumentalisiert wird. Der dritte im Bunde ist ein deutscher Professor für Sinologie namens Gisbert Klauss, eine Koryphäe seines Faches, der aber nie einen Fuß aus der Bibliothek gesetzt hat und mit 66 Jahren beschließt, endlich einmal dem wirklichen Leben auf die Spur zu kommen. Ihn treibt wahre philologische Leidenschaft um, die, wie wir seit Borges und Umberto Eco wissen, große Ähnlichkeit mit einer kriminalistischen Indizienkette hat: Klauss kennt die Werke des Verfassers der besagten Schrift, forscht in Antiquariaten und Bibliotheken nach und weiß als einziger, worum es eigentlich geht. Aber wegen seiner Lebensabstinenz ist er unerfahren auf dem Gebiet der menschlichen Verstrickungen.

" In meiner Geschichte geht es um Personen, die ein bisschen verloren sind und nicht begreifen, was ihnen widerfährt. Sie sind von einer Wirklichkeit aufgesogen, die völlig neu ist für sie, inmitten einer fremden Stadt, inmitten eines fremden urbanen Zeichensystems und einer völlig unverständlichen Sprache. Das schien mit die ideale Atmosphäre für mein Buch zu sein. "Die Blender" ist ja auch eine Parodie auf den Spionageroman, denn meine Helden sind keine Spione, aber sie werden für solche gehalten. Dieses malentendu, wie man auf französisch sagt, war nur an einem Ort möglich, der etwas völlig Anderes und Neues darstellt, in Mexiko-City oder Brüssel wären solche Verwicklungen nicht vorstellbar. Das geht nur da, wo man vieles eben nicht 100prozentig durchschaut. Genauso habe ich das in Peking übrigens selbst erlebt."

Während im ersten Teil des Romans die drei Helden jeder für sich durch Peking taumeln, das Motiv des gescheiterten Schriftstellers auf äußerst amüsante Weise variieren und nicht zuletzt ihre professorale Kauzigkeit respektive ihren südamerikanischen Machismo unter Beweis stellen, überkreuzen sich im zweiten Teil die Schicksalsfäden. Kunstvoll verwebt und verzwirbelt Santiago Gamboa die verschiedenen Handlungsstränge, liefert en passant eine kleine Kulturgeschichte des Boxeraufstands, führt einen asiatischen Alleskönner ein, der wie ein entfesselter Manga-Comicheld die Bösewichter in Schach hält, bis alles in einen feuerwerksartigen Showdown mündet. Am Ende steht, und das ist ein postmoderner Kommentar zur Frage der Authentizität, ein genialer Fälschungsakt: das umkämpfte Manuskript wird kurzerhand zwei Mal kopiert, und plötzlich lösen sich alle Ansprüche auf das Original in Luft auf. Obwohl "Die Blender" wie ein Philologen-Krimi daher kommt, geht es unter der schmissigen Oberfläche um existenziellere Dinge. Gamboas Helden unternehmen eine Reise und gewinnen Einsichten über sich selbst.

" Ich habe einen Literaturbegriff, den ich seit jeher verteidige und der Abenteuergeschichten und philosophischen Tiefgang nicht voneinander ausschließt. Diese beiden Bereiche sind gerade in der französischen Tradition seit den 70er Jahren immer weiter auseinander gedriftet. Alles was Spannung, Abenteuer, Intrige und Unterhaltung ist, steht auf der einen Seite, und auf der anderen befindet sich die ernste Literatur. Jemand, der genau das Gegenteil dieser Tendenz verkörpert und den ich mehr als alle anderen verehre, ist Graham Greene. Er zeigt, dass sich Abenteuer und die großen Fragen des Lebens überhaupt nicht ausschließen müssen. Das ist mein Modell für "Die Blender" gewesen. Ich wollte einen Abenteuerroman, einen Reiseroman schreiben, ein lustiges Buch. Die Figuren werden ja eher aus einem ironischen Blickwinkel betrachtet, gleichzeitig ging es mir um große, tiefe Erfahrungen. Um die Beziehung zwischen Wirklichkeit und Literatur, um die Beziehung zwischen Erfolg und Scheitern und außerdem um die Beziehung zwischen der lateinamerikanischen und der angelsächsischen Literatur. Das war für mich als Autor sehr wichtig, denn traditionellerweise schreiben lateinamerikanische Schriftsteller ausschließlich über ihre eigenen Länder, Mexikaner über Mexiko, Kolumbianer über Kolumbien, während Joseph Conrad, Graham Greene und Sommerset Maugham ihre Bücher in der ganzen Welt ansiedelten."

Mit erzählerischer Eleganz und kompositorischer Virtuosität reiht sich Santiago Gamboa in die Tradition des urbanen Abenteuerromans ein und versetzt der europäischen Literatur einen Weltläufigkeitsschub. Sein Roman führt bis nach Asien, ohne seinen typischen Latino-Groove zu verlieren, steckt voller Witz und Ironie und liefert das, was man sich von Literatur wünscht: einen unterhaltsamen Erkenntnisgewinn.

Santiago Gamboa: Die Blender. Aus dem kolumbianischen Spanisch von Stefanie Gerhold. Wagenbach Verlag, Berlin 2005. 320 Seiten, 20,50 Euro

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