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Saubere Medaillen

Die Athener Spiele und die neue Ära der Dopingbekämpfung

Von Heinz Peter Kreuzer

Die unter Doping-Verdacht stehenden griechischen Athleten Kostas Kenteris (m.) und Katerina Thanou mit ihrem Trainer Christos Tsekos (l.) bei der Weltmeisterschaft in Edmonton 2001
Die unter Doping-Verdacht stehenden griechischen Athleten Kostas Kenteris (m.) und Katerina Thanou mit ihrem Trainer Christos Tsekos (l.) bei der Weltmeisterschaft in Edmonton 2001 (AP)

Behalten durfte Ben Johnson seine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul nicht. Der Dopingfall des Kanadiers gilt noch immer als der größte Sündenfall Olympias. Seither ist viel Zeit vergangen. An der Spitze des Internationalen Olympischen Komitees IOC hat mit dem Übergang vom Spanier Juan Antonio Samaranch zum Belgier Jacques Rogge auch ein programmatischer Wechsel stattgefunden. Und im Jahre 1999 wurde die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA gegründet. Vor den Spielen 2004 in Athen hatten das IOC und die Wada eine Null-Toleranz-Strategie gegen Doping angekündigt. Bereits deutlich vor den Spielen verstärkte die Wada weltweit ihre Trainingskontrollen. Insgesamt gibt es in diesem Jahr mehr Tests als je zuvor, sagt Roland Augustin, Geschäftsführer der Nationalen Anti-Doping-Agentur Deutschlands Nada.

Man muss es auch so sehen, es ist jetzt nicht nur in Athen getestet worden. Es gab eine Task Force zwischen Wada und dem Internationalen Olympischen Komitee, die im Vorfeld getestet haben, die weltweit kontrolliert haben. Und auch die Verlängerung der in-Competition-period, beginnend am 30. Juli, deutet auch schon daraufhin, dass man das Thema sehr ernst genommen hat. Man hat also in Athen nicht nur Wettkampfkontrollen genommen sondern auch unangekündigte.

Experten sind sich zwar darin einig, dass dabei nur die Dummen erwischt werden, also jene Athleten, die in ihrem Know-how des Dopings nicht auf der Höhe sind. Aber die Dummen sterben nicht aus. Allein zehn Gewichtheber wurden bei diesen Kontrollen erwischt, darunter der griechische Bronzemedaillengewinner Leonidas Sampanis. Auch die Russin Irina Korschanenko muss laut offizieller IOC-Demarche von heute ihr Kugelstoß-Gold zurückgeben, mit dem sie erst am vergangenen Mittwoch dekoriert worden war. Sie ist die elfte Olympiasiegerin in der Geschichte, die anschließend des Dopings überführt wurde.

Im Zentrum des Dopingskandals stehen aber diesmal ausgerechnet die griechischen Gastgeber. Ihre beiden Nationalhelden, Kostas Kenteris, der Olympiasieger im 200-m-Lauf in Sydney 2000, und Sprint-Europameisterin Ekaterina Thanou waren zu Dopingkontrollen nicht erschienen. Laut Statuten wird dies wie ein positiver Test mit einer Zwei-Jahres-Sperre bestraft, doch die beiden Athleten führten der olympischen Bewegung ein Schauspiel vor, das ohne Beispiel in der 110jährigen IOC-Geschichte ist. Um einer sofortigen Anhörung vor der IOC-Disziplinarkommission zu entgehen, tauchten sie nach einem wahrscheinlich vorgetäuschten Motorradunfall in einem Krankenhaus unter. Ärzte bescheinigten ihnen Verletzungen, die eine Verschiebung der Verhandlungen nötig machten. Für den bekannten Doping-Gegner und Molekularbiologen, Professor Werner Franke vom Deutschen Krebszentrum Heidelberg, sind Kenteris/ Thanou in Sachen Sportbetrug seit einem Eklat in Dortmund 1997 keine Unbekannten.

Thanou und Kenteris und auch deren besonders grotesker Trainer, der ist ja direkt in die Versorgung solcher Substanzen miteingewickelt als Nahrungsergänzungsmittel-Händler. Das sind die, die Kontrolleure in der Westfalenhalle geschlagen haben damals, unseren Klaus Wengoborski. Das sind die, die sich vorher zig Kontrollen entzogen haben, und sie sind immer damit durchgekommen.

Mittlerweile haben die griechische Polizei und Medien die Machenschaften von Kenteris/ Thanou und ihres Trainers Tsekos enttarnt. Laut der Athener Zeitung "To Wima" hatte das Trio geplant, den Dopingtest vor der Eröffnung der Spiele mit Hilfe eines Mitarbeiters des Athener Organisationskomitees zu manipulieren. Der Urin der beiden Sportler sollte gegen Fremdurin ausgetauscht werden. Der Plan sei aber gescheitert, weil überraschend Kontrolleure der WADA aufgetaucht seien.

Der Fall Kenteris/ Thanou verdient starke Beachtung, weil er exemplarisch ist für nach wie vor existierende Doping-Netzwerke im internationalen Spitzensport. Die Affäre wirft auch ein Schlaglicht auf die Rolle von Trainer Christos Tsekos, der sich als Drahtzieher für einen Sportbetrug auf höchstem Niveau entpuppt hat. Als die US-Staatsanwaltschaft im Vorjahr die Räume der in Kalifornien ansässigen Firma Balco durchsuchte, fielen den Ermittlern auch E-Mails mit dem Adressaten Tsekos in die Hände. Balco ist Produzent des eigens für den Gebrauch im Sport hergestellten Designer-Steroids THG. In seiner Heimat wurde Tsekos von der nationalen Gesundheitsbehörde mit einer Geldstrafe von rund 15 000 Euro belegt, weil er illegal Anabolika eingeführt hat. Er soll damit verschiedene Sport-Clubs und Trainingsgruppen beliefert haben. Bei einer Razzia in seinem Büro wurden jetzt 1400 Ampullen mit Anabolika und anderen verbotenen Substanzen gefunden.

Die angesehene griechische Tageszeitung "To Wima" hat dieser Tage eine weitere aufsehenerregende Information recherchiert: Vor sieben Jahren soll Trainer Tsekos der sozialistischen Regierung in Athen ein sechs Millionen Euro teures Programm vorgeschlagen haben, eine Vorbereitung auf die Olympischen Spiele im eigenen Land ganz besonderer Art: 150 griechische Top-Athleten sollten demnach Doping-Kuren unterzogen werden, mit nicht nachweisbaren Substanzen. Als Gegenleistung versprach Tsekos zahlreiche Medaillen für die Heimat. Die Regierung lehnte ab.

Tsekos’ Schützlinge Kenteris und Thanou hatten sich gezwungen gesehen, ihre Olympia-Akkreditierung vor Beginn der Leichathletik-Wettbewerbe zurückzugeben. Staatspräsident Konstantinos Stefanopoulos bezeichnete den Skandal als eine "Schande für Griechenland". Der 200 m-Olympiasieger von Sydney und verhinderte Athen-Starter allerdings sieht sich in der Opfer-Rolle:

Ich tue dies nur im Interesse meines Landes. Ich verzichte auf den Start bei den Spielen, auf deren Rückkehr wir 108 Jahre gewartet haben. Jetzt muss Ruhe herrschen, die anderen griechischen Sportler sind wichtig. Ihnen wünsche ich viel Erfolg.

Gleichwohl hat diese Dopingaffäre und ihre Behandlung das Internationale Olympische Komitee starker Kritik ausgesetzt. Es habe nur sehr zögerlich reagiert, so der Vorwurf. Das IOC wirkte erleichtert über den freiwilligen Verzicht, der somit eine Entscheidung der IOC-Disziplinarkommission nicht mehr notwendig machte. IOC-Sprecherin Giselle Davies:

Die Rückgabe der Olympia-Akkreditierung durch die Athleten Kenteris und Thanou sowie ihres Trainers Tsekos wird zur Kenntnis genommen. Der Fall Kenteris und Thanou wird an den Leichtathletik-Weltverband weitergegeben, der auch mögliche Sanktionen aussprechen wird.

Der Zwang zum Handeln ist also vom IOC an den Leichtathletik-Weltverband IAAF weitergereicht worden. Die IAAF wird aufgefordert, mögliche Sanktionen gegen Trainer Tsekos sowie andere Personen oder Organisationen zu ergreifen, falls diese gegen die Anti-Doping-Regeln verstoßen haben.

Allerdings verweist das IOC-Kommunique auch auf eigene Verantwortlichkeit: Die Zulassung von Kenteris und Thanou wie auch von Tsekos müsse bei allen weiteren Olympischen Spielen Gegenstand eines neuen Verfahrens vor dem IOC sein.
Roland Augustin, Chef der Nationalen Anti-Doping-Agentur mit Sitz in Bonn, hätte sich in dieser Angelegenheit vom IOC eine klare Entscheidung gewünscht, um ein deutliches Signal gegen medizinisch-pharmazeutische Manipulation zu setzen. Er räumt aber ein.

Ich denke, es ist vielleicht eine Gemengelage in dieser Situation. Es ist momentan ein einmaliger Vorgang, jemanden zu sperren oder eine Sperre anzudrohen wegen eines verweigerten Dopingtests.

Der Heidelberger Molekularbiologe Prof. Werner Franke sieht das Dopingkontrollsystem nach wie vor kritisch. Trotz vordergründiger Test-Erfolge würde, so beobachtet er, Betrügern Tür und Tor geöffnet. In seine Kritik bezieht er auch den um den sauberen Sport sehr bemühten IOC-Präsidenten Jacques Rogge ein. Franke sieht sogar Rückschritte in der Dopingbekämpfung.

Es ist falsch, dass die Wada mehr kontrolliert. Das Gegenteil ist der Fall. Vor zehn Jahren wurde effektiver kontrolliert. Die Wada hat gar nicht das Geld dafür, das ist das Erste. Vor zehn Jahren tauchten die Kontrolleure eben da auf, wo es was zu kontrollieren gab. In Athen werden nur noch ausgesprochen Dumme erwischt. Das muss vorher geschehen, in den entfernt liegenden Sportschulen, wo sie sich hin zurückziehen, manchmal auch in größeren Höhen - und da ist die Zahl gewaltig heruntergegangen.

Franke nimmt von seiner Kritik auch nicht die Tatsache aus, dass IOC und Welt-Anti-Doping-Agentur WADA erstmals in der Geschichte des modernen Spitzensports ihre Kontrolle auf das Wachstumshormon HGH ausgedehnt haben. Am Tag vor der Eröffnung der Athener Spiele hatte WADA-Chef Dick Pound mit großem publizistischen Aufwand den Einsatz eines neuen HGH-Testverfahrens angekündigt, eine Methode, die vom deutschen Mediziner Prof. Christian Strasburger in München und Berlin entwickelt wurde.

Wenn Sportler hier in Athen diese Substanz anwenden, sollten sie sehr vorsichtig sein.

Doping-Bekämpfer Franke hält dagegen:

Eine Ankündigung, es würde jetzt in Athen Tests auf das Wachstumshormon HGH durchgeführt, ist absurd, empörend, verdummend. Denn die Substanz würde ja im Training vorher genommen, in der Muskelaufbauphase, in der Trainingsphase. Da ist aber nicht kontrolliert worden, da der Nachweis laut den Autoren nur 36 Stunden möglich ist. Also, jeder, der dort ist, wird es vor dem Wettkampf früh genug abgesetzt haben, und es wird nichts mehr nachweisbar sein. Das wird ausgehen wie das Hornberger Schießen.

Nada-Geschäftsführer Augustin setzt in diesem Konflikt auf die nahe Zukunft, von der er bessere Analyseverfahren erhofft:

Die Weiterentwicklung läuft im Moment. Es gibt ein Nachfolgeprojekt. Man versucht genau die veränderten Faktoren, die durch die Gabe von Wachstumshormonen erfolgen, zu untersuchen und da diese Parameter wie: Einfluss der Rasse, Einfluss des Geschlechts und des Trainingszustandes so abzuklären, dass damit verlässliche Ergebnisse erzielt werden können.

Damit gemeint ist die Methode des in einem Londoner Labor arbeitenden Prof. Peter Sönksen, die auch der Leiter des Kölner Doping-Kontroll-Labors, Professor Wilhelm Schänzer, für richtungweisend hält. Alle Blutproben von Sportlern, die in Deutschland genommen werden, gehen nach London, damit Sönksen seine Methode validieren kann, um diese gerichtsfest zu machen:

Ich glaube, dass der Sönksen-Test im Vergleich zum Strasburger-Test eine sehr hohe Abschreckung darstellt, weil der Nachweis länger möglich ist, 14 Tage, eventuell drei Wochen nach der letzten Anwendung. Und damit werden die Athleten verunsichert. Man kann dann bei den Kontrollen des Wettkampfs so taktieren, dass man die Substanzen früh genug absetzt und eben nicht positiv getestet wird. In dieser Hinsicht ist der Sönksen-Test sehr effektiv.

Die Sönksen-Methode war weitgehend schon 1999 entwickelt. Die Medizinische Kommission des Internationalen Olympischen Komitees hatte sie zwar für gut befunden, doch dann die Finanzierung der Forschung eingestellt. Eine Begründung wurde nicht bekannt. Die Folge jedenfalls war: Die Olympischen Spiele 2000 in Sydney gingen als die Wachstums-Hormonspiele in die Geschichte ein.
Nach jahrelanger Forschungspause erhält Sönksen nun wieder Fördermittel aus den USA. Er sagt :

Ich will immer noch die Anwendung des Testes bei den Spielen sehen, bevor ich sterbe. Ich bin schon sehr frustriert, dass es so lange gedauert, um die Sache wieder in Bewegung zu bringen. Das ist einfach traurig. Die Sportpolitiker haben es immer weiter verschleppt.

Neben dem Wachstumshormon spielt beim Doping-Betrug das Blutdopingmittel Erythropoetin, kurz Epo, eine dominierende Rolle. Vor vier Jahren, bei den Sommerspielen in Australien, hatte das IOC erstmals ein Epo-Nachweisverfahren zugelassen. Dies hatte seinerzeit einen abschreckenden Effekt. Zwei Jahre später, bei den Winterspielen in Salt Lake City, waren die Dopingjäger erfolgreich. Drei Skilangläufern, dem für Spanien startenden Deutschen Johann Mühlegg sowie den beiden Russinen Larissa Lazutina und Olga Danilowa, wurde mit einer verfeinerten Analyse eine Leistungssteigerung mit dem verbotenen Mittel Darbeproetin nachgewiesen. Mittlerweile sind internationale Dopingexperten wie der dänische Professor Bengt Saltin überzeugt, dass diese Epo-Nachweismethode nicht mehr effektiv genug sei. Speziell im Profi-Radsport seien die Methoden raffinierter geworden, aber auch Sportler anderer Ausdauer-Disziplinen können inzwischen die Kontrolleure austricksen.

Die Radfahrer haben herausgefunden, dass es einen Weg gibt, unentdeckt mit Epo zu dopen. Sie dosieren niedrig und nehmen es nicht so häufig. Der Hämatokritwert steigt in einem geringerem Maß aber mit positiven Effekten, die Dosierung ist so gewählt, dass sie zu keinem positiven Dopingtest führt. Die derzeitige EPO-Nachweismethode ist nicht sensibel genug, um das nachzuweisen, das ist das Problem.

Es ist für Athleten kein Problem, sich so an die Grenzwerte heranzudopen. Mit geringem Aufwand können die Blutwerte von ihnen selbst kontrolliert werden. Innerhalb von nur zwei Minuten stelle der Sportler mit Hilfe eines Bluttropfens fest, ob sein Hämatokrit-Wert über der verbotenen Grenze liege, sagt Saltin. Der Hämatokrit ist ein Maß für die Zähigkeit des Blutes. Steigt der Hämatokrit, nimmt die Zähigkeit des Blutes zu. Dabei erhöht sich der Strömungswiderstand in den Blutgefäßen, was zu einer Mehrbelastung des Herzens und zu einer geringeren Durchblutung der Organe führt. Ist der Wert zu hoch, werde, beispielsweise, ein Plasmaexpander gegeben, dann sinke der Wert innerhalb von einer Stunde, berichtet Saltin. Auch den EPO-Gehalt im Blut kann das medizinische Personal im Umfeld der Athleten selbst überprüfen.

Für EPO reicht eine kleine Blutprobe, sie bestimmen den EPO-Wert im Plasma. Ist der Wert zu hoch, verschwindet der Athlet einige Tage, 24 - 48 Stunden reichen aus, um den Wert wieder zu verringern. Man sammelt von einigen Fahrern am Morgen die Proben, beim Mittagessen liegt das Ergebnis vor. Sportler mit positiven Ergebnissen werden in ein anderes Hotel geschickt.

Die ersten Gegenmaßnahmen sind schon eingeleitet, kommen aber für die Spiele in Athen zu spät. Die Wada hat der Verbesserung verbesserter Nachweismethoden für Epo höchste Priorität gegeben und zusätzliche Forschungsmittel bewilligt. Nada-Chef Augustin hält das für vorbildlich. Auch wenn die Umsetzung des Wada-Codes anfangs für einige Verwirrung gesorgt habe, so sei der Kampf gegen Doping wesentlich wirkungsvoller als vor der Gründung der weltumspannenden Organisation für sauberen Sport:

Die Verschärfung ist mit Sicherheit zu sehen. Die Wada als Organisation und das IOC als Geldgeber haben eine entsprechende Verschärfung bewirkt, und der Abstand ist mit Sicherheit kleiner geworden zwischen Jägern und Dopern. Man sollte sich allerdings nicht täuschen lassen über die Statistiken, die man hat. Es wird immer eine Grauzone geben.

Deshalb ist Augustin, der Chef der deutschen Anti-Doping-Agentur, auch dafür, Sanktionen nach Indizienbeweisen auszusprechen, also auch ohne positiven Dopingbefund.

Die Amerikaner sind zur Zeit dabei, das genau durchzuexerzieren. Sie versuchen auf Grund indirekter Nachweise Sperren zu erwirken und wir werden sehen, was sich in dem Feld ergibt, wie die USADA aus diesem Feld herauskommt. Es wäre ein Fortschritt für die Dopingbekämpfung, und ich denke, man muss langfristig über dieses Thema nachdenken.

Als Vorbild dienen Nada-Chef Augustin die derzeitigen Bemühungen der US-Anti-Doping-Agentur USADA, die mit Unterlagen aus dem Dopingskandal um die kalifornische Firma Balco verschiedenen US-Athleten den Missbruch von leistungssteigernden Mittel nachweisen will. Bei einem Wirtschaftsstrafverfahren gegen den Nahrungsergänzungsmittelhersteller wurden Unterlagen sichergestellt, die den Beweis erbrachten, dass Firmenchef Victor Conte eine Reihe von Stars aus der Leichtathletik und aus den US-Profiligen mit verbotenen anabolen Steroiden, Wachstumshormon, Epo und anderen Substanzen belieferte. Und überdies: Den Doping-Kunden ließ man kontinuierlich eine intensive Beratung angedeihen, weiß Professor Franke :

Das System ist so, dass heute Athleten irgendwo von Sportfest zu Sportfest, von Großveranstaltung zu Großveranstaltung fliegen. Dann sind sie an einer Leitstelle angebunden, die liegt vor. Ich habe die Unterlagen des so genannten Balco-Prozesses. Da sind dann die E-Mails, da fragen die nach: Kann ich das jetzt nehmen? Ist das okay? Wann mach ich das wieder? - Und da starten sie in Zürich, ein paar Tage später in Paris, zwischendurch kriegen sie noch ihre Instruktionen von Chemikern und entsprechenden Experten in San Francisco.

Ein Beispiel für dieses Verfahren ist die Balco-Kundin Kelli White, die bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Paris 2003 Doppel-Weltmeisterin über 100 und 200 Meter war. Auf Grund der Indizienlage hat die Sprinterin zugegeben, seit dem Jahre 2000 systematisch gedopt zu haben. Der Leichtathletik-Weltverband hat ihr daraufhin die Titel aberkannt. Ein anderer Balco-Kunde ist 100 m-Weltrekordler Tim Montgomery, der sich nicht für Athen qualifizieren konnte. Nach Berichten von US-Medien soll er bei seiner Aussage vor der Grand Jury, einem ordentlichen US-Gericht, Doping zugegeben haben. Da der USADA diese Aussage nicht offiziell vorliegt, kann sie den Sprinter nicht sperren. Montgomerys Lebensgefährtin Marion Jones, Sprint-Olympiasiegerin von Sydney, wird ebenfalls von Balco-Chef Conte beraten. Sie steht ebenfalls unter Dopingverdacht, ist aber bei Olympia dabei. Prof. Franke, der die kalifornischen Ermittlungsbehörden im Balco-Fall berät :

Wenn ich höre, dass Marion Jones jetzt startet. Ich habe Kopien ihrer Leitstellen-Direktive von 2001 und 2002, ich habe ihre Urinanalysen. Die ist gerade eingestellt, dass sie nicht den Grenzwert sechs erreicht, sondern drei. Wir haben jede Menge Daten, die dazu vorliegen.

Überraschend ist allerdings, dass im Anti-Doping-Kampf ausgerechnet die USA eine Vorreiterrolle übernommen haben. Bis zur Gründung der US-Anti-Doping-Agentur 2001 galten die Vereinigten Staaten als Paradies der Doper, eine ernsthafte Verfolgung der Manipulierer gab es nicht. Stattdessen waren Verschleiern und Vertuschen von Dopingfällen an der Tagesordnung. Mittlerweile aber gibt es eine neue Qualität in der Dopingbekämpfung, die folgerichtig immer mehr positive Fälle ans Licht der Öffentlichkeit bringt.

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