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StartseiteBüchermarktSchatzhaus der kleinen Dinge21.09.2004

Schatzhaus der kleinen Dinge

Ben Schott: "Schotts Sammelsurium"

<strong> SCHECK: </strong> Um Schotts Sammelsurium zu beschreiben, erinnert man sich vielleicht am besten an ein Buch, das so gut wie jeder kennt, der im

Von Denis Scheck

Ben Schott: "Schotts Sammelsurium" (Berlin Verlag)
Ben Schott: "Schotts Sammelsurium" (Berlin Verlag)

Nachkriegs-Deutschland aufgewachsen ist, das heißt, man kennt es nur vom
Hörensagen, denn kein Sterblicher hat es je in Händen gehalten: "Schotts
Smalesurium" lässt sich am besten charakterisieren als die deutsche Ausgabe eines Entenhausener Bestsellers, nämlich des "Schlauen Handbuchs" von Tick, Trick und Track, den Neffen von Donald Duck: ein Buch, in dem alles steht, was man immer schon wissen wollte, ein Buch, das einem in jeder Situation aus der Patsche hilft, ein Füllhorn des Wissens, ein Schatzhaus all der Dinge, die durchs Wahrnehmungsraster herkömmlicher Lexikographen fallen und die doch gleichzeitig jene Fakten sind, die unser Leben reicher, bunter und recht eigentlich bedacht überhaupt erst erträglich machen. Ben Schott, ich habe gehört, die Idee zu Schotts Sammelsurium sei aus einer Weihnachtskarte hervorgegangen.

Ben Schott: Das Ganze war reiner Zufall. Ich habe früher als Fotograph gearbeitet und meinen Kunden jedes Jahr Weihnachtskarten geschickt. Und auf einmal hatte ich die Idee, als Jahresgabe eine kleine Broschüre mit allen möglichen technischen Fachausdrücken aus der Welt der Fotoredakteure, Designer und eben Fotografen zusammenzustellen. Diese Angaben über Papierformate und so weiter waren aber ein wenig langweilig, deshalb habe ich dieses Material ergänzt mit einigen Einträgen über die Namen von Weinflaschengrößen, sämtlichen Strophen der Nationalhymne und Abbildungen von Säulenformen der griechischen Antike. Das hat natürlich großen Spaß gemacht, und so ist aus einer 16-Seiten-Broschüre schließlich dieser 160-Seiten-Wälzer entstanden.

Scheck: Das ist nun das eine Buch, auf das alle gewartet haben, denn man hat den Eindruck, es versammelt all das Wissenswerte, was man in traditionellen Nachschlagerwerken nicht findet.

Ben Schott: Genau, in diesem Buch findet man alles, was man braucht, und das unter Garantie. Iwo - es ist einfach der Versuch, einige Lücken in unserem Wissen zu schließen. Es enthält zum Beispiel eine Erläuterung all der Waschanleitungs-Piktogramme, die man auf den Etiketten unserer Kleidung
findet. Da kennt man vielleicht ein oder zwei davon, aber viele sind uns
völlig schleierhaft. Während der Arbeit an dieser Seite fiel mir auf, dass
das Hemd, das ich seit 5 Jahren fröhlich in die Waschmaschine steckte, nur
zum Reinigen war. Mein Buch versucht also genau jene kleinen Wissenslücken
aus unserem Alltag zu schließen, die man nirgendwo anders findet.

Scheck: Wie haben Sie recherchiert?

Ben Schott: Ich habe viel Zeit in der British Library verbracht, einer großartigen Bibliothek, die Pflichtexemplare von jedem in England veröffentlichten Buch erhält und deshalb extrem gut sortiert ist. Monat um Monat habe ich mich dort durch staubige Folianten geackert, um die Fakten zu überprüfen. Man kann zwar viel im Internet finden, aber wirklich verlässlich sind die Angaben dort natürlich nicht.

Scheck: Nur um unseren Hörern eine Vorstellung vom Inhalt Ihres Buchs zu vermitteln: neben der Schautafel mit Waschetiketten finden sich etwa
Angaben zu den Namen der Pferde von Berühmtheiten von Gandalf über König
Artus bis Lord Wellington, eine Liste merkwürdige Todesarten burmesischer
Könige ...

Ben Schott: Genau, also wirklich lebenswichtige Informationen für jedermann. Es findet sich reichlich Seltsames und Eigenartiges in diesem Buch. Zum Beispiel ein viktorianischer Trauerkalender, aus dem man ersehen kann, wie lange man für welches Familienmitglied trauern muss: wenn der Ehemann stirbt, muss die Witwe mindestens ein Jahr und einen Tag trauern, während wenn die Ehefrau stirbt, reichen für den Ehemann drei Monate Trauer vollauf. Neben solch nützlichen Dingen findet man aber auch eine Auflistung sämtlicher Wolkenarten. Das muss man doch parat haben, wenn man den Blick gen Himmel richtet und der fünfjährige Sohn einen fragt, wie die Wolken heißen. Wo will man das sonst nachschlagen?

Scheck: Man erfährt also den Unterschied zwischen Cirrus und Cumuluswolken ...

Ben Schott: Richtig, und außerdem etwas über Luke Howard, einen schrulligen Mann aus der Zeit Königin Viktorias, der die Klassifikation der Wolken erfand, ein System, das bis heute Gültigkeit hat.

Scheck: Luke Howard inspirierte Goethe zu einem seiner bekannteren Gedichte. Das illustriert ja sehr schön, dass es sich hier nicht wirklich um nützliches Wissen handelt, sondern eher um Wissen von der Art, das man im Englischen mit dem Begriff "trivia" beschreibt - ein Begriff, den Sie gar nicht mögen.

Ben Schott: Manches davon ist zwar trivial, aber Trivia möchte ich nicht dazu sagen. Trivia hat etwas sehr männlich Konkurrenzbezogenes, so eine Art notorische Rechthaberei, dass man etwas weiß, was der andere nicht weiß und deshalb schlauer ist. Mein Buch enthält dagegen eine Tabelle mit den Schärfegraden von Chillies und wie man die mißt, oder die Glasgow Koma-Tabelle, mit der man auf der ganzen Welt die Schwere von Kopfverletzungen untersucht. Das ist ja nun alles andere als Trivia - es mag kurios sein, aber sicher nicht trivial. Es geht nicht um das Größte, Längste, Tiefste, sondern um etwas Bedeutenderes - es geht darum, die Lücken in unserer kollektiven Unwissenheit zu schließen.

Scheck: Mir gefällt besonders gut, wie Sie unser Denken im Dezimalsystem aufs Korn nehmen - Sie bieten zum Beispiel statt Top Ten Listen eine Auflistung der Elften ...

Ben Schott: Top-Ten-Listen finden ja ein großes Echo in den Medien und sind offen gestanden stinklangweilig. Die elftlängste Brücke und das elftgrößte Gebäude hingegen - das ist übrigens sehr schwer zu recherchieren. Die Elften sind die Underdogs unserer Gesellschaft, wir sollten uns für die Elften stark machen.

Scheck: Nachdem Sie nun Schotts Sammelsurium geschrieben haben, stimmen Sie da der These zu, dass das Leben phantastischer ist als die Literatur?

Ben Schott: Zweifellos. Eines habe ich gelernt: jedes, wirklich jedes noch so obskure Thema hat einen Menschen gefunden, der ihm sein Leben gewidmet und ein vierbändiges Standardwerk darüber geschrieben hat. Ich habe diese vier Bände nun einfach nach den besten Stellen durchforstet.

Scheck: Statt uns also ständig um die Hervorbringung von etwas Neuem zu bemühen, sollten wir uns also besser als Archäologen vergessenen Wissens betätigen?

Ben Schott: Unbedingt. Das Leben in der Moderne dreht sich immer mehr darum, alles mit minimalem Aufwand auf das Simple, Schnörkellose zu reduzieren, was bis zu einem gewissen Grad ja ganz vernünftig sein kann, aber das Ornamentale, Frivole und der zum Exzess getriebene Nonsens verleihen unserem Leben überhaupt erst die richtige Würze.

Ben Schott
Schotts Sammelsurium
Berlin Verlag, 160 S., EUR 16,-

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