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StartseiteCorsoSchauspielerin Katja Flint über das Buch "Wunschloses Unglück" von Peter Handke06.12.2011

Schauspielerin Katja Flint über das Buch "Wunschloses Unglück" von Peter Handke

Reihe: "Mein Klassiker"

Katja Flint wurde mehrfach zur schönsten Frau Deutschlands gewählt. In den letzten Jahren war die heute 51 Jahre alte Schauspielerin in Fernsehspielen wie "Jenseits der Mauer" oder "Der verlorene Sohn" zu sehen. Aus ihrem reichen Kulturschatz hat Flint für unsere Reihe "Mein Klassiker" ein Buch ausgesucht.

Von Eric Leimann

Die Schauspielerin Katja Flint (picture alliance / dpa/Jens Kalaene)
Die Schauspielerin Katja Flint (picture alliance / dpa/Jens Kalaene)

"Mein Name ist Katja Flint und mein Klassiker ist "Wunschloses Unglück" von Peter Handke. Es ist ein zeitgenössischer Klassiker, den auch die Literaturkritiker so sehen - einer hat sogar mal geschrieben - ein Jahrhundertbuch. Es ist, glaube ich, das meistgelesene Buch von Peter Handke, weil es, wie er selbst erzählt hat, man braucht keine Voraussetzungen außer, dass man lesen können muss, um es zu verstehen."

Unter der Rubrik "Vermischtes" stand in der Sonntagsausgabe der "Kärntener Volkszeitung" Folgendes: In der Nacht zum Samstag verübte eine 51-jährige Hausfrau aus A., Gemeinde G., Selbstmord durch Einnehmen einer Überdosis von Schlaftabletten. Es ist inzwischen fast sieben Wochen her, seit meine Mutter tot ist. Und ich möchte mich an die Arbeit machen, bevor das Bedürfnis über sie zu schreiben, das bei der Beerdigung so stark war, sich in die stumpfsinnige Sprachlosigkeit zurück verwandelt, mit der ich auf die Nachricht von dem Selbstmord reagierte.

"Es ist aber viel mehr als nur die Geschichte seiner Mutter, die tragischerweise Selbstmord begangen hat. Die Mutter lebte von 1920 bis 71 und es erzählt das Leben der Mutter sowohl aus dem Blickwinkel des Sohnes als auch eines Berichterstattenden. Und das macht diese besondere Form aus. Diese etwas distanziertere Berichterstattung."

Bei den Frauen war diese Zukunft ohnehin nichts als ein Witz. Keine Möglichkeit, alles schon vorgesehen. Kleine Schäkereien, ein Kichern, eine kurze Fassungslosigkeit, dann zum ersten Mal die fremde gefasste Miene, mit der man schon wieder abzuhausen begann, die ersten Kinder, ein bisschen noch dabei sein nach dem Hantieren in der Küche, vom Anfang an überhört werden, selber immer mehr weghören, Selbstgespräche, dann - schlecht auf den Beinen, Krampfadern, nur noch ein Murmeln im Schlaf, Unterleibkrebs und mit dem Tod ist die Vorsehung schließlich erfüllt.

"Der Peter Handke ist ein uneheliches Kind gewesen und das hat er erst sehr spät erfahren, weil er nicht glauben konnte, dass dieser Vater, sein Stiefvater, der auch Handke hieß, wirklich sein Vater ist. Das eigentliche Familienleben war eigentlich auch in relativer Armut und diese Beziehung zu dem Stiefvater war keine glückliche, der trank und es war alles nicht so rosig. Und trotzdem ist diese Art und Weise, wie er das erzählt, die scheinbare Distanz, die keine ist, die hat mich zutiefst berührt."

Aus Hilflosigkeit nahm sie Haltung an und wurde sich dabei selbst über. Sie wurde verletzlich. Sie war ganz leicht zu erniedrigen. Wie ihr Vater glaubte sie, sich nichts mehr gönnen zu dürfen. Und bat doch wieder mit verschämten Lachen die Kinder, sie an einer Süßigkeit einmal mitlecken zu lassen.

"Das ist das, was die Literatur von Peter Handke ausmacht: Sie ist nicht immer einfach zu lesen - dieses Buch ist eines, das man gut lesen kann, auch wenn man keine literarischen Vorkenntnisse hat - die anderen Bücher und Journale sind oft schwer zu verstehen - und doch sind es Dinge, die einem nachgehen. Also die einem so im täglichen Leben nachgehen, weil da werden Dinge ausgesprochen, die einem dann am nächsten Tag wieder einfallen und die einfach was von der Welt erzählen und von den Menschen und von Familie und all diesen Dingen, die mit uns was zu tun haben."

Sie nahm alle Schmerztabletten, mischte ihre sämtlichen Antidepressiva darunter. Sie zog ihre Menstruationshose an, in die sie noch Windeln einlegte, zusätzlich zwei weitere Hosen, band sich mit einem Kopftuch das Kinn fest und legte sich ohne die Heizmatte einzuschalten in einem knöchellangen Nachthemd zu Bett.

"Also - als ich anfing zu lesen, das war erst nach dem Abitur. Ich habe mein Abitur geschrieben noch mit Auswendiglernen von Kindlers Literaturlexikon, weil ich in Amerika aufgewachsen war und nicht gut Deutsch konnte und mich dann immer so durchgeschummelt habe. Und dann erst nach dem Abitur, als ich dann langsam gut genug Deutsch wieder konnte, habe ich angefangen zu lesen - freiwillig - und da war Peter Handke eben ein Star der Literatur und man hat einfach Handke gelesen. Und komischerweise ist das eines der Bücher, die ich mehrfach gelesen habe und das ich auch gerne verschenke - weil mich hat das Buch schon berührt, bevor ich ihn näher kannte."

Alle Ausschnitte stammen vom Hörbuch:
Peter Handke - Wunschloses Unglück
gelesen von Bruno Ganz, aufgenommen im November 1977 in Hamburg, Regie Dorothee Koehler, CD erschienen 2004 bei Universal / Deutsche Grammophon (981 971-3)

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