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StartseiteKultur heuteFalsches Mitleidtheater02.09.2015

Schauspielhaus BochumFalsches Mitleidtheater

"Erleben Sie, wie es sich anfühlt, wenn sich die Türen schließen": Mit dieser Ankündigung warb das Theater Bochum für eine makabre Kunstaktion: In einem Lkw sollten die Besucher spüren können, wie es sich für Flüchtlinge anfühlt. Eine marktschreierische Ausschlachtung eines entsetzlichen Verbrechens mit dem zugleich maßlos gehässigen Gestus des Aufklärens, findet unser Kritiker.

Von Burkhard Müller-Ullrich

Das Schauspielhaus in Bochum (dpa / picture alliance / Horst Ossinger)
Das Schauspielhaus in Bochum (dpa / picture alliance / Horst Ossinger)

Wir leben in einer Hochphase der Gefühlspolitik. Die letzten Reste von Common Sense werden gerade auf dem Altar der guten Gesinnung geopfert - meist von Leuten, die keinerlei Konsequenzen von dem, was sie predigen, ertragen müssen. Sie bekommen sie nicht einmal mit, weil sie schon andernorts mit den nächsten Symbolhandlungen beschäftigt sind.

Zu den treibenden Kräften der Gefühlspolitik gehören vor allem die elektronischen Medien. Fernsehkameras zoomen nach Belieben in komplexe Situationen hinein, sodass jede aufgestellte These mit scheinbarer Evidenz versehen werden kann, zumindest für die Dauer des Augenblicks. Wir sehen Bilder von weinenden Kindern, wir hören das Wort Flüchtlinge, und schon entsteht aus unserem Berührtsein und Betretensein eine theatralische Mitleidenergie.

Die Inszenierung solchen Mitleidtheaters ist in den westlichen Gesellschaften zum Standardverfahren öffentlicher Kommunikation geworden, ganz besonders in Deutschland mit seiner traditionell irrationalen Erregungskultur. Hier ist es sogar möglich, dass ein an sich renommiertes Stadttheater, nämlich das Schauspielhaus Bochum, die einstige Wirkungsstätte von Peter Zadek, Claus Peymann, Leander Haußmann und Matthias Hartmann (um nur einige seiner Direktoren zu nennen) zu folgender Kunstaktion einlädt:

Ein Lastwagen vom selben Typ wie derjenige, in dem vor einer Woche die verwesenden Leichen von 71 Flüchtlingen lagen, wird auf dem Vorplatz des Schauspielhauses für das verehrte Publikum geöffnet. "Kommen Sie vorbei und machen Sie mit", heißt es in der Einladung, es werde "die Möglichkeit geben, den Lkw zu betreten und für einen kurzen Moment zu erleben, wie es sich anfühlt, wenn sich die Türen schließen."

Es fehlt bloß noch ein Probeliegen in Verbrennungsöfen

Das mit dem kurzen Moment ist nett gesagt, darauf kommt es in diesem Fall tatsächlich an. Die marktschreierische Ausschlachtung eines entsetzlichen Verbrechens geht hier mit dem lässigen und zugleich maßlos gehässigen Gestus des Aufklärens und Zeichen-Setzens einher. Der Fluggesellschaft Germanwings würde man es vermutlich verübeln, wenn sie in einem Anfall von makabrem Marketing darauf hinwiese, dass sie noch etliche A320-Maschinen besitze, in denen man der Aura des durch einen wahnsinnigen Piloten ausgelösten Absturzes nachspüren könne. Bloß bei Theaterleuten gehört diese atemberaubende Verbindung zwischen der Geilheit des Sensationellen und der Gutheit der Aktionisten zum Alltagsgeschäft. Die können sich ja auf Friedrich Schillers Formulierung "des Vergnügens an tragischen Gegenständen" berufen.

Nachdem unlängst ein Berliner "Zentrum für politische Schönheit" Leichen von Flüchtlingen auf Sizilien exhumieren und in die deutsche Hauptstadt kutschieren ließ, um sie im Rahmen eines Kunstspektakels nach der Devise "kommen Sie vorbei und machen Sie mit" vor allerlei Medienpublikum zu beerdigen, fragt man sich schon, ob der ungarische Laster vielleicht bloß Nachschub für die Berliner Politkünstler bringen sollte. Oder soll die Bochumer Fahrzeugausstellung bloß ein flankierender Werbegag zur weltgrößten Wohnwagen-Messe ‚Caravan' im nahegelegenen Düsseldorf sein? Keine Vermutung ist zynisch genug, um an die Amoralität solcher Kulturveranstaltungen auch nur entfernt heranzureichen.

Die Modebranche hat schon die Kleidung von KZ-Häftlingen adaptiert, und der Holocaust wurde als Wasserballett choreografiert. Es fehlt bloß noch Probeliegen in Verbrennungsöfen. Das Bochumer Theater sollte mal ein Zeichen setzen.

 

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