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StartseiteCorsoDokumentation "Bauer unser" startet23.03.2017

Scheitern am SystemDokumentation "Bauer unser" startet

Das Vertrauen in die Qualität unserer Nahrungsmittel wird immer wieder erschüttert. Aber was ist der Grund dafür? Robert Schabus sucht nach Antworten und findet sie bei den wichtigsten Akteuren der Nahrungsmittelindustrie, den Bauern, die mittlerweile selbst ihre Zweifel zum Ausdruck bringen.

Von Hartwig Tegeler

Schweine werden vom Transporter in einen Hof transportiert. (Allegro Film 2016)
Schweine werden vom Transporter in einen Hof transportiert. (Allegro Film 2016)
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Friedrich Grojer: "Der Zwang zu wachsen oder sich zu erweitern, erfasst jetzt halt die Letzten. Der Druck ist groß."

Der Milchbauer Friedrich Grojer - 130 Kühe. Martin Suette - 1300 Mastschweine.

Martin Suette: "Wir fahren zurzeit einfach mit einem Minus. Circa acht, neun Euro zahlen wir für ein Schwein dazu."

3250 Schweine produziert er im Jahr. Großproduktion. Industrielle Produktion von Nahrung. Spezialisierung. Expansion. Europa- und weltweit. Preisverfall.

Martin Suette: "Es sind in jeder Ortschaft nur ein, zwei Bauern. Gibt kein Dorfleben mehr. Und dann ist da noch ein Preisverfall. Und da sollst dann nicht frustriert sein."

Der Großbauer Martin Suette. 3250 Schweine produziert er im Jahr. (Allegro Film 2016)Der Großbauer Martin Suette. 3250 Schweine produziert er im Jahr. (Allegro Film 2016)

Das ist die Grundaussage, das ist der Schluss von "Bauer unser": Robert Schabus' Film entwirft das Bild einer systemischen Sackgasse. Das einer immer sichtbarer werdenden strukturellen Krise, die die Bauern im Film im Tenor beschreiben: So kann, so wird es nicht weitergehen. 

Kalte Produktionsrealität

"Bauer unser" zeigt keine Bauernhofidylle, wie wir sie uns noch erträumen mögen, sondern Industrie-Räume. Metallisch, kalt, laut, Produktionsrealität. Massentierhaltung. Fließbandarbeit. Vor allem aber ist "Bauer unser" ein Diskurs-Film. Widerstreitende Positionen: Konventionelle Bauern, Biobauern, Lobbyisten, Experten im Interview. Dazwischen Texttafeln. Zu lesen: Seit April 2015 ist das Milchquoten-Modell in der EU aufgehoben. Der Milchpreis ist im ersten Jahr danach um 25 Prozent gesunken.

Inzwischen fügen sich die kritischen Dokumentationen der letzten Jahre über unsere industrielle Agrar- bzw. Nahrungsmittelproduktion der letzten Jahre zu einem eigenen Genre zusammen. Von "We feed the world" über "Unser täglich Brot", von "Vollverzuckert" über "Tomorrow", von "Gabel statt Skalpell" bis jetzt zu "Bauer unser". Allesamt misstrauische Dokumentationen - sie trauen dem nicht mehr, was bei uns auf den Tisch kommt. Inzwischen interessieren viele Verbraucher die Folgen der Tatsache, dass der Markt auch in der Landwirtschaft angekommen ist. Mit Konsequenzen auch für das Leid der Landbevölkerung im globalen Süden, das mitverantwortlich ist für die Migrationsbewegungen Richtung Europa. Es geht um neoliberale Wirtschaftsmodelle. Josef Braunshofer, Leiter der größten Molkereigenossenschaft in Österreich:

"So sind Märkte. Preise bilden sich immer nach Angebot und Nachfrage. Das klingt so neoliberal. Ja, aber wir leben in so einer Umwelt. Neoliberalismus ist manchmal auch sehr brutal, das weiß ich auch."

Kontrapunkt zur industriellen Einöde

Dem widerspricht der ehemalige EU-Parlamentarier Benedikt Haerlin, der jetzt für eine neue europäische Agraropposition kämpft: 

"Diese neoliberale Ideologie eines Weltmarktes für Lebensmittel, das ist einfach Unfug. Und das ist deswegen einfach Unfug, weil es eben nicht einfach nur um das Produkt geht, sondern immer auch um die ökologischen Zusammenhänge, aus denen diese Produkte entstehen. Und wenn ich das ignoriere und einfach zu einem zu vernachlässigenden und global zu managenden  Betriebsmitteleinsatz mache, ruiniere ich bei der Gelegenheit einfach zu viel."

Zur industriellen Einöde und Kälte, die Robert Schabus aufzeichnet, bilden die Biobauern auf ihren kleinen Höfen, also ihren kleinen Produktionseinheiten, den Kontrapunkt. In Bauer unser in Gestalt von Maria Vogt, Biobäuerin:

"Also, wir haben bei uns am Hof nie einen Kredit aufgenommen. Weil wir das Gefühl hatten, da sind wir dermaßen fixiert und abhängig und haben die ganze Freiheit über Bord geworfen. Und arbeiten für die Bank in Wirklichkeit."

Bauern scheitern am System

Filmplakat zu "Bauer unser". (Allegro Film 2016)Filmplakat zu "Bauer unser". (Allegro Film 2016)Robert Schabus' Film Bauer unser ist eine Ergänzung im Genre der kritischen Nahrungsmitteldokumentation. Im Fokus steht hier nicht Gesundheit oder Tierleid, sondern - wie gesagt, ergänzend für das Gesamtbild - das ökonomische System, das an seine Grenzen gerät. Der Bauer scheitert wirtschaftlich nicht aufgrund persönlicher Inkompetenz, sondern an einem System. Das ist die These von Robert Schabus' Film.

Wenn also vom Verlust von Artenvielfalt und Arbeitsplätzen, von der Zerstörung sozialer Netze im ländlichen Raum geredet wird, so kann man nach der Dokumentation Bauer unser verstehen, was die Ursachen sind dafür. 

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