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StartseiteBüchermarktScheitern an der Politik05.09.2013

Scheitern an der Politik

Eduardo Mendoza: "Der Friseur und die Kanzlerin". Nagel & Kimche

Seit 1989 sein großer Barcelona-Roman "Die Stadt der Wunder" auf Deutsch erschien, ist Eduardo Mendoza auch hierzulande eine feste Größe. Er zählt zu den katalanischen Autoren, die trotz der besonderen Förderung der katalanischen Sprache seitens der Regionalregierung auch weiterhin auf Spanisch veröffentlichen. Von Mendoza liegt inzwischen ein rundes Dutzend Romane in deutscher Übersetzung vor. Und meist überzeugten sie die Literaturkritik.

Von Eva Karnofsky

Ein Friseur steht im Zentrum von Mendozas Roman. (AP)
Ein Friseur steht im Zentrum von Mendozas Roman. (AP)

"Mauricios Wahl" allerdings, 2007 auf Deutsch vorgelegt und ein Ausflug des mit historischen Sujets reüssierenden Autors in die aktuelle Politik, war ein weniger ansprechendes Buch. Mendoza erzählt darin, wie der Wahlkampf einen Menschen verändert. Sein neuer Roman befasst sich wieder mit der aktuellen Politik, mit dem Einfluss der derzeitigen Wirtschaftskrise auf sein Land.

Der Originaltitel des neuen Romans von Eduardo Mendoza klingt, wörtlich übersetzt, einigermaßen holprig: "Das Durcheinander an der Börse und das Leben". Für den deutschen Markt hat man mit "Der Friseur und die Kanzlerin" einen gefälligeren Titel gefunden, der im Übrigen auch besser zum Inhalt passt. Der Klappentext verspricht eine Kriminalsatire, in der ein durch die Wirtschaftskrise gebeutelter spanischer Friseur ein Attentat auf Bundeskanzlerin Angela Merkel vereitelt. Zumindest für deutsche Leser klingt dies durchaus interessant. Doch nichts ist wirklich stimmig an diesem Roman. Eduardo Mendozas Grundirrtum liegt darin, zu glauben, dass durch Überzeichnung auf allen Ebenen automatisch eine gute Satire entsteht: Sein Buch wirkt albern durch ein Zuviel vermeintlich komischer Elemente.

Dies zeigt sich bereits bei den Namen der Romanfiguren. Charaktere kann man sie nicht nennen, da Mendoza diese nicht herausarbeitet. Zum Kreis dieser Figuren, die den Friseur und Icherzähler mit dem Spitznamen "das giftige Fürzchen" umgeben, gehört das Mädchen Quesito, zu Deutsch kleiner Käse, der indische Guru Shvimimshaumbad und der kleine Ganove Romulus der Schöne, um nur einige zu nennen. Der Terrorist des Romans wurde Alí Aarón Pilila getauft. Der Nachname Pilila ist eine Vulgärform für Penis. Einer Kneipe gibt Mendoza im Übrigen den Namen "Bierstube Dr. Schwuchtel", eine andere heißt "Hund zu verkaufen". Der Übersetzer hat einige Namen ins Deutsche übertragen, andere wieder nicht, wobei nicht zu erkennen ist, welcher Regel er dabei gefolgt ist.

Und nun zur Sprache. Sie kommt überzogen förmlich und gestelzt daher. Etwa, wenn Romulus der Schöne - der Friseur lernte ihn in einer Irrenanstalt kennen - dem Leser vorgestellt wird:

Die Schließung der Anstalt hatte Romulus den Schönen in eine so missliche Lage versetzt wie die anderen Insassen auch, eingeschlossen den Protokollanten dieser ursprünglich mündlichen Erzählung. Dank seinen Geistesgaben, dem Zufall und der Fürsorge anderer fand er trotz seiner Vorstrafen bald eine nicht nur ehrliche, sondern auch ehrenwerte Arbeit als Pförtner eines herrschaftlichen Hauses im nicht weniger herrschaftlichen Bonanova-Viertel. Dort veredelte der tägliche Umgang mit wohlerzogenen Menschen seine Manieren.

Mendozas Ziel dürfte es gewesen sein, die übertrieben formale Sprache zu karikieren, die im spanischsprachigen Raum oft anzutreffen ist, wenn einfache Menschen sich gewählt ausdrücken möchten. Nur: Wirklich lustig ist das nicht.

Die Ereignisse nehmen damit ihren Anfang, dass Romulus der Schöne verschwindet. Womöglich, so vermutet unser Friseur, ist er einem Verbrechen zum Opfer gefallen.

Und so aktiviert er einige Straßenkünstler, mit denen er befreundet ist, Romulus den Schönen zu suchen. Bei den Nachforschungen stoßen sie zufällig darauf, dass der Terrorist Alí Aarón Pilila ein Attentat plant, in dessen Vorbereitungen auch Romulus der Schöne verwickelt zu sein scheint:

Nun wissen wir auch, welches die Pläne unseres Terroristen sind: Angela Merkel umzubringen, die keine schlichte Touristin ist, sondern die deutsche Bundeskanzlerin. Würde das Attentat in Barcelona begangen, so würde der teuflische Plan die europäische Wirtschaft in ein Chaos verwandeln und nebenbei Schimpf und Schande über unsere Stadt und ihre Behörden bringen.

Doch die Polizei rufen will unser Friseur nicht, denn:

Wer würde schon die unbegründeten Verdächtigungen eines Bonsaiswami, eines kurz vor dem Ruin stehenden Friseurs und einer Handvoll Straßenkünstler ernst nehmen?

Der wahre Grund dafür, die Polizei nicht einzuschalten, dürfte sein, dass Mendoza seinen Roman nicht an dieser Stelle beenden will. Er will vielmehr noch die Schwester unseres Friseurs, eine ehemalige Prostituierte, in die Rolle der deutschen Kanzlerin schlüpfen lassen. Die Schwester hält als vermeintliche Kanzlerin sogar eine Rede vor den Bürgern Barcelonas und wird angeschossen. Währenddessen verwechselt Angela Merkel unseren Friseur mit ihrem früheren Liebhaber Manolo:

"Ach!", rief Angela, als wir allein waren und uns an einen Tisch gesetzt hatten und nachdem sie einen tiefen Seufzer ausgestoßen hatte, und fuhr in gebrochenem Spanisch fort: "Du großer Spinner, Manolito. Ich dir schon gesagt, dass Beziehung zwischen uns nicht möglich. Aber du stur wie ein Esel, Manolito".

Offensichtlich wollte Mendoza mit der Kanzlerin abrechnen. Viele Spanier machen Merkel für ihre persönliche Misere verantwortlich, weil sie die spanische Regierung zum Sparen gezwungen hat. Doch man hätte sich eine intelligentere literarische Form und einen weniger langweiligen Plot dafür gewünscht.

Mendoza geht ausführlich auf die schwierige ökonomische Lage der Menschen ein. So verdingen sich sämtliche Freunde des Friseurs als Straßenmusikanten oder lebende Statuen, weil sie keine andere Arbeit finden. Und unser Friseur, den die Schulden für seinen Laden auffressen, hat - auch dies ist wieder eine der vielen Übertreibungen - keine einzige Kundin mehr:

Die Krise hatte in der tüchtigen sozialen Schicht gewütet, auf die mein Geschäft ausgerichtet war, nämlich die der armen Teufel, und zum Gipfel allen Unglücks gaben die wenigen Frauen, die noch nicht kahl waren, und über Geld verfügten, dieses in einem vor Kurzem gegenüber dem Salon eröffneten chinesischen Warenhaus aus, wo Glasperlen, Trödel und anderer Firlefanz zu Schleuderpreisen verkauft wurden.

Das Ende vom Lied: Der Friseur muss nicht nur seinen Laden an den chinesischen Warenhausbesitzer verkaufen, der darin einen Schnellimbiss eröffnet, sondern er muss sich auch noch in diesem Restaurant als Tellerwäscher verdingen. Die Chinesen sind natürlich übertrieben höflich und die Deutschen essen - Sauerkraut.

Eduardo Mendozas Roman "Der Friseur und die Kanzlerin" ist nichts weiter als eine Aneinanderreihung von Klischees und Klamauk. Der europäischen Wirtschaftskrise, und speziell der Notsituation vieler Menschen in Spanien, Portugal und Griechenland, hätte man eine angemessenere literarische Bearbeitung gewünscht. Wieder einmal ist der Autor an einem aktuellen politischen Sujet gescheitert.

Eduardo Mendoza: "Der Friseur und die Kanzlerin". Aus dem Spanischen von Peter Schwaar. Nagel & Kimche, München 2013, 281 Seiten, Euro 18,90.

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