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StartseiteCampus & Karriere"Scheitern gehört dazu"27.07.2010

"Scheitern gehört dazu"

Serie "Studienabbruch in Deutschland" - Teil 2: Ursachen der persönlichen Krise

Wer hat schuld? Studienabbruch hat zwei Seiten: Zum einen gibt es die persönlichen Gründe des Studierenden, zum anderen spricht die hohe Zahl der Abbrecher auch für starken Leistungsdruck und schlechte Studienbedingungen ...

Von Jens Rosbach

Ratlos? Hans-Werner Rückert empfiehlt: Nicht den Kopf hängen lassen, sondern eine Beratungsstelle aufsuchen. (Stock.XCHNG / Andy Stafiniak)
Ratlos? Hans-Werner Rückert empfiehlt: Nicht den Kopf hängen lassen, sondern eine Beratungsstelle aufsuchen. (Stock.XCHNG / Andy Stafiniak)

Zu Besuch bei Hans-Werner Rückert. Rückert ist ein sympathischer 60-Jähriger mit grauem Haar - und psychologischer Studienberater an der Freien Universität Berlin.

In den schwarzen, weichen Sesseln des Therapeuten sitzen immer wieder Studierende, die ihre Ausbildung abbrechen wollen. Studierende in einer Krise. Rückert sagt:

"Wer niedergeschlagen ist, hat das sogenannte depressive Omega. Die Schultern hängen, die Augenbrauen hängen, der Mundwinkel hängt. Man schämt sich eben auch häufig. Weil in dieser leistungsorientierten Gesellschaft eine Leistung nicht zu erbringen, nichts ist, worauf man sich freuen oder stolz sein kann."

Jeder dritte Abbrecher sucht hier Rat, weil er oder sie Leistungsprobleme hat. Die Betroffenen sind durch Prüfungen gerauscht oder fühlen sich einfach überfordert. Psychotherapeut Rückert, zugleich Chef der FU-Studienberatung, weiß: Häufig liegt es nicht am IQ des Studierenden, sondern am Leistungsdruck. So haben an den Universitäten die anspruchsvollen Fächer Physik und Chemie besonders hohe Abbrecherquoten; an den Fachhochschulen die Elektrotechnik und der Maschinenbau.

"Diese Leistungsanforderungen, gerade in den ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen, werden offensichtlich auch nicht gesenkt, obwohl wir uns permanent Kampagnen leisten, wo wir mehr Leute versuchen zu ermutigen, solche Fächer zu studieren, weil wir dort einen großen Fachkräftemangel haben. Aber es ist ein bisschen paradox: Dieselben Professoren, die in die Schulen gehen und die Leute auffordern, in diese Studiengänge zu kommen, sind es dann, die im ersten Semester sagen: Also nach dem Ende dieses Semesters wird der Hörsaal hier nur noch halb voll sein! Und das dann auch umsetzen."


"Bildungsstreik! Bildungsstreik! Bildungsstreik!"
Studien-Stress und Leistungsdruck. Die bundesweiten Schüler- und Studierendenproteste im vergangenen Jahr haben ein Hauptproblem öffentlich gemacht: die neuen Bachelor-Studiengänge.

"Es finden an den Universitäten immer mehr Prüfungen statt, wöchentliche Tests, überfüllte Hörsäle, zu wenig Seminarplätze. Es ist einfach unmöglich, in einer Regelstudienzeit zu studieren."

Eine Studie des Hochschul-Informations-Systems in Hannover belegt: Mit Zunahme der B.A.-Fächer ist auch die Gesamt-Abbrecherquote gestiegen: von 21 Prozent auf 24 Prozent aller Erststudierenden. Die Bildungsforscher hoffen auf eine Reform der Bologna-Reform. Aber nicht nur Leistungsdruck führt zum ungeplanten Studienende.

Zweithäufigste Ursache sind finanzielle Probleme. Viele Studierende etwa jobben so viel nebenher, dass sie keine Zeit mehr für ihre Seminare haben.

Drittwichtigster Grund: Motivationsschwächen. Zahlreiche Abbrecher haben sich unter ihrem Fach häufig etwas anderes vorgestellt. So sind Psychologie- und BWL-Studenten oft frustriert, dass sie viel Statistik lernen müssen.

In den Beratungsstellen weiß man: Der Studienabbruch hat in der Regel mehrere Gründe. Sascha Watermann vom ReferentInnenrat der Berliner Humboldt-Universität erklärt, dass auch immer das Privatleben der Betroffenen eine Rolle spielt:

"Am häufigsten ist es dann so, dass Studierende Eltern geworden sind. Betrifft in der Regel sehr viel stärker die Mütter. Die dann eben in Organisationsprobleme kommen und auf einmal aus einer Doppelbelastung – Geld verdienen müssen und studieren – in eine Dreifachbelastung geraten: Geld verdienen, studieren und schwerpunktmäßig für das Kind verantwortlich sein. Und man reduziert."

Und zwar das Studium - bis man es aufgibt.

"Wie machen wir den Leuten Mut?"
Psychotherapeut Hans-Werner Rückert empfiehlt: Nichts überstürzen, lieber ein Urlaubssemester nehmen. Eine Beratungsstelle aufsuchen – und nicht den Kopf hängen lassen.

"Scheitern gehört einfach dazu, nächstes Mal kann man vielleicht besser scheitern, intelligenter scheitern. Man kann sich also möglicherweise damit auseinandersetzen, dass man vielleicht auch eine Fehlentscheidung getroffen hat. Und dass man das Recht hat, die zu revidieren."

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Weitere Informationsangebote:
Bundesagentur für Arbeit: Hilfe für Studienabbrecher
Deutscher Bildungsserver: Studienabbruch

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