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StartseiteBüchermarktSchicksal und Genetik08.02.2010

Schicksal und Genetik

Richard Powers: "Das größere Glück". S. Fischer Verlag

Richard Powers träumte als Kind davon, einmal Wissenschaftler zu werden. Und so handelt sein neuer Roman auch von einer glücklichen Frau, deren vermeintliche Glücksgene das Interesse eines Genetikunternehmers wecken.

Von Johannes Kaiser

Wer so glücklich ist, muss dazu genetisch besonders gepolt sein. (Stock.XCHNG / joana franca)
Wer so glücklich ist, muss dazu genetisch besonders gepolt sein. (Stock.XCHNG / joana franca)

"Für mich stellt sich die Frage, wie ein Schriftsteller heute Literatur und Naturwissenschaft nicht miteinander vermischen kann. Wenn wir die Aufgabe von Literatur darin sehen, ein getreues, detailliertes Bild dessen wiederzugeben, was es heißt, ein Mensch zu sein und wo wir in der Geschichte hingehören, dann ist es meiner Meinung nach unvermeidbar, all die profunden Veränderungen durch Wissenschaft und Technik aufzuführen, die uns so gemacht haben, wie wir leben und wie wir uns selbst sehen. Alles, worauf unserer Meinung nach ein Individuum ein Anrecht hat oder wozu es fähig ist, alle Geschichten, die wir über uns selbst erzählen, woher wir stammen, wer wir sind, wie wir uns identifizieren, was individuelles Schicksal ist, welche Möglichkeiten wir haben, das Schicksal zu beeinflussen - alle diese Fragen haben sich beständig und ununterbrochen durch Technologie verändert."

Der amerikanische Schriftsteller Richard Powers hat sich, fasziniert von den Entdeckungen der Natur- und Technikwissenschaften, in seinen Romanen immer wieder mit ihren Auswirkungen auf unser Leben auseinandergesetzt. So auch diesmal in "Das größere Glück". Die Geschichte spielt irgendwann dieser Tage, das heißt, man müsste eher sagen, die Geschichten, denn der Schriftsteller breitet fünf Lebensläufe vor uns aus, die sich berühren, überschneiden, gegenseitig beeinflussen, obwohl sie anfangs parallel nebeneinander her verlaufen.

Zu Buchbeginn scheint sich der Schöpfer des Romans noch nicht so recht schlüssig, wie seine erste Hauptfigur aussehen soll. Er tastet sich an sie heran, bis er schließlich ein Bild von ihr gewonnen hat, das ihm zutreffend scheint. Ein irritierender, ein verspielter Romananfang, ein Verfremdungseffekt, der eine Identifikation des Lesers mit dem Porträtierten verhindert, ihn zur Distanz zwingt, zum Beobachter macht.

Die erste Figur, die wir so kennenlernen, ist Russell Stone, der sich mit dem Redigieren banaler Selbsthilfebücher seinen Lebensunterhalt verdient und jetzt einen Abendkurs in Literatur an einer Kunsthochschule in Chicago gibt.

"Er ist ein Mann, der in jungen Jahren mit Reportagen sehr viel Erfolg hatte, aber das Schreiben entsetzt aufgab, als einige seiner früher veröffentlichten Geschichten gewissermaßen zum Leben erwachten und für echte Menschen zerstörerische Folgen zeitigten. Russell Stone war schockiert, als er entdeckte, dass sein ästhetisches Streben, sein künstlerisches Spiel mit Wörtern tatsächlich Konsequenzen in der wirklichen Welt hatte. Denen wollte er sich nicht stellen. Also setzte er mit dem Schreiben lange Zeit aus, bis er jetzt eine zweite Chance bekommt. Er treibt sich selbst an, indem er einer Klasse von Kunststudenten beibringt, dass es eine Welt von Wörtern gibt, die magische Ergebnisse erzielen kann. Das Lehrbuch, das er für die Abendschule ausgewählt hat, hat den Titel 'Wie Ihr Schreiben zum Leben erwacht'."

Das Lehrbuch ist zwar eine Erfindung Richard Powers, verkörpert aber die Überzeugung des Romanciers, dass Wörter und Geschichten Macht besitzen. Gerade im Zeitalter des Internets mit seinen Blogs, Chatrooms und Privatvideos können Wörter enorme Wirkung entfalten, wie der Autor am Schicksal seiner zweiten Hauptfigur vorführt. Die aus Algerien stammende Thassadit Amzwar, Studentin in Russell Stones Literaturkurs, hat ein beneidenswertes Temperament. Sie ist rundherum glücklich, obwohl sie im Bürgerkriegszerrütteten Algerien aufgewachsen Entsetzliches miterlebt hat. Ihr Vater wurde ermordet, ihre Familie vernichtet, sie selbst hat fliegen müssen.

"Anstatt alle Anzeichen eines posttraumatischen Stresssyndroms und traumatisierte Depressionen zu zeigen, ist sie stets fröhlich gestimmt. Ihr Naturell zeigt ein unverwüstliches, ungebrochenes Wohlbefinden, Euphorie, Glück. Für einen Großteil des Buches ist sie einfach so: eine Frau, die unerklärlicherweise viel glücklicher ist, als sie es eigentlich sein sollte. Sie wird damit zu einer Art Symbol oder zu einer Projektionsfläche für alle anderen Figuren im Buch."

Wer so glücklich ist, kann nicht normal sein. Das ist die Reaktion der einen. Wer so glücklich ist, muss dazu genetisch besonders gepolt sein, das ist die Reaktion der anderen. Nachdem die Medien die glückliche junge Frau entdeckt haben, bricht ein ganzer Ansturm von Anfragen über ihr zusammen. Im Internet startet eine riesige Diskussion, die immer absurdere Formen einer Massenhysterie einnimmt. Thassadit muss untertauchen, sich verstecken. Ihr Fall weckt zudem die Begehrlichkeiten der Gentechnikbranche. Und hier kommt eine weitere Hauptfigur des Romans ins Spiel: der ehrgeizige, sehr erfolgreiche Genetiker Thomas Kurton, der sich seine genetischen Entdeckungen menschlicher Gene patentieren lässt und damit viel Geld verdient. Er ist überzeugt davon, dass deren Entschlüsselung uns fortan erlauben wird, unser Leben nach unseren Wünschen zu formen:

"Er ist sich sicher, dass wir uns dem Moment nähern, in dem nicht mehr der Zufall regiert, sondern es eine Wahlmöglichkeit gibt. Egal ob er recht hat oder nicht, ich denke, es gehört zu der Frage dazu, die hinter dem Roman steckt, was es bedeuten würde, wenn es uns gelänge, das zu verwirklichen und was für bislang nicht gesehene Möglichkeiten sich uns in dieser neuen Welt öffnen würden. Mir hat es Spaß gemacht, Thomas Kurton als Figur zu schaffen, diesen Typus des Posthumanisten, des ganz optimistischen, technokratischen Wissenschaftlers, der glaubt, dass wir an der Schwelle zu etwas ganz Anderem stehen. Diese neuen Technologien haben verschiedene Wahlmöglichkeiten eröffnet, die die Aussichten des persönlichen Schicksals verändern. Sie haben die Art und Weise geändert, wie wir über genetische Eingriffe, Behandlungen und sogar Verbesserungen nachdenken."

Der Gentechnikunternehmer Thomas Kurton unternimmt eine ganze Menge, um sich die Rechte an Thassadits vermeintlichen oder tatsächlichen Glücksgenen zu sichern. In seine Welt, in die Möglichkeiten der Gentechnik führt uns eine junge, ziemlich intelligente Fernsehjournalistin. Sie moderiert Wissenschaftssendungen, wie sie im Privatfernsehen üblich sind: Edutainment nennt man dies in den USA und darunter ist eine Art von Wissenschaftsvermittlung zu verstehen, die weniger aufklären als vielmehr unterhalten will. Richard Powers Beschreibungen der Sendungen sind eindeutig Satire. Und wie alle gute Satire der Wirklichkeit entlehnt.

Auch wenn manches im Roman wie Zukunftsmusik erscheint, so erweisen sich Powers Fantasien doch als durchaus realistisch. Immerhin ist er ein gewissenhafter Rechercheur, der monatelang in Bibliotheken verbringt, bevor er mit dem Schreiben beginnt. Seine Geschichten haben also Hand und Fuß. Sie denken nur zu Ende, was bereits begonnen hat. So ist inzwischen wohl Alltagserfahrung, dass das Internet die Privatsphäre in ein öffentliches Gut, jedermann zugänglich, verwandelt hat. Dass diese Art unmittelbarer weltweiter Kommunikationsnetze einem Menschen das Leben zur Hölle machen kann, ist leicht vorstellbar. Und was das Glücksgen angeht: Derzeit behaupten Wissenschaftler, ein Gen für Depressionen gefunden zu haben. Da sollte es bis zur Entdeckung eines Glücksgens nicht mehr weit sein. Der wissenschaftliche Hintergrund, von Richard Powers gut verständlich aufgearbeitet, dient ihm allerdings nur dazu, grundsätzliche Fragen aufzuwerfen:

"Es geht mir nicht so sehr darum, neue Erkenntnisse darüber zu verbreiten, was uns die Wissenschaft der Genomik berichtet, sondern einen Blick darauf zu werfen, was wir als normal gebildetes Laienpublikum von der Genomik halten. Das Buch handelt also mehr von Gesellschaft als von Genetik. Es geht um öffentliche Überzeugungen, darum, wie sich Wissen oder fehlerhafte Informationen rasch in der Gesellschaft ausbreiten. Es handelt von Gruppenfantasien im Konsumzeitalter. Werden wir dasselbe Schicksal erleiden, wie es uns in der Vergangenheit bestimmt war, oder können wir, statt dem Zufall ausgeliefert zu sein, zukünftig wählen und unser Naturell und unsere Eigenschaften bestimmen? In dem Sinne geht es also auch um einen ganz alten Mythos, der alte Märchen wachruft und klassische Allegorien über Schicksal, Vorsehung und individuelles Naturell."

Unser Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen ist tatsächlich ein alter Menschheitstraum und -albtraum. Richard Powers erweckt ihn erneut zum Leben. Er lässt in seinem Roman allerdings offen, inwieweit es der Wissenschaft heute tatsächlich gelingen kann, ihn zu verwirklichen. Noch immer, und davon erzählt der Roman vor allem, geht es um Liebe und Verluste, Selbstüberwindung und Selbstfindung, um die Beziehungen der Menschen zueinander. Und das spielt die Sprache eine große Rolle, also die Macht des Wortes – übrigens von Henning Ahrens fantastisch und erfindungsreich ins Deutsche übertragen. Und diese Macht ist ungebrochen. Das Wort kann immer noch Berge versetzen. Zumindest in Richard Powers Roman.

Der amerikanische Schriftsteller Richard Powers über "Das größere Glück", Übers. Henning Ahrens, S. Fischer Verlag Frankfurt a. M. 2009, 415 Seiten, 22,95 Euro

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