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StartseiteBüchermarktSchiefe Bahnen07.07.2004

Schiefe Bahnen

Angelika Klüssendorf: "Aus allen Himmeln"

Wenn es aus allen Wolken regnet, dann ergießen sich Wassermassen auf die Erde, hingegen wird, wer aus allen Wolken fällt, nicht unbedingt nass, sondern ist nur verwundert darüber, was ihm an Unglaublichem widerfährt. Überrascht sind die Kinder in den zehn Geschichten, die Angelika Klüssendorf in ihrem neuen Erzählungsband vereint hat, selten. Die schiefen Bahnen, die sich als ihre Wege ins Leben erweisen, begreifen sie nicht als Ausnahme, sondern als Normalität. Im Falschen lernen sie sich mit dem Leben zu arrangieren, ohne genau zu wissen, wie es richtig sein könnte.

Von Michael Opitz

Angelika Klüssendorf: "Aus allen Himmeln", Coverausschnitt (S. Fischer Verlag)
Angelika Klüssendorf: "Aus allen Himmeln", Coverausschnitt (S. Fischer Verlag)

Aus allen Himmeln hat Angelika Klüssendorf ihr neues Buch genannt. Darin ist der eine Himmel, in den ihre kindlichen Protagonistinnen schauen, mit Wolken verhangen. Selten sehen sie ihn strahlend blau. Als Hoffnungs- und Sehnsuchtsmoment kommt das Blau nur als Hintergrund auf einem Bild vor – im Vordergrund ist in der Erzählung "Dich kriegen wir auch noch" das Konterfei des Staatsratsvorsitzenden der DDR zu sehen. Sein "unheilbares" Lächeln, wie es im Text heißt, beherrscht das Bild und verstellt zugleich den Blick in eine versprochene Zukunft. Für die zentrale Figur in "Dich kriegen wir auch noch" wird dieser Himmel haltlos.

Also man kann erst einmal aus allen Himmeln stürzen, das habe ich mir zuallererst vorgestellt, dass man stürzt. Dann hab’ ich mir vorgestellt, dass es jede Menge Himmel gibt, es gibt den Himmel 34, es gibt den Himmel, wo der liebe Gott sitzt, ich hab mir den Himmel in ganz, ganz vielen Bereichen vorgestellt, aus dem man stürzen kann, in dem man bleiben kann, in dem es Geschichten gibt, so ungefähr. Die haben auf jeden Fall nicht nur einen Himmel, sondern ganz viele Himmel. Bis sie ihr Leben aufgeben, stürzen sie und dann sind sie im nächsten Himmel und dann stürzen sie wieder. [….] Manchmal ist der Himmel so nah, dass man gar nicht stürzt, sondern man macht nur einen Schritt und dann ist man schon im nächsten Himmel.

Die Ausreißerin aus "Dich kriegen wir auch noch" kennt das Gefühl, wenn der Himmel verschlossen ist, wenn er seine Funktion verloren hat und als Versprechen nicht mehr taugt. Mit sechs Jahren reißt das Mädchen das erste Mal aus. Für sie erweist sich Flucht als eine Möglichkeit, sich den Zwängen zu entziehen, die nicht nur im Elternhaus herrschen. Aber sie macht die Erfahrung, dass es bei diesen Fluchten kein Ankommen gibt, sondern immer nur ein Fallen. In den vielen Welten der Erwachsenen wird mit vielen Himmeln gearbeitet, die allerdings aufgekündigt und eingerollt werden können, und das willkürlich. Aus welchen Gründen ein Himmel geschlossen wird oder sich nie richtig öffnet, erfahren die Protagonistinnen in den Erzählungen nicht. Dass es so ist, wird ihnen zur bestimmenden Lebenserfahrung, die sie im Stürzen machen.

Ich glaube, das man sich in fast jede Lebenssituation einlebt, dass man die als gegeben hinnimmt, und gar keine Vergleiche mehr zieht, weil man nur dieses Leben hat. Aber die Kehrseite dieser Strafe ist ja, dass man auch rausgehen kann und die Freiheit hat. Man lebt ein anderes Leben als andere Kinder wahrscheinlich, die Geborgenheit haben, die sich einrichten und man sucht natürlich auch seine Geborgenheiten, die man natürlich braucht, um zu überleben, woanders. Und die sucht man draußen. Man ist viel eher selbständig, man stellt sich viel eher andere Fragen.

In den Erzählungen, die in den letzten zwei Jahren entstanden sind, wird Kindheit nicht als glückliche Zeit, sondern als Katastrophe erlebt. Die Kinder sind überfordert, sie werden mit Situationen konfrontiert, in denen sie Beschädigungen erfahren und sie müssen sich in einer Welt zurechtfinden, die von Erwachsenen verwaltet wird, die die Orientierung verloren haben. Während Angelika Klüssendorf subtil die psychischen Befindlichkeiten ihrer Protagonistinnen aufzeigt, bleibt offen, warum sich die Eltern in den Erzählungen dem Alkohol hingeben, Selbstmord begehen, sie am Leben scheitern und ihre Kinder mit Härten konfrontieren, durch die sie ohne Netz ins Leben fallen gelassen werden. Sie erfahren das Leben als Strafe.

Also erst Mal muss ich sagen, dass ich das nicht so gesehen habe, dass das Kindheit als Strafe ist, sondern dass das eine Kindheit ist, die neben anderen Kindheiten auch steht, vielleicht eine düsterere, eine schwerere Kindheit, aber durchaus eine, die abenteuerlich ist, die später aus diesem Kind, einen Menschen gemacht hat, der stark geworden ist, fröhlich geworden ist, also die Enden sind ja immer offen. Also Strafe, dem kann ich nicht zustimmen.

Es hat den Anschein, als hätte Angelika Klüssendorf eine Kindheit, um sie erzählen zu können, in verschiedenen Segmente unterteilt und aus dem einen großen Kindheitsstoff, zehn Erzählungen gemacht, in denen ein und dasselbe Mädchen die zentrale Figur der Geschichten ist, deren Biographie die Autorin verfolgt, und die aus verschiedenen Perspektiven gespiegelt wird.

Und die vielen Einzelgeschichten, da gebe ich ihnen Recht - im Grunde genommen handelt es sich um eine Kindheit, die aus mehreren Erzählungen besteht. Und ich glaube, es war mir nicht möglich, die ganzen Geschichten in einem Roman unterzubringen, weil ich dafür den Atem nicht hatte.

Die Kindheit, von der Angelika Klüssendorf erzählt, ähnelt dem Leistenbruch, von dem in der Erzählung "Gespenster" die Rede ist. Die ältere der beiden Schwestern muss der jüngeren immer wieder den sich aus der Leiste hervorwölbenden Bruch zurückdrücken. Wie unglückliche Kindheit wölbt sich gelegentlich etwas aus dem Leib, als Kugel ragt sie hervor und deutet an, dass es da etwas gibt, was nicht in Ordnung ist. Erwachsen geworden hat man die Möglichkeit, mit der Kindheit auf verschiedene Weise umzugehen, sie lässt sich zurückdrücken und vergessen. Aber das Vergessen ist gestundet, denn sie wölbt sich immer wieder vor und gibt keine Ruhe, bis man sich ihr stellt. Angelika Klüssendorf hat das in ihrem Buch getan. Die reale Welt, die sie dabei zitiert, verweist auf den Osten und provoziert Fragen, gerade weil sie sich nicht auf die Suche nach Gründen für das Misslingen von Familienstrukturen macht. Ihr Buch über eine verunglückte Kindheit handelt von Vertreibung und der Sehnsucht nach einem wirklichen, nicht kalten Blau.

Ich glaube, die Abstände […] werden immer größer. […] Der Schreck ist auch verschwunden. Also man drückt die Kugel ganz anders zurück im Laufe der Jahre. Man wird sie nie los, man wird ja auch seine Kindheit nicht los. Man hat ja als Kind die Wahl nicht, die man später hat. Und man setzt sich später dann sozusagen aus diesem Nichtentrinnen zusammen, um entrinnen zu können.

Angelika Klüssendorf
Aus allen Himmeln
S. Fischer Verlag, 142 S., EUR 14,90

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