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StartseiteBüchermarktSchiffsreisen um die ganze Welt31.07.2011

Schiffsreisen um die ganze Welt

Cees Nooteboom: "Schiffstagebuch. Ein Buch von fernen Reisen", Suhrkamp Verlag

Cees Nooteboom verbindet in seinem Werk Geografie, Geschichte und Politik, Abenteuer und Tagebuch, Landschaftsmalerei und Literaturgeschichte miteinander. Genau darin zeigt sich eine Meisterschaft, die ihn zur unbestrittenen Nummer eins der europäischen Reiseliteratur macht.

Von Hajo Steinert

Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom wird am 31. Juli 78 Jahre alt (AFP)
Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom wird am 31. Juli 78 Jahre alt (AFP)
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"Ein Mann von äußerster Konsequenz"

Ein Buch für die Ferien stelle ich heute vor. Ein Reisebuch des niederländischen Schriftstellers Cees Nooteboom. Für viele der Reiseschriftsteller schlechthin. Kaum ein Landstrich, den der 1933 in Den Haag geborene, seit 1955 publizierende Cees Nooteboom nicht bereist und beschrieben, kaum eine Gegend der Welt, über die er nicht berichtet hätte. Heute, am 31. Juli, wird er 78 Jahre alt.

Ein prägendes Erlebnis seiner Kindheit war der Tod seines Vaters durch einen Bombenangriff im Jahre 1945. Cees Nootebooms Mutter heiratete erneut, auf Betreiben seines streng katholischen Vaters besuchte der Junge daraufhin von Franziskanern und Augustinern geleitete Klosterschulen. Die Erfahrung der räumlichen Enge war es, die dazu beitrug, dass sich Cees Nooteboom in seinen Tagträumen in ferne, abenteuerliche Welten begab.

Mit zwanzig war es dann so weit. 1953. Nach seiner Ausbildung in einer Bank begann er durch Europa zu trampen, also lange bevor diese Art des Reisens, in den späten Sechzigern des 20. Jahrhunderts, zur beliebtesten, Spontaneität ermöglichenden und billigsten Form des Reisens wurde. Jede Tramptour eine neues Abenteuer. "On the road" hieß die Devise.

Diese Tramptouren inspirierten Cees Nooteboom zu seinem ersten Roman, der in deutscher Übersetzung 1958 unter dem sehnsuchtsvollen Titel "Das Paradies ist nebenan" herauskam und in neuer Übersetzung von Helga von Beuningen 2003 unter dem Titel "Philip und die anderen" ein breites Publikum erreichte. Es ist die autobiografisch verbürgte Geschichte eines jungen, von romantischen Idealen besessenen Mannes, der, einem traumhaft schönen chinesischen Mädchen auf der Spur, quer durch Europa trampt, von Bekanntschaft zu Bekanntschaft eilt, in Jugendherbergen, an Stränden und auf Straßen seine, wie Nooteboom schreibt, "Schule des Lebens" besucht. Aber nicht nur auf Landstraßen und Autobahnauffahrten stand der junge Mann herum. Nicht nur auf Ibiza, seiner Lieblingsinsel, lag er in der Sonne.

Es zog ihn zu den Übersee-Häfen. 1957 heuerte er auf einem Schiff in die Karibik als Leichtmatrose an, durchaus zielstrebig, denn in Surinam wollte er beim Vater seiner Braut um deren Hand anhalten. Was nicht auf Anhieb gelang. Gegen den Willen des Vaters fand die Hochzeit statt. Diese erste Ehe hielt freilich nur bis 1964. Die Erlebnis dieser langen Reise fanden in den 2006 erschienenen Erzählungen unter dem Titel "Der verliebte Gefangene" ihren Niederschlag.

Dass das Reisen nicht nur eine romantisch inspirierte Angelegenheit ist, bewies Nooteboom in der Erfüllung seiner journalistischen Missionen als Reporter. So berichtete er beispielsweise 1956 für niederländische Zeitungen über den Aufstand 1965 in Ungarn, 1963 über den VI. Parteitag der SED und 1968 über die Studentenunruhen in Paris. Vor allem Berlin tat es ihm immer wieder an. In den historischen Jahren 1989/90 verbrachte er längere Zeit in der Stadt und hielt seine Eindrücke vom Umgang der Deutschen mit ihren neuen politischen Realitäten in dem zum Bestseller avancierten Taschenbuch "Berliner Notizen" fest.

Allein die Bibliografie der Reisebücher eines Cees Nooteboom liest sich wie das Fahrtenbuch eines Weltreisenden: "Der Buddha unter dem Bretterzaun", "Der Umweg nach Santiago", "Die Insel, das Land. Geschichten aus Spanien", "Auf der anderen Wange der Erde. Die Amerikas" – um nur einige Titel zu nennen. Heute, an seinem achtundsiebzigsten Geburtstag, stechen wir mit ihm in hohe See.

Wie Georg Forster, David Foster Wallace oder Matthias Politycki verschlug es auch ihn an Bord eines Luxusliners. Er kam in den bezahlten Genuss einer Reise, die sich kein normal Sterblicher leisten kann. Und wenn ein eingeladener Schriftsteller im großen Stil mitreisen darf, kommt danach natürlich Gedrucktes heraus.

Als Georg Forster, eine Vaterfigur aller Reiseschriftsteller, im Juli 1772 die von Weltumsegler James Cook befohlene "Adventure" in England betrat, um später zum Venusdurchgang bei Tahiti vorzudringen, konnte er nicht ahnen, welch haarsträubende Abenteuer ihn dort erwarten sollten. Nägel, Messer und andere europäische Eisenwaren wurden von liebeshungrigen Matrosen gegen Leiber junger Südseeschönheiten für gewisse Stunden eingetauscht. Der standhafte Forster ließ es sich nicht nehmen, messerscharf darüber zu berichten. Die Tücken bei der Liebe an Bord zeigen sich in folgender Szene. Die schöne Marorai wird in die Offiziers-Kajütte gelotst.

"Marorai fand an ein paar Bett-Tüchern, welche sie auf dem Bette sofort erblickte, besonderen Wohlgefallen, und versuchte es auf allerhand Art und Weise, sie von ihrem Begleiter beschenkt zu bekommen, allein umsonst. Er war zwar nicht abgeneigt, ihr solche zu überlassen, verlangte aber besondere Gunstbezeugungen dafür, zu welcher sich Marorai nicht verstehen wollte. Als sie indessen sah, dass kein anderes Mittel sey zu ihrem Zweck zu gelangen, so ergab sie sich endlich nach einigem Widerstreben. Schon bereitete sich der Sieger seinen Triumph zu feyern, als das Schiff, zur ungelegensten Zeit von der Welt, gegen einen Felsen stieß, und ihm unglücklicher weise die ganze Freude verdarb. Der erschrockene Liebhaber, der die Gefahr deutlicher einsah als seine Geliebte, flog nemlich sogleich aufs Verdeck, wohin auch alle übrigen Seeleute, ein jeder an seine Position eilte, ohne sich weiter um die indianische Gesellschaft zu bekümmern."

Ein Auszug aus Georg Forsters Bericht "Ankunft in Tahiti", geschrieben 1773. Die vergleichsweise bleichen Leiber, die der amerikanische Schriftsteller Edgar Foster Wallace an Bord des Luxusdampfers "Zenith" im Frühjahr 1995 ins Visier nahm, stecken vor allem in kurzen Hosen. Das Reisen ist zwar bequemer geworden, der Horror ist geblieben. Leicht gekleidete ältere Herren an Bord eines Kreuzfahrtschiffes sind für ihn die Repräsentanten einer dekadenten amerikanischen Freizeitgesellschaft schlechthin und das gefundene Fressen für seine bissige, zivilisationskritische Reportage "Schrecklich amüsant –aber in Zukunft ohne mich."

"Ich habe blasslila Hosenanzüge gesehen, Sakkos von menstrualem Rosa, braun-violette Trainingsanzüge und weiße Freizeitschuhe, die ohne Socken getragen wurden. Ich habe erwachsene US-Bürger gehört, erfolgreiche Geschäftsleute, die am Info-Counter wissen wollten, ob man beim Schnorcheln nass wird, ob das Tontaubenschießen im Freien stattfindet, ob die Crew mit an Bord schläft oder um welche Zeit das Mitternachtsbüffet eröffnet wird."

Wie Edgar Foster Wallace ließ sich auch Matthias Politycki auf ein Luxuskreuzfahrtschiff einladen, um über seine Erfahrungen an Bord literarisch Zeugnis abzulegen. Das Innere der MS Europa beschrieb er in seiner Reportage "In 180 Tagen um die Welt" als eine Art "SOS-Seniorendorf" für Reiche. Seine satirischen Beobachtungen an Bord dürften von der Reederei und vom Kapitän des Luxusliners mit gemischten Gefühlen aufgenommen worden sein. Bei der Willkommensgala an Bord kommt es fast zur Revolution.

"Die Menükarten sind noch nicht verteilt, da empört sich Frau Wack am Nebentisch so lautstark, "Was, kein Hummer dabei?", dass wir die Ohren anlegen: "Schweinerei!". Auf der alten EUROPA hätte es so was nicht gegeben, eine Kreuzfahrt ohne Hummer, was die Reederei wohl als Nächstes einsparen wolle? Der Kellner hat seine liebe Not, sie mit charmanten Schmäh zu beschwichtigen, kaum zurück an unserem Tisch, lässt ihn die Kipp-Oeljeklaus wissen: "Lui, bitte das Wellness-Menü mit der Maispoularde, aber ohne Maispoularde."

Ganz anders Cees Nooteboom aus den Niederlanden. Er weiß, was sich gehört. Mit ihm kann die MS Deutschland, auch bekannt durch die Fernsehserie "Das Traumschiff", tüchtig Werbung machen.

"Die MS Deutschland, das schöne, altmodische Schiff, auf dem ich gut zwei Wochen lang nach Kap Hoorn und weiter bis nach Buenos Aires reisen werde, Eichentäfelung, blankpoliertes Messing, nicht eines dieser modernen schwimmenden Wohnsilos, die ich im Sommer in Spanien sehe."

Den Einwand, er ließe sich als "Bediensteter" für die kommerziellen Zwecke eines Schifffahrtsunternehmen einspannen, schmettert Cees Nooteboom mit dem Hinweis auf ein autobiografisches Schlüsselerlebnis ab. Im Jahre 1957 habe er bei seiner ersten Überfahrt nach Südamerika die Toiletten geschrubbt, um sich den Trip zu verdienen. Aus dem Schrubben wurde das Schreiben. Zwei Lesungen an Bord der MS Deutschland muss er gestalten. Kost und Logis umsonst.

Für Cees Nooteboom ging auf der MS Deutschland ein "Jungentraum" in Erfüllung. Dass sein Aufenthalt an Bord – immerhin in der Admiralskajüte - immer wieder von Drehaufnahmen für "Das Traumschiff", nein, nicht gestört, sondern beleuchtet wird, "verleiht dem Ganzen etwas Unwirkliches, das mir gut gefällt." Und dass neben seinem Freund, dem Philosophen Rüdiger Safranski, neben einer schönen Sängerin, einer virtuosen Klassik-Pianistin aus Aserbaidschan und neben einem Zauberkünstler auch "ein paar Tänzerinnen mit sehr langen Beinen" zum Unterhaltungsprogramm an Bord gehören, lässt das Herz des Reisenden hüpfen.

Und dann geht's endlich los. Von Valparaiso in Chile zum Kap Hoorn, mit Landgängen in Puerto Montt und Arenas, der südlichsten Stadt Chiles, an diversen Inseln vorbei, immerzu Hügelketten und einsame Landstriche im Blick. Wie weiland Georg Forster nimmt Cees Nooteboom in seinem Reisebericht exotische Vögel ins Visier. Nacktheit offenbart sich ihm in gegossener Form des übergroßen Fußes eines Indianers aus Bronze – fester Bestandteil eines Magellan-Denkmals. Fernando de Magellan war der Erste, der die Durchfahrt vom Atlantischen zum Pazifischen Ozean entdeckte, ständig gestört von Meutereien an Bord. Heute kommen die Leute zu seiner Statue wie die Katholiken zu Petrus' Zeh in der Peterskirche zu Rom, um auch ihm den Fuß zu küssen – das bringt Glück.

Mehr noch als über das leibhaftig Gesehene im Zuge der Landgänge und an Bord ("die blonde Russin mit den eisblauen Augen!") berichtet der Reisende über seine Lektüreerlebnisse während der Fahrt. Die mitgeführte Bibliothek sorgt nicht nur an Bord für Übergepäck, sondern auch im Kopf des Lesers, den der unterwegs servierte Bildungsstoff durchaus seekrank machen kann. Joshua Slocums unglaubliche Geschichte "Sailing Alone Around the World" wird ausführlich wiedergegeben. Oder dieses Abenteuer hier:

"Von Punta Arenas aus ist eine der abenteuerlichsten Expeditionen aufgebrochen, die je unternommen wurden. Und natürlich wieder geleitet von einem Engländer. Exzentrische Engländer haben hier überall Spuren und ihre Namen hinterlassen. Dieser hieß George Chaworth Musters, und in die Region gelockt hatten ihn das berühmte Buch von Darwin sowie der Bericht von Robert Fitz-Roy über die Reise mit Darwin auf der Beagle im Jahr 1831. Musters' eigenes Buch, At home with the Patagonians, ist die unglaubliche Geschichte seiner zehn Monate dauernden Erkundungsreise zusammen mit Tehuelche-Indianern, die sie von Punta Arenas nach Carmen de Patagonia aus der Mündung des Rio Negro im Norden führte – fast dreitausend Kilometer zu Pferde. Im August des Jahres 1869 brachen sie auf. Die Indianer waren auf dem Weg zu einer großen Versammlung mit anderen Stämmen, die in der Pampas und auf der anderen Seite der Anden lebten. Zwei Kaziken (Häuptlinge) führten die etwa sechzigköpfige Gruppe durch das von Weißen noch nie betretene Binnenland. Am Ende der Tour war die Hälfte infolge von Kämpfen untereinander und anderem Unheil gestorben."

Die spannenden Geschichten spielen sich eben in den Büchern ab. Referenzen an Pablo Neruda, Antonio Skármeta oder Bruce Chatwin sind für Nooteboom selbstverständlich und liegen auch ganz und gar im Radius des mitreisenden Lesers. Nein, kein Abenteurer im ursprünglichen Sinn ist hier unterwegs, sondern ein Schriftgelehrter, der nicht nur das mit eigenen Augen Gesehene an literarischen Vorbildern misst, sondern auch umgekehrt, das Gelesene an der empirischen Realität. Ein spannendes Wechselspiel ist das. Triumph und Dilemma eines Intellektuellen mit Übergepäck.

Immer weiter, immer weiter. Wenn's draußen nichts zu sehen gibt, verfolgt der Reisende auf dem Bildschirm in seiner Admiralskajüte, wie das Schiff sehr langsam durch dichten Nebel fährt. Für Events an langen Seetagen ist immer gesorgt. Ist ein Gletscher in Sicht, fährt ein Rettungsboot hinaus, um "lebendes Eis" abzuschlagen und an Bord zu bringen. So schmeckt der Whiskey im "Alten Fritz", der Hausbar auf der MS Deutschland, noch viel besser. Doch bald ist sie in Sicht, die südlichste Stadt Argentiniens und also der Welt: Ushuaia, 3500 Kilometer von Buenos Aires entfernt, früher berüchtigt als Strafkolonie für politisch Gefangene, heute gehen von hier regelmäßig freiwillig gebuchte Polarexpeditionen aus.

Doch lieber als das geht der intellektuelle Weltenbummler in die örtlichen Museen und Büchereien, kauft sich Bücher über die lokale Geschichte des Ortes, darunter auch eines über Schiffbrüchige, womit das Boot für den mitbangenden Leser langsam aber sicher eine gefährliche Schlagseite bekommt, die erst ausbalanciert wird, als es das Captain's Dinner gibt: 2003er Eitelsbacher Karthäuserhofberg, in Ingwer und Honig hausgebeizter Lachs auf Salat von Bambussprossen, der Kapitän und Rüdiger Safranski sitzen am Tisch des Reporters. Endlich ist Kap Hoorn in Sicht, die Wellen schlagen höher, Windstärke acht, die Pianistin aus Aserbaidschan spielt zur Beruhigung Chopin. Mutig tritt unser Schriftsteller ins Freie.

"Fünf Männer und eine Frau sind schwer beschäftigt, ich komme mir überflüssig vor und gehe an Deck, wo der Wind mich beinahe umbläst. Fast vierhundert Jahre ist es her, dass Schouten und Le Maire hier fuhren. Ich versuche es mir vorzustellen. Das Kap, das sie von ihrem kleinen Schiff aus gesehen haben müssen, ragt wie damals düster aus dem Meer auf, kein Zeichen einer menschlichen Anwesenheit, damals nicht und heute nicht. Irgendwo muss es einen Leuchtturm geben, eine Wetterstation, in der eine Familie wohnt, doch das ist von hier aus nicht zu sehen. Nebel oder tief hängende Wolken hüllen die dunkle, drohende Form ein, hinter diesem einen Berg liegen andere, niedrigere, auf der Brücke habe ich gesehen, dass wir zwischen den Inseln Herschel und Deceit durchfahren, wir befinden uns an der Grenze zwischen pazifischem und Atlantischem Ozean, hier in der Nähe muss zwischen Feuerland und Staateninsel die Passage liegen, die noch heute den Namen Le Maire trägt."

Schon bald geht es, ganz still in der Nacht, den Rio de la Plata hinauf, dann Montevideo, hin zur Heimat des Juan Carlos Onetti. Buenos Aires fürderhin. Buenos Aires ist nicht nur Buenos Aires, Buenos Aires ist Jorge Luis Borges. Und umgekehrt. Borges ist Buenos Aires.

Gemessen an der Vielzahl der Autoren, die Cees Nooteboom nennt (eine Liste der genannten Autoren am Schluss des Buches wäre seitenlang geworden!), gemessen an der Vielzahl der Orte, die die MS Deutschland ansteuert, und gemessen auch an den Distanzen, die der Autor auf dem Luxusliner zurücklegt, an der Anzahl der historischen Exkurse, die das Bloßgesehene ins rechte Fahrwasser lenken, und darüber hinaus auch gemessen an der Langsamkeit, mit der ein Kreuzfahrtschiff unterwegs ist, zeugt das Schiffstagebuch von einer extrem hohen Geschwindigkeit. Die Unruhe überträgt sich bisweilen – besonders im zweiten Teil des Schiffstagebuchs, das sich den Inseln Mauritius, Réunion und Madagaskar widmet – auf den Leser. Das touristischen Gepflogenheiten angepasste Insel-Hopping geht zulasten seiner Konzentration. Es geht einem einfach alles viel zu schnell. Was schade ist, denn kaum ein anderer europäischer Schriftsteller schafft es sonst, so klug, unterhaltsam, detailliert von seinen Reisen zu berichten wie Cees Nooteboom.

Neben dem Kernstück des Buches, den beiden Teilen des Kreuzfahrt-Tagebuchs, berichtet er in kürzeren Kapiteln von Feuer-Bestattungsritualen an den Ufern des Ganges, Maya-Ruinen und politischen Aufruhr gegen korrupte Bürgermeister in Mexiko, auserlesenen Sehenswürdigkeiten, wie der Elefantenhöhle Goa Gajah in Bali, und von einer gottverlassenen ehemaligen deutschen Missionsstation (Elim) in Südafrika. Höhepunkt ist ein verdrängtes niederländisches Kriegsdrama im März 1942, als Dutzende flüchtende Niederländer in dem kleinen australischen Küstenort Broome Opfer von japanischen Kriegern wurden.

Zwar hatte der japanische Kommandant den Befehl gegeben, lediglich militärische Ziele anzugreifen, doch dass sich auf den Dorniers und Catalinas auch Frauen und Kinder befanden, konnten die Japaner natürlich nicht wissen. Auf dem kleinen Rollfeld gelang einigen alliierten Maschinen noch der Start, doch sie wurden sofort von einer der Zeros angegriffen. Eine der amerikanischen Liberators wurde von Staatsfeldwebel Osamu Kudo abgeschossen und stürzte in der Nähe des Cable Beach ab, wobei fast alle der dreiunddreißig Insassen ums Leben kamen. Eine der Maschinen auf dem Rollfeld, eine Lockhead Hudson der australischen Luftwaffe, war im Begriff zu starten gewesen, stand aber noch auf der Piste, da der Pilot die Navigationskarten und Codes vergessen hatte. Er rannte los, um beides zu holen, doch in diesem Moment sahen die drei Männer, wie Kudos Zero die Liberator verfolgte, und sie wussten, ein Start hatte keinen Sinn mehr, sie würden keine Sekunde überleben. Im Zickzack rannten sie davon und sahen aus der Ferne, wie sich ihre Maschine in ein Flammenmeer verwandelte."

Ein Auszug aus dem Kapitel "Broome 1952. Ein niederländisches Kriegsdrama", einer der Höhepunkte in Cees Nootebooms "Schiffstagebuch. Ein Buch von fernen Reisen". In der Souveränität und Weltläufigkeit, mit der Cees Nooteboom Geografie und Tour-Guide, Geschichte und Politik, Abenteuer und Tagebuch, Landschaftsmalerei und Literaturgeschichte miteinander verbindet, zeigt sich eine Meisterschaft, die ihn, trotz eines streckenweise zu hohen Tempos seiner Reportagen, zur unbestrittenen Nummer eins der europäischen Reiseliteratur macht.

Helga von Beuningen hat einmal mehr ein Buch von Cees Nooteboom so flüssig übersetzt, dass man nicht merkt, dass das Buch im Original in einer anderen als deutschen Sprache geschrieben wurde. Cees Nootebooms "Schiffstagebuch. Ein Buch vom fernen Reisen" ist mehr als ein literarischer Ersatz für all jene, die in diesen Tagen der Sommerferien keine Möglichkeit haben, in die ferne weite Welt aufzubrechen.

Cees Nooteboom: Schiffstagebuch. Ein Buch von fernen Reisen. Fotos: Simone Sassen. Aus dem Niederländischen von Helga von Beuningen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011, 285 S., Euro 19,90

Cees Nooteboom: Schiffstagebuch. Ein Buch von fernen Reisen
Fotos: Simone Sassen
Aus dem Niederländischen von Helga von Beuningen
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011
285 Seiten, Euro 19,90

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