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StartseiteEine WeltSchiiten als Schreckgespenst26.02.2011

Schiiten als Schreckgespenst

Bahrains Opposition wird kritisch beäugt

Die Ölmonarchien am Persischen Golf sorgen sich um Bahrain. Die Scheichs haben Angst davor, dass Bahrains Schiiten mehr Macht bekommen und der Einfluss des sunnitischen Königshauses sinkt. Der schiitisch dominierten Opposition wird große Nähe zu Teheran nachgesagt.

Von Carsten Kühntopp

Die Führung Bahrains begegnet der aktuellen Protestwelle mit Gewalt. Hier wird ein Verletzter weggetragen. (dapd)
Die Führung Bahrains begegnet der aktuellen Protestwelle mit Gewalt. Hier wird ein Verletzter weggetragen. (dapd)

Kein Tag, an dem Bahrains Opposition nicht auf die Straße geht. Die Ereignisse in Tunesien und Ägypten geben Rückenwind gegen die Königsfamilie. Das Königshaus und große Handelsfamilien sind Sunniten, aber etwa 70 Prozent der Bevölkerung Schiiten. Sie klagen seit Jahrzehnten über Diskriminierung. Die schiitisch-religiöse Al-Wefaq ist die größte Oppositionskraft des Landes. Ihr Chef ist Scheich Ali Salman:

"Offiziell ist Bahrain eine konstitutionelle Monarchie. Unser Ziel ist, dies in einem langen Prozess zu entwickeln, damit wir mal bei einer wirklichen konstitutionellen Monarchie ankommen. Das ist unser Ziel, unser Horizont."

Der Ministerpräsident des Landes ist ein Onkel des Königs und seit fast 40 Jahren im Amt. Bahrains Opposition - mehrheitlich schiitisch - verlangt, dass er abtritt und durch einen vom Volk gewählten Regierungschef ersetzt wird, wie in einer konstitutionellen Monarchie eigentlich üblich. Für viele Schiiten ist die Rechnung klar: Wenn der Ministerpräsident nicht ernannt, sondern gewählt wird, kommt einer der ihren an die Macht, kommen bessere Zeiten. Den Vorwurf, die fünfte Kolonne Teherans zu sein, weist Scheich Ali von Al-Wefaq zurück:

"Ich bin mir bewusst, dass die iranische Revolution ein sehr schlechtes Regime hinwegfegte, und ich respektiere, was in Iran seitdem versucht wird. Aber ich bin ein Bahraini, und ich ziehe einen anderen Weg vor. Ich glaube an einen friedlichen Prozess, um unser Regierungssystem weiterzuentwickeln. Ein revolutionäres Modell muss nicht notwendigerweise andernorts erfolgreich sein. Ich ziehe einen Prozess der langfristigen Entwicklung vor."

Gleichwohl: Die Bindungen zwischen Schiiten auf beiden Seiten des Golfs sind alt; noch im 18. Jahrhundert wurde Bahrain von Persern regiert. Nach der iranischen Revolution wurden sich Bahrains Schiiten ihrer religiösen Identität bewusster, damals gingen einige in Manama auf die Straße, für die Regierung in Teheran. Doch Scheich Ali betont die Unterschiede zwischen Persern und Arabern:

"Man sollte verstehen, dass die Wurzeln der Schia nicht iranisch, sondern arabisch sind - Medina, die Stadt des Propheten, Kufa im Irak. Und Bahrain war ein Teil dieser Bewegung. Deshalb sehen wir Araber uns als Quelle des schiitischen Glaubens."

Jeder Schiit entscheidet selbst, welchem Gelehrten er in religiösen Fragen folgt. Einige der Gelehrten mit der größten Anhängerschaft sitzen in Qom in Iran, andere in Najaf und in Kerbela im Irak. Die meisten von ihnen halten sich in politischen Fragen zurück, traditionell sind sie eher quietistisch. Manch ein Bahraini hat ein Porträt Khomeinis im Wohnzimmer hängen, andere folgen Ali al-Sistani im Irak. Spirituelle Führung findet also über Staatsgrenzen hinweg statt; wer religiös einem Geistlichen in Iran folgt, folgt deswegen politisch längst noch nicht dem iranischen Präsidenten. Das unterstreicht auch Scheich Ali Salman:

"Als Schiiten respektieren wir Najaf oder Iran. Aber politisch sagen wir von Al-Wefaq mit lauter Stimme: Wann immer in Iran jemand behauptet hat, Bahrain gehöre eigentlich zu Iran, waren wir die Ersten, die widersprochen haben. Wir sind ein unabhängiges Land. Wir akzeptieren keine Einmischung in unsere inneren Angelegenheiten. Gute Beziehungen gewiss, aber keine Einmischung."

Derzeit droht Bahrains Konflikt von einem politisch-wirtschaftlichen zu einem religiösen zu werden - weniger, weil die Schiiten einen Gottesstaat nach iranischem Vorbild wollen würden, sondern, weil das sunnitische Königshaus die Schiiten weiter unter dem Stiefel hält. Schlicht deswegen, weil sie Schiiten sind.

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