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StartseiteBüchermarktSchimpftirade über die Mode28.06.2007

Schimpftirade über die Mode

Schrift Friedrich Theodor Vischers neu erschienen

Friedrich Theodor Vischer war ein Meister der Schmähschrift. Die moderne Beleidigungsrede, an der sich viele Autoren des 20. Jahrhunderts bis hin zu den Satirikern unserer Tage abgearbeitet haben, findet in Vischers Texten einen Ursprung. Das zeigt auch der Band "Mode und Cynismus".

Von Matthias Eckoldt

Ein Streittthema damals wie heute: die Mode. (dradio.de/Andreas Lemke)
Ein Streittthema damals wie heute: die Mode. (dradio.de/Andreas Lemke)

"In der Tat, wer über die Mode schreibt, wäre ein Narr, wenn er meinte, auch nur das Geringste zur Heilung ihrer Verrücktheit beitragen zu können."

So hebt Friedrich Theodor Vischer zu seiner Schimpftirade über die Unarten des Sich-Kleidens an. Der Text, in dem der Literaturprofessor, Politiker und Schriftsteller besonders über die Frauenmode seiner Zeit herzieht, ist mittlerweile sage und schreibe 130 Jahre alt. Der Dresdner Literaturwissenschaftler Michael Neumann hat den Text ausgegraben und zum 200. Geburtstag von Vischer im Berliner Kadmos Verlag herausgegeben. Neumanns Forschungsgebiet sind kulturwissenschaftliche und philosophische Modereflektionen des 19. und 20. Jahrhunderts:

"In diesem Zusammenhang bin ich dann auf Vischers Essay gestoßen und zwar durch Benjamins Passagenwerk, der Vischer für einen der wichtigsten Modetheoretiker der bürgerlichen Welt hält und auch ausführlich im Passagenwerk aus Vischer zitiert. Dann hielt ich es für angebracht, diesen Band, der sehr witzig ist - teilweise fast unleserlich bösartig, dann wieder auch sehr luzide Einsichten formuliert -, dem wieder einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

In seinem Ansatz ist Vischer teilweise sehr, sehr modern - er formuliert Dinge, die auch heute noch in der Modetheorie diskutiert werden, andererseits steht er aber wieder sehr in seiner Zeit, nämlich dort, wo sein überschießender kulturkritischer Impetus auch beleidigend wird, was ihm dann natürlich auch die entsprechende publizistische Reaktion eingetragen hat."

Tatsächlich ist Friedrich Theodor Vischer nicht nur ein Meister der Parodie, wie er mit seiner heute weitgehend vergessenen Goethe-Persiflage "Faust, der Tragödie dritter Teil" unter Beweis stellte, sondern auch ein Meister der Schmähschrift. Die moderne Beleidigungsrede, an der sich viele Autoren des 20. Jahrhunderts bis hin zu den Satirikern unserer Tage abgearbeitet haben, findet in Vischers Texten zumindest einen, wenn nicht den Ursprung überhaupt. Doch wie blass wirken manche Glossen in Zeitschriften wie "Titanic" gegen Vischers wortgewaltige Rundumschläge. Wie er sich angesichts des zu seiner Zeit in Mode gekommenen eng um den Bauch gebundenen Tuchs ereifern kann, ist schon lesenswert:

"Nun, ich frage: Wer sieht es nicht hundertmal des Tages mit Ekel, wenn so ein vorgewölbter, tuchüberspannter Bauch vor ihm aufschwillt? Die Alten pfeifen wie die Jungen singen und ganz zufrieden und glücklich trägt die gedunsene Vettel ihre Trommel vor sich her über die Straße. Es erhellt mit unerbittlicher Logik, dass diese Mode - und es hilft nichts, wir müssen deutsch reden - eine Hurenmode ist."

Man kann Vischers Mode-Essay aus purem Vergnügen am Furor lesen. Man kann ihn auch zu Rate ziehen, um einiges über den gesellschaftlichen Alltag der Bürger in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu erfahren. Für den, der noch mehr will, gibt es eine weitere Schicht im Text. Vischer, der auch ein sechsbändiges Werk zur Ästhetik verfasst hat, hängt dem Idealismus an. Das heißt, er sieht von der erkenntnistheoretischen Seite aus in der Realität das Ideal durchscheinen, das ganz hegelianisch wirklicher ist als die Erscheinungen selbst. Was bei Hegel artistisch in spekulative Höhen des Zu-Sich-Selbst-Kommens des Weltgeistes getrieben wird, ist in Vischers Mode-Kritik geerdet: Seine teilweise beleidigenden Einlassungen zum Aufzug der Frauen gewinnen vor seinem Kleidungsideal der Uniform an Kontur:

"Die beste Mode, weil sie eigentlich keine ist, ist für Vischer die Uniform. Das taucht in den 20er Jahren wieder auf, als es darum geht, einen in ganz anderer Weise idealen Staat zu bauen. Das Faszinosum Uniform schimmert bei Vischer immer wieder durch bei seiner Modekritik. Und das ist natürlich eine Überspitzung, von der man weiß, wo sie hinführen kann, von der man aber auch weiß, wie historisch wirksam sie geworden ist. Und hier war für mich eigentlich auch das kulturhistorisch Interessante zu zeigen, wie aus Schillers ästhetischem Staat über Vischer und andere bis hin in die 1920er Jahre sich eine Kulturkritik und ein Kulturpessimismus ein Kontinuum aufbaut, der dann zu ganz neuen umgreifenden Formen geführt hat - nämlich denen des italienischen oder auch deutschen Faschismus."

Vischers Erkenntnismittel ist der Zynismus. Doch nicht deswegen heißt der Band "Mode und Cynismus". Wie aus seinem auch als Faksimile abgedruckten Vorwort von 1878 zu entnehmen ist, veröffentlichte Vischer zuerst seinen Text "Wieder einmal über die Mode". Als Antwort auf die zumeist empörten Reaktionen seiner Zeitgenossen, verfasste Vischer noch einen zweiten Text, in dem er den Begriff der Anstandsverletzung, für Vischer gleichbedeutend mit Zynismus, nachsinnt. Auch hier geht es nach dem Prinzip des Dreisprungs ganz hegelianisch zu:

"Die These heißt: Man darf dem Cynismus auch nicht eine Spanne weit die Tür öffnen, sonst wird unaufhaltsam, unberechenbar die breite Rohheit den Spalt erweitern und in Massen eindringen. Antithese: Wird die Tür unerbittlich verschlossen, so wird es im Zimmer so langweilig, ja entsteht solche parfümierte moralische Stickluft, dass es nicht auszuhalten ist."

Die Synthese muss Vischer schuldig bleiben, denn sie ist ja sein Werk selbst, das im kontinuierlichen Durcharbeiten durch These und Antithese dem Zynismus schließlich ein bedingtes Recht einräumt. Auch wenn der zweite Aufsatz nicht ganz an die Intensität von Vischers Modekritik herankommt, so liegt doch ein facettenreiches, immer wieder überraschendes und vor allem äußerst inspirierendes Buch vor. Dem Kadmos-Verlag bleibt nur zu wünschen, dass das wirtschaftliche Risiko, diese zeitkritischen Texte aus dem vorletzten Jahrhundert auf den Markt zu bringen, von vielen Lesern belohnt wird.

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