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StartseiteZeitzeugen im GesprächSchipanski: 1989 war die DDR am Ende - wirtschaftlich als auch politisch30.05.2013

Schipanski: 1989 war die DDR am Ende - wirtschaftlich als auch politisch

Die Physikerin und CDU-Politikerin über die Wende und die Wissenschaft in Europa

Sie trat nie der SED bei und pflegte schon in der Jugend ihre Rolle als Außenseiterin im sozialistischen Regime. Im wiedervereinten Deutschland lernte sie schnell vom neuen System, wie Dagmar Schipanski erzählt. Bei der Krise in Griechenland denkt sie oftmals an das Ende der DDR.

Dagmar Schipanski im Gespräch mit Rainer Burchardt

Dagmar Schipanski war 1999 die Kandidatin der Unionsparteien für das Amt des Bundespräsidenten. Sie erzielte einen Achtungserfolg gegen Johannes Rau. (AP Archiv)
Dagmar Schipanski war 1999 die Kandidatin der Unionsparteien für das Amt des Bundespräsidenten. Sie erzielte einen Achtungserfolg gegen Johannes Rau. (AP Archiv)

Mauerfall und friedliche Revolution in der DDR, das waren in der Biografie von Dagmar Schipanski auch ganz persönliche Wendemomente. Der Dozentin für Festkörperphysik, die nie Mitglied in der SED war, gelang erst nach 1989, nach der Wiedervereinigung Deutschlands, der Durchbruch als Wissenschaftlerin und Politikerin. 1943 im thüringischen Sättelstädt geboren, wurde sie 1990 Professorin für elektronische Bauelemente an der Technischen Hochschule Ilmenau, wo sie später auch Dekanin war. 1999 war Dagmar Schipanski, obwohl parteilos, die Kandidatin der Unionsparteien für das Amt des Bundespräsidenten und erzielte einen Achtungserfolg gegen Johannes Rau. Seither gilt sie als eine der profiliertesten konservativen Politikerinnen aus dem Osten Deutschlands. Sie war Wissenschaftsministerin im Kabinett Bernhard Vogel in Thüringen und später Landtagspräsidentin in Erfurt. Sie trat in die CDU ein, wurde Präsidiumsmitglied und sitzt seit 2006 im Bundesvorstand der CDU. Sie ist heute in vielen Funktionen gesellschaftspolitisch engagiert und leitet das Studienkolleg zu Berlin. Dagmar Schipanski ist verheiratet und hat drei Kinder.

" Das ist schon sehr bedrückend, vor allen Dingen wenn Sie von Anfang an wissen, ich kann nie das sagen, was ich denke."

Frühe Diktaturerfahrung, der 17. Juni 1953 und Rückzug in die Privatsphäre

Rainer Burchardt: Frau Dr. Schipanski, in welchem Elternhaus sind Sie aufgewachsen, wie war das Elternhaus? Sie sind mitten im Krieg geboren. War Ihr Vater zu Hause, war er irgendwo unterwegs und wie war damals die Stimmung zu Hause?

Schipanski: Das ist eine schwierige Frage. Da mein Vater im Krieg gefallen ist und … Ich habe mit meiner Mutter bei den Großeltern gelebt bis 49 und dann sind wir von dem Bauernhof, auf dem wir gelebt haben, nach Ilmenau gezogen, weil meine Mutter ein zweites Mal geheiratet hat. Da habe ich dann in einem Elternhaus … Meine Mutter war Pfarrersfrau, hatte keinen Beruf erlernt. Sie hat dann erst 50 angefangen, sich zur Lehrerin auszubilden in Stenografie und Maschinenschreiben. Und mein Vater, also der Mann, den sie geheiratet hatte, der war kaufmännischer Angestellter. Das heißt, wenn man meinen Lebenslauf liest und sieht "Pfarrerstochter" – ich bin nicht in einem Pfarrhaushalt aufgewachsen!

Burchardt: Sie hatten einen Stiefvater, aber ich denke, im Grunde genommen dann doch noch eine relativ normale Familie?

Schipanski: Ja, das kann man so sagen. Ich hatte noch einen Bruder, der 50 geboren ist, und wir haben, sage ich mal, ein normales Leben in der DDR geführt. Sehr bescheiden, denn man darf nicht vergessen, dass Anfang der 50er-Jahre der Lebensstandard und der Lebensstil in der DDR außerordentlich eingeschränkt war.

Burchardt: Es wurden ja 49 die beiden deutschen Staaten gegründet, 49 waren Sie sechs Jahre. Da haben Sie ja auch noch nicht allzu viel wahrscheinlich davon mitbekommen. Wann ist bei Ihnen das erste Mal das Bewusstsein da gewesen, Deutschland ist geteilt und ich lebe sozusagen im sozialistischen Teil der Republik?

Schipanski: Ich glaube, das war eigentlich immer im Hintergrund. Denn erstens mal haben wir die Sendungen eigentlich nur aus Hessen und aus den alten Ländern gehört und zweitens waren Sie im Prinzip vom Kindergarten an damit konfrontiert, dass es eine sozialistische Erziehung gab. Die war sehr offensichtlich, sehr äußerlich für meine Begriffe, auch heute noch. Daher hat man sich dann eigentlich von Anfang an in die Privatsphäre zurückgezogen.

Burchardt: Privatsphäre ist das eine, auf der anderen Seite waren Sie ja dann irgendwann auch in der Schule, auch mit Lehrern sicherlich konfrontiert. Und man hört ja auch immer wieder aus dieser Zeit, dass da durchaus Kinder auch dann ausgehorcht wurden, ich denke jetzt mal an 1953, da waren Sie zehn Jahre alt, Aufstand in Ostberlin und auch in einigen anderen Gegenden. War das ein Thema in der Schule und musste man dazu, in Anführung, die richtige Haltung haben?

Schipanski: In der Schule war das kein Thema, das wurde verschwiegen. Denn es ist ja auch meines Wissens nach nie offiziell über die Nachrichten gegangen, sondern wir haben das nur über den Westrundfunk gehört. Mit Lehrern war das nie ein Thema. Man darf auch nicht vergessen, es waren ja sehr viel neue Lehrer damals, das heißt, sagen wir mal, die alten Nazis waren teilweise ausgesondert worden, aber nicht alle. Für die alten Lehrer waren junge Lehrer gekommen, die auch noch nicht gefestigt waren. Es war 53 eine sehr bewegte Zeit, das Regime war ja nicht offen. Das vergisst man heute sehr häufig bei dieser Medienpräsenz und bei den Nachrichten, mit denen man ständig überschüttet wird, es war ein in sich abgeschlossenes System. Was nicht sein durfte, das war eben nicht, das gab es nicht in den Nachrichten.

Burchardt: Thüringen grenzt ja an Hessen und Sie haben ja eben auch gesagt, Sie hätten Westrundfunk gehört. Also, ich vermute mal, den Hessischen Rundfunk.

Schipanski: Ja.

Burchardt: War das damals gefährlich, war das schon so eine Sache … wie früher auch, wenn man BBC hörte, während der Kriegszeit? Da war man mit einem Bein ja schon im KZ!

Schipanski: Also, so war es nicht, aber es war gefährlich. Sie waren auf alle Fälle Staatsfeind, wenn Sie das gehört haben. Ich meine, die Situation hat sich noch zugespitzt, als dann das Westfernsehen aufkam, da brauchten Sie ja besondere Antennen. Diese besonderen Antennen, gab es einige Handwerker, die die auf den Dächern aufgebaut haben. Aber die wurden dann auch verfolgt. Also, ich kenne einen, der hat dafür dann Gefängnis bekommen.

Burchardt: Ist das nicht auch für Kinder eine unglaublich bedrückende Erfahrung, dass man plötzlich sieht, also, von außen gibt es hier ein politisches System, das nimmt uns schon auch nur den Anfang einer freiheitlichen Bewegung oder überhaupt einer Freiheit?

Schipanski: Das ist schon sehr bedrückend. Vor allen Dingen wenn Sie von Anfang an wissen, ich kann nie das sagen, was ich denke. Sie haben sozusagen immer eine innere Kontrolle. Ich glaube, die habe ich nie verloren.

Burchardt: Tatsächlich, ja?

Schipanski: Ja.

Burchardt: Wie intensiv war das dann, als Sie sozusagen Teenager waren? Sicherlich werden Sie auch irgendwie dann mit der FDJ konfrontiert gewesen sein! Sind Sie da Mitglied geworden und war das so ein Jugenderlebnis, wo man sagt, na ja, hier haben wir wenigstens eine Gruppe und da kann man auch mal lachen oder vielleicht auch mal was Kritisches loswerden?

Schipanski: Die FDJ war eine Massenorganisation, war im vorpolitischen Raum, genau wie die Pioniere. Es ist sehr schwer zu sagen. Man hat das natürlich als politische Organisation wahrgenommen. Bei den Pionieren bin ich erst sehr spät eingetreten, nur um dann zur Oberschule zu kommen. Aber Sie waren natürlich, wenn Sie nicht Mitglied waren, ausgegrenzt, darf man auch nicht vergessen. Und das ist für Kinder sehr schwer zu ertragen, dass Sie sozusagen immer Außenseiter sind automatisch. Als Teenager, also in die FDJ bin ich dann gleich eingetreten, nachdem ich mit sehr viel Schwierigkeiten zur Oberschule gekommen bin, war dort auch aktiv. Aber ich habe dann immer versucht, mich auf die Kultur zurückzuziehen, auf Kabarett und solche Dinge, wo man ja doch so kleine Spitzen loswerden konnte.

Burchardt: Und die wurden dann auch nicht zensuriert?

Schipanski: Doch! Das war … Also, man kann aus heutiger Sicht, aus demokratischer Sicht die damalige Situation kaum beschreiben, weil Sie eigentlich immer wussten, dass etwas zensiert wird, dass etwas mit abgehört wird oder vorher vorzulegen war. Ich kann mich noch entsinnen, wir hatten einmal bei einem Bergfest gesagt, hier sind dann die roten Hilfslinien. Daraufhin wurde dann sofort gefragt, wieso sind die Hilfslinien rot? Also, solche Kleinigkeiten, die man auch selbst gar nicht wahrgenommen hat, die wurden dann auf die Goldwaage gelegt. Und damit werden Sie dann groß und da lernen Sie natürlich, sich sehr schnell zurückzuziehen.

Burchardt: Hat das nachher in Ihrem Studium eine Rolle gespielt, dass Sie wirklich stramm dabei bleiben mussten, um auch diesen Studienplatz zu bekommen?

Schipanski: Im Studium nicht mehr, aber bis zum Studium war das schon schwierig. Also, zur Oberschule bin ich damals nicht gekommen, weil mein Vater Pfarrer war …

Burchardt: Obwohl er gefallen war im Krieg?

Schipanski: Obwohl er gefallen war, ja, natürlich, ich war ja immer Mitglied der Kirche. Das ist noch mal ein ganz besonderes Kapitel, denn es war ja letzten Endes Staatsdoktrin, dass man aus der Kirche austritt und sozusagen, wenn Sie Mitglied der Kirche waren, waren Sie auf alle Fälle ein unzuverlässiges Element.

Burchardt: Da Sie ja sehr viel, denke ich, Ihrer politischen Erfahrung auch aus dem Westen bezogen haben, über Radio oder über Fernsehen, wie Sie gesagt haben, gab es da bei Ihnen auch mal den Wunsch zu sagen, Mensch, was machen wir hier eigentlich, was lassen wir uns hier bieten, wir hauen ab?

Schipanski: Sie dürfen nicht vergessen, dass die Grenze sehr stark bewacht war. Ich hatte eine Tante in Sonneberg, im Sperrgebiet. Da haben Sie gesehen, wie die Grenzer auf und ab laufen, wie die Panzer fahren. Das Risiko war mir einfach zu groß.

Burchardt: Wie haben Sie den Mauerbau empfunden?

Schipanski: Der Mauerbau war für uns eigentlich sozusagen der endgültige Schritt. Ich war damals schon mit meinem Mann befreundet und wir waren an der Ostsee. Und dann hörten wir das und der Strand war plötzlich leer. Alle Berliner waren nach Hause gefahren, weil sie meistens noch Konten im Westen hatten. Und wir sind dann von der Ostsee mit so einem Sonderzug gefahren, da merkten Sie dann schon, um Berlin herum sind wir, glaube ich, einen halben Tag gefahren, weil dort alles gesperrt wurde und …

Burchardt: 1968 hatten wir ja dann den Prager Frühling, den sogenannten, der dann auch niedergeschlagen wurde. 56 war schon ein Vorläufer in Ungarn, in Budapest, gegen diese sogenannte Oktoberrevolution damals. Hat das auch zu Ihrer Politisierung beigetragen? Weil Sie sagen, eigentlich sind wir eher dann ins Private zurückgegangen!

Schipanski: Ja, 56 war besonders schwierig, fand ich. Da haben Sie ja unmittelbar erlebt, wie die russischen Panzer einmarschiert sind, jetzt im Rundfunk. Man muss sagen, das, was damals in Berlin passiert ist, war nicht so in den Medien präsent wie Ungarn. Also, für uns war das kein akzeptables Regime. Und ich glaube, besonders schmerzlich war wirklich 68. Weil das eigentlich so ein Lichtblick war. Alle haben gedacht, also, jetzt, 68, jetzt öffnet es sich und jetzt wird es eine Möglichkeit geben, diese Mauer zu durchbrechen! Das war nicht der Fall, es war ganz im Gegenteil der Fall, dass von uns aus die Panzer in diese Richtung gerollt sind. Das war schon ein einschneidendes Erlebnis.

Burchardt: Mit Langzeitwirkung?

Schipanski: Ja.

Deutschlandfunk, das "Zeitzeugen-Gespräch". Heute mit der CDU-Politikerin Dagmar Schipanski.

Schipanski: Ich bin nie in die SED eingetreten. Dadurch war natürlich mein Radius begrenzt und auch die Aufstiegsmöglichkeiten.

Relative Freiräume in Naturwissenschaften und Technik, Frauenfragen und die Quote

Burchardt: Sie haben ja Ihre Dissertation, auch Ihre Habil-Schrift der Festkörperelektronik gewidmet. Sie sind Physikerin. Sicherlich auch nicht ungewöhnlich. Wie sind Sie zu diesem Studium gekommen, hat man Sie von zu Hause in die Richtung gedrängt oder waren Sie schon immer physikalisch besonders interessiert? Was war der Grund dafür? Oder war es politisch unverdächtig?

Schipanski: Also, ich war recht begabt. Ich habe das Abitur mit eins gemacht und war eigentlich nach allen Seiten offen. Und wenn Sie dann mit 18 überlegt haben, wo Sie arbeiten wollen – und das finde ich ja das Entscheidende, das sage ich auch heute immer den jungen Leuten, denkt darüber nach, wie eure Arbeitswelt aussieht und wie ihr sie gestalten wollt –, da wäre ein künstlerischer Beruf für mich nicht infrage gekommen, weil vom System her die Ideologie gerade in der Kunst alles bestimmt hat. Jura wäre ebenso nicht infrage gekommen, weil Sie mit dem Recht das System verteidigen. Und so können Sie alle Studienrichtungen durchgehen und dann bleiben die Naturwissenschaft und die Technik. Und Naturwissenschaften haben mich sehr fasziniert. Zum anderen war das damals das Jahrhundert der Physik, wenn Sie an die vielen Nobelpreisträger aus Deutschland denken, an die vielen wirklich originellen Entdeckungen und Erfindungen aus Deutschland. Das war eine Tradition, an der ich anknüpfen wollte.

Burchardt: Und was haben Sie dann nach dem Studium gemacht, als Sie Ihre Dissertation gemacht haben? Dann sind Sie ja in Funktionen gekommen!

Schipanski: Ich habe erst das Diplom gemacht, das war in Magdeburg an der Technischen Universität, und dann, um die Dissertation anfertigen zu können, bin ich wieder nach Ilmenau zurückgegangen aus familiären Gründen, weil mein Mann dort noch studierte, und habe dann als wissenschaftliche Assistentin an der Universität gearbeitet. Das heißt, ich habe also wissenschaftliche Aufgabenstellungen bearbeitet und habe zugleich dann angefangen, Vorlesungen, Praktika und Übungen zu halten. Die wissenschaftliche Arbeit war bei mir konzentriert, Festkörperelektronik umfasst den Entwurf, die Herstellung und die Simulation von integrierten Schaltkreisen. Integrierte Schaltkreise sind in jedem elektronischen Gerät, sind hier im Mikrofon, sind …

Burchardt: Ist ja auch ein aktuelles Thema, nach wie vor.

Schipanski: … sind in jedem Bildschirm und fast an jedem Schalter, den Sie betätigen. Also, das ist die Elektronik, die uns im täglichen Leben begleitet, und mit der habe ich mich auch theoretisch auseinandergesetzt.

Burchardt: Haben Sie sich damals privilegiert gefühlt, dass Sie im System doch die Freiheit hatten, so einen Beruf zu ergreifen und so ein Fach zu wählen, das Sie sich selbst gewünscht hatten?

Schipanski: Also, ich habe es ganz bewusst angegangen, weil ich mir vorher überlegt habe, wo will ich arbeiten. Für mich war die Hochschule immer eine Faszination, weil Sie in der Forschung jeden Tag was Neues machen, was anderes machen und fast keine Wiederholung haben. Was mich bei vielen anderen Berufen geschreckt hätte. Und insofern war das für mich die Erfüllung meiner Wunschvorstellung.

Burchardt: War das ohne in die SED einzutreten möglich? Oder musste man sich da, ähnlich wie Sie es auch mit der FDJ geschildert haben, arrangieren?

Schipanski: Nein, ich bin nie in die SED eingetreten. Dadurch war natürlich mein Radius begrenzt und auch die Aufstiegsmöglichkeiten. Also, Professorin bin ich erst nach der Wende geworden. Aber ich habe den Lebenskreis, der mir dort gegeben war, glaube ich, intensiv ausgenutzt und ausgefüllt und kann eigentlich jungen Frauen immer nur wieder sagen: Versucht euch in Naturwissenschaften, es gibt selten ein Gebiet, in dem man so gut seine analytischen Fähigkeiten einsetzen kann, wie dort!

Burchardt: Ohne springen zu wollen, im Augenblick haben wir die Quotendiskussion in Deutschland. Was halten Sie davon?

Schipanski: Ich halte nicht so sehr viel von Quoten, obwohl ich gelernt habe in der Politik, dass sie dort positiv gewirkt hat. Denn ich glaube nicht, dass so viele Frauen in leitenden Positionen in der Politik wären, wenn es dort nicht die Quote gegeben hätte, die bei jedem Parteitag gilt und bei jedem Kreisparteitag und Ortsparteitag und was auch immer so ist. Dort hat sie eine positive Wirkung gehabt. Ich bin der Auffassung, in der Wissenschaft, dass wir eine flexible Quote haben könnten, damit mehr Frauen in Führungspositionen in der Wissenschaft kommen. Mich hat besonders geschockt, muss ich sagen, als ich sah, dass selbst in der Kunst, wo nun sehr viele Frauen studieren, die C4-Professuren von Männern besetzt sind. Die Quote kann hilfreich sein, sie kann aber genauso gut so wirken, dass es dann heißt, ach, das ist eine Quotenfrau, und deshalb wird man entsprechend nicht anerkannt.

Burchardt: Es ist ja dann auch eben diese andere Seite.

Schipanski: Es ist die andere Seite dieser Diskussion. Deshalb hatte ich eine Arbeitsgruppe beim Wissenschaftsrat, wo es damals schon, das war 96, um vermehrte Anstellung von Frauen in der Wissenschaft geht, in höheren Positionen. Und ich habe in dieser Arbeitsgruppe zu gleichen Zahlen Männer und Frauen aufgenommen. Das war für damals unvorstellbar, wenn es um eine Frauenfrage ging, standen alle Frauenverbände vor der Tür und wollten da mit arbeiten. Und ich habe dann gesagt, wir müssen ja unsere Ideen an denen der Männer widerspiegeln, wir müssen sehen, wie wird das aufgenommen in der Gesellschaft. Und nicht einen starren Blick nach vorne, wir brauchen 50 Prozent und wir wollen so sein wie die Männer.

Heute im Deutschlandfunk das "Zeitzeugen-Gespräch" mit der CDU-Politikerin Dagmar Schipanski

Schipanski: Den Einigungsprozess als solchen halte ich für sehr gut gelungen. Wir haben die blühenden Landschaften in den neuen Ländern, die Kohl damals vorausgesagt hat.

Der Mauerfall, Betrachtungen zur deutschen Einheit, Politik und Wiedervereinigung

Burchardt: Wir sind jetzt mitten in der Quotendiskussion, aber ich würde ganz gern noch mal zurückspringen: Wir haben nun die Schreckenserlebnisse aus der DDR gehabt, wir wollen den Mauerfall nicht außer Acht lassen. Was war das für Sie damals, war das auch sozusagen dieser Überraschungsmoment, so wie man das im Westen empfand? Man sagt ja, also, eigentlich, es gab ja das starre System, Gorbatschow hatte schon seit 1985 eigentlich ja nun eine Öffnung mit Glasnost und Perestroika eingeleitet, aber selbst beim 40. Jahrestag der DDR stieß er damit ja auch auf Kritik. Also, man hatte das Gefühl, Honecker wollte das alles gar nicht.

Schipanski: Ich glaube, das Gefühl trügt nicht. Und es war für uns eine ebenso große Überraschung wie für die Menschen in Westdeutschland. Weil, ich persönlich habe nicht mehr daran geglaubt, dass die Genossen jemals die Macht aus den Händen geben werden. Und wenn Sie die Nachreaktionen gesehen haben, dann haben Sie auch gesehen die völlige Verblüffung, dass ihnen die Macht genommen worden ist. Und bis heute trauern sie nach, dass sie keine Macht mehr haben, und es wühlt schon im Untergrund noch ganz schön!

Burchardt: Halten Sie denn dieses Stichwort, das Schabowski in jener denkwürdigen Pressekonferenz gegeben hat, für einen Lapsus oder war das eine gezielte … ein Ballon vielleicht, um zu sehen, was als Reaktion herauskommt? Man deutelt ja heute noch daran herum! War das geplant, war das ungeplant … Was war das eigentlich?

Schipanski: Also, ich bin Naturwissenschaftler, deshalb enthalte ich mich jeglicher Spekulation! Ich freue mich, dass er es gesagt hat!

Burchardt: Fakten reichen dann schon!

Schipanski: Ja!

Burchardt: Man hat ja allerdings auch, das Westfernsehen hat das ja nun sehr deutlich auch gezeigt an diesem Abend, dass eben die Grenzer auch völlig überrascht und unvorbereitet erschienen zumindest, und sie waren es ja wahrscheinlich auch?

Schipanski: Also, das ist nicht gespielt gewesen, sondern es war wirklich so, dass sie nichts gewusst haben. Es war ein völliger Überraschungsmoment und daher nehme ich nach wie vor an, dass es aus Versehen passiert ist. Aber es hat die Welt verändert und ich bin sehr froh, dass in diesem Moment, als das geöffnet wurde, die Grenzer so reagiert haben und nicht anders. Und ich kann nur aus meiner kleinen Provinzstadt sagen, dass ja dann im Laufe der Nacht dann die Meldung kam, dass man nach drüben fahren kann, dass man aber einen Stempel braucht im Ausweis. Wir hatten ja solche Beilagen in unserem Ausweis, wenn wir nach Ungarn fahren konnten oder wollten, oder nach Russland oder nach Polen. Und dass dort eben ein Stempel drauf gegeben wird, damit man dann nach Westdeutschland einreisen kann. Und ich kann mich sehr gut entsinnen, dass an dem nächsten Morgen die Polizeistelle überhaupt nicht geöffnet war, und die Leute standen schon alle davor. Und dann kamen die und sagten, sie wissen von nichts! Und dann hat es ungefähr zwei Stunden gedauert, bis man so einen Stempel hatte und sich dann darauf eingestellt hatte. Also, das war eine völlig unvorbereitete Aktion!

Burchardt: Frau Schipanski, jenseits aller Spekulation: Fast 25 Jahre danach, halten sie den Einigungsprozess und das, was wir im Augenblick haben, für gelungen oder liegt da noch eine Menge an gesellschaftspolitischer Arbeit vor uns?

Schipanski: Den Einigungsprozess als solchen halte ich für sehr gut gelungen. Wir haben die blühenden Landschaften in den neuen Ländern, die Kohl damals vorausgesagt hat, wir haben eine neue Infrastruktur an Straßen, an Schienen, wir haben Gewerbegebiete, in denen jetzt wirklich Fabriken sind. Mein eigenes Heimatland, wir haben jetzt eine Arbeitslosenquote von weniger als sieben Prozent, also fast Vollbeschäftigung. Es hat sich total verändert, unser Land, und wer mit offenen Augen durchgeht, sieht auch, dass wir vorangekommen sind in den 25 Jahren, wie man es niemals erwartet hätte. Ich denke an die verunreinigte Luft, die man kaum atmen konnte, ich denke an die vielen Müllhalden …

Burchardt: Also Bitterfeld fällt einem da ein, klar.

Schipanski: Bitterfeld, ja. Auch sonst, wenn Sie mit dem Trabanten gefahren sind, ich habe am Anfang gelacht, wenn die Westdeutschen sagten, wir riechen das! Später habe ich es selbst gerochen!

Burchardt: Heute ist es ein Kultauto!

Schipanski: Ja! Genau so! Was wir versäumt haben beim Einigungsprozess, ist, dass wir nicht genügend uns darüber verständigt haben, was die DDR eigentlich war. Wie sie funktioniert hat, welche Strukturen aufgebaut waren. Die Vergangenheitsbewältigung hat sich für meine Begriffe viel zu sehr nur auf die Stasiakten konzentriert und hat das eigentliche System zu wenig beleuchtet. Daher kommen auch heute sehr häufig Missverständnisse, wenn Ereignisse aus der DDR-Vergangenheit beleuchtet werden. Und ich wünsche mir, dass wir das noch wesentlich mehr in den Mittelpunkt stellen. Es hilft uns nichts, es zu verschweigen! Es war eine Diktatur!

Burchardt: Sie haben ja damals in Thüringen als Ministerin auch im Kabinett von Bernhard Vogel gearbeitet. Das war sozusagen ein Westimport. Vogel hat da ja eine sehr erfolgreiche Arbeit hingelegt. War das eigentlich für ihn aus Ihrer Sicht Selbstverständlichkeit oder war das schwierig? Und wie waren die Widerstände? Kann man das vielleicht sogar als eine Metapher für die Verständigungsprobleme, die es immer wieder gibt zwischen West und Ost, darlegen?

Schipanski: Vogel hat sich sehr gut eingedacht in die Mentalität der Thüringer. Er ist mit seinen konkreten Vorstellungen aus Rheinland-Pfalz gekommen, hat sehr viel Regierungserfahrung mitgebracht und das war für uns ganz wesentlich, dass er erst mal die Strukturen kannte und diese Strukturen auch involviert hat in Thüringen. Das ist sein großes Verdienst. Hinzukommt, dass er sozusagen als Vaterfigur sehr viel von dem Frust, den die Menschen damals empfunden haben – sehr viele haben ja ihre Arbeit verloren, waren arbeitslos, unser Leben hat sich vollkommen umgekrempelt …

Burchardt: Das war die Freiheit, auch arbeitslos sein zu dürfen!

Schipanski: Das würde ich nicht so sagen, sondern es war einfach das Problem, dass unsere Betriebe nicht konkurrenzfähig waren. Denn wir hatten vorher Vollbeschäftigung und Vollbeschäftigung hieß auch, dass bei uns sozusagen 20 Prozent Parteifunktionäre, Gewerkschaftsfunktionäre und so weiter mit in den Betrieben gearbeitet haben. Und wenn Sie sich angucken die Arbeitslosenstatistiken, da waren genau diese 20 Prozent arbeitslos. Und die Betriebe haben auch sehr viel Produkte hergestellt, die zwar sehr gut waren, aber sie wurden zu Dumpingpreisen an Neckermann und an andere in Westdeutschland verkauft. Jetzt war die Grenze weg, jetzt mussten die normalen Preise bezahlt werden. Und das waren dann die Produkte nicht wert. Also, es gab schon eine Diskrepanz zwischen Ost und West, nicht nur in der Produktivität, auch im Design und im Standard. Es gibt einen Bericht von Gerhard Schürer an Honecker, der stammt vom Oktober 89 …

Burchardt: Wer war Schürer?

Schipanski: Schürer war der Vorsitzende der Staatlichen Plankommission der DDR, er hatte also das entscheidende Sagen über die Wirtschaft in der DDR. Und in diesem Bericht wird deutlich gemacht, dass die DDR am Ende ist. Man hätte wieder einen Kredit aufnehmen müssen in Westdeutschland, wenn man für diesen Kredit die Zinsen hätte bezahlen müssen, hätte der Lebensstandard in der DDR um 20 Prozent gesenkt werden müssen. Und Sie können sich vorstellen, wie der Lebensstandard war, das noch mal um 20 Prozent zu senken – und es steht ausdrücklich im Bericht! –, dann wäre die DDR unregierbar gewesen. Von den eigenen Genossen. Das hat kein Westdeutscher gesagt, das hat kein Dissident gesagt, sondern das war die eigene Einschätzung.

Burchardt: Und das wollte man nicht zur Kenntnis nehmen?

Schipanski: Es hat kaum einer gewusst. Das war im Oktober. Sie müssen sich vorstellen, da waren schon die großen Demonstrationen in Leipzig gewesen, da ist dieser Bericht abgegeben worden. Der ist nie an die Öffentlichkeit gelangt, auch Helmut Kohl kannte ihn nicht. Denn die OECD hat die DDR als zehnstärkste Weltmacht in der Wirtschaft eingeschätzt! Können Sie sich vorstellen, was ich heutzutage von manchem OECD-Bericht halte!

Burchardt: Die Währungsunion, kam die zu früh, kam die zur richtigen Zeit? Denn da ging es dann ja wirklich zur Sache, das war ja Mitte 1990.

Schipanski: Die Währungsunion war unvermeidlich. Denn …

Burchardt: Auch so früh schon, ja?

Schipanski: Auch so früh schon. Sie müssen sich in unsere Situation versetzen: Die Grenzen waren auf, sie waren gefallen. Wir konnten aber nicht nach Westdeutschland fahren, weil wir das Benzin gar nicht bezahlen konnten, wenn wir in Westdeutschland waren. Wir haben unser Essen mitgenommen, wenn wir rübergefahren sind, und haben dann irgendwo am Weg einen Rost aufgebaut, um dort zu essen.

Burchardt: Wohin sind Sie da gefahren?

Schipanski: Wir sind nach Bayern gefahren, nach Coburg und zum Staffelstein und …

Burchardt: Also grenznah.

Schipanski: … und wir haben uns erst einmal alles angesehen, was dort in der Nähe war. Unsere erste Reise sonst war nach Hessen gewesen, weil wir dort Verwandte hatten. Und insofern war die Währungsunion unumgänglich. Ich glaube auch nicht, dass die Währungsunion sozusagen die Ursache war, dass unsere Wirtschaft zusammengebrochen ist. Das hatte ich schon gesagt, die Wirtschaft war nicht in Ordnung. Und Richard Schröder hat mal gesagt, das war sozusagen der Offenbarungseid der DDR. Das hat die Währungsunion schonungslos ans Licht gebracht und ich teile diese Auffassung.

Burchardt: Wie beurteilen Sie nachträglich die Rolle der Treuhand?

Schipanski: Die ist sehr schwer zu beurteilen, weil sei zweischneidig ist. Auf der einen Seite war es natürlich verständlich, dass man sagt, man will privatisieren, um die Wirtschaft voranzutreiben und Verantwortung in die Strukturen zu bringen. Dabei hat aber meiner Meinung nach die Treuhand zu wenig darauf geachtet, welchen Trägern sie die Betriebe übergeben. Und was mich am meisten grämt, ist, dass die Bürger der DDR, die enteignet worden sind 1972, die dann ihre Betriebe zurückbekommen haben, dass die mit einem so hohen Verschuldungsgrad ausgewiesen waren, dass die dann ein zweites Mal pleite gegangen sind. Das war nicht in Ordnung. Während andere Dinge vielleicht nur vollstreckt haben, was eben an schlechter Qualität da war. Aber insgesamt hätte ich mir dort ein behutsameres Vorgehen gewünscht.

Burchardt: War denn die Einigung nach Artikel 23 der richtige Weg?

Schipanski: Ja.

Burchardt: Klare Antwort.

Schipanski: Ohne Wenn und Aber.

Burchardt: Gut!

Schipanski: Es ging nicht nur um die Würde des Amtes, sondern es geht auch darum, dass man den Geist eines Volkes aufnehmen kann und mit vertritt.

Kandidatin für das höchste Staatsamt, die Bedeutung von Politik und Wissenschaft sowie die Zukunftsaufgabe Europa

Burchardt: Sie haben dann ja eine fulminante politische Karriere hingelegt. Sie sind gar nicht in der CDU von Anfang an gewesen, wurden aber von der Union, wurden Sie in die Kandidatur, in das Amt des Bundespräsi… oder der Bundespräsidentin in dem Fall. Sie haben ein sehr gutes Ergebnis hingelegt, es hat nicht ganz gereicht gegenüber Johannes Rau. Wie ist das bei Ihnen angekommen überhaupt? Große Ehre oder auch eine Riesenverpflichtung? Ich meine, das ist ja auch mutig, dann zu sagen, okay, mache ich!

Schipanski: Ich habe damals Ja gesagt nach einigem Bedenken, weil es eine Zeit war, in der so die Gräben zwischen Ost und West wieder aufgerissen sind. Und das hat mich sehr betrübt. Weil ich schon der Auffassung war und bin, dass diese Einigung Deutschlands die hervorragende Chance für unser Volk war und ist. Und ich habe mir damals gedacht, ich kenne jetzt beide Seiten sehr gut. Ich muss dazu sagen, dass ich ja Vorsitzende des Wissenschaftsrats war, und als Vorsitzende des Wissenschaftsrats habe ich an sehr, sehr vielen Evaluierungsprozessen in den alten und in den neuen Ländern teilgenommen. Ich habe also die gesamte Wissenschaftslandschaft von Helgoland bis zur Zugspitze gekannt und von Frankfurt Oder bis hinter Frankfurt Main, also bis Saarbrücken. Und ich kannte die Industrie, weil wir unmittelbar nach dem Mauerfall als Hochschule zu Siemens gefahren sind nach München, also Hochschulangehörige, zu Siemens nach München. Wir sind zu Bosch gefahren, wir sind in alle Elektronikbetriebe gefahren, weil wir dachten, das sind unsere Partner für die Forschung! Weil in der DDR immer eine Verbindung zwischen den Betrieben und den Hochschulen war. Und dann haben wir bei den Betrieben gelernt, das ist nicht so, ihr müsst zur DFG, ihr müsst zum BMBF, das ist hier völlig anders strukturiert!

Burchardt: Ja, das ist die übliche Drittmitteldiskussion, um die es geht, na klar.

Schipanski: Genau. Und daher war das für uns sehr interessant. Also, Hewlett Packard, die haben uns bereitwillig alles gezeigt, die Strukturen. Das war für mich eine Zeit des Lernens seit 1990, die unbeschreiblich war.

Burchardt: Es gab ja einen CDU-Politiker, auch ehemaliger Ministerpräsident Baden-Württemberg, das war Herr Späth, der dann ja auch als Manager in einer Optikfirma in einem der neuen Bundesländer tätig war. Zeiss Jena, glaube ich, war es?

Schipanski: Bei Jena.

Burchardt: Wie beurteilen Sie seine Arbeit?

Schipanski: Er hat eine sehr intensive und gute Arbeit für die 90er-Jahre gemacht, weil er gesehen hat, dass dieses hervorragende Zeiss-Werk, das ja wirklich eine exzellente Qualität hatte, schlecht gemanagt worden ist und dass auch die Umgebung, in der gearbeitet wurde, einfach nicht konkurrenzfähig für die Zukunft ist. Er hat alles abreißen lassen, hat neu aufgebaut und hat auch neue Strukturen etabliert. Dabei hat er auf die alten Strukturen zurückgegriffen, hat sie aber weiterentwickelt. Und das, was er konnte, was wir nicht konnten, er konnte Geld heranorganisieren. Und das hat er getan. Und insofern …

Burchardt: Netzwerk.

Schipanski: Ja, auch das Netzwerk. Er hat also, Meißner und Wurst, das ist ja nun gerade mein Fachgebiet, Meißner und Wurst damit aufgekauft und verschiedene andere Dinge gemacht, auf so eine Idee wäre ich nie gekommen, wir waren also viel zu … Wir waren nicht im Management so zu Hause.

Burchardt: Ja, bei uns hieß er ja auch der Cleverle. Das Cleverle.

Schipanski: Ja, das hat er bei uns bewiesen. Und wenn Sie jetzt nehmen, Zeiss hat sich sehr gut entwickelt, ein Teil ist ja zurück zu Zeiss Oberkochen und die haben sehr eng mit der Universität zusammengearbeitet, das war ja mein unmittelbares Gebiet, haben dadurch fantastische neue Mikroskope entwickelt, die heutzutage auf dem Markt sehr gefragt sind. Jena Optik hat sich auch etabliert und stabilisiert, ist heute einer der gefragtesten Partner auf der Welt, eben auch für Präzisionsgeräte.

Burchardt: Ihnen ist ja in der CDU dann etwas widerfahren, was man niemandem wünschen kann: Sie waren einerseits 99 Kandidatin und dann wurden Sie plötzlich auf Geheiß Ihrer eigenen Parteifreunde aus dem Wahlgremium herauskatapultiert. Was war denn da eigentlich los? Waren das thüringische Intriganten, die da am Werk waren, oder was war da los?

Schipanski: Ich finde das nach wie vor einen unglaublichen Vorgang in einer Partei und habe mich eigentlich damit auch nicht abgefunden. Es war weiter nichts, als dass ich ganz deutlich gesagt habe, ich halte sowohl Herrn Gauck als auch Herrn Wulff für geeignet als Bundespräsident, aber Herr Gauck ist aufgrund seiner Lebenserfahrung wohl mehr geeignet!

Burchardt: Sie haben in einem Interview kürzlich auch von der Würde des Amtes gesprochen und nachträglich, vermute ich mal, fühlen Sie sich auch bestätigt?

Schipanski: Aber absolut! Sie brauchen ja bloß die Entwicklung zu sehen, die dort gelaufen ist. Es ging nicht nur um die Würde des Amtes, sondern es geht auch darum, dass man sozusagen den Geist eines Volkes aufnehmen kann und mit vertritt. Und das macht Herr Gauck in hervorragender Weise!

Burchardt: Für Sie selbst käme so etwas nicht noch mal infrage?

Schipanski: Nein, ich habe jetzt diese Laufbahn abgeschlossen. Ich setze mich nach wie vor dafür ein, dass die Wissenschaft einen Stellenwert in diesem Land bekommt, der ihr zukommt, denn sie ist die Kraft, auf der eigentlich unsere Wirtschaft beruht, auf der auch sehr viel in unserem täglichen Leben beruht. Wir nehmen es einfach nicht zur Kenntnis und es herrscht nach wie vor eine große Wissenschaftsfeindlichkeit. Also, man denkt lieber an Dr. Frankenstein als an die Mondrakete. Und insofern sehe ich da nach wie vor einen großen Nachholbedarf und dafür setze ich mich ein. Und mir geht es auch um Europa. Ich leite jetzt ein Europakolleg für junge Studenten, die hervorragend Europa leben, die nicht mehr in Grenzen oder in irgendwelchen nationalem Eingebundensein denken, aber spüren, dass sie unterschiedlich sind. Sie sagen mir immer wieder, diese internationale Zusammenarbeit ist ganz schön schwer, denn wir müssen uns gegenseitig akzeptieren, wir müssen uns gegenseitig erklären, warum wir so reagieren und nicht anders. Das ist ein Wert an sich, den man eigentlich im täglichen Leben viel mehr nach außen tragen müsste und sollte, und das habe ich mir vorgenommen.

Ich schätze Frau Merkel sehr in ihrer ruhigen und besonnenen Art

Burchardt: Vielleicht haben Sie auch bei diesen Gedanken, die Sie gerade geäußert haben, auch eine Physikerin im Hinterkopf gerade mal, Frau Merkel, die ja auch in der DDR aufgewachsen ist und die ja auch Europa erklären muss und mittlerweile sehr viel Gegenwind bekommt! Wie beurteilen Sie im Augenblick die Lage der Bundeskanzlerin?

Schipanski: Ich schätze Frau Merkel sehr in ihrer ruhigen und besonnenen Art, und ihr ist es ja auch gelungen in den letzten Jahren, Deutschland doch auf einem guten Kurs zu halten. Der Kurs in Europa ist in letzter Zeit leider etwas schleudrig geworden und sie bemüht sich mit Herrn Schäuble, Stabilität in Europa fest zu verankern.

Burchardt: Ist das wirklich Stabilität in Europa oder ist das eher Stabilität in Deutschland?

Schipanski: Beide haben Europa fest im Blick und möchten Stabilität für Europa. Wie weit jetzt die Ergebnisse sind und gesehen werden, sehen wir alle selbst, wenn wir die Öffentlichkeit hören, wenn wir Medienberichte hören oder sehen, dass dieses Bemühen nicht so wahrgenommen wird, wie es angelegt ist. Ich bedaure das, man muss natürlich auch bedenken, dass heutzutage die Medien eine so dominante Rolle haben, dass man sich immer wieder überlegen muss, wie sage ich es. Deshalb habe ich ja jetzt auch probiert, noch mal darauf hinzuweisen: Europa ist eben nicht nur das Europa des Euro, Europa ist auch Kultur, Europa sind Sprachen, Europa ist Jugend, Europa sind Berufe, ist die Wissenschaft. Dass das wieder mehr in Vordergrund kommt!

Burchardt: Frau Schipanski, gibt es aber nicht auch ernst zu nehmende Gründe für die Leute, die sagen, der Euro spaltet, es entstehen neue Grenzen, es entstehen neue Geschwindigkeiten, Deutschland triumphiert im Augenblick? Ich erinnere mal an Herrn Kauder, der gesagt hat, man spricht wieder Deutsch in Europa! Das heißt, die deutsche Dominanz wird natürlich von vielen Nachbarn sehr kritisch gesehen und vor allen Dingen von denen in Südeuropa, die nun wirklich wissenschaftlich große Probleme haben!

Schipanski: Sie wird skeptisch gesehen, sagen wir mal. Was ich mit Skepsis mir ansehe, muss ich dagegen sagen, ist, dass in den südeuropäischen Ländern man viele Jahre nichts gegen eine solch hohe Jugendarbeitslosigkeit getan hat. Das ist ja nicht von heute auf morgen gekommen, das hat man ja die ganze Zeit gesehen, dass dort die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft nicht richtig ausgenutzt worden sind. Ich sehe es als eine Chance für die südeuropäischen und auch für die osteuropäischen Länder an, dass sie durch den Euro noch eine Stabilität haben und sich darin ihre eigenen Veränderungen vornehmen können. Wie diese Veränderungen aussehen könnten, das muss jedes Land selbst für sich beurteilen. Und da gebe ich den Kritikern recht, die sagen, Sparpolitik alleine ist es nicht. Wenn man beispielsweise die Bilder aus Griechenland im Moment sieht, bin ich oftmals erinnert an die DDR 1990. Und da hilft natürlich ein entsprechendes gezieltes Investitionsprogramm, um die Wirtschaft wieder zum Laufen zu bringen, aber das muss das Land selbst dann bewerkstelligen. Ich glaube, dann käme es schlecht an, wenn deutsche Industrielle dort reingehen und sagen, macht das mal so! Insofern finde ich, dass hier die eigene Initiative gefragt ist, und das muss noch mehr verinnerlicht werden.

Burchardt: Es ist ja eigentlich doch einigermaßen erstaunlich, Frau Schipanski, dass Sie eigentlich als Wissenschaftlerin sich dann doch in die Niederungen der Politik begeben haben! Was war dafür der Grund?

Schipanski: Ausschlaggebend war eigentlich die Umgestaltung der Universität von der parteigeleiteten Struktur in eine akademische Selbstverwaltung. Ich war unmittelbar nach dem Mauerfall 89, Anfang 90 dann damit beschäftigt, eine Selbstverwaltung an der Universität aufzubauen mit vielen gleichgesinnten Kollegen, und von da aus bin ich dann in den Wissenschaftsrat berufen worden und dann ging das so gleitend hinüber in die Politikgestaltung. Aber es war natürlich auch der Hintergrund, dass ich mir gesagt habe, wir haben in der DDR geschwiegen, weil wir überhaupt keine Möglichkeit mehr gesehen haben, etwas zu verändern, da habe ich mir gesagt, das mache ich nicht noch mal!

Burchardt: Aber ist denn jetzt der Bologna-Prozess nicht wiederum eine Einengung und eine Beschneidung der Freiheit der Wissenschaft?

Schipanski: Ich habe Bologna am Anfang sehr befördert, weil ich darin eine Möglichkeit gesehen habe, dass die Studenten in ganz Europa studieren können, ohne dass sie darum kämpfen müssen, dass ihre Abschlüsse anerkannt werden, dass sie beim Professor vorstellig werden müssen, darf ich jetzt dort hingehen, und der sagt dann, nein, dann musst du noch diese Prüfung machen und, und, und, und dass die Abschlüsse gegenseitig nicht anerkannt werden und die Studenten dann Semester verlieren. Das war der Hintergrund, dass wir gesagt haben, wir machen Bachelor, wir machen Master und alle Abschlüsse werden gegenseitig anerkannt!

Burchardt: Werden sie aber leider nicht!

Schipanski: Und das ist nicht eingetreten! Das ist das, was mich maßlos ärgert, was aber auch sehr viel an unseren Professoren liegt, die das einfach dann doch nicht machen wollen. Und ich bin der Auffassung, dass das Grundanliegen von Bologna nach wie vor berechtigt ist, denn es gab im Mittelalter einen europäischen Forschungsraum und einen europäischen Studierraum, wo das eben möglich war, von einer Uni zur anderen zu gehen. Und das bleibt nach wie vor meine Zielstellung. Und daran werden wir auch bei Bologna weiterarbeiten.


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