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StartseiteWissenschaft im BrennpunktSchlafende Riesen10.02.2008

Schlafende Riesen

Was geschieht, wenn die großen Eispanzer erwachen?

Kilometerdickes Eis bedeckt Grönland und die Antarktis. Lange Zeit war man davon überzeugt, dass die gewaltigen Eisschilde viel zu groß und träge seien, als dass die steigenden Temperaturen ihnen etwas anhaben könnten. Doch die Forscher haben sich getäuscht. Grönland verliert jedes Jahr zwischen 100 und 150 Kubikkilometer Eis – eine Menge, die ausreichen würde, Deutschland zwei bis drei Jahre lang mit Wasser zu versorgen.

Von Monika Seynsche

Grönland vom Satelliten aus betrachtet. (Nasa)
Grönland vom Satelliten aus betrachtet. (Nasa)

"Wir haben einen bestimmten Gletscher, der liegt nur etwa fünf Kilometer vom Jakobshavn Gletscher. Auf der Karte, in Dänisch übersetzt, heißt er: der Totengletscher. Tot, weil er sich seit Menschengedenken nicht gerührt hat. In den letzten drei vier Jahren hat er sich plötzlich in den Fjord hinaus bewegt und produziert Eisberge."

Der kleine Fischkutter tuckert durch ein Meer von Eisbrocken. Um das Schiff herum ragen Kolosse aus blau-weiß glitzerndem Eis über das dunkle Wasser, einige von ihnen so hoch wie zehnstöckige Häuser. Edvard Samuelsen Magnussen steuert zwischen den Eisbergen hindurch und stoppt den Motor. Der Kapitän der "Katak" bringt jeden Abend Touristen von Ilulissat aus zu den Eisbergen des Jakobshavn Gletscher – zur Eisfjord-Tour in der Mitternachtssonne.

"”Hier, mitten in der Mündung des Fjords, ist das Wasser etwa 1100 Meter tief. Am Anfang des Fjords brechen die Eisberge vom Gletscher ab und brauchen dann etwa ein Jahr bis sie hier an der Mündung ankommen. Dann treiben sie Richtung Norden nach Kanada, bevor die Strömung sie wieder nach Süden an Neufundland vorbei in den Atlantik bringt. Aber seit einigen Jahren schaffen sie es nicht einmal mehr bis Neufundland – sie schmelzen schon vorher.""

Eine schmale Landzunge trennt den Jakobshavn Eisfjord von Ilulissat, der drittgrößten Stadt Grönlands. Auf 69 Grad nördlicher Breite leben hier an der Westküste der Insel 6000 Schlittenhunde und 4000 Menschen: eine riesige Fischfabrik am Hafen, rundherum einige hundert bunt angestrichene Holzhäuser. Und am Horizont: Eisberge, so weit das Auge reicht. Früher hätte man von Ilulissat aus jeden Winter auf dem Meereis bis zum Nordpol laufen können, sagt Magnussen.

"In den letzten acht Jahren haben wir kein Meereis mehr gehabt. Es ist einfach zu warm. Anfang der Neunziger sind die Temperaturen im Winter noch bis auf minus 35 Grad gefallen. Jetzt schaffen sie es gerade mal bis minus 20 Grad. Es fällt kaum noch Schnee und wenn welcher fällt, taut er viel schneller weg als früher."

Leidtragende sind die Schlittenhunde. Sie kommen kaum noch zum Einsatz und viele Besitzer sparen sich inzwischen das Futter. Die steigenden Temperaturen sind an den Küsten Grönlands deutlich zu spüren. Im Landesinneren dagegen - das zumindest war jahrzehntelang die Lehrmeinung - wird sich der gewaltige, kilometerdicke Eispanzer an ein paar Grad mehr oder weniger kaum stören - viel zu groß, viel zu träge sei er, dachten die Forscher.

Der Hubschrauber steigt in die Höhe, biegt nach rechts und fliegt in einer Kurve über Ilulissat, bevor er dem Eisfjord landeinwärts folgt. Die Eisberge werden immer zahlreicher, bis zwischen ihnen kaum noch dunkle Wasserflächen zu erkennen sind. Dann steigt der Hubschrauber noch etwas höher über die Abbruchkante des Jakobshavn Gletschers und das ewige Eis beginnt. Keine Felsen, keine Seen, keine Flüsse: nur noch eine ebene weiße Fläche, die sich bis zum Horizont erstreckt.

Nach einer halben Stunde ist das Ziel erreicht. Eine Handvoll roter und gelber Zelte taucht mitten im Schnee auf. In einem der Zelte wartet ein großer Mann mit angegrautem Bart und wettergegerbtem Gesicht: Konrad Steffen.

"Die Station ist auf einer großen Holzplattform aufgebaut und auf der Holzplattform haben wir drei große Weatherports, das sind domartige Zelte, die sind sehr bequem, die haben dreifach Isolation, die haben zwei Fenster und eine Türe."

Der Klimatologe von der Universität von Colorado in Boulder hat die Forschungsstation vor 17 Jahren aufgebaut und sie, als Erinnerung an seine alte Heimat "Swiss Camp" genannt. Konrad Steffen sitzt im Küchenzelt. Ein kleiner Gasofen sorgt für Temperaturen deutlich über dem Gefrierpunkt. Auf dem Gasherd wandelt sich ein Schneeklumpen langsam in Teewasser. Daneben wartet eine lila Plastikschüssel auf den Abwasch, in Regalen: Müslipackungen, Konservendosen und große Stücke Greyerzer Käse. Im Arbeitszelt stapeln sich Kisten mit empfindlichen Messgeräten und Batterien. Auf einem handgezimmerten Tisch Papierstapel und Notebooks.

Draußen vor den Zelten erhebt sich ein Wald aus unterschiedlich hohen Metallstangen. Hier und an 24 anderen Orten auf dem Eispanzer haben Konrad Steffen und seine Kollegen Wetterstationen aufgestellt, um die klimatischen Bedingungen auf dem Eispanzer zu untersuchen. Der Forscher deutet auf einen, schon etwas schief stehenden Metallpfahl, an dessen oberem Ende ein Solarpanel, ein Windmesser und ein Temperaturfühler befestigt sind.

"Der Turm, den man hier sieht ist etwa vier, fünf Meter hoch. Als wir den gesetzt haben, war der nur drei Meter über der Eisoberfläche also die Eisoberfläche hat sich innerhalb der letzten paar Jahren um zwei Meter gesenkt. Wir haben zwei Meter Eis verloren."

Jedes Frühjahr müssten sie einige ihrer Wetterstationen umsetzen, erzählt Konrad Steffen, weil wieder so viel Eis geschmolzen sei, dass die ursprünglich tief ins Eis gerammten Pfähle Gefahr liefen, umzukippen. Die Lufttemperaturen über dem grönländischen Eispanzer sind in den vergangenen Jahrzehnten deutlich angestiegen: um bis zu 5 Grad Celsius in den Wintermonaten. Mit den wärmeren Temperaturen schmilzt mehr Eis an der Oberfläche. Besonders in den Randgebieten. Dort wird die Zone immer größer, in der im Sommer mehr Eis schmilzt, als im Winter neu hinzukommt. Genau das hatten die meisten Forscher erwartet als Reaktion des Eispanzers auf den Klimawandel. Konrad Steffen:

"Diese Schmelze hingegen lässt nicht erklären den großen Massenverlust, den wir jetzt in Grönland sehen, der von Satelliten gemessen wird. Wir verlieren in Grönland circa 100 bis 150 Kubikkilometer Eis jedes Jahr und das lässt sich nicht erklären durch das Schmelzen allein."

150 Kubikkilometer: diese Menge würde ausreichen, um die Bundesrepublik Deutschland drei Jahre lang mit Wasser zu versorgen. Verantwortlich für den Eisverlust ist neben dem Schmelzen mindestens ein zweiter Prozess.

"”Dieser Eispanzer ist nichts weiter als ein Schneehaufen, der zu Eis zusammengepresst wurde. Er ist drei Kilometer dick, mehrere hundert Kilometer breit und er verhält sich wie jeder andere Haufen auch: er wird von seinem eigenen Gewicht in die Breite gedrückt.""

Die Eismassen schöben sich dabei zum Rand Grönlands und brächen in Form von Eisbergen ins Meer, erzählt Richard Alley von der Pennsylvania State University. Das sei ein vollkommen natürlicher Prozess, betont der Geologe. Er ist einer der Hauptautoren des Kapitels "Veränderungen in Schnee, Eis und gefrorenem Boden" im neuesten UN-Weltklimabericht. Durch diesen Prozess habe Grönland immer schon Eis verloren - aber noch nie so gewaltige Mengen wie in den vergangen Jahren.

Dass Grönland zurzeit zwischen 100 und 150 Kubikkilometer Eis pro Jahr verliert, wurde vor eineinhalb Jahren klar, als die ersten Daten des neuen Satellitenpaares GRACE ausgewertet waren. Erschüttert seien sie damals gewesen, erinnert sich Konrad Steffen. Niemand habe mit solchen Mengen gerechnet. Und Richard Alley fügt hinzu, es sei einfach frustrierend, nicht zu wissen, warum auf einmal so viel Eis verloren gehe.

20 Kilometer mit dem Schneemobil vom Swiss Camp entfernt, ist Jay Zwally damit beschäftigt einen anderen Metallpfahl mit einer Antenne oben drauf wieder tief ins Eis zu setzen. Hier, näher zum Rand des Eispanzers hin, verschwinden jeden Sommer drei Meter Eis.

"”Die Antenne hier ist ein GPS-Gerät, das die genaue Position misst und sie das ganze Jahr über aufzeichnet. Damit untersuchen wir, wie schnell und wohin das Eis fließt. Im Moment bewegt es sich hier etwa 20 Zentimeter pro Tag Richtung Küste, also 80 bis 90 Meter im Jahr. Aber in den Sommermonaten verdoppelt bis verdreifacht das Eis seine Geschwindigkeit.""

Der Glaziologe vom Nasa Goddard Space Flight Centre in Greenbelt kommt seit 1996 regelmäßig nach Grönland und beobachtet mit mittlerweile acht GPS-Stationen die Bewegungen des Eises. Alle acht Stationen zeigen denselben Trend: das Eis fließt schneller als früher. Dabei fließt es nicht überall gleich schnell. Die höchsten Geschwindigkeiten erreicht es in den Eisströmen, die wie auf einem Fließband Eis aus dem Inneren des Landes zum Ozean bringen. Der schnellste von ihnen ist der Jakobshavn-Eisstrom, in der Nähe von Konrad Steffens Swiss Camp.

"Der Jakobshavn-Isbrae war schon damals der schnellste Eisstrom: sieben Kilometer 1989, 1995 hat er sich ein bisschen beschleunigt, 1996 und die folgenden Jahre hat er sich plötzlich verdoppelt die Geschwindigkeit auf 14 km und wenn man diese ganze Eismasse nimmt, die dort in den Ozean hinein fließt, abbricht als Eisberge, das sind etwa 50 km³ im Jahr."

Das ist mehr als doppelt so viel Wasser, wie die Elbe jedes Jahr in die Nordsee entlässt. Und der Jakobshavn-Gletscher ist nur einer von vielen in Grönland. Steffen:

"Wir wissen, dass beim Jakobshavn-Isbrae, bei diesem Gletscher, der sich in der Nähe vom Swiss Camp befindet, ist ein Gletscher der sehr schnell fließt, aber es muss einige andere Gletscher geben, die wir nicht mal kennen, nicht mal beim Namen kennen wahrscheinlich, die jetzt durch die Erwärmung und andere Phänomene, die wir zum Teil noch nicht recht verstehen, schneller in den Ozean fließen und dadurch den großen Eisverlust verursachen."

Warum die Gletscher auf einmal schneller fließen, das versuchen Ginny Catania und ihre Kollegen von der Universität von Texas herauszufinden. Etwa fünfzig Meter von Konrad Steffens zugigem Arbeitsplatz entfernt haben sie ihre gelben Iglu-Zelte aufgeschlagen.

"Manchmal ist das Wetter schrecklich, und dann wieder ist es wunderschön und sonnig wie heute. Wir leben hier in einem kleinen Zelt, es ist ein bisschen eng und mit der Zeit wird alles feucht und kalt, aber das Essen ist gut, wir haben eine Menge Spaß und unsere Arbeit hier ist sehr erfolgreich."

Ihre Arbeit besteht darin, mit einem Schneemobil in geraden Linien über den Eispanzer zu fahren. Im Gepäck ein mobiles Radargerät, mit dem Ginny Catania das kilometerdicke Eis durchleuchtet. Sie ist auf der Suche nach Abflussrinnen. Denn jeden Sommer nach der Schneeschmelze sammeln sich große Wassermengen in Seen auf der Eisoberfläche, bis sie plötzlich wieder verschwinden. Catania:

"”Die Seen füllen sich während des Sommers, bis sie überlaufen und das Wasser talwärts fließt. Irgendwann erreicht es dann Gletscherspalten, in denen es bis zum Fuß des Eises gelangen kann. Wir vermuten, dass das Wasser dort unten einen dünnen Film zwischen Fels und Eis bildet, auf dem der Eispanzer rutscht. Jedenfalls bewegt sich das Eis im Sommer viel schneller als im Winter.""

Das Eis bewegt sich schneller, weil es auf einer Wasserschicht rutscht. Diese Vermutung teilt Richard Alley von der Pennsylvania State University. Er erforscht seit über 20 Jahren die Beziehungen zwischen den eisbedeckten Gebieten des Planeten und dem Klimawandel. Alley:

"”Stellen Sie sich vor, Sie gießen einen Teig auf ein Waffeleisen. Er würde unter seinem eigenen Gewicht langsam in die Breite fließen. Aber wenn Sie das Eisen vorher einfetten, verteilt er sich viel schneller. Und genau das passiert in Grönland: das Eis sitzt auf dem rauen Grund, aber sobald Wasser bis zum Boden gelangt, fängt das Eis an, darauf zu gleiten.""

Jahrhundertelang befand sich der grönländische Eispanzer etwa im Gleichgewicht. Es fiel im Winter so viel Schnee, wie im Sommer verlorenging. Aber jetzt ist der eisige Riese ins Straucheln geraten und verliert mehr Eis, als er hinzugewinnt – viel mehr Eis. Die Grönlandforscher versuchen händeringend zu verstehen, was plötzlich passiert. Zwei Dinge sind offensichtlich: Erstens: Durch die höheren Temperaturen schmilzt an der Oberfläche mehr Eis. Zweitens: Die großen Eisströme bewegen sich schneller gen Küste. Vermutlich, weil in den dünneren Randbereichen des Eispanzers Schmelzwasser bis zum Boden gelangt und das Eis auf dieser Wasserschicht rutscht. Gleichzeitig könnte noch ein zweiter Prozess die Eisströme in Fahrt gebracht haben: Denn die Gletscher, die am schnellsten fließen, enden nicht an Land sondern münden im Wasser – in tiefen Fjorden oder direkt im Ozean. Einige Wasserschichten haben sich dort in den vergangenen Jahren erwärmt. Wärmeres Wasser lässt Gletscherzungen schneller schmelzen, so dass vom Innern des Eispanzers rascher neues Eis nachfließt. Und das sind nur die Prozesse, die heute schon ansatzweise verstanden sind.

José Rial hat mit Eis eigentlich gar nichts am Hut. Der Geophysiker von der Universität von North Carolina interessiert sich für Erdbeben. Trotzdem sitzt er jetzt in einem der roten Zelte des Swiss Camp und schaut auf den Bildschirm seines Notebooks. Denn etwa um das Jahr 2001 herum notierte das globale seismographische Netzwerk zum ersten Mal Erdbeben auf Grönland. Genau zu der Zeit also, da die großen Eisströme an Tempo zulegten. Diese neuen Beben will José Rial genauer untersuchen. Deshalb hat er rund um das Swiss Camp Seismometer aufgestellt. Immer wieder nehmen sie Erschütterungen wahr.

"Das scheinen genau die Momente zu sein, in denen Risse und Spalten entstehen, sich also große Eisblöcke vom Eispanzer lösen. Das passiert innerhalb von 20 Minuten, also sehr schnell."

Das grönländische Eis ist in der Mitte der Insel über drei Kilometer dick. Zu den Rändern hin wird es dünner. Und genau dieser Gürtel dünneren Eises ist es, in dem José Rials Geräte immer mehr Risse und Spalten entdecken. Rial:

"”Dieser Eisgürtel ähnelt meiner Ansicht nach dem Strebewerk in einer gotischen Kathedrale, das die schweren Wände des Hauptgewölbes stützt. Der Gürtel aus dünnerem Eis stützt das schwere Eisschild in der Mitte. Wenn er instabil wird und in den Ozean stürzt, ist der ganze Eispanzer gefährdet und könnte auseinander brechen.""

Sollte das geschehen, wären die Folgen für den Meeresspiegelanstieg und das globale Klima unabsehbar. Es ist wohlgemerkt nur eine Theorie. Was sie so beunruhigend macht, ist die Tatsache, dass sich Grönland jetzt schon ganz anders verhält, als die Forscher noch vor zehn Jahren vorhergesagt haben.

"”Vor zehn, zwanzig Jahren dachten wir, wir würden verstehen, wie Eispanzer funktionieren. Jetzt zeigen uns die verbesserten Satellitendaten, dass wir keine Ahnung hatten. Die Eispanzer reagieren viel schneller auf Veränderungen des Klimas und der Ozeane, als wir jemals für möglich gehalten hätten.""

Und das gelte nicht nur für Grönland, sagt David Vaughan vom Britischen Antarktis-Dienst in Cambridge. Auch der noch viel größere Eispanzer am anderen Ende der Welt beginne sich zu regen. Am Südpol gibt es eine Besonderheit: die Schelfeise. Das Eis bricht hier an vielen Stellen nicht direkt vom Eispanzer ab, wenn es den Ozean erreicht hat, sondern schiebt sich als Schelfeis-Platte weit aufs Meer hinaus. Solche Schelfeis-Felder kennt man auch von der antarktischen Halbinsel, jener Landzunge, die nach Südamerika hinaufragt. Und genau dort spielte sich 1995 ein gewaltiges Spektakel ab. Zunächst zerbrach das Larsen-A-Schelfeis an der Ostküste. Sieben Jahre später folgte das benachbarte Larsen-B-Schelfeis. Innerhalb von etwas mehr als einem Monat zersprang eine Fläche Eis, deutlich größer als das Saarland. Der Eisforscher Richard Alley war enorm beunruhigt. Denn die Schelfeise stabilisieren den Eispanzer. Alley:

"”Wenn sich das Eis aufs Meer oder in einen Fjord hinausschiebt, stößt es irgendwann auf eine Untiefe und wird abgebremst. Dadurch staut sich das vom Festland aus nachdrückende Eis auf und kann nicht mehr so schnell fließen.""

Die Schelfeise wirken wie Stöpsel in der Badewanne. Ihre Bremswirkung funktioniert so lange, wie das Schelfeis mit dem Kontinent verbunden ist. Bricht es weg, nehmen die Eisströme dahinter Fahrt auf. Alley:

"An einigen Stellen war das ziemlich dramatisch. Als das Larsen-B-Schelfeis 2002 zusammenbrach, sind einige der Gletscher, die von diesem Schelfeis aufgehalten worden waren, plötzlich mit der achtfachen Geschwindigkeit ins Meer geschossen."

Für den Meeresspiegel spielen die zerbrochenen Schelfeise selbst keine Rolle. Sie schwammen ja auch vor dem Abbrechen schon auf dem Wasser. Aber ohne ihre Bremswirkung könnten sich die Eisströme dahinter ungehindert in den Ozean ergießen – und das, so fürchten die meisten Forscher, mit erheblichen Folgen für den Meeresspiegel. David Vaughan vom Britischen Antarktisdienst leitet ein Forschungsprojekt, das den Status und die Stabilität des Antarktischen Eispanzers untersucht, und Aussagen über einen möglichen Meeresspiegelanstieg liefern soll. Vaughan:

"”Unseren besten Schätzungen nach steigt der Meeresspiegel im 21. Jahrhundert um vielleicht 30 Zentimeter. Je nachdem, was in Grönland und der Antarktis passiert, ist auch das Doppelte oder sogar Dreifache möglich. Wir könnten also auf einen Meeresspiegelanstieg von etwa einem Meter pro Jahrhundert kommen, auch wenn das ist nicht sehr wahrscheinlich ist.""

Die zerbrochenen Schelfeise Larsen A und Larsen B lagen an der Antarktischen Halbinsel. Diese Landzunge ragt wie eine Speerspitze aus dem ansonsten kompakten antarktischen Kontinent nach Norden. Und Norden heißt hier unten: in wärmere Regionen hinein. Auf der Halbinsel herrschte schon früher das mildeste Klima der Antarktis. In den vergangenen Jahrzehnten sind die Lufttemperaturen hier aber noch einmal deutlich angestiegen. So stark, dass auf der Halbinsel inzwischen ähnliche Prozesse am Werk sind wie in Grönland. An der Oberfläche bildet sich Schmelzwasser und fast alle Gletscher haben sich beschleunigt. Im Rest der Antarktis dagegen ist es viel zu kalt für Schmelzwasser an der Oberfläche. Die Lufttemperaturen über dem Festland haben sich auch kaum verändert. Und trotzdem ist die Halbinsel nicht der einzige Teil der Antarktis, der sich regt.

"I really like doing fieldwork in Antarctica. It is a unique place on the planet. It seems very desolate, but I would say in that desolation there is incredible beauty.”"

Bob Bindschadler ist ein hochgewachsener Mann mit Adler-Nase und grauem, fast weißem Haar. Beim Interview macht er einen sehr nüchternen Eindruck. Aber sobald er auf die Antarktis zu sprechen kommt, leuchten seine Augen. Seit über einem Vierteljahrhundert erforscht der Glaziologe vom Nasa Goddard Space Flight Centre den antarktischen Eispanzer. Meist mit Hilfe von Satellitendaten und so oft es eben geht, vor Ort.

"”Die Sonne lässt die Schneeflocken und den Schnee am Boden glitzern. Es ist eine gefrorene Welt von unglaublicher Schönheit. Die meisten Menschen, die dorthin kommen, sehen erst mal die absolute Leere – es gibt so viel, was nicht da ist. Aber je länger Sie bleiben, desto mehr erkennen Sie all die Details, die wunderschönen Schneedünen in den verschiedensten Formen. Wenn Schnee fällt, dann meist in mikroskopisch kleinen Schneeflocken, die das Licht reflektieren und die ganze Atmosphäre funkeln lassen."

Um große Teile dieser Eiswelt mache er sich nicht die geringsten Sorgen, sagt Bindschadler und meint damit die Ostantarktis, also jenes gewaltige Eisschild, das sich südlich des Indischen und Atlantischen Ozeans erstreckt. Die Ostantarktis reagiere so gut wie gar nicht auf den Klimawandel. Einige wenige Eisströme hätten sich beschleunigt, dafür seien andere langsamer geworden. In der Westantarktis, dem kleineren Eisschild südlich des Pazifiks, sei das anders. Dort liegt auch die Antarktische Halbinsel. Bindschadler:

"”Die Westantarktis macht uns die meisten Sorgen, weil sie ein mariner Eispanzer ist, das heißt der Untergrund auf dem sie ruht, liegt deutlich unterhalb des Meeresspiegels. Das Eis hier sitzt direkt auf der dünnen ozeanischen Kruste auf, durch die viel mehr Wärme aus dem Erdinneren aufsteigt als durch die dicke kontinentale Kruste, auf der Grönland und die Ostantarktis sitzen. Durch die Wärme schmilzt Eis am Fuß des Eispanzers und macht den Untergrund rutschig.""

Um zu klären, wie viel Eis in der Antarktis jedes Jahr verloren geht, hat der Glaziologe Jonathan Bamber von der Universität von Bristol zusammen mit sechs Kollegen über die vergangenen Jahre hinweg Fernerkundungsdaten gesammelt und ein regionales Klimamodell analysiert.

"”Wir haben versucht, so genau wie möglich zu bestimmen, wie viel Eis in den einzelnen Regionen der Antarktis verloren geht und wie viel neu hinzukommt. Das Ergebnis ist: die Westantarktis verliert jedes Jahr 100 bis 150 km³ Eis, während sich die Ostantarktis etwa im Gleichgewicht befindet.""

Besonders zwei Regionen der Westantarktis verändern sich zurzeit dramatisch: Neben der Antarktischen Halbinsel ist das die Amundsenbucht – eine Fläche etwa so groß wie Texas. Für David Vaughan, der versucht, den möglichen Meeresspiegelanstieg vorherzusagen, ist die Amundsenbucht die spannendere von beiden.

"”Die Amundsenbucht und die Antarktische Halbinsel zeigen etwa gleichstarke Veränderungen, aber die Amundsenbucht ist größer und enthält viel mehr Eis. Sie kann den Meeresspiegel also viel stärker in die Höhe treiben. Selbst wenn alles Eis auf der Antarktischen Halbinsel schmelzen würde - der Meeresspiegel würde um höchstens ein paar Zentimeter ansteigen. Aber die Amundsenbucht und der Rest des Westantarktischen Eispanzers enthalten genug Eis um den Meeresspiegel um fünf Meter ansteigen zu lassen. Wir müssen also dringend verstehen, warum dort so viel Eis verschwindet.""

Abgesehen von einigen Ausnahmen wie dem Jakobshavn-Gletscher enden der grönländische Eispanzer und auch der ostantarktische an Land. In der Westantarktis dagegen trifft das Eis fast überall direkt auf den Ozean. Vaughan:

"”Wir sind uns immer sicherer, dass die Veränderungen durch den Ozean hervorgerufen werden. Mehr warmes Wasser gelangt auf das Kontinentalschelf und damit in die Nähe des Eispanzers. Die zusätzliche Wärme lässt das Eis am Rand schmelzen, dann fließt neues Eis aus dem Inneren der Westantarktis nach, schmilzt, und der Eispanzer wird immer dünner. Was wir noch nicht sagen können: ist das wärmere Wasser in der Antarktis eine Folge des Klimawandels? Das wäre plausibel, aber unsere Forschungsergebnisse reichen für diese Aussage noch nicht aus. Wir müssen schauen, was in den nächsten Jahren dort unten passiert.""

Für Grönland sei diese Frage leichter zu beantworten, fügt er hinzu. Dort zweifelt kaum ein Forscher mehr daran, dass die Klimaerwärmung für das Schmelzen verantwortlich ist. Deswegen, meint auch Richard Alley von der Pennsylvania State University, sei es entscheidend, wie sich die Menschheit in Zukunft verhalte.

"”Ich mache mir große Sorgen, wenn wir so weitermachen wie bisher und alle fossilen Brennstoffe verfeuern. Dann nämlich werden wir Grönland verlieren.""


"Bei der Antarktis bin ich mir nicht so sicher. Sie könnte schnell dramatische Dinge tun, oder sie benimmt sich sehr nett. Aber wenn wir so weitermachen wie bisher und den Kohlendioxid-Gehalt deutlich in die Höhe treiben, könnten wir auf viele Meter Meeresspiegelanstieg zusteuern."

Die schlafenden Riesen in Grönland und der Antarktis sind geweckt. Jetzt ist die Frage, was sie tun werden und wann sie wieder einschlummern. Bob Bindschadler ist wenig optimistisch.

"”Ich glaube nicht dass wir die schnellsten Rückzugsraten schon gesehen haben. Meiner Einschätzung nach wird sich das Eis in Zukunft noch viel schneller zurückziehen und der Meeresspiegel immer deutlicher ansteigen. Und ich sehe nicht, wie sich das wieder umkehren sollte.""

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