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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenSchlechte Nachrichten sind gute Nachrichten17.02.2011

Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten

Medienlogik und Medienrealität

Oft entsteht durch die Medien der Eindruck, die Welt wäre ein schrecklicher Ort. Dabei soll auf Fehlentwicklungen hingewiesen werden. An der Uni Tübingen diskutierten Wissenschaftler über "Medienlogik und Medienrealität".

Von Carl-Josef Kutzbach

Das Institut für Medienwissenschaft in Tübingen schaut, nach welcher Logik Medien arbeiten.  (Stock.XCHNG / Natalie Souprounovich)
Das Institut für Medienwissenschaft in Tübingen schaut, nach welcher Logik Medien arbeiten. (Stock.XCHNG / Natalie Souprounovich)

Wenn man einen Journalisten ärgern will, muss man ihm nur vorwerfen Märchen zu erzählen. Das wird er empört von sich weisen. Aber gerade in jüngerer Zeit nähert sich die Berichterstattung dem Geschichtenerzählen an, weil die Medienforschung zeigt, dass Fakten besser behalten werden, wenn sie in eine Geschichte eingebettet werden. Der Journalistikprofessor Vinzenz Wyss von der Züricher Hochschule für angewandte Wissenschaften:

"Es ist schwer vorstellbar, dass Fakten für sich selber sprechen. Das muss man realisieren. Es braucht eigentlich immer so etwas, wie ein Narrativ, eine Erzählstruktur um Fakten irgend wie einzuordnen oder einordnen zu können. Sinn entsteht eigentlich erst durch diese narrative Struktur."

Wasserstandsmeldungen oder Börsenkurse sind nur für den reizvoll, der etwas damit anzufangen weiß, weil er am Flussufer wohnt, Kapitän oder Aktionär ist. Hier hilft also das vorhandene Wissen die Fakten einzuordnen.

Auch Gedächtnissportler erfinden eine Geschichte, wenn sie sich viele verschiedene Dinge, Ziffern oder Spielkarten merken wollen, weil die Struktur einer Geschichte tatsächlich hilft. Es geht also dabei darum, dass man durch eine Struktur, einen roten Faden Ordnung in die Fakten bringt und sie so leichter und besser einordnen und merken kann.

Oft genügen schon einzelne Worte, um eine Person, eine Tat einzuordnen. Doch Worte haben für die meisten Menschen unterschiedliche Bedeutungen, mal weniger, mal mehr. Dr. Liane Rothenberger von der Technischen Universität Ilmenau hat das untersucht. Dabei spielt die Politik als Ordnungsmacht eine wichtige Rolle. Stauffenberg war für Hitler ein Terrorist, heute gilt er als Freiheitskämpfer.

"Auf der Negativskala, wenn man die Studenten eben nach bestimmten Assoziationen dieser Begriffe fragt, stehen der Selbstmordattentäter, dann der Attentäter und auch der Terrorist - der wurde auf unserer Skala eben von Böse bis Gut - als der Böseste konnotiert. Aber es gibt auch Unterschiede, wie zwischen Freiheitskämpfer, der eigentlich relativ positiv konnotiert ist und Widerstandskämpfer, wo allein dieses Wörtchen "Widerstand" gegenüber "Freiheit" weiter in‘n negativeren Bereich rücken lässt."

Aber oft ist bei Unruhen nicht sofort klar, ob es sich um das Aufbegehren der Bürger handelt, oder um die Kämpfe rivalisierender Krimineller. Liane Rothenberger rät:


"Also neutrale Begriffe sind sicherlich sinnvoll, solange noch nicht die Position geklärt ist. Aber das Wichtige ist eigentlich, dass sich die Journalisten klar machen sollten, warum sie einen bestimmten Begriff nehmen und das auch dem Zuschauer oder Zuhörer auch transparent machen sollten. Also warum bezeichne ich jemanden der einen Anschlag verübt hat, als Terroristen, warum bezeichne ich ihn nicht als Attentäter?"

Genau dafür fehlt aber Journalisten immer häufiger die Zeit, wie Chefredakteure im Rhein-Main-Neckar Raum bei einer Befragung zugaben. Und das obwohl im Zuge der Sparmaßnahmen heute über weniger Themen berichtet wird und das obendrein meist kürzer. Damit das dem Nutzer nicht so auffällt macht man die Medien bunter, sei es durch mehr Bilder, sei es durch Abwechslung der Darstellungsformen.

Zugleich werden die Journalisten aufgefordert die Fakten in Form von Geschichten zu erzählen und Gefühle zu wecken. Infotainment, statt Information. Die Nutzer sollen gefesselt werden, während früher Medien davon ausgingen, dass der mündige Bürger sich selbst das auswähle, was ihn interessiert. Der Versuch den Nutzer zu überrumpeln ist fragwürdig; Vinzenz Wyss:
"Nun haben wir aber ein bisschen das Problem, dass das Narrative natürlich auch ein unheimlich gutes Aufmerksamkeits-Konstruktions-Mittel ist. Also es schafft viel eher Aufmerksamkeit, als wenn ich diskursiv argumentiere und mich da immer auf transparente Quellen beziehe. Da haben wir also das Problem, dass das Narrative missbraucht werden kann, um der Aufmerksamkeit Willen. Also gar nicht mit dem Ziel eigentlich zu orientieren, Sinn zu stiften, vielleicht auch aufzuklären. Das ist eine gewisse Gefahr."

Das ist nicht im Sinne der Nutzer, aber im Sinne der Verlage und Sender, denn je mehr Nutzer sie fesseln, desto mehr Werbung können sie verkaufen, desto lohnender ihr Medium. Seit die Politik die Einschaltquote zum Maß aller Dinge machte, sind auch die Öffentlich Rechtlichen Sender gezwungen ihre Programme nicht nur nach dem Nutzen für die Demokratie und die tatsächlichen Bedürfnisse ihrer Nutzer auszurichten, sondern eben auch danach, dass möglichst viele ihre Programme nutzen. Bei vielen Medien wurde Masse wichtiger als Klasse. Kommerzialisierung und Boulevardisierung sind die Folge.

Das Problem ist nur, dass Journalismus und Medien darüber entscheiden, wie wir die Welt sehen. Darum genügt es nicht eine gute Geschichte zu erzählen, sie muss auch wahrhaftig sein, also die Wirklichkeit so genau wie möglich abbilden. Da das durch Boulevardisierung, Verkürzen und Themenschwund immer weniger geschieht, sinkt das Vertrauen der Nutzer in die Medien. Die versuchen das Vertrauen durch Transparenz zurück zu gewinnen. Das gelingt nur teilweise, fand Julius Reimer, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Journalistik der TU Dortmund:

"Es gibt so was wie Quellen unter einem Beitrag, wodurch der Inhalt des Beitrags überprüfbar wird für die Leser. Das wirkt unseren ersten Ergebnissen nach offensichtlich nur im Printjournalismus. Wo hingegen Einsicht in redaktionelle Routinen und Entscheidungen und auch die Vorstellung eines Autors und seines Lebenslaufes offensichtlich vertrauensweckend wirkt mehr im Online-Journalismus."

Leser gedruckter Medien gehen offenbar davon aus, dass niemand wagen würde auf nicht existierende Quellen, oder fragwürdige Dokumente zu verweisen, während die Internetnutzer um die Manipulierbarkeit von Internetseiten wissen und deshalb auch Links zu anderen Seiten wenig Vertrauen schenken. Vertrauen entsteht jedoch, wenn jemand seinen Kopf für einen Beitrag hin hält:

"Wenn sich im Online-Journalismus ein Autor für das Veröffentlichte verantwortlich zeigt und seinen Namen und sein Gesicht zeigt dort, dann wirkt das natürlich dem Anschein von Anonymität und Manipulierbarkeit im Online-Journalismus entgegen und schafft so auch Vertrauen. Das ist unsere Interpretation der Ergebnisse."

Der Vertrauensverlust in die Medien fördert die Unsicherheit der Bürger. Das kann zu Abbestellungen führen, wie in Stuttgart, wo viele Bürger mit der Berichterstattung über Stuttgart 21 unzufrieden waren. Das zwingt die Zeitungen weiter zum Sparen, was die Vielfalt der Themen und die Gründlichkeit weiter senkt. Eine gefährliche Abwärtsspirale.
Wie problematisch das Kürzen und schlampige Wortwahl sind, macht Vinzenz Wyss an einem Beispiel deutlich:

"Wenn sie lesen in der Zeitung "Ein 23-Jähriger Moldawier hat ein dreijähriges Kind überfahren mit dem Auto", dann können sie davon ausgehen, dass die Narration schon da ist. Sehr viele Menschen werden dann denken: "Aha, ein typischer ausländischer Raser, wussten wir‘s doch immer." Wenn sie dabei stehen bleiben quasi diese Fakten zu übermitteln; und vielleicht nicht auch die Frage stellen, ja könnte er vielleicht gefahren sein, weil seine schwangere Freundin ins Spital musste, und so weiter. Also, wenn sie es quasi aus der Hand geben, die Fakten einfach ans Publikum schmeißen und dem die Narration überlassen, dann sind sie genauso verantwortungslos, wie wenn sie einfach eine Narration auswählen, eine ganz bestimmte Deutung wählen und die anderen nicht zulassen."

Genauigkeit, richtige Wortwahl und eine sorgfältige Anordnung der Fakten, so dass sie die Wirklichkeit möglichst genau so abbilden, wie sich die Geschichte zugetragen hat, das wäre das Gebot eines sorgfältigen Journalismus. Jeder Medienschaffende müsste sich eigentlich bewusst sein, dass "Geschichten erzählen" immer auch bedeuten kann, dass man flunkert.

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