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Schlicht, schwarz und museumsreif

Leipziger Madonna von Graffitistar Blek le Rat soll gerettet werden

Von Yvonne Weindel

Blek le Rats Graffiti zeigt eine Madonna mit Kind.
Blek le Rats Graffiti zeigt eine Madonna mit Kind. (Xavier Prou/Sybille Prou-Metze)

An einem Leipziger Haussockel war seit 20 Jahren ein ungewöhnliches Graffiti versteckt. Durch Zufall entdeckte es die Kulturmanagerin Maxi Kretzschmar und wusste sofort: Das ist eine kleine Sensation.

"Ich bin hier mit einem Freund langgelaufen, die Kette war runter vom Fahrrad und wir mussten halt laufen und wir gehen hier so lang, und die Plakatwand löste sich da ab, und der Frauenkopf schaut so raus - und ich so: krass."

Maxi Kretzschmar zog die Plakatfetzen weiter und zum Vorschein kam ein Schablonengraffiti: eine Madonna mit Kind.

Schwarze Sprühfarbe auf grauer Hauswand. Eine Renaissancefrau, mit langem Gewand und Hochsteckfrisur, ein Kind auf dem Arm. Gesprüht hat sie Blek le Rat – der Franzose ist ein Pionier der Streetart.

Kretzschmar: "Blek le Rat hat mir geschrieben, das ist wirklich eine Adaption von einem Caravaggio, und da steht sie halt ganz außen im Bildrand und er hat sie quasi aus diesem Bild herausgelöst und sie auf die Straße gebracht."

Niemand anderes als Maxi Kretzschmar hätte wohl besser um die Bedeutung der schwarzen Madonna gewusst. Die Hip-Hopperin beschäftigt sich auch beruflich seit Jahren mit Graffiti und schrieb sofort den Künstler in Paris an. Und welche Freude, denn Blek le Rat hatte vor 20 Jahren das Graffiti seiner Sommerliebe gewidmet: einer Bekanntschaft aus Leipzig.

Kretzschmar: "Ah, was man noch sehen kann, aber nur wenn man es weiß, kann man noch hier 'Pour Sybille', 'für Sybille' lesen. Er hat halt überall immer 'Pour Sybille' gesprüht, auch in Frankreich, immer in Kombination: diese Madonna und diese zwei Worte, 'Pour Sybille'."

Blek le Rats gesprühte Liebesbotschaft war erfolgreich, denn die verehrte Sybille ist noch heute seine Ehefrau. Die Leipziger Madonna aber ist die letzte ihrer Art, und gilt jetzt als das älteste, noch erhaltene Schablonengraffiti des berühmten Künstlers:

Kretzschmar: "Graffiti ist in diesem Fall keine Jugendsünde, kein Phänomen, das irgendwann vorbei geht, sondern der hat sich dafür entschieden, und der ist dafür auch berühmt geworden, dass er es so durchgezogen hat, dass er es weiter gemacht hat."

Blek le Rat hat 1971 in den USA sein erstes Graffiti gesehen. Doch er wollte den bunten amerikanischen Sprührausch nicht kopieren, sondern suchte nach einem eigenen Stil. In Erinnerung waren ihm die schablonengesprühten Köpfe Mussolinis geblieben, die er auf einer Italienreise als Kind entdeckt hatte. So schnitt er sich in den 80-ern die ersten Schablonen zurecht und begann in Paris zu sprühen: als Erster - auf jungfräuliche Wände.

Kretzschmar: "Sein erstes Bildrepertoire bestand aus Bananen, Panzern und Ratten. Zur Banane brauche ich, glaube ich nichts zu sagen, Andy Warhol, und heute Thomas Baumgärtel, der Bananensprüher, der bezieht sich direkt auf Blek le Rat. Genauso tut es Banksy, die Ratten, die der überall malt, sind nichts anderes als eine Hommage an Blek le Rat."

Der Künstler ist heute über 60. Er ist ein Star in der Szene. Und während Graffiti wie Hundemarken die Städte der Welt überzieht, ist seine Leipziger Madonna im grellen Sprayerzirkus eine Besonderheit geblieben: schlicht, schwarz und museumsreif.

Die Hauswand der Madonna wird jetzt saniert. Das Gerüst steht und die Arbeiten hatten schon begonnen, als Maxi Kretzschmar ihre Entdeckung macht:

Kretzschmar: "Und ich so: oh, mein Gott, habe den Bauleiter angesprochen, den Hausbesitzer gefragt und der hat es erst mal geschützt."

Maxi Kretzschmar konnte sehr schnell alle vom kostbaren Schatz überzeugen, den sie geborgen hat. Auch Kulturamt und Denkmalschutz.

Kretzschmar: "Ziel ist es, es unter Denkmalschutz zu setzen, was eine Riesenherausforderung wird, denn 21 Jahre sind im Sächsischen Denkmalschutz zu kurz."

Ein archäologisches Graffitifenster soll die Leipziger Madonna werden. Die dann am frisch sanierten Haus von einer Plexiglasplatte geschützt wird. So kann sie weiterhin an zwei Liebesgeschichten erinnern: an eine Frau und die Kunst, Wände zu besprühen.

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