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StartseiteBüchermarktSchlichter Langstreckenläufer13.04.2010

Schlichter Langstreckenläufer

Jean Echenoz: "Laufen". Berlin Verlag

Bekannt wurde der französische Schriftsteller Jean Echenoz in den 1980er-Jahren durch sein ironisches Spiel mit den Strickmustern des Spionage- und Liebesromans. Seit einigen Jahren steht nun das biografische Erzählen im Mittelpunkt seiner Arbeit. Nach dem Komponisten Maurice Ravel beschreibt Jean Echenoz in seinem Roman "Laufen" das Leben des mehrfachen tschechischen Olympiasiegers Emil Zátopek.

Von Christoph Vormweg

Emil Zátopek hatte einen unorthodoxen Laufstil. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Emil Zátopek hatte einen unorthodoxen Laufstil. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Schriftsteller, die Langstreckenläufer zu ihren Helden machen, verarbeiten meist auch eigene Erfahrungen. Nicht so der Pariser Romancier Jean Echenoz. Um sich in Emil Zátopek, die berühmte "tschechische Lokomotive", zu versetzen, ist er nicht ein Mal um den Block gejoggt:

"Ich hatte Lust über ein anderes Leben zu arbeiten, ein Leben, das sich in einem mir fremden Bereich abspielt. So fing ich an, mich für diese Sportlerlegende zu interessieren – allein schon aus dem Grund, dass ich so gut wie nichts über Sport weiß", - so Jean Echenoz im französischen Radiosender "France Culture".

"Ich wollte keine Biografie über Emil Zátopek schreiben. Mich interessierte einfach nur die andere Existenz. Also begann ich, zu recherchieren. Da es keine Gesamtdarstellung über das Leben dieses Athleten gab, bin ich methodisch vorgegangen. Ich habe in der Nationalbibliothek alle Ausgaben der Sportzeitung "L´Equipe" durchgesehen: von 1946 bis 1957, glaube ich."

Dass Jean Echenoz mit dem Ruhm Emil Zátopeks den Verkauf seines Buchs ankurbeln wolle, kann man ihm nicht unterstellen. Weder lockt der neutrale Roman-Titel "Laufen", noch setzt er den Langstreckenläufer als Heldengestalt in Szene. Im Gegenteil. Wie schon in seiner biografischen Erzählung "Ravel" erdet Jean Echenoz seine Figur im Alltäglichen. Im Detail behält er sich dabei literarische Freiheiten vor, also Ausflüge in die Fantasie.

Zu Beginn der chronologisch erzählten Lebensgeschichte ist Emil Zátopek 17 Jahre alt und arbeitet in einer Schuhfabrik. Sport verabscheut er aus Prinzip. Erst die sogenannte "große" Politik bringt ihn zum Laufen. Denn die deutsche Wehrmacht marschiert in Böhmen und Mähren ein und ordnet einen Wettkampf an: hagere einheimische "Jungs in langen Unterhosen" gegen die – wie es heißt – "Vertreter der Gattung Übermensch". Zum "heftigen Verdruss der Arier" wird Emil Zátopek Zweiter. Mehr noch: Er fällt einem Vereinstrainer auf - trotz des unorthodoxen Laufstils, der sein Markenzeichen wird:

Ein völlig unmöglicher Stil. Bei Emil hat man den Eindruck, als würde er schaufeln, mit bloßen Händen schuften, wie in Trance, wie ein Erdarbeiter. Fern aller theoretischen Vorgaben, fern jedes Gedankens an so etwas wie Eleganz, kämpft Emil sich voran, schwer, zerquält, gemartert, ruckartig. Er verhehlt nicht, wie grausam er sich müht, es ist seinem verzerrten, verkrampften, grimassierenden, fortwährend von einem Zucken heimgesuchten Gesicht eingeschrieben, wahrlich kein schöner Anblick. Er wirkt abwesend beim Laufen, auf schreckliche Weise woanders, so konzentriert, dass er nicht da ist.

Der Erzähler wahrt stets seine dezent ironische Distanz zu Emil Zátopek. Dennoch macht er aus seiner Sympathie für den Underdog, der sich nach Ende des Zweiten Weltkriegs seinen Weltruhm erläuft, keinen Hehl. Die Aschenbahn, wo er auf den Langstrecken erst den End- und dann den Zwischenspurt erfindet, wird sein Lebenselixier. Die Wettkämpfe bestimmen daher auch die dramaturgischen Spannungsbögen des Romans "Laufen": die großen Siege genauso wie die schmerzhaften Niederlagen. Das wirkt zuweilen langatmig, wären da nicht die kleinen, abseitigen, skurrilen Momente, die Jean Echenoz dieser monomanischen Existenz abgewinnt. Zátopek berührt, weil er eben nicht abhebt, weil er bescheiden und bodenständig bleibt.

"Ich denke, glaube ich, nie an den Leser an sich. Wenn ich an einen Leser denke, dann an mich selbst. Ich schreibe meine Geschichten, um mich selbst in Versuchung zu führen. Ich vertraue da ganz auf mein Unterbewusstsein. Im Grunde schreibe ich, was ich selbst lesen möchte: also eher über ernste Dinge. Meine Bücher erzählen deshalb meist düstere Geschichten, ohne jedoch ins Pathos abzudriften, ins Psychologisieren."

Düster ist im Roman "Laufen" der politische Kontext, das geknebelte Dasein: erst unter den Nazibesatzern, dann im realexistierenden Sozialismus während des Kalten Krieges. Nach seinem Aufstieg zum Leistungssportler in der Armee gehört Emil Zátopek zu den Gewinnern. Politisch ist er ein Leisetreter. Denn die Alternative zum Sport wäre Fabrikarbeit. Auch käme er nie auf die Idee, einen Wettkampf im Westen zur Flucht zu nutzen. Erst nach dem Ende seiner großen Karriere muckt er ein einziges Mal auf: während des Prager Frühlings 1968, als die Panzer des großen sozialistischen Bruders auffahren, um die demokratischen Regungen in der Tschechoslowakei zu ersticken. Inmitten der Demonstranten wird der mittlerweile 46-jährige Nationalheld erkannt und zu einer improvisierten Rede angefeuert. Und tatsächlich: der sonst so neutrale Emil Zátopek fordert die Sowjets zu einer "olympischen Feuerpause" auf und verurteilt die Invasion – was die Parteioberen natürlich in Rage versetzt. Sechs Jahre schicken sie ihn zur Arbeit in die Uranminen, was die antikommunistische Propaganda im Westen dazu nutzt, ihn zum Märtyrer zu stilisieren. Doch auch hier erzählt Jean Echenoz beharrlich gegen falsche Mythenbildungen an. Für ihn bleibt Emil Zátopek selbst in der Not ein schlichter, zurückgenommener Charakter. Und das färbt leider unweigerlich auf den Roman ab. Mit anderen Worten: Jean Echenoz kann seine literarischen Stärken nicht ausreizen: seine stilistischen Doppelbödigkeiten, sein ironisches Spiel mit den Lesererartungen, sein Gespür für die Absurditäten des Alltags. So wie Emil Zátopek ist auch der Roman "Laufen" allzu sympathisch. Das Arbeitsprinzip von Jean Echenoz jedoch lässt bald auf neue Highlights hoffen:

"Was zählt, ist die Idee, jedes Mal ein Buch gegen die vorangegangenen zu schreiben. Ich denke, das ist das Mindeste. Denn ich habe keine Lust, mich zu wiederholen: weder in der Methode noch im Aufbau oder im Gegenstand – und sei es nur aus Furcht, mich bei dem, was ich am liebsten mache, zu langweilen. Man langweilt sich ja schon genug im Leben."

Jean Echenoz: "Laufen". Roman.
Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel.
Berlin Verlag, Berlin 2009. 127 Seiten. 18 Euro.

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