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StartseiteBüchermarktSchlimmes Ende31.08.2009

Schlimmes Ende

Christoph Links: "Das Schicksal der DDR-Verlage", Ch. Links Verlag

An ein so schnelles Ende der DDR hatte niemand geglaubt: Noch im März 1990 schlossen west- und ostdeutsche Verlage Verträge über Buchlizenzen im jeweils anderen Vertriebsgebiet. Dann ging alles doch sehr schnell. Währungsunion und staatliche Vereinigung brachten den Niedergang dessen, was einmal das Herz des "Leselands" DDR war.

Von Detlef Grumbach

Ein sogenannter Mauerspecht hämmert am 12. November 1989 gegen die Berliner Mauer. (AP)
Ein sogenannter Mauerspecht hämmert am 12. November 1989 gegen die Berliner Mauer. (AP)

Vielleicht ein paar Sätze zu Links und seinem Verlag: Denn kaum einer hat in der Wende sehr schnell sehr viel DDR-Geschichte zu Tage gefördert wie "LinksDruck" – so firmierte er anfangs. Er hat die Wende mit Chroniken und aktuellen Büchern begleitet, mit seiner Schriftenreihen "Forschungen zur DDR-Gesellschaft", der Wissenschaftlichen Reihe des Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Stasi, seinen Büchern zur Geschichte des DDR-Stalinismus maßgeblich zum Verständnis der DDR beigetragen. Das war und ist der Verleger. Nun also der Autor, der sich der Geschichte der eigenen Branche und der Treuhand zuwendet.

"Die prominenten Autoren sind relativ schnell von bundesdeutschen Verlagen übernommen worden. Das Problem war das sogenannte Mittelfeld."

So der Verleger und Autor Christoph Links zur wesentlichen kulturpolitischen Bilanz des Verlagssterbens in der ehemaligen DDR, zu den Folgen für eine in Ostdeutschland verwurzelte Literatur.

"Also die Autoren, die ihre Heimat beim Mitteldeutschen Verlag, beim Hinstorff-Verlag, irgendwo hatten und die ihre verlegerische Heimat verloren haben und auch keine neue Heimat bei einem bundesdeutschen Verlag gefunden haben."

Christoph Links, Mitte 50, war noch Assistent der Geschäftsleitung des Aufbau-Verlags, als er Ende 1989 das Wagnis eines eigenen Verlags vorbereitete. An ein schnelles Ende der DDR hat niemand geglaubt, noch im März 1990 schlossen west- und ostdeutsche Verlage Verträge über Buchlizenzen im jeweils anderen Vertriebsgebiet. Dann ging alles plötzlich sehr schnell mit Währungsunion und staatlicher Vereinigung. Beide zusammen brachten den Niedergang dessen, was einmal das Herz des "Leselands" DDR war. Warum, das hat Links jetzt in einer umfangreichen Studie unter dem Titel "Das Schicksal der DDR-Verlage. Die Privatisierung und ihre Konsequenzen" untersucht.

"Wir haben einen Verlust von 90 Prozent der Arbeitsplätze in diesem Bereich, von über 90 Prozent der Unternehmen und der Kapazitäten. Gleichzeitig ist der Vertriebsbereich ausgeweitet worden. Also die Buchhandelsfläche und die Zahl der Buchhandlungen, die ist zur gleichen Zeit gestiegen, damit Vertriebskanäle für die Produkte aus dem Westen da waren."

Die Ausdehnung der Märkte für Westprodukte und die Ausschaltung der ostdeutschen Konkurrenz ist vielfach debattiert worden, auch ihre Folgen für den Produktionsstandort Neue Bundesländer und deren Steueraufkommen. Erstaunlich ist im Nachhinein aber doch, wie gründlich und schnell dieser Prozess in einer kleinen, überschaubaren Branche abgelaufen ist, deren gesamtdeutsches Zentrum einst in Leipzig lag.

Zu den Gründen, so Links, zählt auch, dass 1945 eine einheitliche Verlagslandschaft gespalten wurde und die besondere Organisation des DDR-Verlagswesens. Viele Häuser agierten in Ost und West unter denselben Namen, änderten im Osten jedoch ihre Eigentumsstruktur. Neue Verlage wurden gegründet – vor allem im Eigentum von Parteien oder Organisationen wie der Aufbau-Verlag unter der Regie des Kulturbunds. Immobilien wurden ihnen oft zur Verfügung gestellt, über Jahrzehnte von ihnen bewirtschaftet, aber nie ins Grundbuch eingetragen. Allesamt unterstanden die DDR-Verlage der Hauptverwaltung Verlage des Kulturministeriums. Sie teilte Papierkontingente zu, bestimmte auch das Profil der Programme sodass Konkurrenz ein Fremdwort blieb.

Bei alledem wirtschafteten die Verlage in einem abgeschotteten Markt durchaus effektiv, waren sie keine subventionierten Betriebe. Als dann gleichsam über Nacht die D-Mark eingeführt und die westdeutsche Buchproduktion in die ostdeutschen Läden einzog, als auch das westdeutsche Vertragsrecht plötzlich galt, änderte sich das alles abrupt.

Der Markt und die Gesellschaft, für die oft Jahre im Voraus Buchprojekte vereinbart worden waren, mit Herausgebern, Lektoren, Übersetzern, waren verschwunden. Die Verträge mussten erfüllt werden und belasteten Verlage, denen oft nicht einmal die vermeintlich eigenen Domizile tatsächlich gehörten. Noch erstaunlicher war die Folge der Vereinigung für das Lizenzrecht. Wenn ein DDR-Verlag eine Buchlizenz für die Bundesrepublik an einen westdeutschen Verlag verkauft hatte, durfte er plötzlich die eigenen Bücher nicht mehr verkaufen,

" … denn es gab ja die DDR nicht mehr und der Originalverlag in Leipzig hatte nur die Vertriebsrechte für die DDR, die für die Bundesrepublik hatte er für fünf oder sieben Jahre an einen bundesdeutschen Verlag verkauft und nun galt ja nur noch die eine große Bundesrepublik mit dem Verlag, der für diese Bundesrepublik die Lizenz hatte.""

Auf zusammen genommen knapp 100 Seiten skizziert Christoph Links zu Beginn die Rahmenbedingungen und Besonderheiten der Privatisierung und am Ende die Bilanz der Treuhand im Verlagsbereich. Wie sich die Vereinigung im Einzelnen für Firmen von A wie Ambrosius Barth bis nicht ganz zu Z, bis zum Verlag Volk und Wissen, ausgewirkt hat, stellt der Autor auf gut 250 Seiten im Hauptteil der Studie dar. Wo liegen die historischen Wurzeln der insgesamt nur 78 zugelassenen Verlage der DDR, wie sind sie in das Jahr 1990 hineingegangen und was ist aus ihnen in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum geworden? Wie lange haben sie noch existiert, von wem wurden sie übernommen, wann geschlossen, wann gingen sie in die Insolvenz. Wo liegen die Wurzeln für einen Krimi wie den um den Aufbau-Verlag?

Die klare Trennung des Großen und Ganzen von der Darstellung Verlag für Verlag macht das Buch zu einer doppelten Fundgrube: Zum einen analysiert es einen gesellschaftlichen Transformationsprozess mit allen seinen allgemeingültigen Aussagen und seinen Besonderheiten für eine besondere Branche. Zum anderen dient es als Nachschlagewerk, als wertvolles Kompendium des untergegangenen des Verlagswesens der DDR. Die Verantwortung für diesen Untergang sieht der Autor bei der Treuhand,

" … die in diesem Fall gar nicht viel liquidiert oder abgewickelt hat, sondern die einfach sehr schnell verkauft hat und verkauft vor allen Dingen an westdeutsche Konkurrenten. Ausländische Bieter sind bis auf eine Ausnahme alle ausgebremst worden und es ist dann an Häuser verkauft worden mehrheitlich, die das gleiche Programmsegment bereits bei sich hatten, die also gar nicht ihr Haus erweitern wollten, sondern die die interessanten Autoren und Rechte übernommen haben und dann die ostdeutsche Dependenz geschlossen haben.""

DDR-Verlage arbeiteten wirtschaftlich und konnten sich dennoch einen enormen Personalbestand leisten. Lektoren betreuten nur wenige Bücher im Jahr, die sorgfältig edierten Übersetzungen und Gesamtausgaben, die Reihen wie die "Bibliothek der Weltliteratur", die "Bibliothek deutscher Klassiker", die frühen Werkausgaben der im Westen noch vergessenen Exilautoren – das alles gehörte zur Kultur der DDR und war international anerkannt und geschätzt. Christoph Links:

"Da hätte man sich gewünscht, dass der Artikel 35 des Einigungsvertrags, dass die kulturelle Substanz des Ostens erhalten bleiben sollte, auch eine wirkliche praktische Umsetzung erfahren hätte, indem für diese international geschätzten Editionshäuser auch ein längerer Transformationsprozess möglich geworden wäre."

Christoph Links: Das Schicksal der DDR-Verlage. Die Privatisierung und ihre Konsequenzen, Ch. Links Verlag 2009, 352 Seiten, EUR 24,90

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