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StartseiteKultur heuteSchlingensiefs letztes Projekt02.06.2012

Schlingensiefs letztes Projekt

Sibylle Dahrendorfs Dokumentarfilm "Knistern der Zeit" über das afrikanisches Operndorf des Künstlers

Die Idee des Operndorfs in Burkina Faso war das leidenschaftliche Werk von Christoph Schlingensief. Die Filmmacherin Sibylle Dahrendorf war bei dem Projekt von Anfang an dabei. Ihr Dokumentarfilm "Knistern der Zeit" kommt nun in die Kinos.

Von Josef Schnelle

Der Künstler Christoph Schlingensief in einer Szene des Kinofilms "Knistern der Zeit": (picture alliance / dpa /Aino Laberenz/ Filmgalerie 451)
Der Künstler Christoph Schlingensief in einer Szene des Kinofilms "Knistern der Zeit": (picture alliance / dpa /Aino Laberenz/ Filmgalerie 451)

"Und jetzt tauschen. Remdogo soll ein Gesamtkunstwerk werden, in dem man lebt und die höchste Kunstform des Zusammenlebens studieren kann. Von Burkina Faso lernen. Das soll das Motto sein, das hier heute seinen Anfang nimmt. Wenn dann die ersten Besucher zu uns kommen, dann werden sie vielleicht eine Opernsängerin suchen, die ganz wunderbar singt. Aber vielleicht hören sie dann den Urschrei eines neu geborenen Kindes, das gerade in unserer kleinen Klinik im Operndorf zur Welt gekommen ist. Was für ein wunderbarer Gesang."

Die Grundsteinlegung für Christoph Schlingensiefs Operndorf 40 Kilometer von Bukina Fasos Hauptstadt Ouagadougou im Februar 2010. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, etwas zu hinterlassen das größeren Bestand haben wird als jede flüchtige Theaterinszenierung. Ein Gesamtkunstwerk mitten im vergessenen Kontinent Afrika. Schlingensief auf dem Theater, Schlingensief als Filmemacher, Schlingensief als Provokateur – er hat aus jedem seiner Projekte etwas Besonderes gemacht, auch als er Parsifal in den heiligen Hallen von Bayreuth inszenieren durfte. Selbst seinen Kampf gegen den Krebstod hat er 2009 in ein bewegendes Fluxusoratorium mit dem Titel "Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" verwandelt. Stets wollte Schlingensief die Trennmauer zwischen Kunst und Leben einreißen. Doch so weit wie mit seinem Projekt Operndorf mitten in einem der ärmsten Länder der Erde war er bisher noch nicht gegangen. Nichts weniger als die Utopie eines Gemeinwesens sollte es sein in dem Kunst und Leben eins sein sollten.

"Meine Vision von dem Platz wäre immer mit der Hoffnung verbunden, dass das anfängt, an einigen Orten zu leben durch die Leute, die da wohnen. Vor allen Dingen durch die Schule. Das wär super. Ich hab überhaupt nichts dagegen wenn 'n Nigerianer anreist und ist dann enttäuscht, weil er da nur Ziegen trifft, 'n Sportfeld und ne Riesenschule und Brunnen. Dass die dann enttäuscht sind, das zeigt ja nur, dass die gar nicht verstanden haben, was vielleicht irgendwie ne Oper ist."

Die Fernsehautorin und Dokumentarfilmerin Sibylle Dahrendorf hat seit 1998 immer wieder Schlingensiefs Projekte mit Reportagen und Beiträgen zum Beispiel für die 3Sat-Sendung "Kulturzeit" begleitet. Und so war sie auch bei dem Operndorfprojekt von Anfang an dabei. Sie dokumentiert die Suche nach einem geeigneten Platz für das Dorf an dem Christoph Schlingensief das "Knistern der Zeit" verspürt wie auf jenem Hügel, der schließlich ausgewählt wird. Der Film zeigt, wie das Dorf langsam wächst, wie sich die pure Idee in etwas materiell Fassbares verwandelt. Im Zentrum steht immer Schlingensief selbst und dessen rastlose Kreativität, die das Projekt antreibt. Natürlich wusste Sibylle Dahrendorf von Schlingensiefs Krebserkrankung und irgendwann auch, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Das Sterben und der Kampf um die verbleibende Zeit wurden zum Bestandteil des Films. Doch die positive Grundeinstellung bei der schrittweisen Verwirklichung seines Traumes verliert Schlingensief nie. Man spürt förmlich, wie er dem Dorf Leben einhaucht, das er selbst gerade mehr und mehr verliert. Mit allem verfügbaren Gerät filmt er auch selbst und ist ebenso leidenschaftlich wie manchmal auch selbstironisch, was eine Prise Humor in den Film bringt.

"Na Prima. Voll im Bild. Mach ich mal einmal in meinen Leben, steht da einer mit seiner Super-8–Kamera rum."

Im August 2010 - weniger als sechs Monate nach der Grundsteinlegung - ist Christoph Schlingensief gestorben. Seine Witwe Aino Laberenz übernahm die Leitung des Projektes. Sie hat den Bau inzwischen soweit vorangetrieben, dass im Oktober 2011 als erstes Gebäude die Schule fertiggestellt werden konnte. Die Schule hat von Anfang an eine Filmklasse. Und so endet diese beeindruckende Dokumentation mit den ersten Filmaufnahmen der Schüler, die mit ihren Kameras ebenso neugierig die Welt erkunden wie Christoph Schlingensief zu Beginn des Films. Wie geht es weiter? Diébédo Francis Kéré ein Architekt und Häuptlingssohn aus Burkina Faso, der der engste Mitarbeiter Schlingensiefs gewesen ist und im Film immer wieder als dessen Gesprächspartner und Unterstützer vorkommt, gibt der Hoffnung Ausdruck, dass es weitergeht.

"Christoph ist nicht mehr da, aber die Reise geht weiter. Sein Projekt geht weiter. Er hat eine Vision gehabt, die uns zusammengebracht hat und die uns nie wieder loslässt.""

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