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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Kälte nuklearer Realpolitik28.04.2018

Schlüsse aus dem Korea-GipfelDie Kälte nuklearer Realpolitik

Der Gipfel zwischen den verfeindeten Ländern Nord- und Südkorea sei gut ausgegangen, meint Martin Fritz. Es bestehe eine historische Chance auf Tauwetter. Allerdings könnten Nordkorea und Iran daraus auch lernen, wie weit man mit nuklearen Drohgebärden komme.

Von Martin Fritz

Moon und Kim bei ihren Gesprächen in Panmunjom (AP)
Für Korea ein historisches Bild: die Staatschefs der Konfliktparteien Süd- und Nordkorea, Moon Jae-in (l.) und Kim Jong-un, im direkten Gespräch über die Zukunft ihrer Länder. (AP)
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Der innerkoreanische Gipfel am Grenzort Panmunjom hat viele symbolisch starke Bilder geliefert, die die Herzen nicht nur vieler Koreaner bewegt haben dürften. Die Führer der koreanischen Teilstaaten im ernsthaften Gespräch zu zweit auf einer Parkbank, fast wie Vater und Sohn – dieses Bild wird man nicht so schnell vergessen. Auch den hohen politischen Erwartungen ist die Begegnung zwischen Moon Jae-in und Kim Jong-un gerecht geworden. Wie erhofft hat Kim die Ziele einer vollständigen Denuklearisierung und einer schrittweisen Abrüstung bestätigt.

Wirklich überraschend kommt das allerdings nicht: Denn Kim hat die Verhandlungen mit Südkorea in der Absicht geführt, ein Gespräch mit den USA zu erreichen. Die Belohnung für den guten Ausgang dieses Korea-Gipfels ist das erste Treffen eines nordkoreanischen Staatschefs mit einem US-Präsidenten. Danach haben Kims Vater und Großvater vergeblich gestrebt. Daher kommt die wahre Nagelprobe für die Kompromissbereitschaft des jungen Führers erst später.

In Korea könnte es bald Tauwetter geben

Aber man sollte diese historische Chance auf ein Ende des Kalten Krieges in Korea auch nicht kleinreden. Jeder Schritt aufeinander zu ist ein Schritt weg vom Abgrund des Krieges. Am 38. Breitengrad stehen sich zwei bis an die Zähne bewaffnete Bruderstaaten gegenüber. Ein neuer Konflikt würde Millionen von Menschen töten.

Nach 65 Jahren Eiszeit könnte für die beiden Koreas nun eine Zeit anbrechen, wie sie das geteilte Europa in den 1970er-Jahren erlebt hat. Damals wurde durch die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit das Misstrauen zwischen Ost und West abgebaut. In Korea ist der Graben noch viel tiefer: Es gibt keine regelmäßigen staatlichen Kontakte, auch keine privaten Besuche und Telefonate, nicht einmal Briefverkehr. Eine Normalisierung brächte enorme Fortschritte.

Kim wird seine Bomben lieben

Allerdings besteht das Kernproblem darin, dass Nordkorea mit Denuklearisierung etwas Anderes meint als seine Nachbarn und die USA. Präsident Trump stellt sich einen Tausch der Atomwaffen gegen einen Friedensvertrag vor. Aber die Beispiele Irak und Libyen haben Nordkorea gezeigt, dass eine Sicherheitsgarantie der USA nicht viel wert ist. Atomraketen sieht das Kim-Regime als seine beste Lebensversicherung. Ihr Besitz verleiht zudem zusätzliches Erpressungspotenzial.

Ganz nüchtern betrachtet hat doch erst Nordkoreas Nuklearrüstung die jetzige Gipfeldiplomatie ermöglicht: Die USA lassen sich nur deswegen auf Gespräche ein, weil sie sich durch die Atomraketen so bedroht fühlen wie nie zuvor. Kim wird seine Bomben lieben – sie haben ihm verschlossene Türen geöffnet und aus einem Paria einen gefragten Gesprächspartner gemacht. Dank dieser Waffen kann Kim auch seine Gegner gegeneinander ausspielen. Den USA könnte er zum Beispiel anbieten, seine Langstreckenraketen zu verschrotten, falls er ein paar Atomwaffen behalten darf. Das wäre für die USA attraktiv, aber für deren Partner Südkorea und Japan unerträglich. Ohne seine Atomraketen wäre Kim auf der Weltbühne nur ein Statist.

Welche Lehren wird der Iran daraus ziehen?

Die Kälte dieser nuklearen Realpolitik ist das Bedrückende an der Entwicklung in Korea. Nur wer die Bombe besitzt, ist unangreifbar und gewinnt an Ansehen und Macht – das ist die Lehre, die jeder skrupellose Staatschef aus dem Beispiel Nordkorea ziehen wird. Der Iran wird Donald Trump dankbar sein, falls die USA aus dem Atom-Deal aussteigen. Sollte das Mullah-Regime sich Atomraketen verschaffen können, käme es aus seiner Sicht endlich auf Augenhöhe mit Israel.

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Kim für seine Atomrüstung nicht belohnt werden darf. Der junge Diktator wähnt sich in einer Position der Stärke und fühlt sich der Supermacht USA ebenbürtig. Ihm diese Illusion zu nehmen, ist die eigentliche Herausforderung für die nächsten Gipfeltreffen. Der sprunghafte Trump wird dies nicht schaffen. Am ehesten könnte Südkoreas Präsident Moon die nötige Geduld und Überzeugungskraft dafür aufbringen.

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