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StartseiteBüchermarktSchmutzig, derb und schrill12.04.2004

Schmutzig, derb und schrill

DBC Pierre über Jesus von Texas

<em> Diese Geschichten sind wahr, sie sind zumindest eine Zusammenfassung von Dingen, die passiert sind. Man bräuchte ein paar Stunden, um die ganze Geschichte zu erzählen. Angeschossen, aber nicht schwer verletzt, wurde ich als Kind von einem Jungen aus der Nachbarschaft in Mexico. Eine Woche später waren wir wieder Freunde. Das war eine durch und durch mexikanische Erfahrung. Wir sind mit Waffen und Drogen aufgewachsen. Es begann mit der Krankheit meines Vaters. Ich war sechzehn, und er musste das Land wegen einer Tumor-Behandlung verlassen, meine Mutter begleitete ihn. So blieb ich alleine zurück in einem Haus mit Dienstpersonal, Autos, Swimmingpool.

Christoph Schmitz

DBC Pierre, "Jesus von Texas", Coverausschnitt (Aufbau Verlag)
DBC Pierre, "Jesus von Texas", Coverausschnitt (Aufbau Verlag)
<p>Meine Freunde sind in dieser Woche bei mir eingezogen, und wir haben eine Party gestartet, die die nächsten 12 Jahre dauern sollte. Danach hatte ich eine Menge auf dem Kerbholz, ich habe mir alles mögliche ausgeliehen, habe gestohlen, um mir Drogen zu beschaffen. Es war ein vollständiges Desaster. Wie alle Eltern um ihre Kinder, waren auch meine Eltern um mich besorgt. Ich habe eine sehr anständige und liebenswerte Familie, alles war sehr schön. Da gab es nur diesen einen Moment in der sehr verwundbaren Adoleszenz, der mich auf die falsche Spur gebracht hat, und meine kompletten 20er Lebensjahre gingen dabei drauf, bis die Situation kulminierte und ich schließlich in therapeutische Behandlung ging. <br /><br />Dann bedurfte es noch einmal zehn Jahre, für den Versuch eine Arbeit zu finden und in ein vernünftiges Leben hineinzukommen, bevor ich schließlich aus reiner Frustration und Ärger über mich selbst begann, meinen Roman "Jesus von Texas" zu schreiben, nur um zu sehen, ob ich etwas zustande brächte, das mich in kreativer Hinsicht erfüllte und mich auf einen Weg führte, dem ich folgen könnte. </em><br /><br />Sauber ist dbc Pierre heute, was seine kriminelle Karriere betrifft, auch wenn er sich selbst noch als schmutzig bezeichnet: <em>Dirty but clean</em> – die Initialen sind der Vorname seines Pseudonyms: d, b, c. Als Peter Finlay, Sohn englischerstämmiger Eltern, wurde dbc Pierre 1961 in Australien geborgen, aufgewachsen ist er Mexico, wo sein Vater als Wissenschaftler für die UN arbeitete, heute lebt dirty Pierre, der von Tabak und Alkohol nicht lassen kann und sich den Schmutz unserer Zeit literarisch vorgenommen hat, in Irland.<br /><br /><em> Als ich 1999 anfing das Buch zu schreiben, schaute ich mich um und sah, dass, mehr als Bäume und Vögel, US-amerikanische Bilder und Verhaltensweisen mein täglichen Leben umgaben. Ich war mit aus den USA generierten kommerziellen Bildern konfrontiert, wie sie auch das Fernsehen liefert. Es scheint, als sickere die Tinte dieser Kultur in den Rest der Welt. Das sind nicht nur schlechte Dinge. Aber mir wurde das alles sehr langweilig. Ein spezieller Teil der Medien, vor allem das Material aus Hollywood, erschien mir mehr und mehr wie eine endlose langweilige Wiederholung eines Versprechens von Freiheit. Verbunden mit meiner eigenen Frustration war das der Auslöser für meinen Roman. </em><br /><br />Das Fernsehen spielt eine zentrale Rolle beim Fortgang der Geschichte in dbc Pierres Roman <em>Jesus von Texas</em>. In der texanischen Kleinstadt Martirio ist ein Jugendlicher, Jesus Navarro, Amok gelaufen. Zuerst hat er sechzehn seiner Mitschüler, dann sich selbst erschossen. Sein bester Freund, Vernon Little, gerät nach den Morden - hier beginnt der Roman - in den Blick der Polizei, der Einwohner, der Fernsehanstalten, die Martirio verkabelt haben und die Ereignisse, die Stimmungen und Stimmungsmache brühwarm in die Wohnzimmer des Landes transportieren. Der vermeintliche Reporter Lally will im Fernsehgeschäft groß raus kommen und wartet mit scheinbar sensationellen Enthüllungen über den unschuldigen Vernon auf, um auf ihn den Verdacht der Mittäterschaft zu lenken, was ihm auch gelingt: Vernon der Sündenbock einer obszönen Gesellschaft. Fast am Ende des Romans wartet Vernon in der Todeszelle auf die Giftinjektion – fast am Ende, aber es geht ja noch ein paar entscheidende Seiten weiter. Der spätpubertierende 15 Jahre alte Junge ist der Erzähler seiner Geschichte voller korrupter, böser, sensations- und erfolgslüsterner Figuren, deren Machenschaften er mit Abscheu, Sarkasmus und Verzweiflung hellsichtig kommentiert.<br /><br /><em> Es ist eine Art impressionistisches Porträt unserer Zeit. Aber es ist gemalt mit Medienzitaten. Das ist ein wichtiger Schlüssel zum Buch. Denn manche Leute sehen es als ein Porträt der amerikanischen Kultur und des amerikanischen Lebens. Tatsächlich aber ist es ein Gemälde, das Eindrücke des amerikanischen Lebens nutzt, so wie es uns im Fernsehen erzählt wird. Vernons Welt ist insofern weniger eine reale Welt, sondern zusammengeschnitten aus all den grässlichen Dingen, die wir im Fernsehen, in den Nachrichten sehen. Vernons Leben selbst wird quasi zu einem Fernsehfilm, und er selbst hat das Gefühl in einem Fernsehfilm zu stecken, und alle Informationen über das Leben erhält er aus dem Fernsehen. </em><br /><br />Eine Satire über die Hysterien unserer Zeit also ist dbc Pierres <em>Jesus von Texas</em>, über die Hysterie des Medienrummels, des Karriere- und Konsumwahns und eine Satire über den Ausverkauf aller Moral, dem sogar der Held erliegt. Genussvoll taumelt der Autor dabei durch eine Sprache, die seinem Pseudonym alle Ehre macht. Schmutzig, derb, schrill ist der Slang des Ich-Erzählers, bis zur Maniriertheit aufgeladen seine Bildsprache, schamlos kalkuliert sind die Effekte.<br /><br /><em> Ich liebe den Klang der Sprache. Ich bin ein richtiger Fan von Dialekten und Jargons. Ich liebe die Art und Weise, mit der wir Sprache umformen. Es war eine wahre Freude in dieser Umgangssprache eines 15jährigen Jungen zu schreiben. Aber ich frage mich etwas, woran bisher noch niemand gedacht hat, ich weiß nicht, ob es stimmt: Meine ganze Kindheit habe ich in Mexico verbracht, ein Ort voller Farben, voller Reize und Anreize. Die lateinamerikanische Kunst, Literatur und Kultur haben etwas davon. Man spürt, dass die Lautstärke hier hochgedreht ist, was eine Reaktion auf diese ungeheuer strahlende und vibrierende Welt sein könnte. Und ich frage mich, ob mein Text in dieser Hinsicht nicht ein auf Englisch geschriebener lateinamerikanischer Roman ist. </em><br /><br />Ein Adoleszenzroman ist <em>Jesus von Texas</em> auf jeden Fall, der den hoffnungslos ungleichen Kampf des Knaben mit seinen wild gewordenen Hormonen schildert. Er sieht die ganze Welt gegen sich verbündet, Martirio ist sein Martyrium. Zuerst die Passion seines besten Freundes Jesus. Und jetzt wollen sie ihn, Vernon, ans Kreuz schlagen.<br /><br /><em> Das hat zu tun mit den Schießereien an amerikanischen Schulen. Das Konzept für den Roman entstand 1999, als die Waffengeschichten und Morde an Schulen in den USA zunahmen und später unglücklicherweise über den Atlantik nach Deutschland schwappten. So kam ein sehr trauriges und bitteres Phänomen zum Vorschein, dass nämlich junge Menschen in jener sehr verwundbaren Zeit der Adoleszenz förmlich explodierten unter einer bestimmten Art von Druck. Und da hat sich mir die quälende Frage danach gestellt, was diesen Druck verursacht und wie er funktioniert. Ist es der viel zu frühe Zwang unserer Kultur sich einzufügen, erfolgreich zu sein, sich kommerziellen Vorstellungen anzupassen? <br /><br />Dabei hatte ich den Gedanken, dass die unschuldigen Figuren in meinem Roman in gewisser Weise für unsere Sünden sterben, wie Jesus für uns gestorben ist. Es sind nämlich Kinder, die vor dem Fernseher aufgewachsen sind, deren Eltern zu sehr damit beschäftigt waren, erfolgreich zu sein, als dass sie Zeit mit ihren Kindern hätten verbringen können. Die Kinder waren auf sich selbst zurückgeworfen, und ihr psychisches und emotionales Leben hat Wendungen genommen, die sie schließlich zu jenen tragischen Momenten geführt haben. Für mich ist das ganze eine Art biblischer Resonanzraum. Schon darum, weil die Geschichte in einem Land spielt, das wie kein anderes den Namen Gottes im Munde führt, das sich selbst von Gott bestärkt fühlt, so sehr, dass sogar die Dollarnote, die um die ganze Welt kreist, von Gott geweiht ist. Insofern sind wir Erwachsene es, die wir durch unseren Druck diese Kinder kreuzigen. </em><br /><br />Doch Vernon, der zum Tode verurteilte, ersteht von der Todesbank wieder auf, wenn auch nicht im christlichen Sinne. Er rettet sich, indem er die verlogene Sprache seiner Schinder zu sprechen gelernt hat. Böser kann man den pervertierten Zeitgeist nicht aufs Korn nehmen. <br /><br />DBC Pierre<br /><strong> Jesus von Texas</strong><br />Aufbau, 384 S., EUR 19,90</p>

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