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StartseiteBüchermarktSchmutzig, schrill und kompromisslos14.05.2010

Schmutzig, schrill und kompromisslos

Jonas T. Bengtsson: "Submarino". Klett Cotta

"Submarino" ist packender, teils verstörender Realismus: kein intellektueller Überbau. Der Autor folgt den triebhaften Bewegungen seiner beiden Ich-Erzähler dahin, wo das Leben schmutzig, schrill und kompromisslos ist.

Von Imogen Reisner

Junkie setzt Schuss (AP Archiv)
Junkie setzt Schuss (AP Archiv)

Ich denke nicht mehr an meine Familie.
Meine Mutter, ihre Männer, ihren Tod.
Ich denke nicht mehr an meinen Bruder, der nicht so allein ist wie ich.
Er hat seinen Sohn und sein Heroin.
( ... )
Ich denke nicht an meinen kleinen Bruder ohne Namen.


In diesen wenigen Zeilen, die im Kontrast zu dem, was sie ausdrücklich verneinen, so viel Sehnsucht und Verzweiflung verraten, ist alles aufgehoben, worum es in "Submarino" geht:
Die Familie und das, was davon übrig ist, falls es eine solche jemals gegeben hat.
Die Mutter als Keimzelle dreier Kinderschicksale, die von Einsamkeit, von Gewalt und Drogen gezeichnet sind.
Zwei Brüder, Leidensgenossen der Kindheit, Schicksalsgenossen in späteren Jahren in einem misslingenden Leben: Opfer und Täter, Hassende und Liebende.
Und das unsichtbare Bindeglied der Familiengeschichte, der andere, der ganz junge Bruder, der, der vom Leben nicht die Zeit bekam, ein ganzer Mensch zu werden.

"Submarino" ist der zweite Roman des jungen dänischen Autors Jonas T. Bengtsson, der bereits mit seinem Erstling ein furioses Debüt von schonungslosem Realismus hinlegte. Und wie schon in seinem Vorgänger geht es auch in "Submarino" um das Schicksal von Außenseitern, um das Leben am aussätzigen Rand einer modernen Großstadt. Doch während Aminas Briefe – die Geschichte eines jungen schizophrenen Mannes in sozialen und psychischen Grenzbezirken – gewissermaßen das Prelude abgab, spielt in "Submarino" nun das gesamte Orchester zu einer schneidend scharfen Milieustudie auf. Es ist der Werdegang zweier Brüder, die unter gnadenlosen Bedingungen aufwachsen. Schon als Kinder mehr oder weniger sich selbst überlassen, erleben sie ihr Dasein als Erwachsene nun als dauerhafte Lebensbedrohung.

Nick ist Bodybuilder und haust als Ex-Knacki in einem heruntergekommenen Wohnheim am Rande Kopenhagens. Sein Alltag besteht aus hartem körperlichem Training und zwölf Quadratmetern Privatsphäre, die er täglich mit enormen Mengen Alkohol wässert. Den Mangel an Gefühlen lässt er sich mit den sexuellen Instantdiensten seiner Zimmernachbarin kaschieren. Während Nick sich manche Tage mit zwielichtigen Gestalten bis auf die Knochen prügelt, kümmert er sich andererseits mit rührender Unbeholfenheit um den verwahrlosten Bruder seiner Ex-Freundin.

Nicks jüngerer Bruder ist Junkie und alleinerziehender Vater eines fünfjährigen Sohnes. Er liebt sein Kind über alles und setzt seine gesamten Kräfte dafür ein, dass es dem Kleinen an nichts fehlt, soweit ein schwer heroinabhängiges, ungesichertes Leben das zuläßt. Dabei lebt er in der pausenlosen Angst, seinen Jungen an die staatlichen Erziehungsorgane zu verlieren, falls seine Drogensucht entdeckt wird.

Bengtsson erzählt, nach einem etwas schleppenden Einstieg, vom Alltag der beiden Brüder in kurzen prägnanten Kapiteln, die der Dynamik eines täglich vom Absturz bedrohten, oft in illegalen Räumen angesiedelten Lebens Rechnung tragen. Mit den Schlaglichtern auf das Hier und Jetzt verschränkt er Rückblenden in die Kindheit und Jugend seiner Protagonisten, die veranschaulichen, welch komplexer, gleichwohl tragischer Logik das Leben folgt.

Was bedeutet es, ein Junkie zu sein? Kann man dem Leben auch ohne Arbeit, Wärme, Geborgenheit noch einen Funken Menschenwürde abtrotzen?
Und wie wird man zu dem, was man ist? Sind die psychologischen Gesetzmäßigkeiten menschlicher Entwicklung aufhebbar? Kann man die Kausalität von In- und Output durchbrechen? Genau das versuchen Bengtssons beschädigte Helden mit dem Mut der Verzweiflung immer wieder: ein wenig Normalität zu leben.

Einen "Dogma-Film zwischen Buchdeckeln" nannte Spiegel Online Bengtssons Erstling. "Dogma", ein 1995 von dänischen Filmregisseuren aufgestelltes Manifest, das sich vor allem gegen die zunehmende Entfremdung des Kinos von der Wirklichkeit richtet. So ist es wahrlich kein Zufall, dass ausgerechnet Dogma-Regisseur Thomas Vinterberg derzeit "Submarino" verfilmt. Wobei der Autor dem Filmemacher schon einen Großteil der Arbeit abgenommen hat, denn sein Text ist eine Montage aus eindringlichen szenischen Momentaufnahmen, die in rasantem Tempo aufeinanderfolgen: Schlag auf Schlag gewährt uns Bengtsson Einblicke in eine Welt auf Messers Schneide, wo nur der Moment, das Überleben, zählt. Die Schnitte sind hart wie das Leben, und das Leben – sei es auch noch so trostlos – ist aus Bengtssons Blickwinkel ein dynamisches Pulsieren.

"Submarino" ist packender, teils verstörender Realismus: kein intellektueller Überbau. Keine kunstgewerblichen Häkeldeckchen, die das illusionslose Bild schwer beschädigten Lebens abfedern könnten. Der Autor folgt den triebhaften Bewegungen seiner beiden Ich-Erzähler dahin, wo das Leben schmutzig, schrill und kompromisslos ist. Wo Gewalt Ton und Tempo diktiert. Wo Frauen nur noch Statisten sind. Wo eine raue, harsche Zärtlichkeit das Über-Leben ganz selten mit einem Hauch Wärme streift, den Untergang aber dennoch nicht verhindern kann. Und wo doch in einzelnen versteckten Winkeln ein Fünkchen Liebe gedeiht.

Sprecher:
Ich stand in der Tür und sah ihm beim Schlafen zu. Ließ ihn nicht aus den Augen. ( ... ) Er war so klein ... Ich musste mein Ohr über seinen Mund halten, um zu hören, dass er Luft holte. Ich sah ihn die ganze Nacht an. ( ... ) Konnte kaum verstehen, dass etwas so Kleines in der Lage war zu überleben. ( ... )
Und manchmal nahm ich seine Hand und drückte sie ganz zart. Nicht fest, nur so, dass es ihn ein bisschen störte und er sich mit einem leichten Seufzen im Schlaf umdrehte.

Der hoch talentierte Jungautor Bengtsson hat uns ein weiteres Werk aus der Welt der Entwurzelten und sozialen Randexistenzen geschenkt, die für die meisten von uns fremd und abschreckend ist, uns streckenweise vielleicht sogar mit Abscheu erfüllt. Die Fremde – so lernen wir – liegt nicht in Übersee, sondern gleich um die Ecke und rückt im übrigen täglich näher. Für die nachhaltigen erschütternden Einblicke in diese Welt dürfen wir Jonas T. Bengtsson sehr dankbar sein.

Jonas T. Bengtsson: "Submarino". Roman. Aus dem Dänischen von Günther Frauenlob.
Klett Cotta, Stuttgart 2009, 383 Seiten; 19,90 Euro.

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