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StartseiteForschung aktuellSchnaps ist Schnaps ...28.04.2005

Schnaps ist Schnaps ...

Wissenschaftler untersuchen Absinth

Absinth, das Modegeräte der vorletzten Jahrhundertwende, ist zurück. Während früher dem Kräuterschnaps aus der Wermutpflanze sogar ein eigenes Krankheitsbild zugeschrieben wurde, ist heute der Thujon-Gehalt auf ein der Gesundheit verträgliches Maß reduziert. Mittlerweile ist allerdings umstritten, ob das Terpen aus der Wermut-Pflanze überhaupt für die Schäden des Absinths verantwortlich war. Wissenschaftler haben jetzt das grüne Getränk nach alten Rezepten destilliert und mit überraschenden Ergebnissen untersucht.

Von Volker Mrasek

Absinth-Flaschen im Musee de l'Absinthe in Motiers, im Neuenburger Val de Travers, Schweiz (AP Archiv)
Absinth-Flaschen im Musee de l'Absinthe in Motiers, im Neuenburger Val de Travers, Schweiz (AP Archiv)

Ein Caféhaus zur frühen Abendstunde. Sagen wir: in Paris, sagen wir: im ausgehenden 19. Jahrhundert. Die meisten Gäste nippen an Gläsern mit einem milchig-grünen Getränk. Es ist groß in Mode: ein Bitterlikör aus der Wermutpflanze. Besser bekannt als Absinth ...

"Die Leute sprechen auch von der "Grünen Fee". Viele verfallen ihr. Absinth gilt als Bewusstseins-erweiternd. Doch leider ruft die Droge auch anderes hervor: Depressionen, Nervenschäden, epileptische Anfälle. Die Symptome verschmelzen zu einem neuen Krankheitsbild: dem des Absinthismus. Immer häufiger warnen Ärzte vor dem blassgrünen Bitterlikör. Schließlich wird er verboten - und dadurch erst recht zur Legende ..."

Gut hundert Jahre später. Im Chemischen und Veterinär-Untersuchungsamt Karlsruhe. 2. Stock, Labor für alkoholische Getränke ...

"Also, ich hab hier einen Glaskolben. Und da tue ich das Wermutkraut rein. Und dann wird Alkohol darüber gegeben. Und das Ganze kommt dann hier rüber zur Apparatur. Und das wird dann extrahiert, gekocht."

"Das Wermut-Alkohol-Gemisch fängt jetzt zu sieden an. Und jetzt fangen dann langsam an die Alkoholdämpfe aufzusteigen. Wie ein historischer Absinth hat sein können, das versuchen wir jetzt hier zu simulieren. Und gehen genau nach dieser historischen Rezeptur vor, das heißt das Destillat, das wir da erhalten, das wird dann auch richtig auf Trinkstärke, das heißt auf 74 Volumenprozent, eingestellt."

Verkosten mag den Absinth nachher niemand. Weder Hannelore Heger, die Chemielaborantin. Noch Dirk Lachenmaier, der Leiter des Labors.

Den Karlsruhern geht es um etwas ganz anderes: Sie wollen wissen, wieviel Thujon ihr Absinth am Ende enthält. Das ist jener Stoff, der angeblich für die Giftwirkung des legendären Likörs verantwortlich war. Ein pflanzliches Terpen, das auch in den Blättern des Wermutstrauches vorkommt. Doch Lebensmittelchemiker Lachenmeier rüttelt jetzt an dieser These:

"Nach unseren Untersuchungen würde ich sagen, dass der Absinthismus nicht von Thujon hat kommen können."

Absinth ist heute wieder in der Europäischen Union zugelassen. Allerdings darf er nicht beliebig viel Thujon enthalten, sondern maximal 35 Milligramm pro Liter Likör. Eine solche Konzentration gilt als nicht toxisch, also als gesundheitlich unbedenklich. In historischen Absinthen aber sollen bis zu 260 Milligramm drin gewesen sein, also fast 8mal so viel. So steht es jedenfalls in der Literatur.

Lachenmeier konnte das nicht bestätigen, als er den Bitter nach traditionellen Rezepturen brannte:


"Wir haben in allen Produkten Gehalte gefunden, die deutlich unter den 35 Milligramm pro Litern waren, also praktisch Gehalte, die den heutigen Produkten entsprechen. Und wenn jetzt die historischen Produkte unterhalb des Grenzwerts liegen, kann man, denke ich, sagen, dass auch in diesen historischen Produkten jetzt keine toxischen Effekte zu erwarten gewesen sind."

Die Karlsruhe Befunde stehen nicht allein. Sie decken sich mit dem, was schon bei früheren Analysen uralter Absinthe herauskam. Doch wenn es nicht das Thujon gewesen ist - was war es dann?

"Das Plausibelste ist wahrscheinlich, dass es alleine der Alkohol war. Absinth enthält ja nun mal sehr hohe Alkoholkonzentrationen, typischerweise so 74 Volumenprozent. Also die Symptome, die für den Absinthismus beschrieben wurden, decken sich dann auch weitgehend mit den Symptomen des Alkoholismus."

Also war es wohl einfach nur der hohe Alkoholgehalt, der viele Absinth-Trinker einst um den Verstand brachte ...

Vorsicht also vor der Grünen Fee! Absinth mag zwar nur wenig Thujon enthalten. Aber auch heute noch ist der Bitterlikör hochprozentig ...

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