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StartseiteInterviewSchneider: Mütter bei der Frage der PID einbeziehen10.11.2010

Schneider: Mütter bei der Frage der PID einbeziehen

EKD-Ratsvorsitzender über wichtige Themen und eine Neuausrichtung

Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider hat sich für eine neue Debatte in der Evangelischen Kirche über die Präimplantationsdiagnostik ausgesprochen. Bislang sei die Einbeziehung der Mütter in den ethischen Überlegungen nicht ausreichend erfolgt.

Nikolaus Schneider im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschland, Nikolaus Schneider (AP)
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschland, Nikolaus Schneider (AP)

Dirk-Oliver Heckmann: Bischof Wolfgang Huber, er hatte über Jahre hinweg der Evangelischen Kirche ein Gesicht gegeben und noch dazu rhetorisch brilliert. Seine Nachfolgerin, die charismatische Margot Käßmann, schien, die Idealbesetzung für seine Nachfolge zu sein, bis sie wegen einer Fahrt unter Alkoholeinfluss alle ihre kirchlichen Ämter aufgab. Seitdem war es einigermaßen ruhig geworden um die Evangelische Kirche. Die Interventionen des kommissarischen Leiters der EKD, Nikolaus Schneider, fielen durch Zurückhaltung auf und drangen dementsprechend eher selten durch. Seit gestern ist er nun auch gewählter Ratsvorsitzender der EKD und damit Repräsentant von knapp 25 Millionen Protestanten. Schönen guten Morgen, Nikolaus Schneider.

Nikolaus Schneider: Schönen guten Morgen, Herr Heckmann.

Heckmann: Die einen bedauern es, andere stellen es schlicht fest, andere mögen es mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen. Die Evangelische Kirche scheint, in den letzten Monaten an Terrain, an politischem Einfluss verloren zu haben, seit dem Rücktritt von Margot Käßmann. Teilen Sie diese Einschätzung?

Schneider: Es ist sehr schwer, so was zu verobjektivieren. Aber ich mache persönlich die Erfahrung, dass wir sowohl gefragt werden, wie auch gehört werden. Das bezieht sich auf die Gespräche, die wir mit Politikerinnen und Politikern, mit Parteien, mit Verbänden führen, aber das bezieht sich auch auf Interventionen in der Öffentlichkeit. Ich kann mich nicht darüber beklagen, dass ich nicht auch zitiert werde.

Heckmann: Woran lag es denn, dass die Stimme der Evangelischen Kirche dann doch nicht so stark zu hören war wie in den vergangenen Jahren, etwa bei der Islam- oder der Integrationsdebatte?

Schneider: Das ist für mich jetzt schwer zu analysieren, aber es könnte schon damit zu tun haben, dass ich versuche, in meinen auch öffentlichen Auftritten zwar klar und deutlich zu sein, und ich kann auch klar und deutlich reden, aber gleichzeitig so zu reden, dass ich Menschen gewinne und versuche, Menschen mitzunehmen. Das erscheint dann manchmal abgewogener und ist dann nicht so spektakulär.

Heckmann: Sie sind in der Lage, sich klar und deutlich auszudrücken, in der Tat. Aber wie stark werden Sie sich denn einmischen? Wird so ein Satz wie "Nichts ist gut in Afghanistan", wie ihn Margot Käßmann geprägt hat, wird man so etwas von Ihnen hören?

Schneider: In dieser Zuspitzung hätte ich vermutlich nicht formuliert, obwohl ich ihre Kritik völlig geteilt habe, und wir waren ja dann auch in der Lage, gemeinsam mit unserem Militärbischof und dem Friedensbeauftragten ein gemeinsames Wort zu formulieren. Wir haben eine gemeinsame Erklärung erarbeitet, in der wir dann diese sehr zugespitzte Formulierung aufgenommen haben und dann argumentativ noch mal in die Öffentlichkeit gebracht haben. Das war dann nicht mal so der große Renner und die große Welle, aber es hatte durchaus Wirkung.

Heckmann: Welche?

Schneider: Vieles von dem, was wir dort gefordert haben, hat sich nachher in der öffentlichen Debatte wiedergefunden, als Argument oder als Zielvorstellung, und manches, was da in der folgenden Londoner Konferenz beschlossen wurde, deckte sich mit vielem, was wir da gesagt haben.

Heckmann: Was den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr angeht, da haben Sie selbst gesagt, es fehlten klare Ziele, es fehle ein umfassendes Konzept und eine Ausstiegsstrategie, und daher stehe die ethische Legitimation dieses Einsatzes in Frage. Das heißt, die Bundesregierung betreibt eine unethische Politik?

Schneider: Ich habe gesagt, das steht in Frage, die ethische Legitimation ist also gefährdet. Unethische Politik würde ich daraus so apodiktisch nicht folgern. Aber ich habe etwas stark gemacht, was in der Friedensdenkschrift der EKD steht. Da geht es nämlich um die Frage, wann militärische Gewalt, tötende Gewalt überhaupt legitimiert ist, denn wir wollen ja eine andere Form des Umgangs der Menschen miteinander. Da sind Kriterien benannt und eines der Kriterien ist, dass es bei Beginn schon eine klare Ausstiegsstrategie gibt, und wir merken ja auch wieder in den augenblicklichen Debatten, dass es eine solche klare Strategie nicht gibt.

Heckmann: Aber dieser Ausstieg soll ja in den nächsten Jahren – schon ab kommendem Jahr sollen einzelne Provinzen übergeben werden – begonnen werden.

Schneider: Ja, das hören wir. Aber wir hören auch andere Stimmen, die sagen, man wird sich vermutlich auf eine längere Zeit einrichten müssen. Die Klarheit ist da nicht gegeben.

Heckmann: Kommen wir mal zur Diskussion um die Atomkraft. Sie sehen die Möglichkeiten kirchlicher Einflussnahme auf die Politik zuforderst bei ethischen Fragestellungen. Zugleich kritisieren Sie die Verlängerung der Atomlaufzeiten. Ist es wirklich die Aufgabe der Kirchen, in das operative Geschäft der Energiepolitik beispielsweise sich einzumischen?

Schneider: Hier geht es ja um einige sehr grundsätzliche Fragen, die wir im Zusammenhang mit der Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke verbinden, und diese grundsätzliche Frage heißt: Was machen wir mit dem Abfall. Es gibt immer noch kein Endlager in Deutschland und die Frage nach der Sicherheit eines solchen Endlagers lässt sich im Grunde nicht hundertprozentig beantworten, obwohl man eine hundertprozentige Antwort braucht, weil dieses Zeug ja noch eine halbe Ewigkeit strahlt.

Heckmann: Aber der Abfall ist ja ohnehin da, das hat mit der Laufzeitverlängerung ja nichts zu tun.

Schneider: Der Abfall ist ohnehin da, das ist völlig richtig, aber wenn man die Laufzeiten verlängert, dann produziert man immer mehr, und wenn man schon jetzt die Erkenntnis hat, dass das eigentlich nicht geht, dann kann man nicht einfach mehr produzieren, sondern dann muss man die Mengen so gering wie möglich halten und alle Kraft darauf konzentrieren, sie dann auch so sicher wie es eben geht zu lagern.

Heckmann: Sie haben schon gesagt, dass Sie bei diesem Thema mit der Bundesregierung im Gespräch bleiben wollen und werden. Was erwarten Sie denn von ihr? Glauben Sie denn, dass sich die Bundesregierung das noch mal überlegt mit der Laufzeitverlängerung?

Schneider: Ich bin da nicht sehr optimistisch, dass die Bundesregierung da noch einmal zu einer anderen Vereinbarung kommt. Sie hat sich ja selbst in Abhängigkeit begeben durch die Verträge mit den großen Stromkonzernen und hat sich festgelegt. Gleichwohl bleibt es wichtig, dieses Thema offenzuhalten und dieses Thema auch weiter öffentlich zu diskutieren, denn wir werden sehen, was es noch an möglichen Veränderungen im Laufe der Zeit gibt. Politik ist auch immer ein offener Prozess.

Heckmann: Die Bundesregierung hat sich festgelegt mit den Verträgen mit der Atomwirtschaft, sagen Sie. Ohne Not und unter Berücksichtigung, zu starker Berücksichtigung der Interessen?

Schneider: Die Bundesregierung hat vor allen Dingen eines nicht beachtet: Wir hatten Ruhe in dieser Fragestellung. Wir hatten einen Konsens, gesellschaftlichen Konsens, der es erlaubt hätte, nun mit aller Kraft – und zwar auch unter Akzeptanz der Bevölkerung – sich den Fragen der Endlagerung zu nähern, und hier müssen wir ja zu Lösungen kommen. Dieser Konsens wurde, wie ich finde, ohne Not aufgekündigt, und das ist nicht klug gewesen.

Heckmann: Nicht klug und auch nicht verantwortlich?

Schneider: Nicht klug und ich finde, es überschreitet die Möglichkeiten dessen, was Menschen verantworten können. Ich will schon unterstellen, dass es so verantwortlich wie möglich geschehen soll, nach Meinung der Bundesregierung, natürlich auch nach Meinung der Atomwirtschaft, aber es übersteigt das Maß dessen, was Menschen leisten können, denn auch für die Ewigkeit sind wir nicht geschaffen. Das merken wir schon an unserem persönlichen Leben. Und schließlich haben wir die Erfahrung mit der Asse in Braunschweig. Da sieht man eben auch, dass dann wirtschaftliche Interessen vor Sicherheitsinteressen gehen.

Heckmann: Kommen wir zu einem anderen Thema, das Menschen leisten können, das aber Ihnen und der gesamten Gesellschaft auch auf den Nägeln brennt: zur Präimplantationsdiagnostik, also der Technik, mit der Erbkrankheiten vor dem Einpflanzen eines Embryos erkannt werden können. Hier wollen Sie den bisherigen Konsens der EKD, wonach die PID verboten bleiben soll oder verboten werden soll, verlassen. Glauben Sie denn, dass Sie da für eine Mehrheit sprechen?

Schneider: Vom Konsens der EKD kann man nicht sprechen. Es war der Konsens des Rates der EKD, der sich 2003 so festgelegt hatte. – Mir geht es darum, diese Diskussion noch mal aufzunehmen. Wenn wir im Jahre 2010 einen Beschluss von 2003 lediglich noch mal wiederholt hätten, ich glaube, dann wären wir der Situation nicht angemessen gewesen in unserem Verhalten. Die medizinische Technik hat sich weiterentwickelt und diese weiteren Entwicklungen müssen wir noch mal sehr genau zur Kenntnis nehmen. Und dann gibt es einen Aspekt, der mir sehr am Herzen liegt, der für meine Begriffe bisher zu kurz gekommen ist. Das ist die Einbeziehung der Mütter in diese ethischen Überlegungen. Denn kein Leben ist in der Petrischale so -, also die Petrischale ist ja kein Ersatz für den Uterus. In der Petrischale reift kein Mensch heran, der dann zu einer eigenständigen Persönlichkeit wird. Das geht immer nur zusammen mit der Mutter, und von daher sind ethische Überlegungen, die die Mutter nicht mit einbeziehen, auch nicht angemessen.

Heckmann: Dennoch bleibt das Problem: Wer die PID gestatten will, muss eine Grenze definieren für die Fälle, für die das möglich sein soll. Wo genau soll die aus Ihrer Sicht liegen?

Schneider: Ja, das ist genau die Problematik, die mich umtreibt. Ich habe bisher von schweren Behinderungen gesprochen, aber hier will ich auch noch mal in das Gespräch mit Fachleuten eintreten, um zu sehen, wie weit man hier wirklich Grenzen ziehen kann. Das ist die kritische Frage bei dem Ganzen, die mich nun in Frage stellt.

Heckmann: Sehen Sie nicht mittelfristig und langfristig die Gefahr, dass auch Behinderten beispielsweise das Recht auf Leben abgesprochen wird, wenn die PID erst mal legalisiert ist?

Schneider: Eine solche Gefahr will ich nicht völlig negieren, aber die halte ich für klein, denn wer meint, über diesen Weg Behinderungen sozusagen in dieser Welt abschaffen zu können, der spinnt. Das geht so überhaupt nicht. Behinderungen können durch ganz vielfältige Ereignisse geschehen, das kann durch die Geburt selber geschehen, das kann durch Unfälle geschehen, das Leben ist nun einmal so, dass wir verletzbar sind und dass einfach aufgrund etwa von Unfällen wir behindert zurückbleiben können. Das kann jedem von uns von heute auf morgen geschehen. Also Behinderung wird Teil unseres Lebens bleiben und da habe ich mich in meinem Bericht ja auch massiv für eingesetzt, denn behindertes Leben gehört in die Mitte der Gesellschaft und wir sollten nicht einer Schimäre von der völligen Leidfreiheit und Perfektion des menschlichen Lebens nachjagen. Das wird es nicht geben.

Heckmann: Über den künftigen Kurs der Evangelischen Kirche in Deutschland habe ich gesprochen mit dem neu gewählten Ratsvorsitzenden, mit Nikolaus Schneider. Herr Schneider, danke Ihnen für die Zeit, die Sie sich genommen haben.

Schneider: Bitte schön, Herr Heckmann.

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