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Schnellschuss zur Zwickauer Terrorzelle

Christian Fuchs/John Goetz: "Die Zelle. Rechter Terror in Deutschland". Rowohlt, 272 Seiten

Von Claudia van Laak

Fahndungsfotos der Mitglieder der sog. Zwickauer Zelle: Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos (v.l.).
Fahndungsfotos der Mitglieder der sog. Zwickauer Zelle: Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos (v.l.). (picture alliance / dpa /Frank Doebert)

Die Mitglieder der Zwickauer Terrorzelle mit dem selbst gewählten Namen NSU geben den Ermittlern nach wie vor Rätsel auf. Christian Fuchs und John Goetz haben intensiv recherchiert und die Biografien von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nachgezeichnet.

Ja, es das erste umfassende Buch über den Nationalsozialistischen Untergrund NSU. Das ist ein schönes Verkaufsargument. Und genau das ist das Problem. Die Rowohlt-Publikation "Rechter Terror in Deutschland - Die Zelle" wird das Schicksal jedes zu schnell geschriebenen und zu früh veröffentlichten Sachbuchs ereilen: Wenige Monate nach Erscheinen wird es überholt sein und dann für 1 Euro 99 verramscht. Aber der Reihe nach. Der gebürtige US-Amerikaner und Henri-Nannen-Preisträger John Goetz hat sich als investigativer Fernsehjournalist und Sachbuchautor einen Namen gemacht. Co-Autor Christian Fuchs gehört derselben Generation an wie die Mitglieder des Nationalsozialisten Untergrunds, ist wie sie in der DDR geboren. Er hätte die drei sogar persönlich kennen können, hat er doch eine Zeit lang in Jena gelebt.

"Wie können Menschen, die ungefähr so alt waren wie ich, zu solchen Mördern werden, ideologischen Mördern, und wie können die vor allem fast 14 Jahre lang in Deutschland im Untergrund leben. Es sind doch andere Zeiten als zu der Zeit, als die RAF aktiv waren. Es gibt Bundestrojaner, es gibt Telefonüberwachung, Rasterfahndung, alles Mögliche. Und wie schaffen Menschen das, nur 100 Kilometer von ihrer Heimat entfernt, dort zu agieren und zu leben. Diese zwei Fragen waren so, dass wir dachten, das muss doch mal aufgeklärt werden."

Es sind diese beiden Fragen, die nach Bekanntwerden der rassistischen Morde die ganze Republik bewegten. Wer das Buch liest in der Hoffnung auf eine Antwort, der wird allerdings enttäuscht. Die beiden Autoren haben sich zwar tief in die Akten gegraben, haben mit den Eltern der drei Rechtsterroristen gesprochen, mit vielen Freunden und Bekannten, sind aber leider nicht in der Lage, eine Essenz aus der Überfülle der Informationen zu ziehen. Sie bleiben an der Oberfläche. Mehr noch: Die Autoren scheinen zu glauben, die Veröffentlichung von geheimen Ermittlungsakten sei ein Wert an sich. Beispiel gefällig? Eine halbe Buchseite lang führen sie all die Gegenstände auf, die die Ermittler im Schutt des von Beate Zschäpe in die Luft gesprengten Hauses in Zwickau gefunden haben.

Einen roten Stringtanga, sieben Sonnenbrillen, diverse originalverpackte Zahnbürsten, einen Airwick-Lufterfrischer, einen Jahreskalender vom Drogeriemarkt Müller, ein Waffeleisen, einen Sandwich-Toaster, etliche 3-D-Brillen, blinkende Teufelshörner aus einem Scherzartikelladen.

Und so weiter, und so weiter. An anderen Stellen streifen die beiden Autoren wichtige Erklärungsansätze, verfolgen diese aber leider nicht weiter. Zum Beispiel: Warum ermordeten Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos eine deutsche Polizistin, nachdem sie zuvor neun Migranten exekutiert hatten. Waren ihnen in ihrem Nazi-Wahn Migranten plötzlich nicht mehr wichtig genug? Wollten sie es mit einem mächtigeren Feind aufnehmen, dem Staat? Hier zitieren Goetz und Fuchs nur aus Ermittlungsakten, ohne eigene Schlüsse zu ziehen. Wichtig ist allerdings, dass die beiden Autoren die Herkunft Beate Zschäpes aufgreifen. Die einzige Überlebende der rechtsextremistischen Terrorzelle NSU – die beiden Männer haben sich umgebracht – ist nämlich die Tochter einer Deutschen und eines Rumänen. Christian Fuchs versichert: Ich habe die Geburtsurkunde mit eigenen Augen gesehen.

"Es ist wie vieles in dieser Geschichte dieser Zelle erst mal absurd klingend, aber es stimmt. Beate Zschäpe hat einen Migrationshintergrund und ist gegen Migranten vorgegangen. Das geht nicht in einen normalen Kopf."

Beate Zschäpe eine Halb-Rumänin? Wie ist sie selber mit dieser Tatsache umgegangen? Hat sie den anderen ihren rumänischen Vater verschwiegen? Wie konnte sie angesichts ihrer eigenen südosteuropäischen Herkunft einen solchen Hass auf türkische Migranten entwickeln? Auch hier wären weiterführende Überlegungen interessanter gewesen als Geschichten über den Aufenthalt von Beate Zschäpes Mutter in Rumänien, das "süße Leben mit den Kommilitonen aus aller Welt in Bukarest". Zitatende.

Ein Verdienst hat die Veröffentlichung allerdings: John Goetz und Christian Fuchs haben es nicht bei einer Chronologie der Ereignisse belassen. Sie schildern auch das gesellschaftliche Klima Anfang der 1990er-Jahre, die Hetze auf Asylbewerber, sie weben Ereignisse wie die Pogrome in Rostock, Mölln oder Solingen mit ein. Die Autoren erinnern an Politiker wie den sächsischen Justizminister Steffen Heitmann, der auf Wunsch von Helmut Kohl Bundespräsident werden sollte, der aber aufgrund seiner – vorsichtig formuliert – missverständlichen Äußerungen zum Nationalsozialismus den Rückzug antreten musste. Dies alles macht noch einmal deutlich: Es gab einen Resonanzraum, einen gesellschaftlichen Nährboden, auf dem der rechte Terror gedeihen konnte. Erhellend auch die Hinweise auf Treffen von Rechtsextremismusexperten des Bundes und der Länder. Im Oktober 2003 – da hat die Zwicker Zelle bereits vier Migranten exekutiert – beraten sich in Schwäbisch Hall Vertreter der Landeskriminalämter, BKA-Ermittler, Staatsanwälte und Mitarbeiter des Bundesinnenministeriums.

Alle Teilnehmer der Bund-Länder-Tagung sind sich sicher, dass derzeit keine Neonazianschläge geplant würden; es gebe auch keine Hinweise darauf, dass sich Rechte Waffen oder Sprengstoff besorgten. ( ... ..) Eine Gewalt bejahende Diskussion finde in der rechtsextremistischen Szene zurzeit nicht statt.

Eine ganze Reihe von Gremien bemüht sich um die Aufklärung der Ermittlungspannen rund um die Zwickauer Zelle. Die von der Thüringer Landesregierung eingesetzte Untersuchungskommission hat bereits ihren Bericht vorgelegt – die Ergebnisse sind nicht in das Buch eingeflossen. Auch der Bundestags-Untersuchungsausschuss hat in der Zwischenzeit Bemerkenswertes zutage gefördert – zum Beispiel, wie die Suche nach den Mördern am Behördenegoismus scheiterte. Nicht zuletzt bereitet die Generalbundesanwaltschaft die Anklage gegen Beate Zschäpe und die Helfer des NSU vor. Das vorgelegte Buch "Die Zelle" ist also nur eine Momentaufnahme. Mehr Zeit und damit auch ein intensiveres Lektorat hätten dem Buch definitiv gut getan. Das Thema ist zu wichtig, um es zu verramschen.

Christian Fuchs/John Goetz: Die Zelle. Rechter Terror in Deutschland
Rowohlt
272 Seiten, 14,95 Euro
ISBN: 978-3-498-02005-7

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