• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 13:56 Uhr Wirtschafts-Presseschau
StartseiteWissenschaft im BrennpunktWie wir das Klima nicht retten 29.11.2015

Schöngerechnet Wie wir das Klima nicht retten

Zwei Grad. Soviel Klimaerwärmung kann sich die Welt noch leisten, danach wird es ungemütlich. Das Zwei-Grad-Ziel hat sich die Politik schon vor 13 Jahren gesetzt, genausolang wartet die Welt vergebens auf beherztes Gegensteuern. Nun bietet sich die nächste Gelegenheit beim UN-Klimagipfel in Paris, und diesmal, so hört man, wird der Gipfel ein Erfolg!

Von Volker Mrasek

Ausgetrocknete Böden und Wasserdampf aus Kohlekraftwerken
Begriffe wie "Negative Emissionen" und "Overshooting" bestimmen die Diskussionen vor dem Gipfel von Paris

Heißt das, die Entscheidungsträger werden endlich beschließen, was Experten für sinnvoll erachten? Unser Reporter Volker Mrasek hat sich umgehört und stieß dabei - auch in deutschen Verhandlungsvorlagen - auf Kalkulationen wie diese: Weil das Zwei-Grad-Ziel sowieso nicht mehr zu halten ist, setzen wir uns ein entspannteres Drei-Grad-Ziel und holen dann, irgendwann, das überschüssige CO2 wieder aus der Atmosphäre raus. Begriffe wie "Negative Emissionen" und "Overshooting" bestimmen die Diskussionen vor dem Gipfel und sie sind symptomatisch. Denkbar, dass sich die Welt die Zukunft auch in Paris wieder nur schönrechnet.

 


Bill Hare, Geschäftsführer von Climate Analytics, Berlin: "Wir wären sehr glücklich, wenn in Paris ein Abkommen zustande käme. Beim letzten Versuch, in Kopenhagen 2009 - das war ein traumatisches Erlebnis! Es gab viele Tränen. Monatelang."

Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung: "Paris wird nicht scheitern wie Kopenhagen. Das wird sich die politische Klasse einfach nicht erlauben können. Es werden ja noch mal alle Regierungschefs hingehen. Und es darf einfach kein Flop werden. Aber wir als Wissenschaftler müssen natürlich genau überlegen: Wann wäre ein Erfolg erzielt oder nicht?"

Wann wird Paris ein Erfolg? Kann der inzwischen 21. Welt-Klimagipfel überhaupt ein Erfolg werden?

Der Wissenschaftler Werner von Bloh vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) steht an einem Hochleistungsrechner, mit dem Klimamodelle berechnet werden. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)Ein Hochleistungsrechner am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) zur Berechnung von Klimamodellen (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Gipfel-These Nummer 1: Schon vor Paris wurde viel erreicht!

Niklas Höhne, New Climate Institute: "Der jetzige Prozess, dass Länder Vorschläge machen müssen, ist aus meiner Sicht jetzt schon ein großer Erfolg. Wir haben gesehen, dass 140 Staaten sich Gedanken gemacht haben, wie ihre Klimapolitik für die nächsten 15 Jahre aussehen wird. Das gab's vorher nie, dass so viele Länder sich gleichzeitig darüber Gedanken gemacht haben."

Niklas Höhne verfolgt die Verhandlungen schon seit vielen Jahren. In seinem Büro in Köln, beim New Climate Institute, sitzt er an seinem Rechner und blättert durch die ganzen Vorschläge der Industrie- und Schwellenländer. Sie gehen bis 2030. Es sind freiwillige Angebote! Doch die klingen zunächst einmal erfreulich:

Die Europäische Union: minus 40 Prozent beim Treibhausgas-Ausstoß; die USA: 14 bis 17 Prozent. China: will bis dahin den Gipfel seiner Emissionen erreichen. Und so weiter und so fort ...

Höhne ruft ein Computerprogramm auf. Es nennt sich Climate Action Tracker. Damit rechnet der Physiker aus, was die Länderangebote in der Summe wert sind. Und misst sie am Zwei-Grad-Ziel der Weltklimapolitik.

"Wenn man die Vorschläge, die die Länder gemacht haben, zusammenzählt und schaut, was dabei rauskommt, dann rechnen wir mit dem Climate Action Tracker aus, dass wir bei ungefähr 2,7 Grad am Ende des Jahrhunderts landen."

Eine andere Forschergruppe aus den USA kommt sogar nur auf drei Grad. Das heißt: Die Angebote, die in Paris auf dem Tisch liegen, reichen hinten und vorne nicht. Niklas Höhne, New Climate Institute:

"Sehr viel mehr muss passieren. Wir haben eine riesige Lücke schon bis 2030."

Schön, dass jetzt endlich alle bereit sind, etwas zu tun! Industrie- und Schwellenländer! Aber mit ambitioniertem Klimaschutz hat das alles noch nichts zu tun, so Höhne: "Also, alle Länder müssen unbedingt ihre Vorschläge nachbessern." Zu viel steht auf dem Spiel ...

Thomas Stocker, Professor für Klima- und Umweltphysik an der Universität Bern und einer der führenden Wissenschaftler im Weltklimarat IPCC:
"Und wenn wir so weiter machen wie bisher, ..."

Ottmar Edenhofer, Chef-Ökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung: "... dann wird uns die ganze Sache aus dem Ruder laufen. Der Unterschied zwischen zwei und drei Grad ist gewaltig! Und da reden wir nicht nur jetzt von dem Abschmelzen des Grönland-Eisschildes, sondern da reden wir vor allem auch von Produktivitätseinbrüchen etwa in Afrika oder in Asien, die gewaltig sind."

Ottmar Edenhofer, Chef-Ökonom des PIK, des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.

Am Zwei-Grad-Ziel sollte man also besser nicht rütteln. Es will auch niemand am Zwei-Grad-Ziel rütteln! Doch ist es überhaupt noch in Reichweite?

Eine kleine Figur steht auf einer Wiese und hält ein großes Thermometer in der Hand. (imago)Rütteln am Zwei-Grad-Ziel? (imago)

Gipfel-These Nummer 2: Wir können die Kurve in die Zwei-Grad-Welt immer noch kriegen! Wenn wir ab sofort Gas geben!

Das müsste dann aber, bitte schön, Vollgas sein!

"Das Zeitfenster zum Handeln schließt sich rapide. Nach 2020 müsste der Treibhausgas-Ausstoß im Grunde steil runtergehen. Wir haben jetzt 20 Jahre lang verhandelt und praktisch nichts getan zur Lösung des Problems."

Bill Hare, australischer Physiker und Geschäftsführer von Climate Analytics in Berlin, einem Büro für Klimapolitik-Beratung und Analyse.

"Warum ist das so eine große Herausforderung? Um das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten - was man erreichen muss, ist mehr oder weniger eine komplette, fundamentale Veränderung des heutigen Energiesystems. Man muss aus den fossilen Energieträgern aussteigen und so rasch wie möglich in erneuerbare Energien investieren, um die Treibhausgas-Emissionen zu senken."

Keywan Riahi, Energieexperte vom Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse in Laxenburg bei Wien. Eine radikale Kehrtwende - nur das könnte das Zwei-Grad-Ziel noch retten, sagt er.

"Es gibt ein sehr, sehr begrenztes Emissionsbudget, das wir haben für das Jahrhundert. Und alle Modellberechnungen zeigen, dass wir innerhalb der nächsten 15 Jahre 70 Prozent des Budgets verbrauchen würden für das gesamte Jahrhundert, wenn wir nicht verstärkte Klimamaßnahmen setzen."

Doch wir unternehmen immer noch die falschen Schritte!

Kohle-Kraftwerke! In die klimaschädlichen CO2-Schleudern dürfte überhaupt nicht mehr investiert werden. Auch sollten existierende Meiler möglichst früh vom Netz, wie gerade von Großbritannien entschieden. Und nicht noch verlängerte Rest-Laufzeiten bekommen wie in Deutschland. Weil sie angeblich als Reserve im Stromverbund gebraucht werden.
Ernüchterung auch anderswo, erklärt Keywan Riahi, IIASA:

"In den letzten zehn Jahren hat China so viele Kohlekraftwerke gebaut, wie Europa derzeit installiert hat. Die bauen ja auch, ich glaube, mehr als hundert Kraftwerke im Jahr, das heißt, die bauen fast zwei Kraftwerke die Woche."

Das Land mit den höchsten CO2-Emissionen hat es auch nicht eilig, diesen Trend umzukehren. Im Vorschlag für Paris steht 2030.

Das bedeutet auf Jahre hinaus weiter steigende Treibhausgas-Emissionen. Und nicht nur im Reich der Mitte. Klimaökonom Ottmar Edenhofer spricht von einer "Renaissance" des fossilen Brennstoffs Kohle. Und auch Bill Hare ist besorgt:

"Die Kohle-Renaissance, die setzt sich jetzt fort in Indien, in Ländern wie Vietnam, in Indonesien. Wir sehen im Übrigen auch in Europa, zum Beispiel in der Türkei, Pläne zum Ausbau von Kohle-Kraftwerken. Und auch in Afrika gibt's beachtliche Pläne. Insgesamt weltweit tausend Gigawatt."

Bill Hare, Geschäftsführer von Climate Analytics, Berlin: "Ottmar hat recht! Es gibt eine Renaissance der Kohle. Das ist sehr beunruhigend und aus Sicht des Klimaschutzes vollkommen verrückt! Ich weiß zum Beispiel, dass China den Bau von Kohlekraftwerken in Afrika fördert oder es jedenfalls vorhat. Selbst europäische Konzerne engagieren sich in solchen Projekten. Französische Firmen und schwedische wie Vattenfall zum Beispiel."

Ottmar Edenhofer: "Wenn nur ein Drittel davon umgesetzt werden würde, bei einer Lebenszeit von 40 Jahren dieser Kraftwerke, würde das bedeuten, dass wir um die 110 Gigatonnen CO2 in der Atmosphäre ablagern würden."

110 Milliarden Tonnen! Das ist ziemlich viel, gemessen am Budget, das uns noch bleibt. Tausend Gigatonnen - so viel dürfen wir laut Welt-Klimareport allenfalls noch ausstoßen. Ottmar Edenhofer:

"Wenn man noch hinzunimmt die Emissionen, die entstehen werden durch die Kohlekraftwerke und durch die gesamte fossile Infrastruktur, die bereits installiert und aufgebaut ist, kommen noch mal 730 Gigatonnen dazu. Das heißt also, die neuen Kohlekraftwerke und die alte Infrastruktur - damit hätten wir die 1.000 Gigatonnen schon nahezu aufgebraucht. Das zeigt im Grunde genommen die Dramatik, in der wir stehen."

Die Lage ist sogar noch dramatischer! Denn es sind gar keine tausend Gigatonnen mehr. Das war der Stand im Jahr 2011. Inzwischen passen nur noch knapp 900 Gigatonnen CO2 in den Abfalleimer Atmosphäre. Oder sogar noch weniger. Im November wurde bekannt, dass China über Jahre viel mehr Kohle verfeuert hat als berichtet - womöglich fast 20 Prozent mehr ...
Nein! Der Zug ist abgefahren! Auf dem Papier mag das Zwei-Grad-Ziel noch zu schaffen sein. Doch wenn man die Dinge realistisch betrachtet, kann es keinen Zweifel mehr geben: Die Zwei-Grad-Hürde ist längst gerissen! Keywan Riahi:

"Wir befinden uns auf einem sogenannten overshoot pathway. Und jetzt muss man sich halt Gedanken machen, wie man eventuell das Zwei-Grad-Ziel langfristig zwar erreichen kann, aber mittelfristig dieses Zwei-Grad-Ziel für eine gewisse Zeit überschreitet.

Man muss sich das so vorstellen, dass CO2 aus der Atmosphäre entnommen werden muss, wir dann ab Mitte des Jahrhunderts in sogenannte negative CO2-Emissionen reingehen, und das über Jahrzehnte."

Ein Thermometer zeigt null Grad (picture alliance / dpa /   Matthias Bein)"Um mit einiger Wahrscheinlichkeit unter zwei Grad zu bleiben, werden wir früher oder später negative Emissionen brauchen." (picture alliance / dpa / Matthias Bein)

Gipfel-These Nummer 3: Wir können es uns erlauben, vorübergehend über die zwei Grad hinauszuschießen!

Bill Hare: "Wie auch immer man das Problem inzwischen angeht: Um mit einiger Wahrscheinlichkeit unter zwei Grad zu bleiben, werden wir früher oder später negative Emissionen brauchen."

Erst Overshooting. dann negative Emissionen. Erst der stramme Weg übers Ziel hinaus, den wir gerade gehen - und auf dem wir uns auch nach Paris noch befinden werden. Dann der mühselige Weg zurück. Mathematisch betrachtet eine einfache Operation: Wer bei zwei Grad landen will und leider etwas zu viel auf der Rechnung stehen hat, muss eben später subtrahieren. Was heute plus ist, wird morgen minus. Und schon stimmt die Bilanz wieder. Ottmar Edenhofer:

"Wir haben ja dieses Mal wirklich ernsthafte Zwei-Grad-Szenarien gerechnet. Die waren ja vorher gar nicht verfügbar. Wir brauchen diese negativen Emissionen."

So steht es im jüngsten Welt-Klimabericht, an dem Ottmar Edenhofer als Leitautor mitgeschrieben hat.

Stillschweigend wissen das alle. Natürlich auch die Delegierten in Paris, nur offen spricht das keiner gerne an. Die Leute könnten denken, es sei eh schon zu spät für jedwede Klimaschutz-Anstrengung. Während also Unterhändler und Berater offiziell am Zwei-Grad-Ziel festhalten, steckt in den Hinterköpfen längst die Idee: Mit negativen Emissionen haben wir ja noch eine Notlösung für spätere Tage!

Ein gefährliches Vabanquespiel! Niemand kann heute sagen, ob es jemals klappen wird. Allein das Ausmaß, in dem Treibhausgase wieder aus der Luft gefischt werden müssten! Niklas Höhne:

"Es gibt Modelle, die sagen: bis zu 20 Gigatonnen pro Jahr. Quasi die Hälfte der heutigen Emissionen müsste aus der Atmosphäre wieder rausgenommen werden pro Jahr. 20-mal die Emission von Deutschland heute."

Gelingen soll das Ganze durch neuartige Großkraftwerke. Statt fossiler Brennstoffe verfeuern sie Biomasse, also Holzabfälle oder speziell angebaute Energiepflanzen.

Während ihres Wachstums haben die Pflanzen Kohlendioxid aus der Luft abgesaugt. Im Kraftwerk würde das CO2 wieder frei. Genau das muss verhindert werden. Die künftigen Biomasse-Meiler sollen mit CCS ausgerüstet sein, mit Carbon Capture and Storage. Das Kohlendioxid wird dabei aus dem Abgas gefischt, abtransportiert und in geeignete, poröse Gesteinsschichten tief in der Erde gepumpt, wo es dauerhaft deponiert bleibt. Netto kommt man so zu den erhofften negativen Emissionen.

BECCS nennt man solche Kraftwerke: Bioenergie mit CCS. Noch gibt es sie nicht. In Keywan Riahis Zukunftsszenarien aber schon, in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts:

"Wie viele Kraftwerke müssen wir bauen, um so viele negative Emissionen zu generieren? Sie müssen sich das vorstellen: so im Jahr zwischen 40 und 80 Biomasse-Kraftwerke global. Und die würden dann mit Kohlenstoff-Entnahme und -speicherung in Lagerstätten gebaut werden. Und das über Jahrzehnte, um das Zwei-Grad-Ziel nach einem Overshoot wieder zu erreichen."

In den Energiemodellen funktioniert das. Da kommt heraus, dass ein Biomasse-Potenzial von ungefähr 300 Exajoule vorhanden ist. Riahi:

"Global. 300 Exajoule - wie vergleicht sich das zum heutigen Energiesystem? Wir haben heute Endenergie so um die 550 Exajoule. Das ist das, was wir verbrauchen in den Haushalten und in den Industrien. Also, etwa die Hälfte des jetzigen Energiesystems kann von der Biomasse kommen. Und das ist viel mehr, als man an und für sich an negativen Emissionen in den meisten Szenarien braucht. Ich glaube, das ist ein sehr wahrscheinliches Szenario."

So weit die Theorie! Die Energie-Szenarien werden nur dann Wirklichkeit, wenn alles optimal läuft. Was sie abbilden, ist der bestmögliche technologische Fortschritt im Energiesektor. Doch werden wir ihn auch genauso erleben? Das ist keinesfalls sicher. CCS zum Beispiel ist ungemein aufwendig und den Kraftwerksbetreibern zu teuer, die Entwicklung von Anlagen stockt. Außerdem hat die Technik große gesellschaftliche Akzeptanz-Probleme. In Schleswig-Holstein zum Beispiel verhinderten massive Bürgerproteste ein geplantes Pilotprojekt. CCS gilt in Deutschland als tot.

Viele Forscher sind deshalb skeptisch. Auch Manfred Fischedick, Vize-Präsident des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt und Energie:

"Negative Emissionen bedeutet ja die Kombination von zwei Technologien, die jeweils ihre Schwierigkeiten haben. Auf der einen Seite müssen wir großmaßstäblich in die energetische Biomasse-Nutzung einsteigen. Und Biomasse ist nun 'mal ein knappes Gut auf der Erde. Ich muss sie ja anbauen, um sie dann nutzen zu können. Und um diese Fläche gibt's natürlich starke Konkurrenzen. Die Landwirtschaft, die damit konkurriert. Und das in einer Situation, wo die Weltbevölkerung ja bis 2050 noch zunehmen wird. Und dann verbinden wir das noch oder müssten das verbinden mit einer CO2-Abtrennung und -speicherung. Wo wir heute noch nicht ganz genau wissen: Wie langzeitstabil kann man das CO2 in großen Mengen denn wirklich speichern? Die Kombination aus beiden Elementen ist doch eine, von der ich sagen würde: Mir wär' lieber, wenn wir ohne auskommen würden."

Fischedick verweist auch noch auf ein anderes Problem:

"Was heißt das denn für Biodiversität, für Landschaftsschutz, für Naturschutz? Das sind, glaube ich, Fragen, die zwangsläufig hinten runterkippen müssen und dann dem Klimaschutz geopfert werden müssten. Wenn Sie sich große Biomasse-Plantagen vorstellen, dann geht das natürlich nicht ohne Auswirkungen auf die Biodiversität. Insofern hab' ich große Probleme, mir vorzustellen, dass das in ganz, ganz großen Mengen weltweit realisiert wird."

Wenn überhaupt, dann ließe sich der Konflikt um knappe Flächen nur unter ganz bestimmten Bedingungen lösen. Zum einen müsste die Landwirtschaft ihre Produktivität massiv steigern, um mehr Nahrungsmittel für mehr Menschen zu erzeugen. Und zwar in erster Linie dort, wo das stärkste Bevölkerungswachstum erwartet wird, in Entwicklungsländern und vor allem in Afrika. Dort sind aber die Böden vielfach stark degradiert.

Hühner in einer Geflügelfarm in den USA (picture alliance / dpa / Erik S. Lesser)Hühner in einer Geflügelfarm in den USA (picture alliance / dpa / Erik S. Lesser)

Zum anderen müsste der hohe Flächenverbrauch durch Viehzucht und Futtermittel-Anbau eingeschränkt werden, mahnt Hans-Joachim Schellnhuber, Direktor des PIK in Potsdam und Klimaberater der Bundesregierung:

"Wenn ich den fleischfressenden Lebensstil - ich sag's so deutlich - der Nordamerikaner oder Europäer weltweit exportiere und alle Chinesen oder gar alle Inder anfangen würden, fünfmal in der Woche Fleisch zu essen. Und sie dafür die Rinder und Schweine und was weiß ich mästen würden, mit Sojabohnen zum Beispiel aus Lateinamerika - dann natürlich ist kein Platz mehr, die Menschheit zu ernähren."

Tatsächlich wird immer mehr Fleisch gegessen. Die Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen erwartet Mitte des Jahrhunderts sogar einen Verzehr doppelt so hoch wie im Jahr 2000. Ob eine so krasse Steigerung der Tierzucht überhaupt möglich ist, bezweifeln zwar viele. Aber es zeigt klar die Richtung, in die sich die Welt wirklich bewegt.

Und das auch in anderen Bereichen: immer mehr Mobilität! Immer mehr Computer, Telefone und andere Geräte! Ein immer größerer Ressourcen- und Energieverbrauch!

Man sollte sich nichts vormachen. Politik und Wissenschaft sollten uns nichts vormachen! Paris kommt zu spät! Das Zwei-Grad-Ziel faktisch passé, ein Overshooting unabwendbar und die Idee, eine Hypothek auf die Zukunft aufzunehmen, ausgesprochen waghalsig. Die Lage ist äußerst prekär! Hans Joachim Schellnhuber:

"Eigentlich alle Ergebnisse, die wir in den letzten zehn Jahren erzielt haben, rechtfertigen, dass man sich auf keinen Fall in den Bereich jenseits der zwei Grad begeben sollte. Eher weniger sogar."

Dann nämlich könnten sogenannte Kipp-Punkte im Klimasystem erreicht sein. Und Prozesse in Gang kommen, die sich nicht mehr aufhalten lassen, warnt Schellnhuber: "Und die machen uns eigentlich wirklich Angst. Wenn Permafrost einfach 'mal aufzutauen beginnt, wenn gewisse tropische Regenwälder vielleicht sich transformieren in Savanne - dann gibt's eben kein Halten mehr." Bill Hare:

"Oder betrachten wir den Meeresspiegel-Anstieg! In den letzten Monaten sind einige sehr wichtige Studien dazu erschienen. Sie zeigen, dass sich der westantarktische Eisschild immer stärker auflöst. Und dass dieser Prozess vielleicht schon nicht mehr aufzuhalten ist."

Thomas Stocker, Professor für Klima- und Umweltphysik, Universität Bern: "Das Abschmelzen des grönländischen Eisschildes! Das ist nicht etwas, das von heute auf morgen stattfinden wird, sondern sich über viele hundert Jahre entwickeln wird. Aber wir vermuten, dass zwischen ein und vier Grad globaler Erwärmung dieser Kipp-Punkt ist."

Jenseits der Kipp-Punkte gibt es keinen Weg zurück

Angenommen, nachfolgende Generationen kriegen es eines Tages hin, CO2 massenhaft aus der Atmosphäre zu entfernen. - Dann könnte es schon zu spät sein! Jenseits der Kipp-Punkte gibt es keinen Weg zurück ...

Niklas Höhne, New Climate Institute: "Auch wenn wir dann mit der Temperatur wieder runtergehen, heißt das lange nicht, dass diese Veränderungen reversibel sind und wieder rückgängig gemacht werden können."

Hans Joachim Schellnhuber: "Das kann Ihnen niemand im Augenblick sicher beantworten."

Und doch wird mit negativen Emissionen argumentiert. Mit einer Notlösung, die uns in den Graubereich gefährlicher Kipp-Punkte führt, die niemand genau einschätzen kann.

Niklas Höhne: "Selbst zwei Grad ist noch keine gute Zukunft. Insbesondere die kleinen Inselstaaten plädieren für 1,5 Grad, weil jede Meeresspiegel-Erhöhung eben das Risiko hat, dass der gesamte Staat verloren geht."

Und dazu wird es kommen! Jüngste Studien legen nahe, dass allein die bereits losgetretene Eisschmelze in der Westantarktis genügt, um die Meerespegel langfristig um sechs Meter steigen zu lassen. Bill Hare: "Overshooting bedeutet, dass viel mehr Hitze in Richtung Antarktis fließt. Geschieht das über Jahrzehnte, könnten noch viel größere Teile des Eisschildes abschmelzen. Ich denke also, es wäre extrem unklug, sich darauf zu verlassen, dass ein Overshooting ungefährlich ist."

Ottmar Edenhofer: "Wir müssen damit aufhören, uns Sand in die Augen zu streuen! Ich wehre mich gegen diesen Vor-Paris-Zweckoptimismus, der jetzt sagt: Wir sind im Grunde genommen schon dabei, auf eine 2,7-Grad-Trajektorie zu gehen. Das tun wir nämlich nicht!"

Adé, Zwei-Grad-Ziel! Und dennoch dürfen wir das Gebot der Stunde nicht aus den Augen verlieren! Denn das bleibt bestehen: Je heißer die Erde läuft, desto höher das Risiko! Unsere Treibhausgas-Emissionen müssen schleunigst runter! Unverändert! Am Ende des Tages - wenn nichts anderes mehr geht - wären selbst drei Grad plus erstrebenswerter als eine noch wärmere und gefährlichere Vier- oder Fünf-Grad-Welt. Und selbst die Gefahr ist noch lange nicht gebannt.

"Wenn die Versprechungen sich als leere Versprechungen herausstellen, was wird denn dann eigentlich passieren? Werden dann die Staaten einfach das machen, was sie ohnehin getan hätten? Das ist ja sozusagen der Verdacht. Und wir werden dann eben zu keinem glaubwürdigen internationalen Abkommen kommen, das überhaupt in die Nähe eines Zwei-Grad-Ziels kommt."

Wenig Erwartungen an Paris

Noch pointierter als Ottmar Edenhofer drückt sich Hermann Ott aus, früherer Bundestagsabgeordneter der Grünen und heute am Wuppertal-Institut. Seit 20 Jahren verfolgt er die zähen Klimagipfel. Seit es sie gibt:

"Also, das ist schon jetzt ziemlich klar, dass das, was da rauskommt, eine ziemliche Konsens-Soße ist. Wie nicht anders zu erwarten, wenn Saudi-Arabien und andere öl-, kohleexportierende Staaten da mitmischen. Die haben überhaupt kein Interesse daran, dass da 'was Vernünftiges rauskommt."

Verbindliche Reduktionsziele für Industrie- und Schwellenländer wird es nicht geben. Es steht nicht einmal fest, ob und wie die freiwilligen Klimaschutzmaßnahmen kontrolliert werden. Ott: "Die größten 20 oder 30 Emittenten, die hätten vereinbaren müssen einen Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen allmählich bis 2050. Das ist aber völlig klar, dass es das nicht geben wird. Das wird ja auch schon seit einigen Jahren überhaupt nicht mehr verhandelt."

Ottmar Edenhofer: "Das Einzige, was aus meiner Sicht sinnvoll wäre, ist, dass man jetzt einen CO2-Preis festlegt. Und bei einem CO2-Preis von 20, 30 Euro oder Dollar pro Tonne wird sich die Welt sehr, sehr schnell verändern. Weil eine CO2-Bepreisung natürlich vor allem diejenigen betrifft, die jetzt fossile Kraftwerke betreiben. Die werden dadurch unrentabel. Vor dem Hintergrund ist Paris aus meiner Sicht dann als ein Erfolg zu bewerten, wenn Paris den Einstieg in solche Verhandlungen findet."

Ein entschiedenes Nein zu neuen, klimaschädlichen Kohle-Kraftwerken! Und Anlagen, die mit Erdgas laufen, das nur wenig emissionsärmer ist, allenfalls als Übergangslösung! Das müsste das Credo des Klimagipfels sein. Um doch noch die Kurve zu kriegen. Anders geht es nicht!

Doch darauf wollen sich wichtige Staaten wie China oder die USA nicht einlassen. Dass sie in Paris plötzlich umschwenken - äußerst unwahrscheinlich!

Qualm kommt aus den Schornsteinen eines Kohlekraftwerks in Dezhou in der ostchinesischen Provinz Shandong. (picture alliance / dpa / Da Qing)Qualm kommt aus den Schornsteinen eines chinesischen Kohlekraftwerks. (picture alliance / dpa / Da Qing)

Hermann Ott: "Es wird eine Vereinbarung geben, ein Protokoll, ein Agreement - wie immer sich das dann nennt. Ein Pariser Vertrag. Da wird aber nichts drinstehen. Aber das wird als Erfolg gefeiert werden."

Bill Hare: "Wenn der Abschluss in Paris da ist, wird es Jubel geben. Aber sobald sich der Staub legt, wird allen klar werden, dass noch schrecklich viel zu tun bleibt.

Hermann Ott: "Ich lege auch nicht die Trauermarsch-Platte auf, sondern ich sage: Das war vorauszusehen! Jetzt müssen wir die Ärmel hochkrempeln und das tun, was schon vor ein paar Jahren hätte getan werden müssen. Nämlich parallel zu diesen UNO-Verhandlungen eine neue Verhandlungsrunde aufsetzen, die nur diejenigen einbezieht, die wirklich was wollen. Da gibt es ja eine ganze Menge Staaten, sowohl in Europa als auch ganz viele in Südamerika und einige in Afrika, viele in Asien ..."

Staaten, die sagen: Das ist uns alles viel zu langsam, was da in der Klimakonvention läuft. Und das liegt an den Bremsern, die da mit drin sind. Deshalb müssen wir uns zusammentun und einen Klub der Pioniere, der Klima-Pioniere, bilden. Wer eine globale Transformation, also einen kompletten Umbau unserer Weltwirtschaft im Konsens von knapp 200 Staaten machen will, der wird sich vergeblich bemühen. Und so ein wenig müssen wir dabei auch auf ein gesellschaftliches Wunder hoffen. Dass Menschen realisieren: Solange wir weiter davon abhängig sind, was wir haben, ob wir uns gut fühlen oder nicht, werden wir weiter haben wollen. Und das bedeutet: mehr Ressourcenverbrauch, mehr Energieverbrauch für bald neun oder zehn Milliarden Menschen. Das wird nicht funktionieren."

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk