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StartseiteCorsoSchöpfen aus dem Absurden02.11.2012

Schöpfen aus dem Absurden

Corso-Gespräch mit dem Comedy-Duo "Ohne Rolf"

Wenn Christof Wolfisberg und Jonas Anderhub als Comedy-Duo "Ohne Rolf"auf der Bühne stehen, ist es mucksmäuschenstill. Die beiden Schweizer machen bei ihren Auftritten fast nichts anderes, als Plakate umzublättern. Doch dem Publikum gefällt es, sonst hätten sie ihr drittes Programm "Unferti" nicht geschrieben.

Christof Wolfisberg und Jonas Anderhub im Gespräch mit Christoph Sterz

Das schweizer Comedy-Duo "Ohne Rolf" (OHNE ROLF)
Das schweizer Comedy-Duo "Ohne Rolf" (OHNE ROLF)

Christoph Sterz: Herr Wolfisberg und Herr Anderhub; wollen wir das doch gleich mal ausprobieren: Sie können also auch sprechen?

Christof Wolfisberg: Ja, für eine Radiosendung machen wir gerne mal eine Ausnahme.

Sterz: Aber bei Ihren Auftritten, da schweigen Sie eisern, nur Ihr Publikum darf laut sein und über das lachen, was Sie da so machen auf der Bühne - nämlich Plakate hochhalten und umblättern. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ganze Abende lang nur über Schriftsprache zu kommunizieren?

Jonas Anderhub: Angefangen hat das eigentlich vor zehn Jahren. Wir haben uns in Luzern kennengelernt. Wir haben damals beide noch als Zauberkünstler eigentlich gearbeitet und hatten dann die Idee, zusammen irgendwas zu unternehmen, und zwar als Straßenkünstler. Und sind dann nach Bern gereist und haben uns überlegt, wie man das Publikum auf der Straße anziehen kann. Und dann haben wir uns eben hingestellt mit kleinen Plakaten und da stand dann auf dem ersten Plakat "Beachten Sie uns nicht". Und wir haben uns da wirklich so 'ne Stunde hingestellt und es ist nichts passiert. Wir haben auch nichts gezaubert, sondern wir haben nur versucht, die Leute wegzuschicken, was uns dann eben nicht gelungen ist, weil die gespannt da standen und warteten, bis irgendwas passiert.

Sterz: Und damit haben Sie so viel Aufmerksamkeit bekommen, dass Sie sich gedacht haben, das können wir auch auf die Bühne bringen?

Wolfisberg: Ja, das hat schon einige Jahre gedauert und hat von unserer Seite dann auch etwas Mut gebraucht, weil uns wurde so gesagt: Ja, so zehn Minuten mit Plakatumblättern, das ist ja lustig, aber dann n ganzen Abend? Und dann fanden wir: Ja, erst recht, haben uns zusammengesetzt, unseren Regisseur angefragt und einfach auf die Karte gesetzt. Aber es hat ne Weile gedauert, bis wir gemerkt haben, dass wir ja auch behaupten können, dass wir mit den Plakaten miteinander kommunizieren können. Das heißt, dass wenn ich etwas blättere, dass man behaupten kann, dass Jonas das hört, ohne dass er es natürlich hört. Aber die Behauptung wird sofort verstanden, wie jetzt in Comics, die lesen ja auch nicht, was in der Sprechblase des Anderen steht, sondern man geht einfach davon aus, der hört das, weil das dort steht. Und so ist das bei uns sehr ähnlich.

Sterz: Wer Sie dann das erste Mal auf der Bühne sieht, der denkt wohl "Oh, ne tolle Idee", so wie Sie das ja auch beschreiben. Aber dieser Überraschungseffekt, den gibt's halt nur beim ersten Mal. Wie sorgen Sie denn dafür, dass sich das Konzept vom Umblättern nicht irgendwann erschöpft?

Wolfisberg: Ich glaube es hat maßgeblich damit zu tun, dass wir sehr interessiert dran sind, unser Publikum zu überraschen. Also, wir beschäftigen uns sehr stark damit, was könnte der Zuschauer erwarten, und dann probieren wir diese Erwartung vielleicht im positiven Sinne zu enttäuschen.

Sterz: Was machen Sie dann zum Beispiel bei dem neuen Programm "Unferti" anders als bei den bisherigen?

Wolfisberg: Wir spielen weitere Figuren. Wir spielen nicht nur die Figur Jonas und Christof, also nicht nur die beiden Blattländer - wir heißen ja genau gleich in unseren Fiktionen, wie wir auch privat heißen - sondern wir haben da noch andere Figuren dazu erfunden. Mindestens eine.

Anderhub: Es ist für uns immer 'ne Schwierigkeit, wenn uns jemand fragt: Was macht ihr denn eigentlich auf der Bühne? Und wir sagen dann eben: Ja, wir blättern Plakate den ganzen Abend. Und jetzt das dritte Programm. Da ist das immer sehr schwer, sich das vorstellen.

Wolfisberg: Also YouTube hat uns da eigentlich sehr geholfen, an dem Punkt zu sein, wo wir heute sind, weil oftmals die Leute halt zuerst sich mal ein Bild machen, dadurch, dass sie auf YouTube gehen, schnell gucken, was es ist und das zeigt sich bei uns innerhalb von zwei, drei Minuten sofort. Oder schon in einer Minute hat man begriffen und möchte wahrscheinlich noch mehr sehen.

Sterz: 2004 gab's das erste Programm "Blattrand", 2008 den "Schreibhals" - und jetzt, 2012, wie gesagt "Unferti". Vier Jahre hat es also jeweils bis zum nächsten Programm gedauert - wie aufwendig ist denn die Arbeit von der Idee bis zum fertigen Blatt?

Anderhub: Also das mit den vier Jahren, das ist ja eigentlich 'ne relativ lange Zeit. Das hat erstmal damit zu tun, dass wir zuerst dachten, wir spielen nur in der Schweiz und dann kamen plötzlich Deutschland und Österreich dazu. Das heißt, es sind sehr viele Spielstätten, die wir bespielen können. Und bevor wir 'ne Premiere machen, ja, es dauert wahrscheinlich zwei Jahre, wo wir uns beginnen, mit neuen Themen auseinanderzusetzen und dann wirklich intensiv arbeiten wir so ein halbes Jahr auch mit 'nem Regisseur zusammen.

Sterz: Und auf der Bühne, wenn Sie das also alles geprobt haben, dann haben Sie ja einen großen Zettelkasten jeweils vor sich, mit unzähligen Papieren. Geht da auch mal was daneben?

Wolfisberg: Ja, es kann durchaus passieren, dass man sich verblättert. Was bei einem Schauspieler, einem sprechenden Schauspieler, ein Versprecher ist, ist bei uns ein Verblätterer. Also dass man vielleicht einmal zu früh blättert, währen dem der andere vielleicht zwei, drei Plakate hintereinander hätte blättern sollen, blättert man da hinein. Man muss den Text immer mitdenken. Was der andere blättert, das muss ich mitdenken.

Anderhub: Aber das Publikum merkt meistens nichts von dem Fehler. Weil ja alles vorgedruckt ist, haben die das Gefühl, dass es eben so sein muss. Und dazu kommt, dass wir natürlich oft auch mit solchen Sachen spielen. Also genau die Gedanken "Wieso heißen die 'Ohne Rolf'", oder wenn irgendein Missgeschick passiert und wir dann plötzlich trotzdem drauf reagieren - da gaukeln wir eigentlich die Spontaneität vor mit den Plakaten, die eigentlich gar nicht möglich ist.

Sterz: Sie improvisieren also eigentlich gar nicht? Oder haben Sie extra Zettel für den Notfall parat oder schreiben sogar neue auf der Bühne?

Wolfisberg: Schreiben auf der Bühne tun wir nicht, aber wir haben tatsächlich so zwei, drei Notplakate, die sich auf eine Situation beziehen können, die eintritt. Aber wir wollen das ja auch nicht provozieren. Aber wenn's dann mal passiert, dann können wir darauf reagieren.

Sterz: Sie sind beide gelernte Primarlehrer - hat Ihre Formation also auch einen Bildungsauftrag?

Anderhub: Nein, nicht wirklich. Also wir schöpfen ja auch aus dem Absurden und nicht aus irgendwelchen politischen oder weltlichen Themen.

Wolfisberg: Ich glaube, Theater hat ja immer auf irgendeine Art einen Bildungsauftrag, wenn es das Leben an sich reflektiert. Und das tut das, was wir tun, auf jeden Fall, weil wir 'ne reduzierte Form haben und so eine Beschränkung des Menschen aufzeigen. Also, ich finde, da kann man sehr viele Parallelen sehen, die das menschliche Leben und den Alltag eines Menschen reflektieren, weil es mit einer anderen Form, die Kommunikation mit einer anderen Form dargestellt ist, gibt es so einen anderen Blick drauf. Und insofern hat es einen Bildungsanspruch, aber das war nicht unser Antrieb. Das ist halt noch so ein Extra-Ding, das dazu kommt.

Sterz: Beobachten Sie das vielleicht, dass in der einen Region das Publikum länger zum Lachen braucht als in der anderen?

Anderhub: Ja, aber das zum Teil glaubt man, dass es die Region ist, aber vielleicht war's dann auch nur der Abend oder die Zusammensetzung des Publikums. Die kann an einem Ort an zwei verschiedenen Abenden komplett verschieden sein. Also deswegen ist das schwierig zu sagen.

Wolfisberg: Oder aus eigener Erfahrung: Bei mir hat meine persönliche Laune maßgeblichen Einfluss auf den Abend, den ich erleben werde. Und da hat eigentlich der Darstellende auf der Bühne nur einen Teil davon dazu beigetragen dann, ob ich 'nen guten Abend habe oder nicht.

Sterz: Und wenn man schlecht drauf ist, dann kommt natürlich noch dazu, dass Lesen schon mal anstrengend sein kann. Wie aktivieren Sie denn das Publikum; was machen Sie, damit es den Zuschauern nicht langweilig wird?

Anderhub: Erstmal ist es schon so, dass wenn man komplett müde ist von einem anstrengenden Tag, und dann sich zu 'Ohne Rolf' hineinsetzt, dann kann's schon vorkommen, dass es - man muss halt dabei sein. Man kann nicht zwei Sekunden nach links gucken und dann, ja, man verpasst dann halt ein, zwei Plakate.

Wolfisberg: Wobei gerade für jemanden, der müde ist, man kann in unseren Stücken super schlafen wirklich. Also es stört niemanden, es ist nicht laut auf der Bühne. Ich hab auch schon zwei oder drei Mal Leute schlafen sehen. Das kommt halt einfach vor, wenn jemand, der mit muss …

Anderhub: Aber man kann schon sagen, trotzdem, für 99 Prozent ist es auch nicht sehr anstrengend, was wir da machen. Also, wenn man hört, 'nen ganzen Abend lesen - man vergisst relativ schnell, dass man liest bei uns. Es ist ja wie ein Comic mit einfachen kurzen Sätzen, mit Worten, und es ist auch so, dass wir nicht dauernd blättern. Es passieren auch gewisse Dinge dazwischen, eben Überraschungsmomente oder Kleinigkeiten, die dann eben zur Abwechslung beitragen.

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