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Schonungslose Analyse

Marcelle Sauvageot: "Fast ganz die Deine"

Von Ursula März

"Fast ganz die Deine" - ein Dokument einer zerbrochenen Liebe
"Fast ganz die Deine" - ein Dokument einer zerbrochenen Liebe (AP)

Das Buch "Fast ganz die Deine", in dem es um eine schonungslose Analyse romantischer Liebe geht, hat eine besondere Editionsgeschichte. Kurz vor ihrem Tod gab die 36-jährige Französin Marcelle Sauvageot das Manuskript einem berühmten Kritiker, der es veröffentlichte und ihr posthum zu Ruhm verhalf.

Alles an diesem Text ist radikal und schonungslos. Er ist es in seiner Außen- wie in seiner Innengeschichte. Bei seiner äußeren, seiner Editionsgeschichte, dürfte es sich um einen einmaligen Fall in der Literatur des 20. Jahrhunderts handeln. Die Französin Marcelle Sauvageot wurde im Jahr 1900 geboren, arbeitete als Lehrerin in Paris und starb bereits im Alter von 36 Jahren an Tuberkolose in Davos. Kurz vor ihrem Tod erhielt sie Besuch von dem berühmten Kritiker Charles du Bos, der das Manuskript dieses Textes an sich nahm und nach ihrem Tod veröffentlichte.

Der postume literarische Ruhm der zu ihren Lebzeiten völlig unbekannten Marcelle Sauvageot beruht auf nichts als diesem einen Text. Er trägt den Titel: "Fast ganz die Ihre" und dieser Titel vermittelt bereits den Stil, den Charakter, den Impetus des Ganzen: die romantische Formel "Ganz die Ihre" wird mit einem einzigen Wort, dem Wort "Fast" dem Kältebad der Analyse ausgesetzt. "Fast ganz die Ihre" ist nicht mehr und nicht weniger als eine analytische Zerlegung romantischer Liebe aus weiblicher Sicht. Der Stoff des Textes ist allerdings tragisch: Eine junge Frau schreibt an ihren Geliebten einen Brief. Sie antwortet ihm darin auf seinen Brief, in dem er ihr mitteilt, dass er eine andere heiraten wird, es aber angenehm fände, mit ihr befreundet zu bleiben. Offensichtlich gab es zwischen beiden, der Briefschreiberin und dem Mann, der sie verlassen hat, eine Art Verlöbnis. Offensichtlich hat sich ihre Liebe in Paris abgespielt. Der Leser ahnt dies, bevor er es erfährt, denn die Brieferzählung kommt ihm unvermittelt, persönlich, fast schroff entgegen. Sie ist Selbsterforschung, Beichte und Anklage in einem.

"Mir war kalt; in eine Ecke gekauert, versuchte ich zu schlafen. - Wie kalt mir war! - Warum war dieser Zug losgefahren? Die Bangigkeit, die man spürt, wenn man eine Dummheit macht, schnürte mir die Kehle zu; ich hatte ein zerbrechliches Glück verlassen, um in dieses Sanatorium zurückzukehren.
Das war dumm. Ich hatte in diesen letzten Wochen ein wenig Freude erlebt; wahrscheinlich würde mich nun, zum Ausgleich, ein großes Leid erwarten."

Schauplatz der Niederschrift ist der Zug. Die junge Frau ist unterwegs in ein Lungensanatorium. Mit Recht kann man annehmen, dass es sich um eine autobiographische Situation handelt. Es ist eine radikale, den Blick auf alle Bereiche der Wirklichkeit, auf alle Gefühle erbarmungslos schärfende Situation. Kilometer um Kilometer entfernt sich die Briefautorin nicht nur von der Liebe, sondern auch vom Leben. Und es ist der radikale Blick einer Frau auf einen Mann, ja, auf das männliche Geschlecht. Der ganze Geschlechterkrieg des 20. Jahrhunderts spielt sich zwischen diesen Briefzeilen ab. Die Frau: ein leidendes, leidensbereites, zorniges, mit Worten aggressives Wesen. Der Mann: ein Flüchtender mit halbherzigen Gefühlen und Entscheidungen, dem im Zweifelsfall die einfache Lösung lieber ist als die seelisch komplizierte. Die Frau spießt ihn mit ihrem Brief auf wie einen Schmetterling, beobachtet, zerlegt, benennt seine Pathologien. Er ist der Angeklagte, sie seine Staatsanwältin. Satz für Satz nimmt sie seinen Abschiedsbrief auseinander wie eine juristische Einlassung.

"Beklage Dich nicht darüber, dass ich Dich beurteile und messe - so kenne ich Dich besser, und ich liebe Dich deswegen nicht weniger. Nicht ich bin es, die kein Glück empfand, sondern Sie."

In Nuce ist dies die Geschichte der Liebe in der Moderne. Es gibt sie. Aber sie ist durchbohrt vom Giftpfeil des Misstrauens in ihr Gelingen. Diese Dialektik hat Marcelle Sauvageot in einem literarischen Brief festgehalten, der mit dem Datum 7. November 1930 beginnt. Er könnte nicht aktueller, er könnte auch aus dem Jahr 2005 sein.

Marcelle Sauvageot: "Fast ganz die Deine". Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Mit einem Nachwort von Ulrike Draesner. Verlag Nagel & Kimche. 2005. 107 Seiten. 19.80 Euro

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