Andruck - Das Magazin für Politische Literatur / Archiv /

 

Schonungsloses Bild eines Konzernherren

Johannes Bähr, Axel Drecoll, Bernhard Gotto, Kim Christian Priemel, Harald Wixforth: Der Flick-Konzern im Dritten Reich, Oldenbourg Verlag

Friedrich Christian Flick, Besitzer der Flick-Kunstsammlung
Friedrich Christian Flick, Besitzer der Flick-Kunstsammlung (AP Archiv)

Vor vier Jahren wollte Friedrich Christian Flick Teile seiner Kunstsammlung in Berlin zeigen - und löste damit eine heftige Kontroverse aus. An den Kunstwerken klebe das Blut von NS-Opfern, so der Vorwurf. Um die Wogen zu glätten, schlug die Stiftung Preußischer Kulturbesitz eine wissenschaftliche Untersuchung vor - über den Flick-Konzern in der NS-Zeit. Das Ergebnis liegt jetzt vor. Otto Langels hat es gelesen.

Vom einfachen Bauernsohn zum Konzernherrn und Milliardär, und das ausschließlich durch Fleiß und wirtschaftliches Geschick - dieses Bild einer gleichermaßen vorbildlichen wie beispiellosen Karriere versuchten Familie und Unternehmensleitung jahrzehntelang von Friedrich Flick zu verbreiten. Doch wie vieles im Leben des Schwerindustriellen entsprach bereits die Geschichte vom Bauernsohn nicht den Tatsachen. Der Wirtschaftshistoriker Johannes Bähr, einer der Autoren des Buches über den Flick-Konzern:

"Das ist eine Legende, die er selbst gerne gestreut hat: von dem einfachen Bauernsohn aus dem Siegerland, die zu den vielen Mythen gehört, die im Kreis der Führung des Flick-Konzerns verbreitet wurden. Tatsächlich war sein Vater in erster Linie Holzhändler, mit dem Siegerländer Bergbau also durchaus vertraut und nicht ganz unvermögend."

Im Unterschied zu anderen Konzernherren wie Krupp, Stinnes oder Thyssen entstammte Friedrich Flick keiner der großen Unternehmerdynastien an Rhein und Ruhr. Ihm stand nur ein relativ bescheidenes Startkapital zur Verfügung. Er glich dieses Manko durch geschäftstüchtiges und skrupelloses Vorgehen aus. Die leitenden Mitarbeiter seines Unternehmens folgten ihm bedingungslos, nicht zuletzt aufgrund seines charismatischen Führungsstils, auch wenn er nach außen zurückhaltend auftrat und seine Geschäfte mit Vorliebe im Verborgenen abwickelte.

"Flick hat es auch vermieden, allzu oft in der Öffentlichkeit aufzutreten. Er hat praktisch seinen Konzern unter einem großen Schleier gehalten. Es wussten selbst Experten kaum, was sich innerhalb dieses Konzerns abspielt, wie er aufgebaut war. Es ist meines Wissens das erste Foto, das wirklich in der Öffentlichkeit bekannt wurde von Flick, erst im Zusammenhang mit dem Nürnberger Prozess publiziert worden."

Friedrich Flick errichtete um seinen Konzern und seine Person eine Mauer des Schweigens. "Eine solche Persönlichkeit hatten wir in der deutschen Montan-Industrie noch nicht", bekannten Konkurrenten und verfolgten in einer Mischung aus Neid und Furcht, wie Flick sein Firmen-Imperium erweiterte.

"Friedrich Flick hat Unternehmen gesammelt wie andere Leute Briefmarken, allerdings auch sehr systematisch, nicht wahllos. Keineswegs modern war sein Unternehmensstil und seine Unternehmensziele, das entsprach eigentlich dem klassischen Konzernpatriarchen des 19. Jahrhunderts. In dieser Hinsicht dachte er sehr traditionell."

Bereits frühzeitig betrieb Friedrich Flick die sogenannte Pflege der politischen Landschaft. Sein Sohn Friedrich Karl setzte diese Form der Einflussnahme später fort und bescherte damit der Bonner Republik einen der größten Skandale. In den 20er Jahren ließ "das Genie der Geräuschlosigkeit", wie der Firmengründer bezeichnenderweise genannt wurde, den Sozialdemokraten ebenso Wahlkampfspenden zukommen wie den rechtskonservativen Parteien. 1933 erkannte er jedoch sehr schnell, dass die Nationalsozialisten auf absehbare Zeit an der Macht bleiben würden. Er suchte und fand die Nähe zum NS-Regime.

"Flick ist ab Anfang 1933 massiv ins Rüstungsgeschäft gegangen - das war vorher in seinem Konzern nicht unbedingt der Fall - und hat hier im Grunde neue Betriebe, neue Kapazitäten aufgebaut, hat neue Beziehungen zum Heereswaffenamt geknüpft, wurde innerhalb von fünf bis sechs Jahren einer der führenden Rüstungsproduzenten im Land."

1937 trat Friedrich Flick der NSDAP bei. Die engen Kontakte zu den Nationalsozialisten nutzte er, um sich in großem Stil jüdische Unternehmen anzueignen.

"Flick war einer der größten Ariseure des Dritten Reichs. Es gab im gesamten Bereich der Montanindustrie keinen anderen Konzern, der in ähnlicher Weise durch Arisierung von Unternehmen expandiert hätte wie Flick. Hier ist eindeutig festzustellen, dass Flick im besonderen Maße von nationalsozialistischem Unrecht profitierte, sehr viel mehr als andere vergleichbare Konzerne."

Je stärker Flick im Dritten Reich expandierte, umso mehr war der Konzern auf den Einsatz von Zwangsarbeitern angewiesen. Während des Krieges mussten über 60.000 Menschen unter erbärmlichen Bedingungen in den Flick-Betrieben arbeiten, in einzelnen Werken waren bis zu 85 Prozent der Belegschaft Zwangsarbeiter. Im Buch wird unter anderem das barbarische Arbeitsregime in den Rombacher Hüttenwerken in Lothringen beschrieben.

"Da waren auch außerordentlich schlimme Zustände und sind zahlreiche Misshandlungen der Zwangsarbeiter überliefert. Die fanden dort in unmittelbarer Nähe des Verwaltungsgebäudes vor den Augen der Betriebsleitung statt. Und der Direktor dieses Werks war Otto Ernst Flick, der älteste Sohn von Friedrich Flick."

Nach dem Krieg musste sich Friedrich Flick vor dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal verantworten. Er erklärte, von den Zuständen in seinen Fabriken nichts gewusst zu haben, da er sich in den letzten Jahren aus gesundheitlichen Gründen weitgehend aus dem Geschäft zurückgezogen hätte. Ohnehin sah er sich nicht als Angeklagter, sondern als unschuldig verfolgtes Opfer der alliierten Siegerjustiz.

Flick verwahrte sich dagegen, dass in seiner Person die deutschen Industriellen zu Sklavenhaltern und Plünderern gestempelt werden sollten. Doch das Selbstbild des anständigen und sozial eingestellten Unternehmers war nur eine der vielen Legenden von und über Friedrich Flick, wie die Autoren anhand zahlreicher Dokumente nachweisen können. Das alliierte Militärtribunal in Nürnberg verurteilte den Konzernchef zu sieben Jahren Haft. 1950 kam er vorzeitig frei. Nicht ein Zwangsarbeiter des Unternehmens erhielt eine Entschädigung.

Friedrich Flick äußerte nie ein Wort der Entschuldigung oder des Bedauerns. Johannes Bähr und die Co-Autoren stützen sich für ihre Untersuchung im Wesentlichen auf das Material, das die Alliierten für das Verfahren in Nürnberg gesammelt hatten. Außerdem recherchierten die Historiker in fast 40 Archiven in fünf Ländern. Ein zentrales Firmenarchiv existiert nicht. Einblick in Privatarchive bekamen sie nicht, wobei nicht bekannt ist, ob und welche Unterlagen zur Konzerngeschichte sich im Besitz der Flick-Erben befinden.

"Man ist ausschließlich auf die Archive angewiesen, die öffentlichen Archive, die aber sehr reichhaltig sind. Und da es sich um insgesamt über 100 Unternehmen handelt, gibt es fast kaum eine Gegend, in der sich nicht ein Archiv mit Unterlagen zu einem Unternehmen des Flick-Konzerns befindet."

Die umfangreiche und detaillierte Studie über den Flick-Konzern im Dritten Reich liefert keine grundlegend neuen Erkenntnisse. Dennoch ist es das Verdienst der Autoren, dass sie keinen Zweifel an der Verstrickung und persönlichen Verantwortung Friedrich Flicks lassen und das schonungslose Bild eines Konzernherren zeichnen, der bereitwillig mit den Nationalsozialisten kooperierte, um sein Unternehmen und seine Macht auszubauen.

"Das Fazit ist sicherlich, dass der Flick-Konzern noch mehr, als man das bisher wusste, mit dem nationalsozialistischen Regime verbunden war und dass es ein Beispiel dafür ist, wohin ein Unternehmen und auch ein Unternehmer kommt, dem jeder ethische Maßstab gänzlich abgeht. Flick gehört ganz zweifellos in die Kategorie der Industriellen, die ganz skrupellos und ganz vorbehaltlos sich diesem Regime angedient haben."

Johannes Bär, Axel Drecoll, Bernhard Gotto, Kim Christian Priemel und Harald Wixforth sind die Autoren des Bandes "Der Flick-Konzern im Dritten Reich". Herausgegeben vom Institut für Zeitgeschichte im Auftrag der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, erschienen sind die gut 1.000 Seiten im Oldenbourg Verlag, das Buch kostet Euro 64,80. Unsere Kritiker war Otto Langels.

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