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StartseiteInterview"Es geht wenig um nationale Identität"09.09.2014

Schottland"Es geht wenig um nationale Identität"

Nächste Woche wird in Schottland über die Unabhängigkeit abgestimmt. Niemand könne voraussagen, wie das Ergebnis lauten werde, sagte der Sozialwissenschaftler Jan Eichhorn von der Universität Edinburgh im DLF. Die bisherigen Umfrageergebnisse fielen äußert knapp aus.

Jan Eichhorn im Gespräch mit Friedbert Meurer

Befürworter der Unabhängigkeit Schottlands. (Andy Buchanan / AFP)
Befürworter der Unabhängigkeit Schottlands. (Andy Buchanan / AFP)
Weiterführende Information

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Nach Ansicht von Eichhorn geht es bei der Abstimmung eher wenig um die nationale Identität, wie etwa bei den Unabhängigkeitsbestrebungen in Spanien. "Es geht um die Vorstellung von pragmatischen Fragen", sagte der Wissenschaftler. Die Frage sei, ob es den Menschen besser gehen könnte, wenn Schottland nicht mehr zu Großbritannien zähle.

In den vergangenen zwei Jahren sei intensiv diskutiert worden. Die Bürger mit geringem Einkommen tendierten eher zur Unabhängigkeit. Es gebe eine steigende Armut in Schottland. Eine weitere Gruppe sei für die Unabhängigkeit, weil sie die britischen Atomwaffen nicht mehr in Schottland stationiert haben wollten oder sich mehr soziale Gerechtigkeit wünschten.

Wie das Votum ausgehen werde, sei vollkommen offen. "Es ist zu eng, um eine Aussage treffen zu können", sagte Eichhorn. Momentan hätten die Befürworter gerade mal einen Prozent Vorsprung. 


Das Interview in voller Länge:

Friedbert Meurer: Deutschland ist seit 1989 wiedervereinigt. Wahrscheinlich deswegen sind die meisten von uns doch ziemlich verblüfft darüber, was denn die Schotten im Norden der britischen Insel da reitet, sich von Großbritannien abspalten zu wollen. Nächste Woche Donnerstag ist Volksabstimmung in Schottland und letzten Sonntag hat es eine Umfrage gegeben, die erstmals die Befürworter der Unabhängigkeit vorne sieht. In London hat das ein Erdbeben, einen regelrechten Schock ausgelöst. Lange unterschätzt, steht es jetzt in Schottland Spitz auf Knopf. In gut einer Woche kann es in Europa tatsächlich einen neuen Staat geben, der heißt Schottland.
Jan Eichhorn ist Deutscher, arbeitet seit zwei Jahren als Sozialwissenschaftler an der Universität Edinburgh, hat speziell über den Wunsch vieler Schotten nach Unabhängigkeit geforscht. Guten Morgen, Herr Eichhorn.

Jan Eichhorn: Schönen guten Morgen.

Meurer: Das "Handelsblatt" witzelt heute Morgen, überall sind Separatisten am Werk, jetzt auch in Schottland. Warum wollen sich die Schotten von Großbritannien verabschieden?

Eichhorn: Man muss ganz klar verstehen, dass diejenigen, die sich in Schottland von Großbritannien trennen wollen, sehr unterschiedlich sind von anderen Separatistenbewegungen. Es geht hier eigentlich sehr wenig um Sachen wie nationale Identität oder die Sprache oder ähnliche Sachen, wie es zum Beispiel in Spanien der Fall ist oder auch in Kanada damals in Quebec. Es geht hier tatsächlich vielmehr um die Vorstellung von ganz pragmatischen Fragen: Könnte es Schottland besser gehen, könnte es den Leuten hier in diesem Land besser gehen? Darum geht es vor allem in dieser Debatte. Darum haben sich auch die Hauptstreitpunkte entwickelt, gar nicht so sehr über die Sachen, die man manchmal vielleicht in Deutschland vor Augen hat. Es geht hier nicht so um Braveheart-Bilder mit Leuten, die groß "Freiheit" schreien, sondern tatsächlich eher über Debatten, die sich mit expliziten Themen auseinandersetzen.

Kampagnen-Plakat gegen die Unabhängigkeit Schottlands (AFP / Andy Buchanan)Kampagnen-Plakat gegen die Unabhängigkeit Schottlands (AFP / Andy Buchanan)

"Fast jedes Pub-Gespräch dreht sich ums Referendum"

Meurer: Aber wir gewinnen hier schon den Eindruck, dass das alles ziemlich emotional da jetzt zur Sache geht. Können rein nüchterne Überlegungen, steigt das Bruttosozialprodukt, können wir das Pfund behalten, dafür sorgen, dass das für so viel Emotionen sorgt?

Eichhorn: Es wäre schon komisch, wenn es in den letzten Wochen vor dem Referendum nicht auch emotional werden würde. Aber man muss verstehen, dass hier in Schottland zwei Jahre lang ganz intensiv diskutiert wurde. Man kommt kaum noch aus einem Pub-Gespräch raus, in dem es auch nicht ums Referendum geht. Man merkt einfach, dass dieses Thema tatsächlich sehr, sehr stark durchdiskutiert ist in Schottland, die Argumente über die zwei Jahre ausgetauscht worden ist. Wir kommen jetzt oft neu dazu aus anderen Ländern und sehen das und das scheint, alles so auf einmal zu passieren, aber die Währungsfrage zum Beispiel ist im Januar fast einen ganzen Monat am Stück diskutiert worden und das wird jetzt natürlich alles noch mal aufgefrischt vor dem Referendum. Aber es sind zwei Jahre Debatte, die hier stattgefunden haben, und sehr, sehr viele Menschen, auch Menschen, die normalerweise nicht wählen würden, waren mit involviert.

Meurer: Was halten Sie von der These, Herr Eichhorn, diejenigen, die keinen Job haben oder die eher zum ärmeren Bevölkerungsteil Schottlands gehören, die sind für die Unabhängigkeit, und den anderen, denen es gut geht, denen ist das zu viel Risiko mit der Unabhängigkeit? Was meinen Sie?

Viele Beweggründe für die beiden Lager

Eichhorn: Im Durchschnitt stimmt das. Die Leute, die ein geringeres Einkommen haben, haben tatsächlich eine höhere Wahrscheinlichkeit, für die Unabhängigkeit zu stimmen. Für die ist das Argument, es geht doch Großbritannien gut, Großbritannien funktioniert doch, nicht überzeugend, weil die sagen, ja Moment, uns geht es überhaupt nicht gut. Das gilt vielleicht für das Land nach außen hin, aber intern gibt es auch viele Probleme. Es gibt auch eine steigende Armut in Teilen Schottlands.

Andererseits gibt es aber auch einige Leute am Ende des Wohlhabenden-Spektrums, die auch für die Unabhängigkeit stimmen, dann teilweise aus leicht anderen Gründen, und da geht es um Themen wie soziale Gerechtigkeit. Es gibt eine große Gruppe von Menschen, die für die Unabhängigkeit ist, weil sie ein gleicheres Schottland möchte. Und dann gibt es aber auch eine ganze Reihe von Leuten, die für die Unabhängigkeit zum Beispiel stimmen, weil sie die Atomwaffen Großbritanniens nicht mehr in Schottland haben wollen. Die sind nämlich im Moment alle in Schottland stationiert und die Unabhängigkeit wird als Chance gesehen, die los zu werden. Also es gibt verschiedene Beweggründe, die verschiedene Gruppen auch motivieren dabei.

Meurer: Gibt es einen Unterschied zwischen Jung und Alt?

Eichhorn: Es gab einen Unterschied zwischen Jung und Alt, der sehr groß war. Der ist allerdings stark zusammengeschrumpft. Interessanterweise sind die beiden Gruppen, die am stärksten gegen die Unabhängigkeit sind, die Ältesten, also die, die noch im englischen Reich, im British Empire geboren wurden, und andererseits die ganz Jungen, die jüngsten Wähler. Die sind auch eher tendenziell dagegen, aber aus unterschiedlichen Gründen. Die ganz jungen Leute haben insgesamt einen transnationaleren Ausblick, sind auch viel positiver der Europäischen Union gegenüber eingestellt zum Beispiel.

Meurer: Jan Eichhorn, wenn Sie über den Wunsch von Schotten forschen, unabhängig von England oder von Großbritannien zu werden, wie machen Sie das? Verteilen Sie Fragebögen online, gehen Sie durch die Kneipen, oder wie muss man sich das vorstellen?

Eichhorn: Unsere eigene Forschung ist vor allem basiert auf repräsentativen Sozialumfragen. Wir führen da sehr, sehr tiefgründige Umfragen durch, die ganz Schottland umfassen. Wir setzen uns aber auch mit qualitativer Forschung auseinander. Ich arbeite zum Beispiel in sehr vielen Schulen, wo ich tatsächlich mit vielen jungen Leuten dann auf Basis unserer Umfragen auch im Detail noch spreche, um einen tiefergehenden Eindruck zu gewinnen zu dem, was man aus den Zahlen sozusagen ziehen kann, die repräsentativ sind.

Eine schottische Fahne weht im Wind. (AFP / Paul Ellis)Die schottische Flagge (AFP / Paul Ellis)

"Es kann niemand voraussagen, was nächste Woche passiert"

Meurer: Ich vermute jetzt mal, da Sie in Schottland leben, Sie dürfen auch wählen. Ist dem so?

Eichhorn: Ich darf auch abstimmen. Alle Bürger, die in Schottland leben, die entweder aus der Europäischen Union, oder dem Commonwealth stammen, dürfen abstimmen.

Meurer: Also auch die Briten, die Engländer, die in Schottland leben?

Eichhorn: Auch die Engländer, aber auch die Kanadier.

Meurer: Jetzt frage ich Sie natürlich – ich weiß nicht, ob Sie es uns verraten -, wie werden Sie denn abstimmen, Herr Eichhorn?

Eichhorn: Einerseits dürfte ich es nicht sagen, weil ich mit öffentlichen Geldern finanziert werde für die Forschung. Das heißt, wir müssen neutral bleiben.

Meurer: Wir werden in Großbritannien nicht empfangen.

Eichhorn: Ich muss aber auch ganz ehrlich sagen, ich habe mich, glaube ich, selber noch nicht so ganz entschieden. Ich glaube, ich brauche noch die letzte Woche, um mich selber zu entscheiden.

Meurer: Dann frage ich Sie nach Ihrem Tipp. Wie geht die Abstimmung nächste Woche aus?

Eichhorn: Es ist zu eng, um da eine Aussage treffen zu können. Heute Morgen ist die nächste Umfrage rausgekommen, die ein Prozent Vorsprung für die Gegner der Unabhängigkeit sieht. Wir haben jetzt die letzten vier Umfragen alle zwei Prozent über oder unter der 50-Prozent-Marke gehabt. Es kann niemand voraussagen, was nächste Woche passiert. Dazu ist es einfach zu eng im Moment.

Meurer: Nächste Woche Donnerstag ist Referendum in Schottland. Es steht Spitz auf Knopf. Jan Eichhorn, Sozialwissenschaftler an der Universität Edinburgh, forscht über den Wunsch der Schotten, unabhängig zu werden. Herr Eichhorn, danke nach Edinburgh! Auf Wiederhören!

Eichhorn: Auf Wiederhören.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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