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StartseiteBüchermarktSchreiben gegen die Stille30.08.2004

Schreiben gegen die Stille

Irene Heidelberger-Leonard: "Jean Amery ­ Revolte in der Resignation ­ Eine Biographie

Ein schlichter Grabstein auf dem Wiener Zentralfriedhof, lakonisch die Aufschrift: "Jean Amery, 1912 ­ 1978" steht da, darunter der in Stein gemeißelte Vermerk: "Auschwitz Nr. 172364".

Von Günter Kaindlstorfer

Jean Amery, 1978 (AP Archiv)
Jean Amery, 1978 (AP Archiv)

Vor einem Vierteljahrhundert hat sich Jean Amery im Hotel "Österreichischer Hof" in Salzburg mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben genommen. In letzter Zeit ist es eher still geworden um den Autor epochaler Schriften über den Holocaust und die Grenzerfahrung der Folter, über die Demütigung des Alterns und das Recht des Menschen auf einen selbstbestimmten Tod. Irene Heidelberger-Leonard will sich damit nicht abfinden. Soeben hat die in Brüssel lebende Germanistin eine eindrucksvolle Amery-Biographie vorgelegt, 400 Seiten stark, spannend zu lesen, mit reichlich Material aus dem Nachlass versehen.

Für sie, betont Heidelberger-Leonard, ist Jean Amery immer noch einer der aufregendsten Autoren der Nachkriegszeit.

Warum Amery heute lesen? Weil er ein ungeheuer genauer Denker ist, ein rigoroser Denker ist. Weil alles Geschriebene bei ihm auf Erfahrenem beruht. Und weil seine Sprache, bei aller Abstraktion, geradezu sinnlich zu nennen ist.

In Ihrer Biographie zeichnet Heidelberger-Leonard das rastlose, das von Schicksalsschlägen gezeichnete Leben des Jean Amery als ebenso kundige wie penible Rechercheurin nach. Einer der ersten Verluste: der Tod des Vaters, der 1917 als Kaiserjäger an der italienischen Front fällt. Der Knabe, Hans Mayer heißt er damals, ist gerade fünf Jahre alt. Allein mit der Mutter wächst der Bub auf, zunächst in Wien, dann fünf Jahre lang in Bad Ischl. Ein ärmliches Milieu ist es, in das Amery da hineinwächst: assimiliertes Judentum, proletarisierte Mittelschicht, das Bewusstsein des Außenseiterseins ist stets gegenwärtig. Dennoch: Es entstehen auch Freundschaften in der Ischler Zeit, die Schönheit der Natur wird entdeckt, erste Lektüre-Erlebnisse weiten den Blick. Bis ins Alter hinein, erzählt seine Biographin, wird sich Jean Amery eine schwärmerische Anhänglichkeit ans Salzkammergut bewahren.

Es war die Landschaft, die es ihm angetan hat, und noch im Alter, kurz vor seinem Freitod, war ihm ganz deutlich, dass er in diese Landschaft zurück musste. Und so ist es auch kein Zufall, dass er sich in Salzburg das Leben nehmen musste. Er schwärmt vom Kalvarienberg in Bad Ischl, er schwärmt mit seinem Jugendfreund Ernst Mayer von den gemeinsamen Waldgängen, wo sie sich als Dichter betätigt haben.

Die entscheidenden intellektuellen Prägungen erlebte Jean Amery dann in der Jugendzeit im "Roten Wien" der zwanziger und dreißiger Jahre. Der Neopositivismus des "Wiener Kreises" übt nachhaltigen Einfluss auf ihn aus, auch die Begegnungen mit Hermann Broch, mit Robert Musil. Die Jahre des Austrofaschismus erlebt der junge Mann als namenloser, nicht eben erfolgreicher Schriftsteller. Er widmet sich einem Romanprojekt mit dem Titel Die Schiffbrüchigen. Dann okkupieren die Nazis das Land, Amery wird aus Österreich vertrieben - ein traumatisches Ereignis. Später notiert der Schriftsteller: "Ein Österreicher starb im Dezember 1938. Er mag ruhen in seinem Unfrieden."

Der Unfrieden hat sich in jedem Fall bewahrheitet. Geruht hat er nie. Er hat Österreich geliebt, er hat Österreich gehasst, er hat Österreich verachtet, aber er konnte nicht ohne die Idee von Österreich sein.

"Wie viel Heimat braucht der Mensch?" Mit dieser Frage hat sich Jean Amery in den sechziger Jahren auseinandergesetzt, in einem Essay, den er auch für den Rundfunk aufgenommen hat.

Wie viel Heimat braucht der Mensch? Ich habe 27 Jahre Exil hinter mir, und meine geistigen Landsleute sind Proust, Sartre, Beckett. Nur bin ich immer noch überzeugt, dass man Landsleute in Dorf- und Stadtstraßen haben muss, wenn man der geistigen ganz froh sein, und dass ein kultureller Internationalismus nur im Erdreich nationaler Sicherheit recht gedeiht. Man muss Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben.

So etwas wie Heimat hat Jean Amery nicht mehr gefunden in seinem Leben, auch später nicht in Belgien, wo er ­ für eine einige Jahre ­ Schutz vor den nationalsozialistischen Verfolgern fand. 1941 schließt sich der Autor in Brüssel einer von österreichischen Emigranten gebildeten Widerstandsgruppe an. Im Juli 1943 wird er dann von der Gestapo verhaftet. Der junge Mann trägt Flugblätter bei sich. Auf denen steht: "Tod den SS-Banditen und Gestapo-Henkern".

Jean Amery wird zunächst im Gestapo-Hauptquartier in der Avenue Louise verhört, dann ins Konzentrationslager Breendonck zwischen Brüssel und Antwerpen weitertransportiert. "Dort geschah es mir", schreibt er später: "Die Tortur". Und weiter:

Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt. Die Schmach der Vernichtung lässt sich nicht austilgen. Das Weltvertrauen wird nicht wieder gewonnen.

Amerys Essay über "Die Tortur" ist bis heute sein berühmtester Text. Ausführlich beschreibt er die Foltermethode, die sich die Gestapo für Häftlinge wie ihn ausgedacht hat: eine Hängevorrichtung, an der das Opfer an den Armen aufgehängt und hochgezogen wird. Eine Zeitlang, schreibt Amery, kann sich der Häftling mit Muskelkraft in der Halschräge halten, aber nur für kurze Zeit.

Was mich betrifft, so musste ich ziemlich schnell aufgeben. Und nun gab es ein von meinem Körper bis zu dieser Stunde nicht vergessenes Krachen und Splittern in den Schultern. Die Kugeln sprangen aus den Pfannen... Dazu prasselten die Hiebe mit dem Ochsenziemer auf meinen Körper... Es wäre ohne alle Vernunft, die mir zugefügten Schmerzen beschreiben zu wollen.

Amerys Resümee: Der Gefolterte ist nur noch Körper, sonst nichts.

Wer gefoltert wurde, bleibt gefoltert. Unauflöslich ist die Folter in ihn eingebrannt.

Im Folterkeller von Breendonck begann Amerys Leidensweg. Er führte ihn weiter nach Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen. Nach der Befreiung vom Nazi-Schrecken kehrt der Schriftsteller nach Brüssel zurück. Obwohl sich alte Freunde aus der Wiener Zeit bemühen, ihn nach Österreich zurückzuholen. Amery hätte am Aufbau des Wiener Volksbildungswesens mitwirken sollen. Allein: Er wollte nicht.

Das immerwährende Exil, das ich wählte, war die einzige Form von Authentizität, die ich mir erringen konnte.

Politisch positionierte sich der Schriftsteller in den sechziger und siebziger Jahren als unorthodoxer Linker am Rand der Studentenbewegung. Wobei er sich zunehmend isoliert fühlte.

Seine politische Heimatlosigkeit hat ihm sehr zu schaffen gemacht, seine abgrundtiefe Enttäuschung über Deutschlands Linke, über das Verhältnis der Linken zu Israel, seine vielleicht noch größere Enttäuschung über Frankreich und die Hinwendung zum Strukturalismus, zum Neo-Strukturalismus, das waren alles Dinge, die ihn nicht haben erfreuen können.

Was es mit Amerys Vorbehalten gegen den Strukturalismus auf sich hat, lässt sich in einem exzellenten Essayband nachlesen, der soeben als dritter Band der Amery-Werkausgabe bei Klett-Cotta herausgekommen ist. Titel: Aufsätze zur Philosophie, herausgegeben von Gerhard Scheit. Dass die insgesamt neunbändige Amery-Werkausgabe überhaupt erscheinen kann, verdankt sich dem Engagement Jan Philipp Reemtsmas, der für das Editionsvorhaben einen namhaften Geldbetrag zur Verfügung gestellt hat. Der Strukturalismus eines Claude Levi-Strauss, der Anti-Humanismus eines Michel Foucault waren Jean Amery zutiefst suspekt, wie er in einem Vortrag in den siebziger Jahren einmal ausführte.

Um es gleich ganz brutal zu sagen: Mir ist nicht nur die sich wieder hervordrängende Heidegger-Nachfolge, sondern auch die sich suprarationalistisch gebärdende, geradewegs in den miserabelsten Irrationalismus hineinführende Denkrichtung wie der französische
Strukturalismus zutiefst verdächtig, sofern er sich von der Linguistik, über die ich mir kein Urteil erlaube, sich hinauf schwingt zur philosophischen Anthropologie.


Für Amerys Selbstmord, so meint seine Biographin, gab es viele Gründe: nicht zuletzt hat auch eine unglückliche Liebesgeschichte eine Rolle gespielt, eine menage à trois zwischen Amery, seiner Frau Maria und einer Amerikanerin namens Mary Cox-Kitaj. In ihrer Biographie berichtet Irene Heidelberger-Leonard auch über diese Affäre. Wie viel wusste man bisher darüber?

Es war ein schlecht gehütetes Geheimnis. Natürlich hat es eine Rolle gespielt. Es wird nicht ausschlaggebend gewesen sein, aber es war mit ein Element, das ihn in eine aussichtslose Lage gebracht hat."

Jean Amery ist seit 26 Jahren tot. Dass sein Werk lebe, dafür kämpft Irene Heidelberger-Leonard mit ihrer Biographie, auch mit der Werkausgabe im Klett-Cotta-Verlag ­ Bücher, denen man gar nicht genug Leser wünschen kann.


Irene Heidelberger-Leonard
Jean Amery ­ Revolte in der Resignation ­ Eine
Biographie

Klett-Cotta, 408 S., EUR 24,70

Jean Amery
Aufsätze zur Philosophie ­ Band 6 der Werkausgabe
Klett-Cotta, 650 S., EUR 35,-

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