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StartseiteBüchermarktSchreiben war für sie eine Qual08.08.2012

Schreiben war für sie eine Qual

Jane Bowles: Gesammelte Werke, "Schöffling & Co Verlag"

Zeit ihres Lebens waren Jane Bowles Werke weniger bekannt als die ihres Mannes Paul. Jetzt liegen Neuübersetzungen vor: Der Roman "Zwei ernsthafte Damen" und der Erzählband "Einfache Freuden", dazu der schmale Band: "Über Jane Bowles" mit Essays von Margit Schneider und Truman Capote, vielen Fotos und einer tabellarischen Biografie.

Von Simone Hamm

Jane Bowles trank Alkohol und schluckte dazu Barbiturate, um schreiben, um leben zu können.  (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)
Jane Bowles trank Alkohol und schluckte dazu Barbiturate, um schreiben, um leben zu können. (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)

Ich habe nicht das Geringste für Sicherheit übrig. Nicht das Geringste. Tatsächlich bin ich eine große Bewunderin von Nomaden, Vagabunden, Zigeunern, Seefahrern. Ich ziehe meinen Hut vor ihnen; übrigens haben auch die meisten Propheten die Welt durchstreift und die meisten Visionäre.

Lässt Jane Bowles ihre Protagonistin Harriet sagen. Die ältliche Harriet ist vor ihren beiden Schwestern geflohen nach Camp Cataract. Camp Cataract, das ist Altenheim, Psychiatrie und Pfadfinderlager zugleich - auf jeden Fall ist es weit entfernt von der gleichermaßen zerstörerischen wie heuchlerischen Vorstadtidylle und dem kleinen Häuschen, in dem Harriet mit zwei Schwestern und einem Schwager lebt. Nichts ist, wie es scheint. Auch nicht in der Wildnis. Der Indianer am Souvenirshop ist nur ein geschminkter Ire. Denn der Aufbruch in ein anderes Leben bedeutet bei Jane Bowles nie Glück oder Verheißung. Allenfalls, wenn auch nicht immer, Überleben.

Jane Bowles grandiose Short Story "Camp Cataract" ist jetzt in neuer Übersetzung von Brigitte Walitzek in dem Kurzgeschichtenband "einfache Freuden" erschienen.

Die Hauptfiguren dieser Geschichten sind allesamt junge Mädchen und Frauen: skurril, neugierig, immer am Rande des Wahnsinns.

Jane Bowles Sprache ist kunstvoll naiv. Kühl. Sehr direkt. Es gibt keinen Erzähler. Niemanden, der etwas einordnet, niemanden, der etwas beurteilt.

Ihre Protagonisten gehen schonungslos miteinander um. Mit ihren Freundinnen. Und auch mit sich selber. Von illusionsloseren Frauen hat man selten gelesen.

Eine überaus korrekte, häusliche Witwe lädt ihren Nachbarn zum Essen in ein Restaurant ein, an dem sie dann nicht mehr teilnehmen kann, weil sie sich sinnlos betrinkt. Und schon die kleinen Mädchen sind selbstbewusst und - anders. Mary zieht vor, allein in einer Lehmgrube zu spielen als auf einem ordentlichen Kinderspielplatz. In der Grube befehligt sie ein ganzes Heer von unsichtbaren Soldaten. Eine tot kranke Hure schleppt sich zu einem Picknick mit einem Geschäftsmann, der vor Virilität kaum laufen kann. Die üppige Seniora Ramirez lässt sich mit einem einfältigen amerikanischen Touristen ein. Er ist kalt wie eine Muschel, sehr knochig und voller Schuldgefühle. Aber leidenschaftlich, wie sie ist. übersieht Seniora Ramirez das geflissentlich. In der Literatur, nicht im Leben findet sie die Liebe:

"Mi amante, amante querido!" flüsterte sie; und sie dachte an die kleinen Büchlein mit ihren goldbedruckten Einbänden, die Bücher über die Liebe, die sie gelesen hatte, als sie noch ein junges Mädchen war, ohne die Bürde der Familie. Diese kleinen Büchlein hatten ihr die Fähigkeit, lesen zu können, als die wertvollste und wundervollste Gabe scheinen lassen.

Jane Bowles hat in Paris gelebt, in New York und Tanger, Mittelamerika, Mexiko und Ceylon. Sie war verheiratet mit dem ungleich erfolgreicheren Komponisten und Schriftsteller John Bowles, mit dem sie ihr ganzes Leben lang zusammenblieb. Sie verliebte sich in Frauen, lebte mit ihnen, litt an ihnen und ging dann doch wieder auf Reisen mit ihrem Mann und dessen Liebhabern. Jane und Paul Bowles waren das exzentrische Paar der Szene von Tanger und New York. Das Schreiben, das Paul Bowles so leicht fiel, war für Jane Bowles eine Qual. Sie trank Unmengen von Kaffee und Alkohol und schluckte dazu Barbiturate, um schreiben, um leben zu können.

Ein Roman, einige Kurzgeschichten,ein Theaterstück. Das ist alles, was sie hinterlassen hat.

Jane Bowles einziger Roman: "Zwei ernsthafte Frauen" ist ebenfalls neu übersetzt worden. Die ernsthaften Frauen, das sind zwei Frauen über dreißig, die sich auf einer Party in einem New Yorker Vorort treffen. Sie sind angeödet von der Welt, in der sie leben und wild entschlossen sind, ihr Leben zu zerstören. Frieda Copperfiled reist widerwillig mit ihrem Gatten nach Panama, verliebt sich in eine spanische Hure und verbringt den Tag damit, Whiskey und Rum zu trinken.

"So", sagte sie zu sich selbst. "Als die Menschen an Gott glaubten, trugen sie ihn von Ort zu Ort mit sich. Sie trugen ihn durch Urwälder und über den Polarkreis. Gott wachte über alle. Jetzt gibt es nichts mehr, was man von Ort zu Ort mit sich tragen könnte, und was mich betrifft, so könnten all diese Menschen genauso gut Kängurus sein; und doch muss es hier irgendjemanden geben, der mich an irgendetwas erinnert - ich muss versuchen, an diesem fremdländischen Ort eine Zuflucht für mich zu finden...
Die Erinnerung an Dinge, die ich geliebt habe, seit ich klein war. Mein Mann ist ein Mensch ohne Erinnerung". Sie empfand einen tiefen Schmerz beim Gedanken an diesen Mann, den sie mehr mochte als alle anderen, diesen Mann, für den alles, was er noch nicht kannte, eine Freude war. Ihr selbst dagegen war alles, was kein alter Traum war, ein Gräuel. Sie legte sich wieder aufs Bett und schlief tief und fest ein. Als sie wach wurde, stand Mr. Copperfield am Fußende des Bettes und aß Papaya.


Die Zuflucht findet sie nicht, der alte Traum lässt sich nicht festhalten, nicht wiederfinden. Ihr Leben im Rausch ist alles andere als ein künstliches Paradies.
Christina Goering, die schon als Kind niemand mochte, ist eine alte Jungfer, die sich ein baufälliges Haus auf einer Insel kauft, dort mit einer Gesellschafterin und mit Zufallsbekanntschaften lebt. Hin und wieder nimmt sie die Fähre zum Festland und lässt sich ohne Angst und Arg mit Barbekanntschaften ein. Diese Männer gefallen ihr nicht, sie hofieren sie nicht, sie behandeln sie wie eine Prostituierte. Und doch berührt sie das nur wenig. Denn sie fühlt sich ihnen turmhoch überlegen. Es ist ein Spiel, das sie spielt. Ein Spiel mit einem hohen Einsatz:

Miss Goering fühlte sich jetzt, wo er mit ihr redete, nicht wohler als zuvor. Er schien beim Reden immer zorniger und verbissen zu werden, und seine Art, ihr Eigenschaften zuzuschreiben, die in keiner Weise ihrem Wesen entsprachen, verlieh der Unterhaltung etwas Unheimliches und gab Miss Goering gleichzeitig das Gefühl, völlig unwichtig zu sein.

Am Ende begegnen sich die Frauen in einem Restaurant wieder. Mrs. Goering sagt Mrs. Copperfield unverhohlen, wie heruntergewirtschaftet sie aussähe. Mrs Copperfiield ist in Begleitung der spanischen Prostituierten gekommen, die sie nur ungern aus den Augen lässt. Sie keult zurück. Sie vermisse den Charme und die Einfühlsamkeit ihrer Freundin. Sie wisse genau, wie kaputt sie sei. Und sie triumphiert. Genau das hat sie sich seit Jahren gewünscht. Das ist der Preis für ihren Wagemut.

Jane Bowles psychologisiert nicht. Kühl und beherrscht und bisweilen sehr witzig schildert sie, wie zwei ernsthafte, finanziell einigermaßen unabhängige, kinderlose Damen sich unaufhaltsam zerstören. Die Frauen sind, auch noch in ihrem Absturz, selbstbewusst und stolz. Die Männer bleiben blass und sollen blass bleiben.

Jane Bowles:
Gesammelte Werke. Drei Bände im Schuber. Schöffling & Co. 44 Euro:
1. Jane Bowles: Zwei ernsthafte Damen. Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek. 264 S.
2. Jane Bowles: Einfache Freuden. Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek. 202 S.
3. Frauen sind unergründlich, mysteriös und unanständig. Über Jane Bowles.
Eine Bildbiografie mit Essays von Truman Capote und Margit Schreiner. 80 Seiten.

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