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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenHandschrift vom Aussterben bedroht16.11.2017

Schreibunterricht an SchulenHandschrift vom Aussterben bedroht

Schreiben mit der Hand? Ein Anachronismus im Zeitalter der Digitalisierung - so scheint es. Die Handschrift hat es an den Schulen zunehmend schwer, sich zu behaupten. Der Einsatz der Tastatur wird vielerorts forciert. Doch das bleibt nicht ohne Folge für das Lernen, wie internationale Studien zeigen.

Von Dörte Hinrichs

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In der Dorfschule in Görzig nahe Beeskow schreibt ein Mädchen im Unterricht das Wort "Schule" in ihr Heft (13.04.2005 ). (dpa / Patrick Pleul)
Immer weniger Schüler können gut und leserlich schreiben - ist die Tastatur eine Lösung? (dpa / Patrick Pleul)
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Schwungvoll geschriebene Sätze, die den Liebesbrief zu einer Augenweide werden lassen - hingekritzelte, kaum leserliche Schulaufsätze, die Pädagogen zur Verzweiflung bringen. Innerhalb dieses Spektrums bewegt sich die Handschrift seit jeher. Inzwischen ist jedoch jeder zweite Junge und jedes dritte Mädchen aus Sicht der Lehrer von signifikanten Schreibproblemen betroffen. Da scheint der Einsatz von Tablets oder Smartphones in Schulen, wie er auch hierzulande stark forciert wird, das Problem zu entschärfen. Doch ganz so einfach ist es nicht. Gerade der interdisziplinäre und internationale Austausch kann da eine wichtige Lernerfahrung sein, betont Dr. Marinela Diaz Meyer Leiterin des Symposiums und des Schreibmotorik-Instituts.

"Zum Beispiel in Norwegen oder in den Niederlanden ist die Digitalisierung schon sehr weit fortgeschritten. Aber sie haben auch die Probleme mit dem Handschreiben, wir haben alle die gleichen Fragen. Viele Leute sehen das als eine veraltete Kulturtechnik an und dann gibt es die Frage, ob man Tastaturen benutzen soll oder ob mit einem Tablet besser zu lernen wäre. Wir sehen in den Niederlanden beispielsweise oder in Norwegen werden diese Tablets schon weit eingeführt, aber sie haben keine wissenschaftliche Begleitung dabei gemacht. Und wir lernen von den Erfahrungen anderer, weil in Deutschland durch die Politik gewollt ist, dass die Digitalisierung schnell in die Schule kommt, aber wir müssen von den anderen lernen."

Dabei will das 2012 gegründete Schreibmotorik-Institut mit dem Symposium die international gewonnenen Erfahrungen von Motorik-Experten, Pädagogen, Medienwissenschaftlern, Kognitionspsychologen und Ergotherapeuten auswerten.

"Und das ist die Idee des Symposiums, dass wir viel darüber diskutieren, dass Digitalisierung und Handschreiben nicht wirklich zwei unterschiedliche Themen sind, sondern sie können kombiniert werden. Wir möchten nicht, dass nur die Industrie und die Unternehmen diese Gestaltung, diese Rolle führen, sondern wir möchten auch dabei sein. Und das ist wichtig, das aus verschiedenen Perspektiven zu sehen, und das sehen wir dann in dieser interdisziplinären Gruppe."

Australien: Tablets aus Grundschulen wieder verbannt

Eine sehr kritische Perspektive auf den Einsatz digitaler Medien im Unterricht verfolgt dabei Prof. Gerald Lembke von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mannheim.

"In Australien wurden die Schulen schon 2012 flächendeckend mit Computern und Tablets versorgt. Die sind seit 2016 alle wieder rausgeholt worden, weil man festgestellt hat, dass das Nutzungsverhalten ausschließlich ein spielerisches und unterhaltungsorientiertes ist, und dass der Einsatz der Computertechnologien in den Schulen zu mehr Probleme geführt hat, als es Nutzen gebracht hat. Und Deutschland ist gerade im Jahr 2012 von Australien. Wir wollen das jetzt gerade hier in Deutschland flächendeckend haben, das heißt jedenfalls die Politik und die Lobby möchte das, obwohl wir im Ausland schon wissen, dass das schädlich ist."

Sagt ausgerechnet ein Professor für Digitale Medien, Medienmanagement und Kommunikation. Und belegt seine Aussagen mit entsprechenden Untersuchungen.

"Sowohl die Studie der London School of Economics als auch die deutlich repräsentativere Studie der OECD 2015 zeigen, dass der Einsatz von digitalen Medien eben nicht zu besseren Lernergebnissen führt oder dass Unterricht besser wahrgenommen wird. Sogar ganz im Gegenteil, dass diese Medien auch schaden können. Das heißt, sie führen auf keinen Fall zu positiven Effekten, können aber zu negativen Effekten führen. Also das Risiko des Einsatzes von digitalen Medien im Unterricht flächendeckend, wird das Risiko von Konzentrationsstörungen, das Risiko von zunehmendem Ablenkungsverhalten, das Risiko zu auch Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen eher fördern als dass sie hier tatsächlich gesellschaftlich auf ein soziales Leben vorbereitet würden."

Zu viel Ablenkung, zu wenig Konzentration

Gerade weil der Ablenkungsmoment so groß sei und jüngeren Kindern noch die Impulskontrolle fehle, hält Prof. Gerald Lembke Tablets an Grundschulen für fehl am Platz. Auch die Erfahrungen in China seien alles andere als nachahmenswert.

"Dort hat man festgestellt, dass die chinesischen Kinder in den Grundschulen, auch dort die ersten vier Jahre, dass sie die Schreibschrift, die Schrift nur über Tablets kommuniziert bekamen. Die haben also selber nicht geschrieben, sondern die wissen, hier gibt es ein Zeichen im asiatischen Bereich, das Zeichen steht für Haus, und jetzt klickst du mit deinem Finger auf dem Bildschirm auf das Haus, und jetzt hast du Haus geschrieben. Und der Computer druckt das aus - ein fantastisches Schriftbild. Man hat jetzt festgestellt, dass als die Kinder mit zehn, elf Jahren in die fortführenden Schulen kommen, dass die ihren eigenen Namen mit der Hand nicht schreiben konnten."

Dabei hat gerade das Schreiben mit der Hand eine immense Bedeutung für das Lernen, die Merkfähigkeit und die kognitive Entwicklung. Studien haben gezeigt, dass beim Schreiben mit der Hand eine motorische Gedächtnisspur angelegt wird und eine stärkere neuronale Aktivierung ausgelöst wird als beim Tippen. Wie das Schreiben mit der Hand am besten gelernt und gelehrt wird, dazu gibt es allerdings noch erheblichen Forschungsbedarf.

Studien zum Schreiblernprozess fehlen

"Es gibt erstaunlicherweise kaum oder überhaupt keine wissenschaftlichen Studien über den Schreiblernprozess als Ganzes. Und auch nicht über die Auswirkungen von den verschiedenen Schriften, obwohl es seit 30 Jahren graphische Tablets gibt, wo man den Schreibverlauf aufzeichnen und auswerten kann. Man hat das Gefühl, die eine Schrift funktioniert nicht, dann probiert man eine andere aus, aber eigentlich ohne Konzept. Und das, was wir in unseren Studien gefunden haben, ist eher, dass man vermehrt auf den Schreibunterricht schauen muss. Dass es nicht so sehr auf das Ausgangsalphabet ankommt, sondern auch auf die Art, wie dieses Alphabet unterrichtet wird. Und da gibt es klassische Schreib-Lern-Konzepte, die möglicherweise modernisiert werden müssen, weil sie nicht dem Stand des motorischen Lernens entsprechen, wie er heute diskutiert wird."

Sagt Dr. Christian Marquardt, der sich seit über 25 Jahren mit den motorischen Grundlangen des Schreibens beschäftigt und zum wissenschaftlichen Beirat des Schreibmotorik-Instituts gehört. Angesichts der immer stärkeren Nutzung von Tablets und Smartphones in Klassenzimmern steht das Schreiben mit der Hand unter einem immer größeren Argumentationszwang. Das digitale Schreiben scheint die alte Kulturtechnik der Handschrift zu verdrängen, ohne das berücksichtigt wird, welche Bedeutung das Handschreiben für die kognitive und motorische Entwicklung der Kinder hat. Für viele Schüler endet die anfängliche Begeisterung über das Schreiben irgendwann in Frustration.

"Kinder üben relativ lange Zeit diese Form des Alphabets, und das prägt sich sehr stark ein, wird sehr stark verfestigt. Aber das ist mit einem Schreibtempo, das um den Faktor drei zu langsam ist. Und auf einmal, ab Klassenstufe 2,3,4, müssen sie auf einmal mehr Schreibleistung erbringen, sie müssen auf einmal Diktate schreiben, auf einmal deutlich schneller schreiben, als sie es vorher gelernt haben. Das heißt, während der Beschleunigung muss die Form modifiziert werden, und das ist der Punkt, wo die Kinder auf sich komplett allein gestellt sind. Sie verändern ihre Schrift und auf einmal wird sie unlesbar."

Mädchen experimentieren beim Schreiben

30 Prozent der Mädchen und 50 Prozent der Jungen haben Schwierigkeiten mit der Handschrift. Lesbarkeit und Schreibtempo sind zwar keine neuen Probleme, doch woher rührt dieser große Unterschied zwischen den Geschlechtern?

"Wir sehen bei vielen Jungen, dass sie zu ihrer eigenen Schrift keine Beziehung aufbauen, das heißt im Prinzip lehnen sie das Schreiben sogar fast ab. Und sie versuchen im Prinzip diese Aufgabe zu bewältigen, schreiben nach wie vor diese Schrift, die sie gelernt haben und transformieren die eben nicht. Und Mädchen sind da viel kreativer. Sie haben viel mehr Bezug zu dem, was sie schreiben, sie experimentieren viel früher mit ihrer Schrift, machen da vielleicht Kringel dran, und ganz typischerweise fangen sie an, viel früher auch die Schrift zu modifizieren, zu gestalten."

Und schreiben dadurch flüssiger und leserlicher, auch wenn das Tempo angezogen wird. Damit der Schreiblernprozess für alle optimiert wird, muss die Motorik genau analysiert und trainiert werden.

"Hier geht es dann beispielsweise nicht um Genauigkeit um viel Ausprobieren, hier geht es um Gestalten, Formgebung, und hier geht es möglicherweise schon darum, möglichst frühzeitig einen Bewegungsrhythmus zu erzeugen. Also wir haben mehrere Pilotstudien gemacht, wo sich eben zeigt, dass diese Übungen, auch wenn sie nur additiv im Schreibunterricht angewendet werden, sich positiver auswirken, dass die Kinder Druckregulation besser lernen, dass sie danach flüssiger, schneller schreiben können."

Neues Verfahren soll Schreibprobleme identifizieren

Deshalb hat das Institut für Schreibmotorik einen Fragebogen für Pädagogen entwickelt, um die individuellen Schwierigkeiten so früh und differenziert wie möglich zu erfassen. Die sogenannte SMI-Kompetenz-Spinne ist das erste förderdiagnostische Screening-Verfahren zu Erfassung von Schreibfertigkeiten von Kindern. Aus den Untersuchungsergebnissen verschiedener Kompetenzbereiche wie beispielsweise Stifthaltung, Motorik und Koordination ergibt sich dann eine Art Spinnennetz, das die Schreibkompetenzen von vier- bis siebenjährigen Kindern erfasst. Mit diesem Screening-Verfahren hat man erste erfolgversprechende Erfahrungen gesammelt. Dr. Christian Marquardt:

"Wir haben die Kompetenzspinne evaluiert in einer Studie in Wien. Und sind da zu einem sehr positiven Ergebnis gekommen und sind jetzt dabei, das zu publizieren und sie danach zur Verfügung zu stellen. Das waren 200 Kinder, die wir evaluiert haben und das waren 19 Klassen und aus jeder Klasse hatten wir sechs Kinder. Und das ist über einen relativ langen Zeitraum gelaufen."

Nun erhoffen sich die Entwickler der SMI-Kompetenz-Spinne einen Einsatz dieses Instruments auch in den Schulen hierzulande, damit das Schreiben-Lernen für die Kinder weniger frustrierend und die Handschrift wieder für alle lesbarer wird. Und es gilt auch auf Ebene der Schulen, Hochschulen und Kultusministerien noch einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten, um auf die mit dem Schreibprozess verbundenen motorischen und kognitiven Fähigkeiten aufmerksam zu machen - gerade auch angesichts der Konkurrenz digitaler Schreibmedien.

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