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Seit 00:05 Uhr Lange Nacht
StartseitePolitische Literatur (Archiv)Schreibverbot, Verfolgung, Flucht04.02.2008

Schreibverbot, Verfolgung, Flucht

Das Schicksal der Dichterinnen im Nationalsozialismus

Nicht nur Literaten mussten vor der Kulturbarbarei der Nationalsozialisten ins Exil flüchten, sondern auch viele - zumeist in Vergessenheit geratene - Autorinnen. Der Band "Die verbrannten Dichterinnen" schließt die Erinnerungslücke mit einem gelungenen Rundumschlag. Wolfang Noethen stellt das Buch vor.

Die Familie Mann bei ihrer Ankunft in New York 1939. In der Mitte Erika Mann. (AP Archiv)
Die Familie Mann bei ihrer Ankunft in New York 1939. In der Mitte Erika Mann. (AP Archiv)

Bücherverbrennung. Deutsche Studenten: "Wir haben unser Handeln gegen den undeutschen Geist gerichtet. Übergebt alles Undeutsche dem Feuer."

In den so genannten Feuersprüchen der von den Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 inszenierten Bücherverbrennung werden 15 Autoren namentlich erwähnt, darunter etwa Heinrich Mann und Erich Kästner. Frauen sind nicht dabei. Sie waren für die Nationalsozialisten offensichtlich gar nicht erwähnenswert.

"Dichterinnen sind im nationalsozialistischen Weltbild, das Frauen auf die klassische Rolle der Hausfrau, Gebärerin und Mutter reduzierte, in aller Regel nicht vorgesehen. So sind ihre Bücher zwar bei der Bücherverbrennung nicht genannt und wohl auch nicht verbrannt worden. Verboten aber wurden sie in den darauf folgenden Jahren sehr wohl."

Die Zahl dieser Dichterinnen war erheblich, und deren Schicksal wurde - wenn überhaupt – bislang meist in Form von Einzelbiografien der bekannteren Autorinnen ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Die Literaturwissenschaftlerin Edda Ziegler hat nun einen so noch nicht da gewesenen Rundumschlag unternommen. Nicht die einzelne Biografie steht im Vordergrund, sondern das Phänomen als solches: Schreibverbot, Verfolgung, Flucht und die spezifischen Bedingungen in der Emigration.

Das Buch ist also nach thematischen Schwerpunkten gegliedert. Die Kapitel befassen sich etwa auch mit dem literarischen Markt vor 1933, den Wegen ins Exil oder dem Alltag im Exil. Konkrete biografische Einstreuungen, wie die von Anna Seghers, Else Lasker-Schüler oder Erika Mann dienen lediglich als plastische Beispiele und gekonnt platzierte Zitate, um das jeweils Spezifische an der Emigration zu verdeutlichen.

Erika Mann: "Es war ja eine der merkwürdigen Erfahrungen der Emigration, dass man, älter wie man wurde, immerzu aufs Neue vor der Berufswahl stand, wissen Sie? Und ich stand vor der Berufswahl, nun wollte ich also 'Lecturer' werden. Und musste zunächst wie folgt vorgehen: Ich musste meine Sachen aufschreiben, sie übersetzen lassen und sie dann auswendig lernen. Denn, wenn die Amerikaner etwas nicht mögen, dann ist es abgelesene Dinge. Und da ich aber schauspielerisch geübt war, konnte ich sie auswendig lernen, und da ich ein Aff’ bin konnte ich auch den englischen Akzent recht gut, sehr schnell beherrschen, das ging ganz gut."

Die "politische Emigrantin" Erika Mann gehört zu den wenigen, die die vielschichtigen Hürden der Emigration relativ schnell überwanden. Sie fasste in den USA mit ihren auf Englisch gehaltenen Vortragsreisen über die Gefahren des Nationalsozialismus Fuß.

Vielen anderen Autorinnen gelang diese Anknüpfung in der Emigration jedoch nicht. Dem abrupten Verlust von kultureller Umgebung und einem Publikum, dass kulturelle Codes und die Sprache verstand, folgten in vielen Fällen Vereinsamung und Verarmung. Viele Autorinnen mussten sich zudem im Exil aus finanzieller Not heraus anderen Erwerbstätigkeiten zuwenden. Einige verloren im Exil ihre literarische Sprache und schrieben überhaupt nicht mehr - wie etwa Gabriele Tergit, die in der Weimarer Republik noch als Bestseller-Autorin galt.

Nur selten gelang es Autorinnen, die Literatursprache des Gastlandes anzunehmen. Für andere Autorinnen bedeutete der Verlust der Muttersprache das literarische Aus. Edda Ziegler nennt das die Gefährdung der "Inneren Heimat Sprache", "Mutterland Wort" oder "emotionales Handicap" des Sprachverlustes und der Sprachlosigkeit. Immer wieder belegt sie eindringlich die Traurigkeit und das Leiden dieser Frauen.

Natürlich betont Ziegler, dass die Emigration für die verfolgten Dichterinnen - verglichen mit dem, was sie im NS-Staat erwartete – zweifellos ein Privileg darstellte, da sie denen, die sich rechtzeitig dazu entschlossen, zumindest die nackte Existenz rettete und ihnen ein Leben in Freiheit ermöglichte. Das aber wurde von den Emigrantinnen selbst selten so gesehen. Sie betrachteten die Emigration – im besten Fall – als die kleinere Katastrophe.

Entsprechend ausführlich befasst sich Ziegler mit der Darstellung der schwierigen Startbedingungen für die deutschsprachigen Schriftstellerinnen in den Gastländern. Sie erzählt von den Sprachbarrieren, die die Integration ins kulturelle Leben erschwerten und das Ende für die meisten literarischen Karrieren bedeuteten.

"Viele der emigrierten Autoren und Autorinnen, vor allem die jungen, die noch am Anfang ihrer Karriere standen, waren im Ausland unbekannt und hatten deshalb auf dem internationalen Buchmarkt keine Chance. All das machte das Leben im Exil, jene spezifische Mischung aus Verlust, Kränkung, Heimweh und Zweifeln an der eigenen Identität bitter. Viele sind daran zerbrochen."

Dass gerade viele Frauen daran zerbrochen sind, legt die Frage nahe, ob es tatsächlich geschlechtsspezifische Aspekte, Gründe und Formen von Flucht und Emigration gab. Ziegler stellt diese Fragen immer wieder, prüft alle Themenkreise auch mit der geschlechtsspezifischen Brille. So zum Beispiel in der Beschreibung des Alltagslebens im südfranzösischen Internierungslager Gurs, das zwischen Mai 1940 und November 1943 ein reines Frauenlager war.

Besonders gut gelingt Ziegler dieser Blick immer dann, wenn er literaturwissenschaftlich geschärft ist, etwa im Rückgriff auf Frauenliteratur der Weimarer Republik, die die Rolle vieler Schriftstellerinnen bei der Entwicklung eines neuen, modernen Frauenbildes offenbart. Einige jener Fragen bleiben aber leider offen oder werden nur unzureichend und ohne Beleg beantwortet. Da heißt es dann etwa:

"Ob Frauen durch das Exil weniger selbstmordgefährdet waren als Männer, ist umstritten."

Unumstritten ist jedoch, dass über 60 Jahre danach viele dieser Frauenschicksale weit unbekannter sind als die der meisten ihrer männlichen Leidensgenossen. Ihre Werke sind der breiten Öffentlichkeit oft weniger zugänglich. So ist es das Verdienst solcher Untersuchungen, dass diese Namen ins Bewusstsein zurückgeholt werden, ihr Schicksal vor dem Vergessen bewahrt wird und ihre literarische Bedeutung angemessen – wenn auch posthum - gewürdigt wird.

Hier liegt auch die große Stärke des Buches, das immer wieder Anstöße gibt, die Werke dieser Schriftstellerinnen neu für sich entdecken zu wollen und mehr über ihre Schicksale zu erfahren. Um so bedauerlicher ist vor diesem Hintergrund das Fehlen eines Personenregisters.

Da fänden sich Namen wie die vermutlich in Auschwitz ermordete Gertrud Kolmar, aber auch ambivalente Lebensläufe, wie die der Irmgard Keun, die nach ihrem Exil in den Niederlanden, Belgien und Frankreich in die "innere Emigration" ins nationalsozialistische Deutschland zurückkehrte und verstummt die deutsche Niederlage herbeisehnte:

Irmgard Keun: "Als dann die Bomben fielen, wo andere drunter stöhnten, atmete ich auf: Gott sei Dank! Jetzt machen se hier alles kaputt, jetzt geht der Krieg irgendwie erst richtig los, und jetzt wird er verloren gehen. Das hoffte ich dann und betete! Ja? Und um so mehr Bomben fielen, um so näher kam irgendwie das Ende, schien mir das Ende des Krieges und der Verlust des Krieges, den ich hundertprozentig oder tausendprozentig wollte."

Besonders tragisch und stellvertretend für viele andere Schicksale ist die skizzierte Biografie der jüdischen Lyrikerin Mascha Kaléko. Kurz vor der NS-Machtergreifung schien sie vor ihrem großen Durchbruch zu stehen. Ihre Gedichte stießen auf Interesse und "trugen Kalékos Erfolg als 'Dichterin der Großstadt' über die Berliner Szene hinaus und begründeten ihren Ruhm. Doch er kam zu spät". Der erste Gedichtband wurde verboten, ihr zweites Buch noch in der Druckerei konfisziert, Kaléko später in die Emigration gezwungen.

"Ihr Leben konnte Mascha Kaléko durch die Emigration retten; ihre literarische Karriere nicht."

Das Buch von Edda Ziegler müsste so eigentlich im Untertitel auch "deutschsprachige Schriftstellerinnen in der Emigration" heißen, statt "Schriftstellerinnen gegen den Nationalsozialismus", da die Emigration der eigentliche Fokus ist. Zu den verfemten Dichterinnen zählen neben solchen, die aus politischen oder "rassischen" Gründen verfolgt wurden, auch solche, die nicht in bewusster Gegnerschaft zum Nationalsozialismus standen.

Insgesamt ist "Verbrannte Dichterinnen" aber ein bewegendes, teils ergreifend trauriges und wichtiges Buch, dass von Schmerz und Entwurzelung spricht. Gedicht Kaléko, "Emigranten-Monolog":

"Ich hatte einst ein schönes Vaterland –
So sang schon der Flüchtling Heine.
Das seine stand am Rheine,
das meine auf märkischem Sand.

Wir alle hatten einst ein (äh, siehe oben!),
das fraß die Pest, das ist im Sturm zerstoben.
O Röslein auf der Heide,
dich brach die Kraftdurchfreude."


Der Ausschnitt aus dem erst 1968 veröffentlichten Gedicht Mascha Kalékos zeugt von Bitterkeit, vom unumkehrbaren Traditionsbruch und vom Heimweh der Emigrantin nach einem Vaterland, das ihr für immer abhanden gekommen war. "Emigranten-Monolog", Strophe fünf:

"Mir ist zuweilen so, als ob
Das Herz in mir zerbrach.
Ich habe manchmal Heimweh.
Ich weiß nur nicht, wonach..."



Edda Ziegler: Die verbrannten Dichterinnen. Schriftstellerinnen gegen den Nationalsozialismus
Patmos Verlag, Düsseldorf 2007,
280 Seiten, 19,90 Euro

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