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StartseiteBüchermarktSchriften eines Polemikers08.11.2006

Schriften eines Polemikers

Theodor Lessing als Theaterkritiker in Göttingen

An Selbstbewusstsein und Streitlust mangelte es dem Philosophen und Theaterenthusiasten Theodor Lessing nicht. Beleg dafür sind seine "Nachtkritiken" aus den Jahren 1906 und 1907, die Rainer Marwedel herausgegeben und kommentiert hat.

Von Joachim Büthe

Theodor Lessing war vom Theater begeistert. (Stock.XCHNG / Raphael Wimmer)
Theodor Lessing war vom Theater begeistert. (Stock.XCHNG / Raphael Wimmer)

Vom Herbst 1906 bis zum Frühjahr 1907 war Theodor Lessing der Theaterkritiker der "Göttinger Zeitung". Er tat dies, wie so vieles in seinem Leben, unentgeltlich, obwohl seine Arbeit der Auflage der Zeitung gewiss nicht geschadet hat. Denn hier bekam der geneigte Leser etwas geliefert, über das es sich am Frühstückstisch aufzuregen lohnte. Es war eine junge, der damaligen Avantgarde durchaus zugeneigte Theatertruppe, die in Göttingen angefangen hatte und sich den Zwängen des Stadttheaters dennoch nicht entziehen konnte. Theodor Lessings engagierte und differenzierte Kritiken konnten unter diesen Bedingungen die Erwartungshaltungen des Publikums nicht aussparen. Auf der Suche nach der Theaterseele konnte er seinen Lesern gegenüber recht grob werden, wie hier, anhand eines Vortragsabends der Schauspielerin Gertrud Eysoldt.

"Eine Seele hat keine Formel. Diese Künstlerin hat Seele. Glaubt bitte ja nicht, dass die jeder habe. Und gar jeder Schauspieler! Heinrich Heine (dieser freche Mensch), sagte sogar von Göttingen, es habe zwanzigtausend Einwohner, unter denen sich auch zwölf 'Seelen' befänden. Heute hat es dreißigtausend und vielleicht sechs 'Seelen' weniger. Wir sind also glücklich, dass wir Frau Eysoldt gesehen haben. Sie gehört zu uns ersten Pionieren, die der Welt der Kunst und Schönheit jene Dunkelschachte und Tiefenlande erobern, die bisher von der künstlerischen Bewältigung ausgeschlossen und der Bühne unzugänglich schienen."

Zu uns ersten Pionieren! An Selbstbewusstsein und Streitlust mangelt es dem Philosophen und Theaterenthusiasten Lessing nicht. Eigentlich hielt er sich in Göttingen auf, um bei Edmund Husserl zu habilitieren, aber das ist eine andere Geschichte. Es ist kennzeichnend für Lessings Schreibweise, die er nicht ganz freiwillig gewählt hat, obwohl sie seinen vielfältigen Begabungen entgegenkam, wie sich bei ihm tagesaktuelle Publizistik und grundlegend wissenschaftliche Fragestellungen durchdringen. So entsteht parallel zu seinen Kritiken seine "Göttinger Dramaturgie", wie er sie selbstironisch nennt: "Theater-Seele. Studie über Bühnenästhetik und Schauspielkunst". Sie enthält Reformvorschläge, die so evident sind, dass sie uns heutigen selbstverständlich erscheinen. Und sie ist mehr als das: Ein früher Versuch, die Voraussetzungen des theatralen Erlebnisses systematisch zu durchdringen. Eine kleine Wahrnehmungspsychologie des Bildes im Allgemeinen und des Theaters im Besonderen.

"Wohin nun unsere folgenden Betrachtungen 'gehören', weiß ich selber nicht. Wollen die Bühnenkünstler sie auf die Gelehrsamkeit, die Gelehrten aber auf die Kunst, die Praktiker auf blasse Theorie, die Fachtheoretiker auf bloße Praxis abwälzen, will niemand ihre theoretische Notwendigkeit und praktische Nützlichkeit gelten lassen, weil ihre Sprache eine andere zu sein scheint als die 'am Bau' übliche und möchte ein jeder sich Mühe und Urteil ersparen, indem er sagt: 'ist das denn meine Sorge?' - nun, so will ich vorweg bemerken, dass ich hier nichts sein will als Dilettant, als Dichter, als Journalist oder wie ihr mich nennen wollt."

Es ist diese Form von Dilettantismus, zu der Lessing gezwungen war, weil es ihm verwehrt blieb, sich in einem Fachbereich häuslich niederzulassen. Doch selbst wenn ihm dies gelungen wäre, so bliebe seine Neugierde zu groß und seine Verachtung für den Wissenschaftsbetrieb zu tief, als das er es sich hätte gemütlich machen können. Es ist zugleich eine Form von Dilettantismus, die es ermöglicht und erfordert, neue Wege zu gehen, Querverbindungen zu finden, die anderen verborgen bleiben. Wenn Lessing, von der Psychologie ausgehend, die verschiedenen und komplexen Eben der theatralen Bilderwelt und ihrer Rezeption analysiert, dann meint man in der Ferne schon die ersten Elemente einer Semiotik zu erkennen, obwohl sein Ansatzpunkt ein gänzlich anderer ist. Zur gleichen Zeit entsteht auch seine Studie "Über Hypnose und Suggestion", und besonders seine Thesen zur Suggestion fließen wiederum in die Theater-Seele ein. Es versteht sich fast von selbst, dass dabei auch die psychologische Fachwelt nicht ohne kräftige Nasenstüber davonkommt.

"Gleich wie der Bildhauer schöne Menschen schaffen kann, ohne doch selber schön zu sein, oder gleich wie der berühmte Ethiker eine winzige, gemeine Seele haben kann, so docirt gar mancher Gelehrte während eines langen Lebens 'Psychologie', ohne irgend etwas Erhebliches über Menschenseelen zu wissen. Es ist somit wohl nicht zu bezweifeln, dass in manchen tagtäglichen Briefen, Tagebüchern und Memoiren (zumal in den Confessionen rücksichtslos offener Frauen) eine psychologische Erkenntnis steckt, die tiefer blickt als hundert sogenannt wissenschaftliche, exakte, auf experimentellem Wege geborene Bücher."

Da ist er wieder, der streitlustige, mit Witz begabte Polemiker Theodor Lessing, der nicht nur in der Frage der weiblichen Emanzipation seiner Zeit weit voraus war. Wer wissen möchte, woher seine Theaterbegeisterung kommt und welchen Stellenwert sie in dieser Zeit hatte, der sei auf die Kommentierung und das treffliche Nachwort von Rainer Marwedel verwiesen. Dieser Band ist Teil einer Edition der Schriften in Einzelausgaben. Es ist gut, dass sie kommt. Es gibt noch viel gut zu machen an Theodor Lessing.

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