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StartseiteSonntagsspaziergangZum Lesen und Dichten verkriechen31.01.2016

Schriftsteller und die OstseeZum Lesen und Dichten verkriechen

Die Ostseeküste - sie ist nicht nur Reiseziel, sie ist auch Sehnsuchts-, Rückzugs- oder Wohnort von Malern und Schriftstellern. Zum Beispiel zog es Künstler nach Ahrenshoop auf den Darß oder nach Hiddensee - und kaum ein Roman von Günter Grass, in dem das Meer nicht vorkommt.

Von Susanne von Schenk

Am Himmel über der Ostsee vor der Insel Rügen bei Sassnitz sind dunkle Wolken zu sehen. (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)
Die Ostsee - für viele deutsche Schriftsteller ein Sehnsuchtsort. (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)
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Auf dem Weg vom polnischen Swinemünde nach Züssow hält die Usedomer Bäderbahn auch in Bansin. Zwei Gleise, ein Gebäude mit ausladendem roten Dach - das ist der Bahnhof.

"Jeder fährt mal ab", sagte sie. Sie stand auf dem Bahnhof und sah dem Zug nach, und ich hing aus dem Fenster und winkte. Doch sie winkte nicht. Sie stand nur da und sah dem Zug nach, und ihr Kopftuch flatterte im Nordwestwind." Im Winter 1927 reist der 19-jährige Hans Werner Richter nach Berlin, nachzulesen in seinem autobiographisch geprägtem Roman "Spuren im Sand". Er spielt über weite Strecken in Bansin, wo der spätere Schriftsteller als fünftes von sieben Kindern aufwuchs.

"Die wohnten eigentlich in einer ärmlichen Kate in einem Dorf zwei Kilometer weg in Sallenthin, da ist Hans Werner auch geboren, 1908, und 1910 haben sie dieses Grundstück gekauft, diese ganze Hoflage hier." In Bansin könne man an jeder Straßenecke etwas über Hans Werner Richter erzählen, sagt Martin Bartels, Pfarrer im Ruhestand, der den 1993 gestorbenen Schriftsteller noch gut gekannt hat. "Dann hatte er in Berlin solche verflixte Sehnsucht nach Bansin und dieser Straße, wo wir jetzt hier gehen, weil er einfach verrückt war nach dem Rauschen des Meeres und, dann sagt er, wegen seiner grünen Bohnen, die seine Mutter so gut kochen konnte, ist er ja immer wieder in Berlin ausgerissen."

Hans Werner Richter: In Berlin Liebe zur Literatur entdeckt

Aber in Berlin, so Martin Bartels, entdeckte Hans Werner Richter seine Liebe zur Literatur, beginnt selbst zu schreiben und gründet nach dem Zweiten Weltkrieg die Gruppe 47, Keimzelle der deutschen Nachkriegsliteratur - hier ist er zu hören in einer alten Rundfunkaufnahme: "Ich lade alle Leute ein, die mir passen, die mit mir befreundet sind, und wir lesen uns gegenseitig vor und amüsieren uns und reden sehr viel und tanzen abends und es ist ein Fest, das drei Tage dauert. Und dann gehen wir alle wieder auseinander. Und der Freundeskreis existiert immer, den nennt man Gruppe 47."

Ein großes Ölgemälde im Hans Werner Richter Haus zeigt den spiritus rector der Gruppe 47: mit Pfeife, hochgeklapptem Mantelkragen, rotem Schal, die Haare vom Wind zerzaust.  Hans Werner Richter sieht melancholisch-verwegen aus. Ihm zu Ehren wurde 2000 in Bansin das kleine Museum eröffnet, mit Richters Originalarbeitszimmer und zahlreichen Erinnerungsstücken. Claudia Bluhm, die das Haus leitet, zeigt auf ein handschriftliches Manuskript mit dem Titel "Bruder Martin": "Die Geschichte Bruder Martin ist die letzte Geschichte aus dem Band 'Reisen durch meine Zeit'. Das ist eine wunderschöne Geschichte und bezieht sich darauf, wie er auf Einladung Martin Bartels gereist ist nach Usedom und in der Benzer Kirche gelesen hat."

Das war im Juli 1986. Pastor Bartels hatte Hans Werner Richter zu einer Lesung nach Benz, nicht weit von Bansin, eingeladen - in die Kirche, in der der Schriftsteller über sechzig Jahre zuvor konfirmiert worden war. Bartels: "Es war ein Ereignis. Einen westdeutschen Schriftsteller in der DDR lesen zu lassen, war sowieso ein Unding. Westdeutsches Ausland war ja schlimmer als alles andere. Da musste man spezielle Genehmigungen haben und um diese Genehmigung habe ich gekämpft, und es war bis kurz vor der Veranstaltung noch nicht raus. Dann kriegte ich die Genehmigung. Es war ein Ereignis, und die Kirche war rappelvoll." Hans Werner Richter ist 1993 in München gestorben und wurde auf dem Bansiner Friedhof beerdigt, von Pastor Martin Bartels. Dass der Schriftsteller selbst zahlreiche, meist autobiographisch geprägte Romane und Erzählungen geschrieben hat und nach 1945 Antikriegsliteratur verfasste, das wissen nur noch wenige.

Mecklenburgs ursprüngliche Art

Gut zweieinhalb Stunden fährt man von Usedom nach Klütz. Das beschauliche Örtchen liegt knapp vier Kilometer landeinwärts vom Ostseebad Boltenhagen entfernt. Nicht weit vom Klützer Marktplatz, im Thurow 14, erhebt sich ein mächtiger Getreidespeicher. Hier ist das Uwe Johnson Literaturhaus. Anja-Franziska Scharsich leitet es: "Das ist etwas, was Uwe Johnson entgegenkäme, der sein Mecklenburg in der ganz ursprünglichen Art sehr geliebt hat. Und was zeugt mehr von Mecklenburg als ein Getreidespeicher."

Das denkmalgeschützte Gebäude beherbergt seit 2006 die Stadtbibliothek, die Touristeninformation, ein nettes Café - und vor allem auf zwei Etagen eine umfangreiche Ausstellung zu Leben und Werk Uwe Johnsons. Geboren 1934 im pommerschen Cammin, aufgewachsen in Mecklenburg, ab 1959 Stationen in Berlin, Rom, New York, gestorben 1984 im englischen Sherness-on-Sea - so die Lebensdaten. In Klütz hat er nie gelebt. Aber der Ort spielt in seinem Roman "Jahrestage" eine Rolle - als das fiktive Jerichow: "Ein Nest aus niedrigen Ziegelbauten entlang einer Straße aus Kopfsteinen."

Scharsich: "Klütz ist ein sehr kleiner Ort, mit etwa 3.000 Einwohnern und zu der Zeit, wo er diesen Ort empfiehlt, taucht er noch in keinem Reiseführer auf, und insofern liegt die Vermutung nahe, dass er den Ort doch näher gekannt haben muss. Aber das ist eine Vermutung, wir können es nicht dokumentieren, aber es spielt nicht unbedingt die Rolle für unsere Ausstellung." Eine Ausstellung für einen Roman. In seinem komplexen Hauptwerk "Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl" verwebt Uwe Johnson die Exilgeschichte einer deutschen Familie mit den politischen Ereignissen der Zeit. In seinem Werk hat er immer wieder den Verlust von Heimat thematisiert. Eine tiefe Sehnsucht danach ist das Grundmotiv seines Schreibens. Als Uwe Johnson Mitte der 1960er-Jahre mit den Arbeiten zu "Jahrestage" beginnt, lebt er in New York. Da er nicht in die DDR reisen darf, um dort zu recherchieren, bittet er Freunde und Bekannte, dies für ihn zu tun.

Alkoholismus und Schreibblockade

"Sieht man noch alte Frauen mit Gummistiefeln und Kopftüchern?  Gibt es Zeitungskioske außer in Post und Bahnhof? Wie ist die Straße beleuchtet? Gibt es in der Fleischerei noch Sägespäne auf dem Fußboden? Warum würden Sie da nicht für Geld und gute Worte leben wollen?" Dieser Brief ist neben vielen anderen in der Ausstellung in Klütz zu lesen.

Uwe Johnsons letzte Jahre waren geprägt von Alkoholismus und einer Schreibblockade. Seinen Lebenslauf, schrieb er einmal an den Verleger Siegfried Unseld, könne er nicht verfassen. Aber in Klütz, wo, wie seinerzeit in der ganzen DDR, Uwe Johnson nicht verlegt wurde, kann man ihm näherkommen, sein Werk neu entdecken oder sich weiter darin vertiefen. Und dabei in dem historischen Getreidespeicher ein wenig die Zeit vergessen.

Lübeck - Heimat mehrerer Nobelpreisträger

Die Hansestadt Lübeck, Wohnort mehrerer Nobelpreisträger, ist die nächste Station. Ein Baldachin aus Büchern begrüßt den Besucher in der Eingangsdiele des Günter Grass Hauses in der Glockengießerstraße. Dazu eine "Hördusche" mit kontroversen Meinungen zu dem Schriftsteller, der selbst polarisierte, gelesen vom Schauspieler Mario Adorf: "Leute wie Grass haben uns und wir haben ihnen nichts zu sagen. Heiner Müller, Schriftsteller, 1957."

Dieses "Vorspiel" im Günter Grass Haus, das 2002 noch zu Lebzeiten des Schriftstellers eröffnet wurde, will gleich klarmachen, dass das literarische Schwergewicht hier nicht auf ein Podest gehoben wird. Das Haus, so der Leiter Jörg-Philip Thomsa, sei lebendige Forschungsstätte und kein musealer Tempel: "Wir haben hier ein Archiv von inzwischen 1.300 Graphiken und alle Manuskripte von 1995/96, als Grass von Berlin nach Lübeck sein Sekretariat verlegte bis zur Eröffnung des Grasshauses 2002: also Krebsgang, Fundsachen für Nichtleser, Mein Jahrhundert - die liegen in Lübeck."

Der Weg zur Dauerausstellung führt durch einen hübschen Garten. Gleich im Eingang zahlreiche Erinnerungsstücke: die rot-weiße Blechtrommel, Kochbücher, Skulpturen, eine Schreibmaschine - und die Nobelpreisurkunde, die Günter Grass 1999 für sein Lebenswerk erhielt: "Nein, ein Schock war es nicht, es war Freude, auch ein gewisser Stolz und eine Genugtuung, denn ich habe ja in meinem schwierigen Vaterland nicht nur Lobpreisungen erfahren, mehr im Ausland. Ich möchte die Gelegenheit auch wahrnehmen, all meinen Gegnern, die gelegentlich sich wie Feinde aufspielen im Umgang mit mir, möchte sie dazu ermuntern, nicht an den Nägeln zu knabbern, sondern sich mit mir zu freuen", sagte der Schriftsteller in einem Interview mit dem Norddeutschen Rundfunk anlässlich des Nobelpreises. Sein politisches Engagement, Skandale, an denen sein Leben nicht gerade arm war, seine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus oder die Frage "Bin ich nun Schreiber oder Zeichner" - wechselnde Themenkomplexe erschließen den Besuchern den Kosmos Grass.

Museumsbesucher stimmen über neue Themenbereiche ab

Einmal im Jahr, am 16. Oktober, dem Geburtstag von Günter Grass, stimmt das Publikum über einen neuen Themenbereich ab. In diesem Jahr hat es sich, so Jörg-Philip Thomsa, für "Grass und die Ostsee" entschieden: "Für ihn war die Ostsee auch ein politischer Raum, ein europäischer Raum. Es gibt ein wundervolles Gedicht, das heißt 'Kleckerburg', da fragt er: 'Wie macht die Ostsee, welche Sprache vertritt sie, deutsch oder polnisch? Und er antwortet als lyrisches Ich: blubb, pff, pschh, so mach die Ostsee. Das ist quasi die Pointe dieses großartigen Werkes, es gibt fast kein Buch von Grass, in dem nicht die Ostsee vorkommt."

 

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