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StartseiteBücher für junge LeserDie Kinder nicht alleine lassen11.04.2015

Schriftstellerin Susan KrellerDie Kinder nicht alleine lassen

In "Elefanten sieht man nicht" bringt die Schriftstellerin Susan Kreller das Thema Kindesmisshandlung und Gewalt in einen Roman, der sich in erster Linie an junge Leser richtet. "Ich wollte jemanden erfinden, der diese Kinder nicht allein lässt", erklärte die Autorin ihre Motivation.

Susan Kreller im Gespräch mit Ute Wegmann

Ein kleines Mädchen sitzt weinend auf dem Fußboden in seinem Zimmer.
Susan Kreller thematisiert u.a. Gewalt gegenüber Kindern.

Ute Wegmann: Ein Büchermarkt mit Lyrik und erzählender Literatur für junge Leser. Und mit Ute Wegmann und der Schriftstellerin Susan Kreller.

Sie ist 1977 in Plauen geboren, studierte Germanistik und Anglistik und promovierte über deutschsprachige Übersetzungen englischsprachiger Kinderlyrik. Zwei Romane und mehrere Kurzgeschichten sind veröffentlicht sowie eine Anthologie mit englischsprachigen Gedichten aus der ganzen Welt. Preise hat sie gewonnen, Stipendien erhalten, mit allen Werken war sie auf den Besten 7, der monatlichen Bestenliste des DLF, aktuell ist sie nominiert für den DJLP 2015. Herzlichen Glückwunsch!

Susan Kreller, beginnen wir mit der Lyrik, sprechen wir über die Anthologie. "Der beste Tag aller Zeiten. Weitgereiste Gedichte", illustriert von Sabine Wilharm. 84 Gedichte in 13 Kapiteln mit Titeln wie: "Geflügelte Orte", "Geister, Stürme, Dunkelheit", "Von Tieren und Telefanten". Gedichte aus Großbritannien, Irland, USA, Australien + Neuseeland, Indien, Jamaika, den Bahamas, Nigeria, Kenia, Ghana, Südafrika.

War das eine langwierige Recherchearbeit?

Susan Kreller: Das hat sehr lang gedauert, um die Gedichte zusammenzutragen. Aber ich hatte den Vorteil, dass ich schon meine Doktorarbeit über englischsprachige Kinderlyrik geschrieben habe, und jahrelang Gedichte gesammelt hab. Also die wurden mir mitgebracht aus anderen Ländern, oder ich hab recherchiert, ich war in diversen Bibliotheken. Und ich hatte eine Riesensammlung schon und dann musste ich die erst mal ordnen. Ich bin damals so vorgegangen, dass ich erstmal, ich glaube, es sind 13 Kapitel, gesucht habe. Das sind teilweise Kapitel, die man auch aus anderen Anthologien kennt, zum Beispiel Tiere oder besondere Menschen, aber es sind auch ungewöhnlichere, wie Wunder und andere sehr stille Angelegenheiten. Und dann hab ich angefangen, einzelne Gedichte zuzuordnen. Und am aller wichtigsten war es mir, meine Lieblingsgedichte mit hinein zu schmuggeln. Und das hab ich auch getan.

Wegmann: Davon hören wir später eins. Das werden Sie vorlesen. Wir finden hier sehr berühmte Dichter wie Shel Silverstein, Michael Rosen, e.e. cummings, aber auch viel unbekanntere Namen. Das verwundert ja nicht, wenn Sie erzählen, die wurden Ihnen teilweise zugeschickt oder mitgebracht. Das heißt einige der Gedichte sind zum ersten Mal ins Deutsche übertragen, andere wurden sogar neu übersetzt. An dieser Stelle seien die beiden renommierten Übersetzer genannt: Henning Ahrens und Claas Kazzer. Nach welchen Kriterien haben Sie ausgewählt? Waren es nur die Kapitelüberschriften oder gab es noch andere?

"Es ist für alle Altersgruppen"

Kreller: Mir war es sehr wichtig, dass sämtliche Länder, in denen englischsprachige Kinderlyrik geschrieben wird, vertreten sind. Und natürlich sind nun sehr viele Gedichte aus Großbritannien und den USA dort enthalten, weil es da die meisten gibt. In Irland hat sich eine englischsprachige Kinderlyrik erst sehr spät, in den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelt. Deshalb gibt es dort auch nur sehr wenige Gedichte. In afrikanischen Ländern noch später. Es gibt relativ wenige afrikanische und karibische Gedichte in der Anthologie, aber immer noch genug, um sich ein Bild davon machen zu können.

Wegmann: (Zitat:) Dumpf-Platsch!

Sumpf-Klatsch!

Ich stampfe wie durch Schnodder.

Wabbel-Bibbern!

Schwabbel-Zittern!

In den Schuhen suppt der Modder.

Ein Beispiel: Die erste Strophe von "Ein Sumpf-Stampf" von Doug McLeod aus Australien. Die Gedichte sind völlig unterschiedlicher Art, auch für unterschiedliche Altersgruppen.

Kreller: Ja, genau, wir haben damals vorgeschlagen, für Leser zwischen 6 und 99. Aber damals hat Johannes Heesters noch gelebt. Und ich hab gesagt: Nein, wenn er eine kinderlyrik–Anthologie kaufen möchte, dann geht das nicht. Er war damals 107. Ich weiß gar nicht, was jetzt drauf steht. Es ist für alle Altersgruppen und es sind sehr viele Gedichte für Erwachsene enthalten. Und es gibt zum Beispiel ein Gedicht von e.e.cummings, der kein Kinderlyriker war, aber auch in den USA in Kinderlyrik-Anthologien oft enthalten ist, das war mir wichtig, ihn mit hineinzunehmen.

Wegmann: Sie haben ein Lieblingsgedicht ausgewählt, das Sie uns vorlesen, "Abendreiher".

Kreller: Es ist ein Gedicht der australischen Lyrikerin Judith Wright, die hat fast das ganze 20. Jahrhundert über gelebt, war eine renommierte Lyrikerin und Umweltschützerin. Die zweite Australierin, die je die Queens Medal for Poetry bekommen hat. Das ist tatsächlich mein Lieblingsgedicht.

Wegmann: Susan Kreller ist heute Gast im Büchermarkt. Sie las "Abendreiher" von Judith Wright. Nun müssen wir über die Übersetzung sprechen. Denn im Original heißt das Gedicht "Night Heron" und bedeutet der "Nachtreiher". Was hat der Übersetzer, in dem Fall Claas Kazzer, gemacht?!

Kreller: Wir hatten das Glück, dass Claas Kazzer ornithologisch sehr bewandert ist, er wusste, dass der Nachtreiher ganz anders aussieht als der Graureiher, der in Deutschland der bekannteste ist. Der Nachtreiher kommt eher in Südosteuropa vor. Er wollte kein falsches Bild erzeugen durch eine genaue ornithologische Bezeichnung, weil es eine Abendsituation ist, und deshalb hat er sich für einen Abendreiher entschieden. Es ist nun freigestellt, welchen Reiher man sich vorstellt. Die Illustratorin Sabine Wilharm hat sich den Graureiher vorgestellt, man sieht hier zwei sehr elegante Graureiher die Straße entlang spazieren, und das hat mir Claas Kazzer gesagt, dass ihm grundsätzlich beim Übersetzen sehr wichtig ist, dass keine sogenannten Filmfehler im Kopf entstehen.

Wegmann: Nun wie komm ich überhaupt auf die Idee, danach zu fragen. Woher weiß ich überhaupt, wie der Originaltitel lautet? Es gibt eine Art Glossar. Sie haben die Anthologie nicht nur mit Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren versehen, sondern auch – und das finde ich ganz großartig - mit den englischen Originaltexten. Das hat nun zur Folge, dass solche wie ich mal nach hinten blättern. Dabei ist mir zufällig bei einem Gedicht aufgefallen, dass es sich nicht um eine Übersetzung, sondern vielmehr um eine Nachdichtung handelt. Lewis Carroll: The Mad Gardener's Song, Lied des verrückten Gärtners. Das Gedicht stammt aus dem 19. Jahrhundert. Hier wird der Bankangestellte, der aus dem Bus steigt – im Original, zum "War das, was aus dem Porsche stieg, ein Banker aus F.am Main?.", so heißt es dann in der Übersetzung. Aus dem Papst wird ein Präsident, aus dem Stück marmorierter Seife wird ein Sack Zement. Das sind ja doch massive Eingriffe. Wo ist da die Grenze, wie weit darf man gehen, in der freien Gestaltung der Texte?

Kreller: Also ich hatte das Gefühl, dass beide Übersetzer ein sehr gutes Gespür für das Poetische, das Besondere in jedem Gedicht haben. Ich glaube, dass gerade das humoristische Element in diesem Gedicht in dem speziellen Nonsens liegt, der auch in der Form zu finden ist. Also in dem sehr monotonen Metrum und das hat er am Leben erhalten, das ist fast wie im Original. Und er hat zwar den Inhalt jetzt sehr, sehr verändert, also es kommt auch der Schuh des Manitu vor, aber er hat die Art des Nonsens beibehalten,also auch die Pointenlosigkeit des Nonsens, die ist hier sehr schön wiedergegeben. Obwohl es viele inhaltliche Veränderungen gibt.

Wegmann: Er ist in dem Fall …

Kreller: Der Übersetzer ist Henning Ahrens. Und er hat auch im Buch sehr viele humoristische Gedichte übersetzt, gerade auch Nonsens und das ist ihm sehr gut gelungen.

Wegmann: Ich muss nun doch noch mal nachhaken: Wenn nun ein Gedicht aus dem 19. Jahrhundert kommt, darf man da wirklich einen Porsche hineinmogeln. Es verändert ja doch massiv die Stimmung. Sie haben nun von der Form gesprochen, vom Metrum, dass das beibehalten wird. Aber setzt man nicht in dem Moment zu sehr die Form über den Inhalt?

Kreller: Mich hat es nie gestört. Ich denke, man darf so etwas. Weil es ja dem Gedicht noch mal einen neuen Reiz gibt. Man weiß ja als Leser, in welchem Jahrhundert man sich befindet durch den Namen Lewis Carrol. Ich finde das gerade lustig.

Wegmann: Das wäre jetzt ein längeres Gespräch, was wir darüber führen könnten. Noch einen letzten Satz zu dieser Anthologie, zu den Illustrationen: Es ist Sabine Wilharm gelungen, all diese unterschiedlichen Situationen, Stimmungen und Kulturen durch eine Schar fantastischer Figuren, wundervoller Kinder und realistischer Tiere miteinander zu verbinden.

Kreller: Gleich als ich Sabine Wilharm kennen gelernt habe, wusste ich, dass sie genau den richtigen Humor für diese Gedichte hat. Ja, sie hat ganz neue Geschichten erzählt, indem sie zwei Gedichte illustratorisch miteinander verbunden hat. Und das ist großartig.

Wegmann: "Der beste Tag aller Zeiten. Weitgereiste Gedichte." Jetzt sprechen wir über "Elefanten sieht man nicht" – so der Titel Ihres ersten Romans für junge Leser, in dem es um Gewalt in einer Familie geht. Ein Buch über zwei Kinder, neun und sieben Jahre alt, in einer Siedlung lebend, die Familie wohlhabend und angesehen. In dieser Siedlung leben auch die Großeltern der Erzählerin, die schon 13 Jahre alt ist und die beiden Kinder auf dem Spielplatz kennen lernt und ihr Geheimnis entdeckt. Ein Buch über scheinbar machtloses Schweigen, Wegsehen, aber auch über Geschwisterliebe und Nächstenliebe. Woher kommt der Titel?

Kreller: Es gibt ein Motto: The elephant in the room. Wird meistens übersetzt mit: Der Elefant im Wohnzimmer, und das bedeutet, dass es etwas Großes gibt, ein großes Thema, dessen sich alle bewusst sind, aber niemand möchte darüber sprechen, weil es unangenehme Folgen haben könnte. Und genau so ein Thema ist Kindesmisshandlung.

Wegmann: Sie haben eine starke Mädchenfigur geschaffen, die selber einen Schicksalsschlag erlitten hat, die aber dennoch ihre Hilfestellung nicht richtig einschätzt, Fehler macht, aber in der Konsequenz dennoch etwas verändert. Nun sagte ich gerade Nächstenliebe, man muss ja fast Zivilcourage sagen: Ein Plädoyer für ein aufmerksames Miteinander?

"… wollte jemanden erfinden, der diese Kinder nicht allein lässt"

Kreller: Das wäre schön, wenn es so gelesen würde. Ich wollte mit dem Buch zeigen, wie unheimlich schwierig es ist, in solchen Situationen zu helfen. Bevor ich das Buch geschrieben habe, hab ich sehr viele Artikel gelesen über schlimme Fälle von Kindesmisshandlung in Deutschland. Und immer wieder tauchte die Frage auf, warum hat denn niemand was getan? Und ich hab mir die Frage gestellt: Was hätte ich denn getan? Und was kann man überhaupt tun? Und gibt es überhaupt das Richtige? Ich habe bei den Artikeln immer gedacht, dass diese Kinder so allein sind, so allein wie man nur allein sein kann. Und ich wollte jemanden erfinden, der diese Kinder nicht allein lässt. Egal mit welchen Mitteln. Und die Hauptfigur verrennt sich ja völlig. Sie möchte helfen, plant es aber nicht und kommt dann nicht mehr raus aus dem Schlamassel.

Wegmann: In dem Roman "Elefanten sieht man nicht" vernimmt man bereits deutlich Ihre literarische Stimme: Andreas Steinhöfel hat ja richtigerweise im DLF festgestellt: "Es ist noch kein Kind am Nebensatz gestorben". Man kann es nicht oft genug zitieren! Sie , Susan Kreller, haben ebenfalls keine Angst vor dem Nebensatz. Deshalb war der erste Roman ausschlaggebend für das Kranichsteiner Stipendium, durch das Sie den zweiten schreiben konnten: "Schneeriese". Die Geschichte einer Kinderfreundschaft – Stella und Adrian sind Nachbarskinder – schon immer. Sie nennt ihn 1,90, weil er sehr groß ist. Am liebsten erinnert sich Adrian an die Märchenvorlesestunden mit Stellas Großmutter Misses Elderly, sie las die Schneekönigin von Anderson.

Jetzt sind die Kinder Teenager, Adrian leidet unter seinem enormen Wachstum, die Mutter will, dass er Hormone nimmt, er aber lehnt das alles wegen der Nebenwirkungen ab. Stella mag ihn wie er ist, alles andere ist egal. So lange bis eine neue Familie ins sogenannte Dreitotenhaus zieht. Personal aus Adrians Sicht erzählt, erleben wir einen Winter, in dem sich alles verändert. Als Stella sich dem Sohn der Familie zuwendet, erst da spürt Adrian, wie sehr er in sie verliebt ist. Susan Kreller, Ihr Roman handelt von dieser bitteren Erkenntnis. Sie fassen das in ein schönes Bild, wenn die beiden sich in den Schnee fallen lassen: Schneeengel und Schneeriese, er flügellos, während sie ihm davonfliegt. Würden Sie sagen, es ist eine Geschichte über Liebe oder über Liebeskummer?

Kreller: Ich würde vor allem sagen, es ist eine Geschichte über Freundschaft und das Ende einer Freundschaft. Und wenn ich mich entscheiden muss zwischen Liebe und Liebeskummer, dann wähle ich Liebeskummer. Es ist auf keinen Fall eine klassische Liebesgeschichte.

Wegmann: Die erste Begegnung mit Dato: "Und doch hätte er später schwören können, dass das die Sekunden waren, in denen Stella Aarau, ohne auch nur das Geringste davon mitzukriegen, den eisglatter ins Auge bekam, die Sekunden, in denen Adrian Leben zu wackeln anfing."

Wir haben in diesem Satz zwei Aspekte. Wir kennen das alle, jemanden zu lieben, der unerreichbar ist. Aber das ist emotional getoppt: Sich vor den Augen in einen anderen zu verlieben, das ist der Gipfel an Schmerz. Verzweiflung und Wut wechseln sich ab mit Machtlosigkeit. Das zweite ist noch mal Andersons Schneekönigin: Inwiefern hat das Märchen einen Bezug zu Ihrer Geschichte?

Kreller: Das ist der gerade erwähnte Eissplitter in Stellas Auge, so beschreibt es Adrian aus seiner Perspektive. So ist es im Märchen, da bekommt der Junge Kai den Eissplitter ins Auge von der Schneekönigin und ist fortan nicht mehr fähig, das Gute und Schöne in der Welt zu erkennen. Und eigentlich ist es ja im Buch so, dass Adrian nicht mehr dazu fähig ist. Das war mir wichtig, den unglücklich Liebenden nicht mit einem Heiligenschein zu versehen, sondern zu zeigen, wie wütend und verzweifelt es einen Menschen machen kann, wenn er so etwas erlebt. Und das habe ich sehr ausgiebig erzählt, aber ich hab das Buch auch geschrieben, um meine Hauptfigur da wieder herauszuholen. Eigentlich hab ich es nur deshalb geschrieben und deshalb darf man kein klassisches Happyend erwarten, aber ich glaube, man ist ganz glücklich danach. Oder so ein bisschen glücklich.

Wegmann:: Lesen Sie eine kurze Passage?

-      Lesung "Schneeriese" Seiten 10 bis 13) -

Wegmann: Susan Kreller las aus "Schneeriese". Susan Kreller, Sie finden einen eindringlichen, literarischen Ton für "Schneeriese". Eine Art pubertärer Absolutheit und Übertriebenheit, gepaart mit Selbstmitleid. Mit dem wir zunehmend konfrontiert werden, wenn Adrian merkt, dass er auf der Strecke bleibt und Stella ihm entschwindet in eine erste Liebesbeziehung. Sie haben ja nun die personale Erzählform gewählt und nicht die erste Person. Mir war es manchmal bei aller Gefühlsgenauigkeit und Eindringlichkeit zu viel, diese Absolutheit, dieses Selbstmitleid des Jungen. Wenn es heißt: der "still zerschundene Blick", die "Kehle loderte mit roten Nadeln", der "Beschwerte Seufzer". Warum haben Sie die personale Erzählform gewählt?

"Adrian geht durch den Schmerz"

Kreller: Schon genau aus dem Grunde, damit ich mich austoben kann. "Elefanten sieht man nicht" ist eine Ich-Erzählung aus der Perspektive einer 13-Jährigen, und da habe ich gemerkt, da muss ich mich schon ganz schön zusammenreißen und ich hab da auch viel wieder gestrichen. Das wollte ich beim "Schneeriesen" nicht. Auch weil das ein Thema ist, zu dem eine Absolutheit passt. Und es geht ja auch um Sprachlosigkeit. Und ich dachte, wenn ich der Sprachlosigkeit mit Sprache begegne, geht das auch. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass es dem einen oder anderen zu viel ist. Es war mir aber ein Anliegen, die Geschichte so zu erzählen, und personal ging das besser, weil es nicht genau Adrian ist, der da spricht, sondern es ist eine gewisse Distanz da.

Wegmann: Es gibt eine wichtige Figur: Misses Elderly, die Großmutter von Stella. Ihre Botschaft: Man muss "durch den Schmerz durchgehen. Die Wege außen herum, die zählen nicht ." (S.102)

Ist das auch Ihre Botschaft?

Kreller: Also ich bin fest davon überzeugt, dass es so ist. Darum geht es in diesem Buch. Adrian geht durch den Schmerz und er schafft es, da wieder herauszukommen. Im Grunde steckt sehr viel in diesem Satz. Das ist schon das Buch.

Wegmann: Gibt es denn vielleicht einen Wunsch, dass Sie vielleicht mal für erwachsene Leser schreiben möchten?

Kreller: Es ist nicht nur ein Wunsch, ich schreibe gerade für Erwachsene. Aber es ist für mich kein großer Unterschied. Klar, wenn man für jugendliche Leser schreibt, muss man bestimmte Dinge beachten. Also das Thema sollte schon aus einer perspektive bearbeitet werden, die für Jugendliche interessant ist. Wenn man über Scheidung schreibt, sollte man aus der Perspektive eines betroffenen Kindes schreiben, dessen Eltern sich trennen. Sprachlich ist es vielleicht auch ein bisschen anders, aber im großen und ganzen gehe ich da ganz genau so heran. Ich habe früher Erzählungen geschrieben für Erwachsene und jetzt stecke ich mitten in einem Roman.

Wegmann: Zum Abschluss hören wir noch eine kurze Passage, einen Text, den Sie beim Open Mike in Berlin vorgetragen haben.

Kreller: Die Geschichte heißt: "Das Herz, warum", sie ist etwa zehn Jahre alt. Sie spielt im Hochsommer im Freibad, die Ich-Erzählerin ist eine junge Frau, die die Mittagspause zufällig in diesem Freibad verbringt. Und es gibt einen Mann, der einen Herzinfarkt bekommt, und während sie diesen Mann beobachtet, erlebt sie noch etwas anderes.

"Ich schloss die Augen, es war sehr heiß an diesem Mittag und jetzt schwer und dunkel, die Dunkelheit blendete mich, Stimmen, verwirrte Stille, der kurze Geruch von Sonnencreme. Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich ihn. Geh weiter, geh.Bevor es zu spät ist, geh, geh einen Schritt, geh fort. Oder kehr um, dann warst du nicht hier. Er stand in der Menschentraube, ein Zuschauer, der gerade erst gekommen sein musste. Er hatte sich ein T-Shirt übergezogen, seine Hand wurde von einer Frauenhand gehalten wie ein viel zu einfaches Versprechen, und er sah mich nicht. Er stand da und begann, während ein dicker Mann auf der Bank zu Ende ging, weil er nicht an seinen Atem kam. Ich wollte die Augen wieder schließen, aber sie schlossen nicht mehr, jemand hatte sich ohne sein Wissen dazwischen geschoben, einer von vielen, und trotzdem war es wieder da, dieses Schwere, Dunkle, ihn ansehen, als wären die Augen geschlossen. Sonst war nichts, sonst war alles neu. Der Zuschauer stand da mit einer Frau an der Hand, einer Frau mit rotblonden Haaren und Sonnenbrand auf der Nase, und ich konnte nicht wegsehen, obwohl ich das eigentlich nicht mache, Männer anstarren, an denen eine Frau ist.

Jetzt starrte ich.

Weil ich dich plötzlich finde, hier und aus allen anderen heraus.

Und warum hier. In einem Freibad, warum ich dich hier finde, und wo hätte ich dich sonst finden sollen. Ich blickte wieder zu dem Kranken auf der Bank und zuckte zusammen, er war bewusstlos geworden, er hatte aufgehört zu ertrinken. Sogar das Entsetzen war von seinem Gesicht gefallen, wer weiß wohin, vielleicht auf ein anderes Gesicht, wo es sich vermischt hatte mit dem gewöhnlichen Wunsch, vorerst nicht tot zu sein. Die Frau auf der Bank streichelte verzweifelt und sanft den schweißigen Kopf ihres Mannes, und da endlich kamen die Rettungssanitäter, drei Männer stürzten auf den Mann zu, einer rief, hören Sie mich, hören Sie mich, aber anders als der Bademeister, weniger hart, obwohl das im Moment keine Bedeutung hatte. Denn der Mann hörte nicht."

Wegmann: Vielen Dank, Susan Kreller: Stimmungen einzufangen, Menschen zu beobachten, zu beschreiben, Bilder zu finden, das gelingt Ihnen auf unglaublich gute Art und Weise. Und ich hoffe, auch wenn Sie jetzt einen Roman für Erwachsene Schreiben, dass Sie mit Ihrer Stimme der Kinder- und Jugendliteratur erhalten bleiben. Mit ganz herzlichem Dank für Lesungen und Gespräch verabschiede ich mich von der Schriftstellerin Susan Kreller.

Die besprochenen Titel:

"Der beste Tag aller Zeiten. Weitgereiste Gedichte"
Hrsg. v. Susan Kreller, Illustrationen Sabine Wilharm
128 Seiten, Euro 24,90

 

"Elefanten sieht man nicht"
204 Seiten, Euro 14,90

 

"Schneeriese"
206 Seiten, Euro 14,90

(Alle Bücher sind im Carlsen Verlag erschienen)

 

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