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Schröder gegen von der Leyen

Die Frauenqote in der Diskussion

Von Ines Kappert, taz

Drei Frauen in Führungspositionen: Bundeskanzlerin Angela Merkel, Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und Familienministerin Kristina Schröder (alle CDU)
Drei Frauen in Führungspositionen: Bundeskanzlerin Angela Merkel, Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und Familienministerin Kristina Schröder (alle CDU) (AP)

Reden wir von der Frauenquote, dann geht es de facto weniger um Frauen und um ihre Qualifikationen als um das klassisch männlich definierte Kollektiv. Seine Rituale sollen durch die absolute Männerdominanz geschützt bleiben.

Die Quote. In Deutschland hat die Quote einen schlechten Ruf, und zwar nicht nur unter Männern. Auch Frauen – zumal wenn sie noch jünger sind – sagen hierzulande gerne, dass sie kein Gesetz, dass sie keinen Staat bräuchten, um in Spitzenpositionen vorzudringen. Das schafften sie schon selber. Und gelänge es nicht, einen Posten im Aufsichtsrat oder im Vorstand von DAX-dotierten Unternehmen zu ergattern, dann liege das vielleicht auch daran, dass sie oder Frauen überhaupt so viel Macht und so viel Geld gar nicht wollten. Diese bescheidenen Damen, sie sprechen ihren männlichen Kollegen in Spitzenpositionen aus dem Herzen. Und sie verkennen, dass es längst eine Quote gibt, eine Quote für Männer und gegen Frauen. Die allerdings ist freiwillig, die ist intuitiv nicht gesetzlich.

Die überwiegende Mehrheit von Männern in Führungsverantwortung braucht dringend die strukturelle Rückversicherung, dass sie die Mehrheit stellen, sonst fühlt man sich allzu sehr und vor allem ungebührlich unter Druck gesetzt. Lassen Sie mich an der Stelle eine nur scheinbar harmlose Begebenheit aus meinem Journalistinnenalltag erzählen.

Es war Sommer, und ich saß im Publikum einer Fernsehtalkshow. Drei Frauen und drei Männer diskutierten über die Vergewaltigungsvorwürfe gegen den ehemaligen IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn. Einer der Diskutanten, er war schon recht alt, warf in die Runde, dass dieses Gerede von Vergewaltigung ihm nicht recht einleuchte, schließlich könne frau bei Bedarf in das ‚Ding' ja auch hineinbeißen. Die beiden Männer am Tisch lächelten leise, hingegen die drei Journalistinnen, die bislang überhaupt nicht einer Meinung gewesen waren, ob der klebrigen Anmerkungen kurz die Augen verdrehten. Einvernehmlich übergingen sie die Bemerkung. Auf dem Niveau werden sie mögliche Gewalt gegen Frauen nicht diskutieren. Das war damit klar kommuniziert. Besagter Herr beugte sich diesem unausgesprochenen Diktum widerstandslos und zog sich weitgehend aus dem Gespräch zurück. Hätte hier nur eine Frau gesessen, sie hätte die sexistische Bemerkung des einen Herrn nicht mit ein wenig Gesichtsmimik vom Tisch fegen können.
Doch meine Geschichte geht noch weiter: Im Anschluss an die Diskussion, beim Umtrunk, erzählte eine Kollegin aus dem Redaktionsteam entsetzt, der zweite Experte in der Show, ein gestandener und auch durchaus kluger Jurist, habe sich bitter bei ihr beklagt: So viele Frauen, das sei unmöglich, da hätte er ja keine Chance gehabt, er sei ja überhaupt nicht zum Zuge gekommen. Erinnern wir uns kurz: Es diskutierten drei Männer und drei Frauen.

Diese Anekdote ist nicht repräsentativ, aber sie zeigt trotzdem, wie sehr die meisten Männer daran gewöhnt sind, in der Mehrheit zu sein. Sie reflektieren das nicht weiter. Das ist einfach normal. Dabei können die Kollegen ruhig andere Standpunkte vertreten, inhaltliche Harmonie ist nicht unbedingt das Ziel. Stattdessen möchte man und braucht man Harmonie auf der Ebene des Körpergefühls, auf der Ebene der Haltung als Mann irgendwie insgesamt, auf der Ebene des Humors – der kleine frauenfeindliche Witz zur Zwischenentlastung muss schon mal drin sein; selbst wenn man ihn selbst gar nicht machen würde.

Reden wir von der Quote, von der Quote für Frauen, dann geht es de facto weniger um Frauen und um ihre Qualifikationen, als um das klassisch männlich definierte Kollektiv; seine Rituale sollen durch die absolute Männerdominanz geschützt bleiben. Selbst wenn es der Wirtschaft schadet. Denn alle Studien und auch der Blick in die Nachbarländer zeigen ja: Gemischte Führungsgremien erwirtschaften höhere Gewinne.

Ja, hinter der Quote steckt ein grobes Denken, ein sehr grobes Denken: Die Quote war immer und ist bis heute ein grobes Instrument. Selbst wenn sie in der deutschen Wirtschaft erstmalig zugunsten von Frauen eingesetzt würde, bliebe sie ein Übel, denn wiederum gäbe das Geschlecht einen wesentlichen Ausschlag dafür, wer in die Führungsetagen hochklettern darf und wer nicht. Der viel gescholtene Feminismus übrigens streitet für etwas anderes: Sein Ziel ist es, dass Geschlecht nicht mehr ausschlaggebend dafür ist, welche Positionen Frauen oder Männer in der Gesellschaft oder am Arbeitsplatz einnehmen. Insofern, ja die Quote ist keine ideale Lösung, aber sie ist angesichts der Verhältnisse das geringste Übel. Sie zeugt vom pragmatischen Willen zur Gerechtigkeit.

Doch wenn es um reale Veränderungen von Arbeitsverhältnissen geht, wenn es darum geht, dass perspektivisch 30 Prozent Frauen in den oberen Etagen mitreden, dann sagt die Mehrheit: Hört auf, von der Geschlechterdifferenz und vom Machtkampf zu faseln, das alles haben wir längst überwunden. Nein, das haben wir nicht, und das ist ein Problem. Auch für die vielen Männer, die keine Lust mehr haben, dem klassischen Bild vom aggressiven Mann zu entsprechen und ebenfalls eine Umstrukturierung der Arbeitswelt in Sachen Work-Life-Balance wollen. Das geht aber nur, wenn die Führungsetagen mitziehen. Und die ziehen nur mit, wenn sie aufgemischt werden.

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