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StartseiteCampus & KarriereSchul-Amokläufe im Fokus19.03.2013

Schul-Amokläufe im Fokus

Das Verbundprojekt TARGET analysiert zielgerichtete Gewalttaten von unter 25-Jährigen

Ein knappes Dutzend Fälle von "School Shootings" gab es seit 1999 in Deutschland. Im Verbund TARGET erforschen jetzt Wissenschaftler drei Jahre lang, wie es zu solchen Amokläufen kommt, wer zum Täter werden kann und wie sie sich verhindern lassen.

Von Anja Nehls

Im weltweiten Vergleich liegt Deutschland bei School Shootings hinter den USA auf Platz 2.  (AP)
Im weltweiten Vergleich liegt Deutschland bei School Shootings hinter den USA auf Platz 2. (AP)

Ein knappes Dutzend Fälle von sogenannten School Shootings gab es seit 1999 in Deutschland. Im weltweiten Vergleich liegt Deutschland damit hinter den USA auf Platz 2. Prof. Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin versucht diese Zahlen einzuordnen:

"Grundsätzlich ist es so, dass School Shootings sehr, sehr seltene Phänomene sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie an einem Bienenstich sterben, ist weitaus größer, als dass Sie Opfer eines School Shootings werden.. Aber wir wissen auch aus Analysen, dass wir in den letzten Jahren einen Trend sehen können. Das heißt, wir können davon ausgehen, dass es weiterhin School Shootings geben wird und wahrscheinlich auch mit steigender Anzahl."

Deshalb wurde jetzt das Projekt Target in Leben gerufen. Target steht für: Tat- und Fallanalysen hochexpressiver zielgerichteter Gewalt. Eine Gruppe von hoch qualifizierten Wissenschaftlern will drei Jahre lang erforschen, wie es zu solchen Fällen kommt, welche Hintergründe eine Rolle spielen, wer zum Täter werden kann und wie solche School Shootings zu verhindern sind. Hier ist der Forschungsstand immer noch mangelhaft, meint Prof. Scheithauer.

"Wir stellen fest, dass eigentlich in fast allen Fällen im Vorfeld mit Gewalt gedroht wurde, Rachephantasien geäußert wurden, aber es gibt eben auch Merkmale, die so unspezifisch sind, dass man sie sicherlich nicht nutzen kann, um eine Art Früherkennen zu machen, sondern wir müssen vielmehr in die Dynamik von Fällen einsteigen, das heißt nicht nur bestimmte Merkmale uns angucken, sondern die Entwicklung hin zu einer Tat mit dem Wissen über eine Person, wie sie sich in den letzten Monaten, Tagen, Jahren verhalten hat in einen Einklang bringen. Nur dann können wir etwas über die Gefährlichkeit einer Person konkret sagen."

Die Wissenschaftler wollen die Taten von Jugendlichen in Schulen vergleichen zum Beispiel mit sonstigen Tötungsdelikten, mit Amokläufen von Erwachsenen wie in Norwegen und mit Vorfällen zum Beispiel an Schulen in den USA. Der Nachahmungseffekt, der weltweit zum Beispiel durch das Internet befördert wird, spielt für die Kriminologin Prof. Britta Bannenberg dabei eine ganz wichtige Rolle. Einzeltäter wie Breivik interessieren sie dabei besonders:

"Deren Motiv nicht so recht verstehbar ist, aber die mit dem Medieneffekt spielen, die im Grunde diese Tat begehen mit dem Wissen: Ich werde damit berühmt, sogar dann, wenn ich mich umbringe."

Allein nach dem Amoklauf von Winnenden gab es in den folgenden Monaten deutschlandweit 3000 Amokdrohungen an Schulen. Angst und Schrecken verursacht durch zweifelhafte Scherze. Prof. Andreas Zick vom Institut für Konflikt und Gewaltforschung will sich deshalb mit der veränderten Sozialisation von Jugendlichen beschäftigen:

"Jugend steht radikal unter einem Druck, unter einem gesellschaftlichen Druck, unter einem Wettbewerbsdruck, unter einem ökonomischen Druck, das ist spürbar. Es gibt massive Missachtungserfahrungen, führen sie zur Radikalisierung?"

Mit drei Millionen Euro fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung das Projekt Target. Erste Ergebnisse soll es schon in einem Jahr geben. Praktisch sollen dann Jugendliche und Erwachsene über die Schulen, über Vereine, Hilfseinrichtungen und Bildungsträger in die Lage versetzt werden, Anzeichen schneller zu erkennen. Entsprechende Präventionsteams und Lehrer, die das Thema ernst nehmen, könnte es aber längst in allen Schulen geben, beklagt Britta Bannenberg. Niemand wolle sich gerne mit dem Thema beschäftigen, schon gar nicht die Lehrer:

"Die Schüler wären am ehesten bereit, diese Merkmale dann auch an Erwachsene weiterzugeben, wenn sie das Gefühl haben, es wird ernsthaft aufgenommen. Also man kann etwas tun, aber das wollen wir eben auch mit untersuchen, warum ist es denn so schwer, warum verweigert man sich auch dem vorhandenen Wissen, obwohl ja keiner so etwas erleben möchte. Aber den Kopf in den Sand zu stecken ist sicherlich die schlechteste Strategie."

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