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StartseiteCampus & KarriereSchwänzen gegen Leistungskontrollen03.05.2016

Schulboykott GroßbritannienSchwänzen gegen Leistungskontrollen

Britische Eltern von Zweitklässlern kritisieren, dass der Leistungsdruck auf ihre Kinder zu hoch sei. Sie protestieren vor allem gegen neue Tests zur Leistungskontrolle - indem sie gemeinsam schwänzen.

Von Friedbert Meurer

((Deutschlandradio/Friedbert Meurer))
Elternstreik 2016 in London, Großbritannien ((Deutschlandradio/Friedbert Meurer))

Der Marble Hill Park in Twickenham im Londoner Westen. Idyllisch und malerisch fließt nur wenige Meter entfernt die Themse. Es gibt Kaffee, Tee und Kekse für alle. Vielleicht ein gutes Dutzend Eltern sind gekommen, einige mit Schul-, andere mit kleineren Kindern.

"Ich heiße Amy Davidson, Layla und Tilly sind vier und acht. Die Tests sind dieses Jahr noch schwerer geworden, ich finde das nicht gut. Kinder sollen doch Kinder sein dürfen. Da wird zu viel Druck gemacht."

Hatty Bates` Kinder Gracy und Harlow sind fünf und acht Jahre alt, die ältere besucht die St John The Baptist-School, eine anglikanische Grundschule. Auch sie schwänzen heute aus Protest den Unterricht. Bates findet die Standard Assessment Tests, Sats, viel zu schwer.

"Sie müssen mit acht Jahren Nomen und Präpositionen unterstreichen. Sie sollen mit Acht wissen, was adverbiale Bestimmungen durch eine Nominalkonstruktion sind. Ich bin selbst freie Autorin, schreibe für pharmazeutische Unternehmen. Selbst ich weiß das nicht, was das für Adverbialkonstruktionen sind. Ich will auch gar nicht, dass meine Kinder das so früh schon wissen."

"Ich mag Lesen und Schreiben, das macht Spaß und ist entspannend," sagt die achtjährige Tilly, die letztes Jahr die Tests schon absolviert hat. "Am schwierigsten finde ich Mathe, vor allem Multiplikation."

Kinder sollen "ausreichend robust und stark werden"

Englische Kinder werden in der Grundschule zweimal getestet, schriftlich in Mathe und Englisch, in Klasse 2 und zum Schluss der Grundschule noch einmal in Klasse 6. Kinder gehen auf der Insel schon mit fünf in die Schule, in der zweiten Klasse sind sie also erst sechs Jahre alt. Die Tests mit elf Jahren, die "Eleven Plus", gibt es schon länger, die in Klasse 2 wurden von der konservativen Regierung erst vor einigen Jahren eingeführt. Nicky Morgan ist die Erziehungsministerin und will die Standards anheben. Oft würde sich erst in der weiterführenden Schule herausstellen, wie wenig die Kinder können. Dann sei es aber zu spät.

"Kinder, die es in der Grundschule nicht schaffen", meinte die Ministerin zuletzt öffentlich, "werden später keinen Erfolg haben. Deswegen haben wir die Prüfungen im Alter von sieben Jahren eingeführt, damit die Kinder ausreichend robust und stark werden."

Die Lehrer sind überwiegend von den härteren Tests auch nicht angetan. Der Verband der Schulleiter klagt, das alles sei überstürzt und chaotisch eingeführt worden. Rekha Grewal ist Assistenzlehrerin, arbeitet mit Fünf- und Sechsjährigen. Sie hält die Fixierung auf Englisch und Mathe und Klausuren für einen Fehler.

"Besonders in der zweiten Klasse sind die Kinder doch noch sehr jung, um getestet zu werden. Wenn sie das Gefühl bekommen, in den Sats nicht gut genug abzuschneiden, dann verlieren sie schon sehr früh ihr Selbstvertrauen. Ich denke, die Kinder in Klasse 2 leiden in so frühem Alter dann unter einem zu hohen Druck."

Im Marble Hill Park pusten die Kinder große Seifenblasen. Ihre Eltern möchten, dass ihre Kinder spielerisch aufwachsen – Let our kids be kids, so der Name der Initiative.  Die Schulministerin warnt, britische Schüler hätten international gesehen Nachholbedarf.

"Die Kinder so früh zu testen, ist lächerlich", meint Alex aus dem nahen Teddington. "Jede Schule hat doch ein eigenes Curriculum. Das ist einfach falsch, so früh soviel zu testen."

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