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StartseiteBüchermarktSchuld und Verdrängung24.10.2005

Schuld und Verdrängung

Franzobel: "Das Fest der Steine"

Der österreichische Dichter Franzobel und seine Gattin Carla schlurfen ungelenk über den Parkettboden des "Centro Cultural" in der Avenida Armenia in Buenos Aires. Ein Tangokurs für Anfänger, mitten in der argentinischen Hauptstadt. Für den bekennenden Antitänzer Franzobel eine Grenzerfahrung.

Ein Beitrag von Günter Kaindlstorfer

Skyline von Buenos Aires (AP Archiv)
Skyline von Buenos Aires (AP Archiv)

"Da mich hier keiner kennt, fühle ich mich einigermaßen wohl in meiner Haut.
Obwohl ich sonst durchaus dazu tendiere, mich zu verstecken mit meinen zwei linken Beinen, sobald man irgendwo zu tanzen beginnt."

In Buenos Aires hat Franzobel, zumindest temporär, eine Art zweiter Heimat gefunden. Seine Frau Carla ist in der argentinischen Kapitale aufgewachsen, als Tochter österreichischer Emigranten, und in Buenos Aires spielt zu einem Gutteil auch Franzobels neuer Roman "Das Fest der Steine³. Jedesmal, wenn er argentinischen Boden betrete, erzählt der Dichter, werde er von eigenartigen Körperwahrnehmungen überwältigt.

"Ich hab irgendwann einmal das Gefühl gehabt, nach zwei Wochen Argentinien, dass ich mich tatsächlich auf der unteren Hälfte der Erdkugel befinde: dass meine Beine oben sind und mein Kopf ins Weltall ragt. Das habe ich tatsächlich so empfunden, das war schon eine faszinierende Körperwahrnehmung. Auf der Südhalbkugel schaut auch der Mond anders aus, er ist ein bisschen quergestellt, der Sternenhimmel ist ein anderer ­ lauter für mich unbegreifliche Dinge."

An Buenos Aires schätzt Franzobel nicht zuletzt das europäische Flair, den architektonischen Glanz der Belle Epoque, der in pompös-gemütlichen Cafés wie dem "Tortoni³ immer noch zu spüren ist. Zugleich, das findet der Schriftsteller spannend, ist Buenos Aires eine Stadt greller Kontraste:

"Die Dinge werden mehr ausgelebt. Es leben die Reichen den Reichtum mehr aus, man sieht aber auch mehr Armut als in Europa. Es ist eine heftigere Stadt, finde ich. Man spürt, dass man nicht mehr in der ersten Welt ist, gleichzeitig entdeckt man viele poetische Winkel. Es ist ein bisschen wie Ostblock im Sommer, würde ich sagen."

Franzobels 650-Seiten-Roman "Das Fest der Steine" ist das bisher ambitionierteste Projekt des Autors. Sieben Jahre hat Franzobel an diesem, wie er selbst es nennt, "größenwahnsinnigen Entwurf über das Zwanzigste Jahrhundert³ gearbeitet.

"Der Text passt auf keine Computerdiskette mehr. Wenn ich mir das Manuskript ausgedruckt habe, bin ich mit einem 500-Seiten-Packen Papier nicht mehr ausgekommen, ich musste mir also einen zweiten kaufen, in der Zwischenzeit ist dann häufig auch noch die Tintenpatrone ausgegangen, also das ist schon an die Grenzen meiner Kapazitäten gegangen. Ich habe das Buch, eine Art Epos, wenn man so will, als Spiegel des Zwanzigsten Jahrhunderts angelegt."

Im Zentrum der barock verschlungenen Handlung, angesiedelt zwischen Wien und Buneos Aires, steht die bizarre Lebens- und Familiengeschichte eines Protagonisten namens Oswald Mephistopheles Wuthenau. Wuthenau, ein echter Franzobel-Held, ist eine nicht zu übersehende 160-Kilo-Existenz; als Opern-Fan und Napola-Absolvent aus Wien hegt der gargantuelische Held eine unauslöschliche Liebe für Richard Wagner und Wiener Schnitzel. Sieben Schnitzel und achtzehn Zwetschkenknödel kann der Mann mühelos auf einmal verdrücken. Wuthenau ist ein Altnazi, wie er im Buche steht, politisch ganz und gar nicht korrekt, aber in Franzobels Augen auch nicht ganz widerwärtig.

"Die Hauptfigur hält sich überhaupt nicht an den Umgang, den wir mit Nazideutschland haben. Er kokettiert damit, macht es aber auf eine nicht ganz unsympathische Art und Weise."

Bei der Erfindung seiner Hauptfigur, erzählt Franzobel, hätten nicht nur sein argentinischer Schwiegervater, sondern auch Orson Welles, Helmut Qualtinger und Oliver Hardy Pate gestanden.

"Ich hab mir voriges Jahr zu Weihnachten gedacht, da war grad eine Retrospektive von Laurel und Hardy, dass meine Texte doch sehr stark mit ihren Filmen verwandt sind. Es hat ein bissel was Slapstickhaftes, es beginnt oft sehr heiter, endet aber immer in einer Katastrophe. Meistens geht¹s da recht rasant dahin, also, da spielt sich unglaublich viel ab."

Franzobels Opus Eximium ist in sieben Hauptkapitel unterteilt, und die wiederum sind nach den sieben Todsünden benannt, von "Völlerei³ bis "Habgier³. Nur die "Trägheit³ hat der Dichter durch "Traurigkeit³ ersetzt.

"Es ist ein Familienepos, ein Schelmenroman, ein Panoptikum des Zwanzigsten Jahrhunderts ­ da wären viele Bezeichnungen möglich."

Vom Wien des Jahres 1944 bis ins Jahr 2004 spannt sich der zeitliche Bogen des Romans. Im Herbst 1957 lässt Franzobel seinen Helden Wuthenau in Buenos Aires ankommen. Hier, im post-peronistischen Argentinien, versucht sich der Fettklopps aus Wien geschäftlich zu etablieren, mit mäßigem Erfolg zunächst.

Dafür lernt er im Jockey-Club einen Mann namens Ricardo Klement kennen, andernorts vielleicht unter seinem bürgerlichen Namen bekannter: Adolf Eichmann. Es würde zu weit führen, den verwickelten Plot des Romans hier im Detail zu rekapitulieren, entscheidend ist, dass man als Leser, als Leserin, einen gewissen Durchhaltewillen vorausgesetzt, kaum je den Überblick verliert über die Windungen und Verschlingungen der spannenden Romanhandlung.

Franzobel hat sich zweifellos weiterentwickelt als Romancier: Er hat vor allem an der Figuren-Charakterisierung gearbeitet. Litten frühere Romane wie "Scala Santa" oder "Lusthaus" noch darunter, dass der Autor seine Figuren bisweilen nach wenigen Seiten fallen ließ, wenn er sie nicht mehr brauchte, so gesteht er ihnen diesmal Entwicklungen, Veränderungen, Wandlungen zu ­ manchmal hat man sogar den Eindruck, Franzobel scheint sich für das Schicksal seiner Protagonisten auch jenseits ihrer Brauchbarkeit für seine grotesk-poetischen Einfälle zu interessieren. Ein echter Fortschritt. Dabei bietet der Autor an die fünfzig Hauptfiguren auf, Altnazis und Neonazis, Riesen und Zwerge, Sexualtriebtäter und Eunuchen, Kartenleger und Taschendiebe, Gourmands und Asketen, Voodoo-Zauberer und intrigante Hausmeister.

"Es kommen viele verschiedene Leute vor, die irgendeinem Glauben anhängen:
Es gibt radikale Katholiken und Anhänger der Umbanda-Religion, es gibt Nihilisten und Leute, die an Hitler glauben. Ich vergleiche die verschiedenen Wertspektren dieser Leute miteinander. Wie immer bei mir schwingt da halt auch die Frage nach dem Sinn des Lebens mit."

Geheimes Gravitationszentrum des Romans ist eine ins Mörderische ausartende Valentinstags-Orgie, die im Februar 1958 in der Villa eines argentinischen Zementfabrikanten stattfindet. Am Ende der bizarren Party steht ein kollektiver Orgasmus, der sich in einer grausigen Gewalttat entlädt: der brutalen Steinigung eines Orgien-Teilnehmers. Immer präsent in Franzobels
Roman: das Thema Schuld und Verdrängung.

"Bei dieser Steinigung, an der sich die Teilnehmer einer Orgie beteiligen ­ eine Orgie, die ursprünglich durchaus lustvoll war ­ werden die Menschen sehr schnell zu Tätern, zu Unmenschen eigentlich. Das ist für mich ein literarischer Spiegel für Auschwitz, diese Steinigung. Ein Verbrechen, das eigentlich nicht steigerbar ist. Es geht auch um Schuld, um das Überdauern einer Schuld, die immer und immer wieder rauskommt, die nicht ewig verdrängt werden kann. Es geht auch darum, wie man versucht, sich zu rechtfertigen, oder es nicht versucht."

Mit dem "Fest der Steine" hat Franzobel seinen bisher wohl besten Roman vorgelegt, spätbarockes Weltdrama und postmodernes Slapstick-Epos in einem, Schelmenroman und humoristische Fantasy-Groteske. Ein deftiges Lesevergnügen, angesiedelt irgendwo zwischen Rabelais und dem Günter Grass der "Blechtrommel³, ergänzt um einen Schuss austriakische Abgründigkeit.

"Das Fest der Steine"­ ein starkes Stück Literatur.

Franzobel:
"Das Fest der Steine oder
Die Wunderkammer der Exzentrik"
(Zsolnay Verlag)

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