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StartseiteBüchermarktSchuldig werden oder Verrat gegenüber den Toten15.04.2012

Schuldig werden oder Verrat gegenüber den Toten

Javier Marias: "Die sterblich Verliebten". S.Fischer Verlag

Javier Marías Botschaft ist unmissverständlich: Nichts dauert ewig, nicht einmal die Liebe. In seinem jüngsten Buch "Die sterblich Verliebten" geht es um die "richtige" Version der Wahrheit. Daneben stellt sein Buch unter Beweis, dass er nicht nur Experte für erotisches Philosophieren ist, sondern auch ein Meister sinnlichen Erzählens.

Von Michaela Schmitz

Packend bis zum Ende: "Die sterblich Verliebten". (dapd / Sebastian Willnow)
Packend bis zum Ende: "Die sterblich Verliebten". (dapd / Sebastian Willnow)

Das Lesen, Deuten und Bewerten von Romanen ist ihr Beruf. María Dolz arbeitet in einem Madrider Verlag. Als Lektorin ist sie Expertin für Fiktion. Doch nicht nur in ihrer Arbeit erweist sie sich als professionelle Leserin. Auch das Leben liest sie wie einen Roman. Das macht sie zur idealen Erzählerin in Javier Marías neuem Roman "Die sterblich Verliebten".

Jeden Morgen frühstücken sie neben ihr im gleichen Café. "Das perfekte Paar" nennt María sie im Stillen; ohne je ein Wort mit den beiden am Nachbartisch gewechselt zu haben. Luisa und Miguel scheinen unsterblich ineinander verliebt; trotz jahrelanger Ehe und zweier Kinder. Zumindest sieht es für María so aus. So offensichtlich ist deren Glück, dass es sich jedes Mal neu auf sie überträgt.

Doch eines Tages bleibt das perfekte Paar plötzlich aus. Etwas Unfassbares ist geschehen: Miguel wurde ermordet. Aus Zeitungsartikeln rekonstruiert María den Tathergang. Ein Obdachloser hat den Madrider Unternehmer Miguel Desvern ohne ersichtlichen Grund auf offener Straße angegriffen und mit einem Messer tödlich verletzt. Der offenbar geistig verwirrte Täter verweigert die Aussage.

Auch die Ermittler finden keine vernünftige Erklärung für den Mord an Desvern. Sein Sterben erscheint absolut zufällig und sinnlos. Genau das macht seiner Frau das grauenvolle Unglück noch unbegreifbarer. Ohne nachvollziehbaren Grund, ohne zurechnungsfähigen, für die Tat verantwortlichen Schuldigen will es Luisa nicht gelingen, den Tod ihres Mannes zu verstehen und zu akzeptieren. Das erklärt sie María, als diese sie besucht. Die Lektorin hatte sie im Café angesprochen, um ihr Beileid auszudrücken. Luisa lädt sie daraufhin zu sich nach Hause ein. Dort erzählt die verzweifelte Witwe von ihren unablässigen Versuchen, sich Miguels letzte Gedanken während des Sterbens vorzustellen. Was mag er nur in den Sekunden vor seinem Tod gedacht haben?

(…) das hier kann doch gar nicht sein, es ist zu absurd, zu unglaublich das Un-glück, und obendrein kann ich es keinem erzählen, was allein uns ein klein wenig für das schwerste Unheil entschädigt, nie weiß man, welche Maske, welche Gestalt dein Tod annehmen wird, persönlich und einzigartig, immer einzigartig, auch wenn man die Welt bei einer Katastrophe gemeinsam mit vielen anderen verlässt (…), warum heute und nicht gestern oder morgen, warum heute und warum ich, es hätte jeden anderen treffen können, (…) er (…) hat mich aufgeschlitzt, (…) durch diese Löcher entschwindet mein Leben, ich verblute (…). Und dann dachte ich noch: Aber er konnte nichts davon denken. Oder vielleicht doch, komprimiert.

Der Tod bedeutet das Ende aller Möglichkeiten; aber auch das Ende aller Zweifel. Denn letztlich ist nichts ist wahr, außer dem, was man im letzten Moment vor dem eigenen Ende für wahr hält.

Das sagt auch der Tote selbst in einem fiktiven Gespräch mit seinem besten Freund Javier Díaz-Varela. Eine Unterhaltung, die sich María als retrospektive Zukunftsvision ausdenkt, als sie in Luisas Haus Díaz-Varela kennenlernt. In ihrer Fantasie erwägt sie die Möglichkeit, Miguel könne seinen besten Freund Díaz-Varela vor seinem Tod gebeten haben, sich um seine Frau und die Kinder zu kümmern, falls ihm etwas zustoße. Worauf Díaz-Varela Miguel auf das Risiko seiner Bitte hinweist, er und Luisa könnten sich verlieben.

'Und dennoch‘ hätte er gesagt. ‚Wenn ich es nicht für möglich halte, was spielt es für eine Rolle, wenn es nach meinem Tod doch möglich wird. Ich würde nichts davon erfahren (…), denn was man im letzten Augenblick wahrnimmt und erlebt, ist das Ende der Geschichte, das Ende der eigenen Erzählung. Man weiß, dass alles ohne einen weitergeht, dass nichts aufhört, weil man fort ist. Aber dieses danach betrifft einen nicht. (…) Man erlebt den einzigen Augenblick, in dem es keine Zukunft mehr gibt, in dem uns die Gegenwart unabänderlich und ewig erscheint, weil wir nichts Tatsächlichem, keinem Wandel mehr beiwohnen werden.

Tatsächlich steht Díaz-Varela der Witwe nach Miguels Tod zur Seite. Er bringt ihre Kinder zur Schule und ist für sie da, wenn sie ihn braucht. Das ist für María nicht zu übersehen. Genauso wenig, wie Javiers Liebe zu Luisa. Trotzdem beginnt María eine Affäre mit dem attraktiven Díaz-Varela. Obwohl ihr von vorneherein klar ist, dass ihre Beziehung nur von begrenzter Dauer sein wird, verbringt sie lange Abende bei ihm zu Hause. Javier liebt es zu erzählen, María liebt es, ihm zuzuhören. Immer in gespannter Erwartung auf ein erotisches Nachspiel. Doch ohne jegliche Aussicht auf eine ganze Nacht mit Javier oder gar die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft.
Auffallend umkreisen Javiers Geschichten dabei immer wieder ein Thema: Früher oder später müssen und werden wir die Toten vergessen. Selbst wenn sie so unerwartet und grausam wie Miguel aus unserer Mitte gerissen wurden. Und er prophezeit dessen Witwe Luisa: Würde sie jetzt schon wissen, ...

(…) wie es in ein paar Jahren in ihrem Innern aussehen wird, vielleicht schon in einem Jahr, würde sie feststellen, dass Miguels Bild, dass sie jetzt noch unauf-hörlich heimsucht, mit jedem Tag unschärfer, ja schon ganz schmal geworden ist (...). Wenn Luisa wieder verheiratet ist (…), wird [sie] denken: ‚Ich habe meinen ersten Mann verloren, von Tag zu Tag wird er mir ferner. So lange sehe ich ihn schon nicht mehr, der andere dagegen ist hier an meiner Seite (…) er hat seinen Platz im Bett eingenommen, und durch dieses Nebeneinander verwischt er ihn, löscht ihn aus. Etwas mehr mit jedem Tag mit jeder Nacht.‘

Javiers Botschaft ist unmissverständlich: Nichts dauert ewig, nicht einmal die Liebe. Bei María wächst ein beklemmender Verdacht: Hat es sich bei ihrer rückblickenden Zukunftsvision vielleicht gar nicht um Fantasie, sondern vielmehr um Prophezeiung gehandelt? Denn ganz offensichtlich will Javier mit seinen Überlegungen die Erfüllung seines eigenen Wunsches beschwören, selbst an Miguels Stelle zu treten, um Luisa zu heiraten.

Was sollte er ihr sonst mit der Nacherzählung von Honoré de Balzacs Novelle "Oberst Chabert" sagen wollen? Darin kehrt der in der Schlacht bei Eylau 1807 ruhmreich gefallene und für tot erklärte Oberst Chabert wie aus dem Nichts nach zehnjähriger Wanderung durch Europa zu seiner Frau zurück. Aber diese hat erneut geheiratet und will ihn nicht wiedererkennen. Díaz-Varela wertet Chaberts Auferstehung als Katastrophe und schlussfolgert: Die Toten müssten bleiben, wo sie hingehören. Meint er damit nicht auch Miguel? Hat Javier dessen Tod nicht sogar herbeigesehnt, damit der Freund den Platz an Luisas Seite für ihn selbst freimacht? Und fürchtet er nun vielleicht selbst die Rückkehr seines Rivalen? Denn nichts, so scheint es in Balsacs Erzählung, ist endgültig sicher, nicht einmal der Tod.

Zugegeben: Auch María ertappt sich beim heimlichen Gedankenspiel: Was wäre, wenn ihre Rivalin Luisa plötzlich sterben würde. Wäre Luisa tot, könnte sie selbst Javiers Liebe vielleicht doch noch gewinnen. Wäre es da nicht genauso möglich, dass Díaz-Varela Miguels Tod gewünscht hat? Kein Liebender, so scheint es, bleibt letzten Endes gefeit vor dem Gedanken, ...

(…), dass nur der fallen müsste, der die erste besetzt, das ahnten schon die jüngeren Königsbrüder (…), und irgendwann werden sie alle im Stillen den un-aussprechlichen Wunsch geäußert haben: He should have died yesterday: ‚er hätte gestern sterben sollen oder vor Jahrhunderten (…).‘ Es ist uns einerlei, dass wir uns vor uns selbst bloßstellen, letztlich wird uns niemand richten, es gibt keine Zeugen. Wenn wir im Spinnennetz gefangen sind, geben wir uns grenzenlosen Phantasien hin und begnügen uns zugleich mit der kleinsten Krume, damit, ihn zu hören, zu riechen, zu erahnen, zu erfühlen, damit, dass er noch in Sichtweite, nicht ganz ver-schwunden ist, dass man am Horizont noch nicht die Staubwolke seiner Füße sieht, die fliehen.

Sicher: Etwas nur zu denken oder etwas in die Tat umzusetzen, ist ein gravierender Unterschied. Dass Díaz-Varela Miguels Mord veranlasst haben könnte, ist für María unvorstellbar.

Bis sie eines Tages in seiner Wohnung Zeuge eines Gesprächs zwischen Javier und einem zwielichtigen Besucher in Ledermantel wird. María liegt nach dem Liebesspiel noch halb angekleidet im Bett, als sie von ihrer aufgeregten Unterhaltung geweckt wird. Was sie dann heimlich an der Tür lauschend hört, lässt ihr das Blut in den Adern gefrieren: Ruibérriz berichtet Javier verstört, der geistig verwirrte Mörder habe nun doch begonnen zu reden: Von einem Mann in Leder, einem geschenkten Handy und Stimmen, die ihm zugeflüstert hätten, Miguel Desvern habe seine Töchter zur Prostitution gezwungen. María rekonstruiert: Díaz-Varela muss bei Ruibérriz den Mord an Miguel in Auftrag gegeben haben. Dieser hat dann dafür gesorgt, den Obdachlosen gegen Desvern aufzuhetzen: über Mittelsmänner, per Handy, schließlich persönlich. Auch das nicht verkäufliche Klappmesser hat er ihm zukommen lassen. So muss es gewesen sein. Alles Weitere wäre dann nur noch eine Frage der Zeit gewesen, schlussfolgert María. Völlig paralysiert, schwankt sie zwischen Unglauben, Furcht und Neugier. Schließlich platzt sie in Rock und Büstenhalter in das Gespräch und spielt die Unwissende. Javier ist misstrauisch, doch stellt er sie nicht zur Rede und lässt sie gehen.

Marías Gedanken geraten nun völlig aus den Fugen. Sie liebt Javier, sie fürchtet Díaz-Varela. Wie soll sie sich zu seiner Tat stellen? Müsste sie nicht handeln? Oder gibt es vielleicht doch eine Erklärung oder Entschuldigung für den Mord? Und: Ist das Unfassbare wirklich so unvorstellbar? Dazu fällt ihr eine als Kind oft gelesene Geschichte aus den "Drei Musketieren" ein. Scheinbar mühelos überträgt sie den Plot der Dumas-Erzählung auf ihre eigene Realität: "Es ist ein Mord. Mehr nicht." Schließlich sei ...

"Der Mord (…) allgegenwärtig, jeder ist dazu fähig, es gibt ihn seit der Nacht der Zeiten und wird ihn geben, bis auf den letzten aller Tage keine Nacht mehr folgt und keine Zeit mehr bleibt, die ihn beherbergen könnte; der Mord ist etwas Alltägliches, Nichtssagendes, Vulgäres, (…) wozu all das Geschrei, all das Entsetzen, so viel Aufhebens. Ja, ein Mord. Mehr nicht. (…)
Weshalb kann ich (…) nicht zur Polizei (…) gehen (…)? (…) Weshalb bin ich nicht imstande, dem Mann, den ich liebe, die Hände auf den Rücken zu binden und ihn kurzerhand an einem Baum aufzuhängen (…)? (…) Nein, ich besitze auf Erden weder die hohe noch die niedere Gerichtsbarkeit, und außerdem kann der Tote nicht sprechen, der Lebendige dagegen schon, er kann sich erklären, kann überzeugen und begründen, ist sogar fähig, mich zu küssen, mit mir zu schlafen (…).


María hofft, bangt, zweifelt - und wartet ab. Bis Díaz-Varela sie nach einigen Wochen zu sich bittet. Javier ist mittlerweile von Marías Mitwisserschaft überzeugt. Nun will er ihr seine eigene Version der Geschichte erzählen.

Miguel, so Javier, hätte sich eines Tages vor seinem Tod mit einer Bitte an ihn gewandt. Desvern habe ihm eröffnet, er sei unheilbar krank. Die wenigen Monate, die er noch zu leben habe, müsse er mit grausamen, nicht zu lindernden Schmerzen und einer schrecklichen Entstellung des Gesichts rechnen. Das hätten ihm die Ärzte prophezeit. Nun bitte er ihn, seinen besten Freund, dafür zu sorgen, dass ihm und seiner Familie dieses Leid erspart bleibe. Möglichkeiten wie legale Euthanasie in der Schweiz oder Selbstmord kämen für ihn nicht infrage.

Nein, erklärt Javier María, er hätte Miguels Bitte nicht zugestimmt. Aber er habe die Realisierung erwogen. Und Ruibérriz schließlich mit der Umsetzung beauftragt. María ist hin- und hergerissen: Soll sie ihm glauben? Er könnte sich die Geschichte erst im Nachhinein für sie ausgedacht haben. Doch sie realisiert, dass sie ...

(…) letztlich von ihm abhängig war, wie man immer von dem abhängt, der erzählt, denn der entscheidet, wo er anfängt und wann er aufhört, was er offenbart, was er andeutet und was er verschweigt, wann er die Wahrheit sagt, wann eine Lüge, ob er beides vermischt, so dass wir sie nicht unterscheiden können, oder ob er einen mit Ersterer täuscht, (…), man muss sie nur auf eine Weise darstellen, dass man sie nicht glaubt oder zu glauben so viel Mühe kosten würde, dass man sie lieber verwirft. Die unwahrscheinlichen Wahrheiten bieten sich dafür an, und man trifft sie im Leben auf Schritt und Tritt, mehr noch als im schlechtesten Roman, denn kein Roman traut sich, all die möglichen Zufälle, all die seltsamen Zusammentreffen aufzuführen, die schon ein einziges Dasein endlos anhäuft (…).

Javiers Version vom "barmherzigen Totschlag" klingt schwer vorstellbar, aber dennoch möglich. María muss ihm glauben. Doch nur so lange, bis sie die Wohnung des Geliebten ein weiteres und letztes Mal verlässt und sich erneut Zweifel melden. Die Wahrheit, so scheint es, ist niemals klar, bleibt immer unentwirrbar. María spielt mit dem Gedanken, Díaz-Varelas Geschichte zu überprüfen, sich an Miguels Ärzte zu wenden oder Luisa einzuweihen. Doch die "junge Besonnene" – so hatten Miguel und Luisa sie damals genannt – entscheidet sich dagegen.

Erst zwei Jahre später wird Marías Gewissen noch einmal auf die Probe gestellt. Sie erkennt Javier und Luisa am Nachbartisch eines Restaurants. Die beiden tragen Eheringe. Sie ist schockiert. Nicht zuletzt davon, dass sie Díaz-Varela trotz allem immer noch liebt. Ohne zu wissen, was sie tun wird, geht sie auf das Ehepaar zu. Mit nur einem Wort könnte sie deren Glück zerstören. Doch María schweigt. Nichts ist schließlich real, solange es nicht erzählt worden ist.

Ja, ich will nicht [die] (…) sein, die verrät, (…); soll die Materie der Ver-gangenheit stumm bleiben (…). Ich will nicht sein wie die verfluchten Bücher, unter denen ich mein Leben verbringe und deren Zeit stillsteht, immer schon vollendet, die lauert und darum fleht, aufgedeckt zu werden, um von neuem zu verstreichen, noch einmal ihre alte, wiederholte Geschichte zu erzählen. Ich will nicht sein wie diese geschriebenen Stimmen, die oftmals wie erstickte Seufzer klingen, wie ein Stöhnen aus der Welt der Leichen, in deren Mitte wir alle ruhen, wenn wir nicht aufpassen.

Marías Konflikt ist das Dilemma jedes Erzählers: Denn Erzählen heißt, schuldig zu werden; Schweigen bedeutet Verrat gegenüber den Toten.

Und schließlich weiß sie ja nicht einmal, welche der Darstellungen die "richtige" Version der Wahrheit ist. Haben sich doch im Verlauf der Geschichte Erlebtes und Empfindungen, Erzählfragmente und Träume, retrospektive Fantasien und Gedankenspiele, Zusammengereimtes und bruchstückhaft Gehörtes so übergangslos ineinandergeschoben, dass eins vom anderen nicht mehr zu unterscheiden ist.

Alles gerät durcheinander: Wirkliches und Mögliches, Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, reale wie fiktive Figuren und deren Handlungen. María kennt sich am Schluss selbst nicht mehr aus. Nicht mit der Realität und noch weniger mit sich selbst. Am Ende, ahnt sie, verwandele sich alles in Erzählung, schwebe in derselben Sphäre, und man könne das Geschehene kaum vom Erfundenen unterscheiden. Die Diffusion von Erlebtem und Erzähltem unterhöhlt die Gewissheit alles Wahrgenommenen und den Kern ihrer Identität. Marías Gedanken und Gefühle sind unzusammenhängend, fragmentarisch und widersprüchlich wie die Erzählung selbst. Ja, María selbst ist die Erzählerin; eine Stimme, die nicht aufhören kann, sich selbst zu erzählen. In einer vielfach ineinander gestaffelten Erzählung, die die unendlichen Möglichkeiten ihrer selbst spiegelt. Und im nur scheinbaren Kontinuum einer auseinandergefallenen Zeit, in der man zwar vergessen darf, doch sich erinnern muss.

Alles verhallt, manchmal allmählich, mit viel Mühe und Willensanstrengung, manchmal unverhofft schnell (…), vergeblich die Mühe, die Gesichter nicht verblassen und verschwimmen, die Ereignisse und Wörter nicht zu Schemen werden zu lassen, die nur mit geringem Gewicht derer durch unser Gedächtnis treiben, die man in den Romanen liest und in den Filmen sieht und hört: Ihre Begebenheiten sind einerlei und vergessen, wenn man an ihr Ende gelangt, selbst wenn sie uns gerade das vorführen können, was wir nicht kennen und was nicht vorkommt (…).
Ja, alles verhallt, aber zugleich verschwindet nichts, nichts vergeht je ganz, es bleiben schwache Echos, scheue Nachklänge, die jederzeit auftauchen können wie Bruchstücke von Gedenksteinen im Saal eines Museums, das niemand besucht (…).


Im spärlich besuchten Naturkundemuseum unweit der Stelle, an der Desvern ermordet wurde, hatten sie sich damals zu lieben begonnen: Javier und María. Schon ihr Namenspaar lässt unschwer erkennen, dass es sich um zwei "Alter Egos" des Autors Javier Marías selbst handeln muss. Der Lebemann und die Expertin für Fiktion, der Täter und die "junge Besonnene" sind Antipoden einer in sich heterogenen Identität. Deshalb ist Marías und Javiers Verbindung von vorneherein zum Scheitern verurteilt, ihre Liebe sterblich. Nicht zufällig besteht ihre Liebesbeziehung vornehmlich in einem andauernden Monolog Javiers. In Wahrheit ist sie nichts anderes als ein erkenntnistheoretisches Liebesgespräch mit sich selbst. Der Autor setzt den philosophischen Liebesdialog hier ganz gezielt als literarisches Instrument intimster Seelenkunde ein. Denn nichts ist so fragil, in jeder Sekunde gefährdet, extrem wechselhaft und wandelbar wie die Kommunikation zweier Liebender. Nirgends wird die Subjektivität der Wahrnehmung und Relativität der Wahrheit, die Veränderbarkeit und äußerste Gefährdung des Subjekts deutlicher als hier.

Genau aus diesem Grund macht Javier Marías den Liebesdialog mit sich selbst zum Mittel der Erkenntnis und stilistischen Motor seiner Erzählung. In seinem unüberschaubaren System unterschiedlicher Lesarten, Um- und Abwege entlarvt er unsere vermeintlich unverrückbaren Begriffe von Identität, Liebe, Zeit, Wahrheit und Moral als immer wieder neu überschriebene Palimpseste. Marías charakteristische "Poetik der Abschweifungen" spiegelt die fragmentierte Wahrnehmung einer aus lauter Bruchstücken und Gegensätzen konstruierten Existenz. Ich-Dissoziation und Dekonstruktion einer zeitlos gültigen Wahrheit finden ihre Entsprechung in der erzählerischen Form. Der Autor durchmischt in extra langen, unübersichtlich verschachtelten Sätzen systematisch Erzähltempi und -perspektiven – eine von Marías von Roman zu Roman kunstvoll perfektionierte und hier von Übersetzerin Susanne Lange überzeugend ins Deutsche übertragene Methode. Über vierhundert Seiten lang vermag er die Liebes- und Mordgeschichte im existenziellen Format einer shakespeareschen Tragödie rund um das musikalische Leitmotiv des bekannten Macbeth-Zitats "She should have died hereafter" in der Schwebe zu halten.

Am Ende ist nur eins klar: Die Wahrheit bleibt immer ungewiss. Tatsächlich wird sie von uns selbst im Dienste unserer jeweiligen Interessen immer neu konstruiert. Nirgendwo wird das deutlicher als in der Liebe. Denn im Interesse der Liebe ist alles erlaubt. Im Extremfall sogar ein Mord? Eine provokante Frage, die der erotische Diskurs bis zum Ende nicht auflöst. Vielleicht, so der Autor selbst über "Die sterblich Verliebten", sei es sein bislang pessimistischstes Werk. Doch sogar das schwermütigste "literarische Nachdenken" über die Abgründe menschlicher Existenz vibriert bei Marías in jeder Zeile vor Spannung und Begehren. Marías ist eben nicht nur Experte für erotisches Philosophieren, sondern auch ein Meister sinnlichen Erzählens. Vielleicht ist dieser unnachahmlich melancholisch-erotische Marías-Ton der Grund, warum man, hat man einmal begonnen, nicht mehr aufhören kann zu lesen.

Informationen zur Abmoderation
Javier Marías:
Die sterblich Verliebten.
S. Fischer Verlag 2012. 432 Seiten, 19,99 EUR.

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