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StartseiteTag für TagFür besseren Ethik-Unterricht19.05.2017

Schule in BayernFür besseren Ethik-Unterricht

Wenn bayerische Kinder statt des Religionsunterrichts am Fach Ethik teilnehmen, werden sie meist von Lehrern unterrichtet, die dafür gar nicht ausgebildet sind. 80 Prozent der Ethik-Lehrer unterrichten fachfremd. Der Grund dafür: Bisher gibt es im Freistaat kein richtiges Ethik-Studium für Lehrer. Der Druck auf die bayerische Staatsregierung wächst.

Von Burkhard Schäfers

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Siebtklässler strecken am 23.11.2016 während des Deutschunterrichts in einem Gymnasium in Friedrichshafen (Baden-Württemberg) ihre Hände nach oben.  (dpa/ picture alliance / Felix Kästle)
Eltern, Schüler und Wissenschaftler fordern eine bessere Ausbildung von Ethik-Lehrern (dpa/ picture alliance / Felix Kästle)
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Zwölf Jahre - von der ersten Klasse bis zum Abitur - hat Ute Schmid den Ethikunterricht besucht. Die 20-jährige Regensburgerin erinnert sich an anspruchsvolle Diskussionen, stellt aber auch fest:

"Es gibt Lehrer, die nehmen sich nur das Ethikbuch, und dann liest man sich die Texte durch und redet ein bisschen drüber. Man merkt durchaus, dass im Land Bayern, was ja eher noch unter der CSU steht, also wenn man genau hinschaut, dass dann auch oft eher in die Richtung unterrichtet wird."

Ihr Vater Erwin Schmid ist Vorsitzender des Bundes für Geistesfreiheit. Die humanistische Gemeinschaft setzt sich für einen besseren Ethikunterricht ein.

"Ethik und Philosophie sind ja für das Zusammenleben der Menschen sehr wichtig, um das auf eine vernünftige Grundlage zu stellen, im Sinne von Wissenschaft und Aufklärung. Im Ethikunterricht soll die Welt erkannt werden. Und dann soll dieses Wissen umgesetzt werden in eine vernünftige Gestaltung des Lebens. Deswegen ist Ethikunterricht sehr wichtig für alle, nicht nur für die kirchenfreien Kinder", sagt Erwin Schmid.

Mehr als 80 Prozent der Ethik-Lehrer unterrichten fachfremd

In den meisten Bundesländern, so auch in Bayern, ist Ethik Ersatzfach für den bekenntnisorientierten Religionsunterricht. Dieser genießt bundesweit Verfassungsrang und hat deshalb im Schulwesen einen hohen Stellenwert. Allerdings steigen in Ethik die Schülerzahlen. Vor allem, weil es immer mehr Konfessionslose gibt und weil Kinder aus anderen Religionsgemeinschaften den Ethik-Unterricht besuchen, insbesondere Muslime.

In Bayern allerdings hakt es bis heute bei der Lehrerausbildung: Mehr als 80 Prozent der Ethik-Lehrer würden fachfremd unterrichten, sagt Julian Nida-Rümelin, Professor für Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

"Das heißt, im Lehrerkollegium wurde gefragt: Wer macht jetzt Ethik für die und die Klasse im nächsten Jahr? Das ging dann reihum mit der Folge, bei allem Respekt, dass ausgebildete Physik- und Mathelehrer und andere vielleicht dann Ethik unterrichten, die aber dafür keine Qualifikation haben."

"Fachbereich Philosophie/Ethik muss erst aufgebaut werden"

Bisher können angehende Lehrer in Bayern Ethik lediglich als Erweiterungsfach studieren oder sie erwerben ihre Kenntnisse in wenigen Weiterbildungsstunden. Jahrelang haben Eltern, Schüler und Wissenschaftler eine bessere Ausbildung der Ethik-Lehrer gefordert. Offenbar sind sie damit nun bei der bayerischen Staatsregierung durchgedrungen, so Nida-Rümelin.

"Das Ministerium und der Minister Dr. Spaenle haben eindeutig erklärt, dass das ein grundständiges Fach werden soll. Das heißt auch, dass Fachdidaktik an den Universitäten im Fachbereich Philosophie/Ethik erst aufgebaut werden muss. Und das heißt natürlich auch - da ist jetzt der Prozess mittendrin - dass man sich genau über die Curricula Gedanken machen muss."

Wann genau angehende Ethik-Lehrer in Bayern Philosophie studieren können, steht noch nicht fest. Der Münchner Hochschulprofessor hofft, dass die Staatsregierung noch vor der Landtagswahl im kommenden Jahr offiziell grünes Licht gibt. Was die inhaltliche Ausgestaltung des Studiums angeht, so sei auch fächerübergreifendes Denken nötig:

"Viele ethische Fragen lassen sich nicht beantworten, ohne dass man über die Gesellschaft Bescheid weiß", sagt Nida-Rümelin. "Zum Beispiel die Medienentwicklung, Medienethik, da muss man etwas über die Medien selbst wissen. Bioethik, da muss man etwas wissen über Gentechnik. Soziologie, Jurisprudenz, auch Naturwissenschaft, auch Medizinethik - Grundkenntnisse aus diesen Bereichen sind wesentlich."

"Die Kinder gewöhnen sich ab, Fragen zu stellen"

Im Ethikunterricht geht es um Weltanschauungen, Werte und Normen. Julian Nida-Rümelin hat zudem gute Erfahrungen damit gemacht, auch schon mit jüngeren Kindern zu philosophieren. Wiederholt war er dazu in Schulen.

"Kinder haben philosophische Fragen zuhauf. Und ein Teil dieser Fragen wird ihnen dann durch Nichtbeantwortung oder Abtun wieder ausgetrieben. Was ja oft auch nachvollziehbar ist: Es ist alles immer so kompliziert, und dann stellen sie immer wieder Fragen, dann fühlt man sich überfordert oder weiß nicht, was man dazu sagen soll. Und dann gewöhnen sich die Kinder das ab, solche Fragen zu stellen. Und das ist eigentlich ein Verlust. Deswegen würde ich sagen: Philosophie gehört schon in die Grundschule."

Der Philosoph Julian Nida-Rümelin blickt am 25.10.2016 bei der Verleihung der Bayerischen Europa-Medaille im Prinz-Carl-Palais in München (Bayern) in die Kamera. Der frühere Kulturstaatssekretär Nida-Rümelin steht laut Staatsregierung als Priesträger «für unser gemeinsames europäisches Erbe von Humanismus und Aufklärung und ist damit auch ein Vorbild der europäischen Idee» (picture alliance / dpa / Matthias Balk)Der Philosoph und Ex-Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin (picture alliance / dpa / Matthias Balk)

Wenn das Lehramtsstudium so reformiert wird, wie es die Befürworter hoffen, wird Ethik in Bayern als Schulfach deutlich aufgewertet. Schon 1998, also vor knapp 20 Jahren, stellte das Bundesverwaltungsgericht in einem Grundsatzurteil fest: Ethikunterricht sei anzubieten als ein ordentliches Lehrfach, das dem Religionsunterricht gleichwertig auszugestalten sei. Dennoch galt es etlichen Verantwortlichen im Schulalltag eher als notwendiges Übel. Der Humanistische Verband Deutschlands spricht von einer jahrzehntelangen Diskriminierung als Ersatzfach. In einer zunehmend säkularen Gesellschaft allerdings werde der Ethikunterricht immer wichtiger, meint Philosoph Nida-Rümelin:

"Das eine ist der Anspruch, Religionsunterricht an den staatlichen Schulen zu erhalten. Und das andere ist das gewissermaßen alles Überwölbende und alles Zusammenfassende: Nämlich die ethische, die normative, die moralische Substanz einer demokratischen Gesellschaft bei allen Unterschieden der verschiedenen Gemeinschaften, Religions-, Kultur-, Herkunftsgemeinschaften, zu entwickeln und zu stärken."

Vision: Ethik als Regelfach

Seine Zukunftsvision lautet: Ein gemeinsamer Ethikunterricht für alle.

"Eigentlich ist das Gegeneinanderstellen - entweder Religionsunterricht oder Ethikunterricht - sachlich nicht begründbar", meint Philosoph Nida-Rümelin. "Weil gar nicht einzusehen ist, warum die Ethik dann nur denjenigen diesen Kitt anbietet - der Kitt, der alle zusammenhält - die nicht in den konfessionsgebundenen Religionsunterricht gehen."

Ethik als Regelfach gibt es bislang lediglich in Berlin und Brandenburg. Erwin Schmid vom Bund für Geistesfreiheit hofft, das sich dieses Modell in sämtlichen Bundesländern durchsetzt:

"Dass eben alle Schüler einen ethischen, philosophischen Unterricht als Pflichtfach haben, weil es wichtig ist für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Also wie werden die verschiedenen Religionen und Weltanschauungen zusammenkommen in einer pluralen Gesellschaft? Dass sich die Leute auch kennenlernen, drüber sprechen, sich tolerant erdulden und das Zusammenleben gestalten."

Ethikunterricht für alle - hat ein solches Projekt Chancen in Deutschland? 2009 liefen die Kirchen in Berlin Sturm gegen Ethik als Regelfach. Erfolglos: Die Initiative 'Pro Reli' scheiterte. Heute - acht Jahre später - deuten die Pläne in Bayern weiter in Richtung Pro Ethik.

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