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StartseiteCampus & Karriere"Nach wie vor ausgeprägte soziale Disparitäten"15.03.2017

Schulreform in Berlin "Nach wie vor ausgeprägte soziale Disparitäten"

Die Verschlankung des Schulformangebotes in Berlin hält Kai Maaz vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung zwar für gelungen. Auch wenn die sozialen Ungleichheitenhält auch nach der Reform weiterhin bestünden, sagte Maaz im DLF.

Regina Brinkmann im Gespräch mit Kai Maaz

Außenansicht der Andreas-Oberschule (Gymnasium) im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg (imago / Manja Elsässer)
In Berlin werde durch verschiedene Kooperationen an jeder Schule der Erwerb des Abiturs angeboten, auch wenn diese Schule keine eigene Oberstufe habe, sagt Bildungsforscher Maaz. Im Bild das Andreas-Gymnasiumim Berlin Friedrichshain-Kreuzberg (imago / Manja Elsässer)
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Regina Brinkmann: Mit welchen Ergebnissen der Auswertungen können die Berliner Eltern und Schüler denn zufrieden sein?

Kai Maaz: Na ja, vielleicht muss man die Ergebnisse der Reform nicht gleich auf die Bedürfnisse der Eltern sehen, sondern sich fragen: Was war eigentlich die generelle Zielsetzung der Reform? Und die generelle Zielsetzung war es ja, eine Minimierung der Stratifizierung des Sekundarschulsystems zu erreichen, also von ursprünglich fünf Schularten, die angeboten wurden, die Struktur auf nur zwei Schularten zu reduzieren. Und da muss man sagen, dass diese Verschlankung des Schulformangebotes durchaus gelungen ist.

Was aber nicht heißt, dass mit dieser gelungenen Implementation dieser Schulstrukturreform, die ja auch von weiten Teilen sowohl der Eltern, der Schüler als auch der Lehrer und der Schulleitungen ja akzeptiert wird, dass alle weiteren Ziele erreicht worden sind. Beispielsweise wenn man sich Ziele anschaut wie die Minimierung sozialer Ungleichheiten durch diese Schulstrukturreform, dann findet man größtmögliche Stabilitäten in den Ungleichheitsmustern vor und nach der Reform, wenn man sich die …

Brinkmann: Das heißt, da ist sozusagen vielleicht ein anderes Etikett oder Türschild an dem Schulgebäude, aber letztendlich haben sich die sozialen Bedingungen, also die soziale Zusammensetzung und die Leistungsstärke der Schüler, die diese Schulen dann besuchen, gar nicht unbedingt geändert?

Maaz: Doch, die haben sich teilweise schon geändert. Also, man kann schon sehen, dass sich – und das geht in die Richtung – die Standorte deutlich reduziert haben, die als besonders belastete Standorte bezeichnet werden, was letztendlich auch zu Schließungen von Schulstandorten geführt hat. Wir haben es mit einer leichten Annäherung in den kognitiven Lernvoraussetzungen zwischen den Schulstandorten zu tun, wenngleich die sozialen Unterschiede weitestgehend stabil geblieben sind. Die Frage, bezogen auf die Ungleichheitsperspektive, die müsste man sich stellen: Inwiefern kann man überhaupt erwarten, dass sich Ungleichheitsmuster verändern, wenn man ein System öffnet, also Bildungswege für alle Personengruppen öffnet? Warum sollten davon nur Jugendliche aus sozial weniger begünstigten Familien profitieren? Wir sehen das beispielsweise, bei der Beteiligung im nicht-gymnasialen Bereich.

Also an den Sekundarschulen, die eine Oberstufe haben, haben wir nach wie vor ausgeprägte Muster sozialer Disparitäten. Die sind vor und nach der Reform weitgehend stabil. Das ist aber auch nicht mehr das entscheidende Kriterium möglicherweise, weil an jeder Schule der Erwerb des Abiturs angeboten wird, auch wenn diese Schule keine eigene Oberstufe hat, durch verschiedene Kooperationen. Wir haben uns daher angesehen: Inwiefern haben sich die Berechtigungen zum Übertritt in die gymnasiale Oberstufe verändert, oder aber auch die Aspiration, das Abitur zu erwerben? Und hier finden wir einen Anstieg über die Kohorten. Also, es erwerben jetzt mehr Jugendliche die Voraussetzung, um in die Oberstufe überzugehen, es haben auch mehr Jugendliche die Erwartung, das Abitur zu erwerben.

"Ziel, Ungleichheiten zu reduzieren, verfehlt, wenn alle ein Stück nach oben gehen?"

Brinkmann: Aber es sind immer noch sehr wenige dabei, die sozusagen aus diesen ehemaligen Brennpunktschulen kommen, wenn man es jetzt mal so nennt, die sich dann doch noch für das Abitur entscheiden. Also, das wurde mit dieser Reform nicht durchbrochen.

Maaz: Das können wir jetzt noch nicht sagen, weil wir jetzt ja den neunten Jahrgang untersucht haben. Und wir haben aus dem zehnten Jahrgang die Information über die Berechtigung zum Übergang in die Oberstufe. Ob die Schülerinnen und Schüler dann wirklich übergegangen sind und dann auch das Abitur erwerben, das können wir jetzt erst dann letztendlich in einiger Zeit untersuchen. Was wir aber sehen, dass dieser Anstieg sowohl in der Berechtigung als auch bei der Aspiration in allen Herkunftsgruppen nachzuzeichnen ist. Das heißt, es gibt ein Nach-oben-Rutschen in diesen Beteiligungs- und Aspirationsmerkmalen, und dadurch werden die Ungleichheitsverhältnisse zwischen diesen Herkunftsgruppen nicht minimiert. Und jetzt muss man sich fragen: Hat man das Ziel, Ungleichheiten zu reduzieren, damit verfehlt, wenn alle ein Stück nach oben gehen? Oder ist es möglicherweise doch zumindest eine Teilerreichung eines Ziels, auch wenn die Differenzen zwischen den verschiedenen Bildungsgruppen sich nicht wesentlich reduziert haben?

Brinkmann: Was würden Sie denn jetzt aufgrund dieser Ergebnisse der Bildungspolitik in Berlin noch empfehlen? Welche Hausaufgaben müsste sie noch dringend machen?

Maaz: Na ja, es geht darum, die Struktur, die man jetzt geschaffen hat, von der man sicherlich sagen kann, dass es auch eine Struktur ist, die zukunftsfähig ist, die Entwicklungsmöglichkeiten des Systems eröffnet, dass man die weiterentwickelt, aber jetzt nicht mehr nur auf der strukturellen Ebene, sondern dass man die Prozessebene in den Blick nimmt. Also den Unterricht selbst, nicht mehr nur Strukturentwicklung macht, sondern verstärkt Unterrichtsentwicklung, die Interaktion zwischen den Lehrenden und den Lernenden beispielsweise. Es geht auch darum, wie man eine Vertiefung der Kooperation insbesondere der Sekundarschulen, die keine eigene Oberstufe haben, mit anderen Oberstufen.

Es geht darum, wir haben an einigen Sekundarschulen, die keine Oberstufe haben, nur begrenzt Lehrkräfte, die die Befähigung für die Sekundarstufe zwei haben, das wäre eine Voraussetzung, dass man hier eine noch stärkere Durchmischung der Lehrkräfte erreicht, dass die Vorbereitung für das Lernen in der Oberstufe ja schon in der Mittelstufe anfängt. Das sind glaube ich Aufgaben, die jetzt in der Zukunft auf der Agenda stehen, also nicht mehr nur den großen strukturellen Rahmen zu schaffen – der ist da –, sondern jetzt in diesem Rahmen möglicherweise auch bestimmte Gruppen mit spezifischen Angeboten zu fördern.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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