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StartseiteThemen der WocheSchutzpatron der alten Ordnung05.02.2011

Schutzpatron der alten Ordnung

Amerikas Rolle in Ägypten

Drei Jahrzehnte lang war Hosni Mubarak Washington ein nützlicher Despot, nun wird er für US-Präsident Barack Obama zur Belastung.

Von Martin Klingst, Die Zeit

Ägyptens Präsident Hosni Mubarak begrüßt seinen US-amerikanischen Amtskollegen Barack Obama in Kairo (Juni 2009). (AP)
Ägyptens Präsident Hosni Mubarak begrüßt seinen US-amerikanischen Amtskollegen Barack Obama in Kairo (Juni 2009). (AP)

Noch ist nicht ausgemacht, ob der Aufstand Hunderttausender Ägypter gegen Präsident Mubarak eine Revolte sein wird - oder eine Revolution. Ein mutiges, aber am Ende doch vielleicht vergebliches Aufbäumen gegen einen sich mit aller Macht wehrenden Despoten? Oder ein gewaltiger Tsunami, dessen Welle nicht nur den verhassten Diktatur Mubarak hinwegfegen werden, sondern auch das autoritäre ägyptische Herrschaftssystem und viele Diktatoren Arabiens.

Doch ob Revolte oder Revolution - für Amerika, diesen Schutzpatron der alten Ordnung, steht spätestens seit dieser Woche fest: Die alten Strategien für den Mittleren Osten sind Makulatur. Neue Ideen müssen her.

Der Zufall will es, dass sich just in diesen weltumstürzenden Tagen Amerikas Botschafter zu einer Zukunftskonferenz in Washington versammelt haben. Außenministerin Hillary Clinton warb soeben für eine mutigere und innovativere Ära amerikanischer Diplomatie. Eine Epoche, die nicht nur Stabilität und amerikanische Interessen im Auge habe. Sondern die ihren Blick vor allem auf die Zivilgesellschaften richte, auf die Bürger, auf deren sozialen Nöte und demokratischen Bedürfnisse.

Die Obama-Regierung tut sich inmitten der arabischen Turbulenzen schwer, Tritt zu fassen. Sie schien von den Ereignissen im fernen Kairo überrumpelt. Aber Hand aufs Herz: Wer hat den Aufruhr zwischen Mittelmeer und Rotem Meer wirklich vorausgesehen. Fragt man die Neunmalklugen, die derzeit in ungezählten Expertenrunden Amerika der Arroganz und Ahnungslosigkeit bezichtigen, fragt man sie, ob sie denn ahnungsvoller gewesen seien, dann werden sie schnell rot und wechseln das Thema.

Niemand hat den Volksaufstand kommen sehen, schon gar nicht in Ägypten. Doch was Obama und seiner Regierung zu Recht angekreidet wird, ist ihre Zögerlichkeit und ihre unglückliche Wortwahl, mit der sie die Umwälzungen im Mittleren Osten begleiten. Tunesien wurde voreilig zum Einzelfall deklariert und Hillary Clinton bezeichnete die Lage in Ägypten leichtsinnig als stabil.

Vor anderthalb Jahren, im Juni 2009, hielt Obama seine berühmte Kairoer Rede, eine Warnung an die Regierenden und die Regierten der muslimischen Welt. Eindringlich mahnte Amerikas neuer Präsident die Diktatoren und Autokraten, ihre Herrschaft statt auf des Volkes Zustimmung auf Zwang und Gewalt zu gründen. Seither fragt man sich, warum haben Barack Obama inzwischen diese Einsicht und Weitsicht verlassen.

In gezielter Abkehr von der verheerenden Politik seines Vorgängers George W. Bush verzichtete Obama auf aggressive Demokratierhetorik. Und zur großen Freude des größten Teils der Welt versprach er, dass Amerika Demokratie im Mittleren Osten nicht mehr mit dem Bajonett erzwingen wolle, sondern nur noch mit diplomatischem Druck. Es mag ungerecht sein, aber Arabiens Demonstranten nehmen den Friedensnobelpreisträger Obama derzeit nicht als Vorkämpfer der Freiheit war, sondern als Bewahrer des verhassten Status Quo. Vor allem deshalb, weil sein Einsatz für Demokratie und Menschenrechte so leise und so verhalten
daherkommt.

Wie der größte Teil der Welt, hoffen selbstverständlich auch Amerika und Barack Obama, dass den protestierenden Völkern Arabiens aus eigener Kraft jetzt gelingen möge, was der hochgerüsteten Interventionsarmee des George W. Bush misslang: Dass von Tunis über Kairo bis ins jemenitische Aden friedliebende, aufgeklärte Demokratien Einzug halten.

Aber wie der Rest der Welt fürchtet ebenso Amerika, dass es auch anders kommen könnte: Chaos, Blutbäder, neue Diktaturen - möglicherweise neue Gottesstaaten. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Amerika und dem Rest der Welt: Nur die einzig verbleibende Supermacht kann und muss deshalb Einfluss auf Ägyptens Geschicke nehmen. Denn es gilt: Je länger Mubarak im Amt bleibt und je länger das alte Herrschaftssystem fortbesteht, desto radikaler und erbitterter wird um Ägyptens Zukunft und um die Zukunft des gesamten Mittleren Ostens gekämpft werden. Es ist eine Schizophrenie der Geschichte: Amerika wird weniger mächtig, aber gerade jetzt sind seine Macht und sein Einfluss besonders wichtig.

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