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StartseiteBüchermarktSchwächen im Detail09.09.2007

Schwächen im Detail

Buch der Woche: "Karlmann" von Michael Kleeberg

Michael Kleeberg traut sich zu Recht viel zu. Doch von 10 seiner Metaphern sind 3 ziemlich daneben, von 30 Formulierungen eine schlichtweg ungelenk. Das Besondere des Ganzen ist ihm im Roman "Karlmann" wichtiger als das Gelingende im Detail.

Von Ursula März

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Egozentrisch, sexbesessen und naiv

Dieser Roman hat eine Haupteigenschaft, und man erkennt sie sofort: Er ist hoch ambitioniert. Es steht ihm gleichsam auf der Stirn geschrieben, was er sein will, nämlich ein Mitspieler in der ganz großen Liga der Romanciers der Moderne, ein Proustjoycemusil-Projekt des Jahres 2007. Mit Proust teilt er die schier unendliche Dehnung der Zeit. Mit dem Joyce'schen "Ulysses" Aspekte der Erzählkonstruktion. Mit dem Hauptwerk Musils die Eigenschaftsarmut des Helden.

Nicht dass Michael Kleeberg der Aufgabe, diese rasanten Steilvorlagen zu verwandeln, nicht gewachsen wäre. Sein Roman "Karlmann" ist keineswegs misslungen. Er leidet, wenn man so will, an einem merkwürdigeren Problem, an der penetranten Sportlichkeit seines Gelingens. Mit einem sportlichen Ereignis der Sonderklasse geht die Romanhandlung denn auch los: Juli 1985 - die Bundesrepublik sitzt vor dem Fernseher und ist berauscht. Der 17-jährige Boris Becker, Inbegriff des jungen wilden Genies, gewinnt in Wimbledon. Deutschland feiert einen rotblonden Helden.

"Und dann dieser Blick! Dieser blaue, undurchdringliche, unbezwingbare und zugleich nichtsahnend naive Blick aus diesem zarten Kindergesicht! Gott, er weiß gar nicht, was das ist: Verlieren! Er weiß gar nicht, was das ist: Niederlage und Angst und Scham! Er kann zwanzigmal wie ein geschlachtetes Schwein in den Staub klatschen und wird wieder hochkommen mit diesem intakten Blick. Der nichts Gutes verheißt. Das ist mehr als Zuversicht, mehr als Gewissheit, mehr als Sport. Das ist etwas ganz Neues, etwas, das noch nie da war und wofür es kein Wort gibt. Das ist der, der unsere Träume erfüllen wird, das ist der, der dich spüren läßt, welch grenzenloses, welch unermessliches Potential du selber hast. Gänsehaut, siehst du? Das ist der elektrische Kontakt, der Kraftfluß von ihm zu mir und zurück, wieder hinein in das riesige noble grüne Geviert. Letzter Sonntag des Turniers im grünen Londoner Südwesten. Englisch diszipliniertes Warten auf das abschließende Crescendo vor dem sterbensöden Montag. Die zwei Wochen lang in T-Shirts und Sonnenbrillen, Pepitahütchen und Basecaps, in Regenhüllen und Kapuzen umherstreifenden Massen, die mit Popcorn und Chips und Wimpeln und Regenschirmen die Alleen zwischen den Plätzen füllten im Schatten der modrigen Holzgerüste und Betonpfannen des Center Courts und des Courts Number One, sind verschwunden. Alles ist leergefegt, nur die hohe grüne Schüssel des zentralen Stadions voll bis auf den letzten Satz. Amplituden aus Licht und grüngesprenkeltem Schatten, aus Stille, in der das Plock-Plock des Ballwechsels widerhallt, und dem aufrauschenden, hochbrandenden Lärm der Menge. Applaus, der klingt, wie das Auffliegen eines Schwarms von zehntausend Zugvögeln. Amplituden aus sonntäglicher Sommerlethargie und nervös-elektrischem Prickeln. Vereinzelte schrille Schreie, die eine Welle von Gelächter überspült und erstickt. Von den Tribünen steigt ein Geruch nach Sperrholz und Leim auf und feuchtem Segeltuch und nassem Rost, nach Schweiß und Sonnenmilch, nach aufgestoßenem Bier, nach Cola und Ketchup und nach süßlichen und säuerlichen Eaux de Cologne. Menschen, die mit der Tube aus der Stadt gekommen sind, Menschenströme, die Schlange standen vor den metallisch riechenden Drehkreuzen, Familien, Paare, Männergruppen; aus Chelsea, Belgravia, Dagenham und Brixton sind sie gekommen, der ganze Hautfarbenregenbogen von fahl bis bläulich schwarz, klassenlose Gesellschaft der Glücklichen, die Karten ergattert haben fürs Endspiel, alle gleichwertig im Schatten des Mythos, alle privilegiert und stolz. Das Wetter spielt mit, keine dunkle Wolke in Sicht, wie so oft in den letzten zwei Wochen. The year of the thunderbolt."

Für einen Fernsehzuschauer indes, den Romanhelden Charly Renn, potenziert sich der Triumph von Boris Becker, als wäre es sein höchstpersönlicher. Charly hat am Vormittag dieses Tages auf dem Standesamt seine Traumfrau Christine geheiratet. Am Abend wird die Hochzeitsfeier stattfinden. Dazwischen gönnt sich Charly ein paar Stunden im Kreis von Kumpels vor dem Fernseher - mit gelockerter Krawatte, gelockerten Männersprüchen, vor allem aber im Hochgefühl des einzigartigen Moments.

"Ist es das Bewusstsein deines großen, außergewöhnlichen Tages, das jetzt auch diese Bilder mit einer ganz persönlichen Bedeutung tränkt? Ist es das Lampenfieber des Zuschauers vor dem bangentspannt erwarteten Stellvertreterkampf, das ausgreift und dich plötzlich existentiell erfüllt?"

Der Abstieg in die Banalität, der Charlie Renn an seinem Triumphtag noch bevorsteht, lässt sich aus diesen Sätzen ebenso erahnen wie Charlies Charakter. Er ist ein Zuschauer, einer, der nicht handelt, sondern geschehen lässt, der durchaus den Wunsch hat, aus seinem Leben was zu machen, dem aber zum Machen Kraft, Entschlossenheit und Autonomie fehlen. Charlie ist, als der Romanleser ihn kennenlernt, Mitte 20, er hat zwölf Semester VWL studiert, weder Beruf noch konkrete Berufspläne, er ist ein Durchschnittstyp der 80er Jahre, jener Zwischendekade, die in die Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik mit dem Begriff "Wartezeit" eingegangen ist. Charly ist wie sein Autor 1959 geboren, sonst haben sie nicht viel gemeinsam.

Während der Schriftsteller Michael Kleeberg gegenüber der Gegenwartsliteratur und dem Literaturbetrieb einen gewissen Außenseiterstatus pflegt, sich mit überbordender Sprache, üppiger Metaphorik und verwinkelter Syntax scharf abgrenzt vom Mainstream schlichter 182-Seiten-Romane, ist Charly vom Mainstream seiner Zeit kaum zu unterscheiden. Er wird einfach mitgespült. Ein netter, harmloser Jedermann. Der Allerweltsname Charly sagt es ja schon. Ursprünglich hieß Charly allerdings wie der Romantitel "Karlmann". Zu den wenigen Widerstandsleistungen seines Lebens gehört die eigenmächtige Umbenennung. Charly, der aus einer großbürgerlichen Hamburger Kaufmannsfamilie stammt, hat es im Lauf der Jahre durchgesetzt, dass niemand mehr ihn mit "Karlmann", dieser Chiffre teutonischer Traditionsschwere, anredet. Jetzt heißt er Charly, eine amerikanische Chiffre für Durchschnittlichkeit.

Der Roman erzählt aus fünf Lebensjahren des Helden, den Jahren 1985 bis 1989, aber er ist kein konventioneller Entwicklungsroman. Die Erzählung entwickelt sich nicht im chronologischen Fluss, sondern in abrupten Sprüngen. Wir sehen Charly in fünf Romankapiteln, jedes Kapitel entfaltet je eine Szene, eine Begebenheit aus je einem der fünf Jahre. Die Erzählzeit des Romans verhält sich folglich zur erzählten Zeit wie der Elefant zur Mücke und in eben diesem Missverhältnis erinnert "Karlmann" an "Ulysses" von James Joyce, jenem Überroman des 20. Jahrhunderts, der 24 Stunden aus dem Leben seines Helden zu einem 1000-Seiten-Werk ausbaut.

"Das Gedächtnis lebt von solchen Muschelstöcken epiphanischer Augenblicke, die ihm Schlüsselreize liefern, bei deren Nennung die an ihm festgewachsenen Cluster von Erinnerungen sich öffnen und ihre Bilder freigeben, wohingegen ganze Monate und Jahre, von denen nichts an so einem Pfahl hängt, auf immer verloren und gerade deswegen ohne Bedauern verloren sind…"

An Marcel Proust wiederum - den Michael Kleeberg im übrigen auch übersetzt hat - erinnert nicht nur das Konzept der durée, des in der Erzählbreite zum Stillstand gebrachten und vertieften Augenblicks, sondern das literarische Interesse an zwei Sujets: dem sexuellen, möglichst verbotenen, unstatthaften Akt und dem gesellschaftlichen Ereignis. Schon am Ende des ersten Romankapitels treffen beide Sujets aufeinander. Charly begibt sich, berauscht von Beckers Wimbledon-Sieg und diversen Bierchen, zu seiner eigenen Hochzeitsfeier. Er fühlt sich großartig, unwiderstehlich. Hätte die schöne, blonde, feenhafte Christine ihm am Vormittag nicht schon ihr Ja-Wort gegeben, jetzt würde sie es ganz bestimmt. Als Charly bei dem Fest ankommt, trifft er aber nicht auf Christine, die sich in ihrem Hochzeitskleid, das ihn die Gästeschaft überraschen soll, noch verborgen hält. Er trifft auf die brünette, breithüftige Ines, Charlys kumpelhafte Freundin aus Schüler- und Studentenzeiten. Ines ist nicht anbetungswürdig wie Christine, aber sie ist dafür anfassbar. Während an die gestylte, weiß verpackte Christine kein, wie der Roman sagt, "Herankommen" ist, fällt dies bei Ines ganz leicht.

Sie trägt, Charly ahnt, eine Viertelstunde später weiß er es, kein Höschen unter dem Kleid. Der Roman hat kaum begonnen, Charly ist kaum Ehemann, schon stürzt er vom Balkon gefühlter existentieller Bedeutung, ja Erhabenheit aufs schmuddlige Trottoir der Kolportage und des abgestandenen Männerkonflikts: Liebe und Christine sind das eine, Sex und Ines etwas ganz anderes.

"Jesusmaria antworten seine Gedanken seinen Gedanken, das ist nicht der Moment für Reminiszenzen. Aber das Bewusstsein von dem Wahnsinn, dem unentschuldbaren, dass er hier im Hochzeitszimmer, heute am Hochzeitstag mit der Trauzeugin der Frau, die er liebt, mit seiner ältesten Freundin gleich vögeln wird, dass dies nicht mehr vermeidbar ist jetzt, dass er der sich verselbstständigenden Lust hinterherrennt wie einem Wagen, dessen Bremsen sich gelöst haben und der den Berg hinabrollt, dass er gleich alles, was er sich für Christine aufgespart hat, was nur ihr gehört, in Ines verströmen wird, ohne noch etwas dagegen tun zu können oder zu wollen, diese Warner und Mahner, die beständig in die Schaltzentrale seines Gehirns eindringen wollen, um ihn aufzuhalten, die sich davor stauen wie Bittsteller vor einem Amtszimmer, die schieben und drängen sie beide wortlos und grob zur Tür hinaus. Früh genug werden sie wieder hereingeströmt sein, und irgendwann werden sie die Tür eintreten, aber erst mal weg mit ihnen, denn soeben ist er dabei, Ines´ Brüste zu drücken durch den Stoff, sie zu pressen, fast will er ihr wehtun, damit sie ernüchtert von ihm ablässt und um sie zu warnen vor dem, um sie zu strafen für das, was hier geschieht, und natürlich auch aus Geilheit, diese großen schweren Brüste mit den dunkelbraunen Warzenhöfen (er sieht sie, ohne sie sehen zu müssen, das kommt davon, wenn man einander so lange kennt) , viel größer als Christines unentwickelte Knabenbrust. Jetzt rafft er mit zitternden Händen (vorsichtig, wegen nachher, wegen gleich jetzt, keine Rückstände schaffen, nichts kaputtmachen) das enge Kleid hoch, das allerdings auf den Hüften hängen bleibt, noch immer sind ihre Münder verbunden, und Ja! Ich hab es doch gewusst (Stolz und eine gewisse Bestätigung seines Tuns), sie hat nichts drunter! Die schwarzen, halterlosen Strümpfe enden in einem noch schwärzeren verdickten Saum, über dem die weiße nackte Haut der Schenkel und des Beckens mit der roten nässenden Wunde des Geschlechts so schockierend, grell und erregend wirkt wie auf bestimmten aquarellierten Zeichnungen aus Egon Schieles Skizzenbüchern. Während seine rechte Hand, der niemand den Befehl dazu gab, mit Zeige- und Mittelfinger in die marshmallowhaft weiche Furche zwischen den Pelzsäumen greift, spürt er in seiner Unterhose die Tröpfchen Seminalflüssigkeit, die dem Orgasmus vorausgehen. Lieber Gott, nicht in die Hose! Aber Ines, die an ihr herumfummelt, bekommt sie nicht auf. Natürlich, sie sucht den Gürtel, Ines, eine Smokinghose hat keinen Gürtel, musst ihr helfen, sie abwehren, sonst knöpft sie dich auf und dann kommst du. Wie lange sind sie schon zugange? Weniger als eine halbe Minute? Noch kann niemand etwas aufgefallen sein. Wenn man jetzt nur aufhören könnte! Es wäre noch nichts passiert, noch kein Gewissenswurm an Herz gesetzt. Er löst dennoch den Arm von ihr, knöpft die beiden Schnallen an den Seiten auf, den vorderen Knopf, die Hose fällt . Sie denkt mit, gibt ihm Leine, damit er heraussteigen kann, zieht dann zu ruckartig die Unterhose nach unten. Glüht ihre Handmuschel, oder glühst du selbst so? Jaja, wir hören ja gleich auf, nur dies eben noch."

Auf engem Raum finden sich in dieser Passage Stärken und Schwächen des Kleeberg'schen Romanunterehmens: großartige szenische Beschreibungen, die ihm nur wenige seiner Schriftstellergeneration nachmachen., und eine Art hybride Überkonstruiertheit, die die Syntax über das Ziel hinausschießen und stellenweise regelrecht entgleisen läßt. Man sieht bei der Lektüre von "Karlmann" einen Verlagslektor in vielen nächtlichen Überstunden über das Manuskript gebeugt. Vieles an diesem Roman ist nicht nur plausibel, sondern brillant: die Erzählkonstruktion, die an ein fünfteiliges Tafelbild erinnert, die Typologie des Helden. Die leichte Verstaubtheit seines Männerlebens und Männerlebens ist zumindest verzeihbar.

Im dritten Kapitel, Februar 1987, sehen wir den Ehemann Charly auf den Abwegen der Untreue. In der Spießerwohnung einer gewissen Meret lässt er sich erst selbstgebackenen Apfelkuchen und dann Sado-Maso-Sex kredenzen. Charlys Ambitionslosigkeit wird im zweiten Kapitel überzeugend auf den Punkt gebracht. Noch am Hochzeitsabend kündigt der Vater dem Sohn ein fatales Geschenk an: die Geschäftsführung eines Autohauses. Charly hat keine rechte Lust, aber auch kein Argument dagegen. So spielt er im zweiten Kapitel zwischen Automobilen der Marke Opel, korrupten Untergebenen und Kunden eine Rolle, die er in Wahrheit nicht ausfüllt. Charly gehört der Generation der Erben des Wirtschaftswunder an. Er ist der schwache Sohn eines starken Vaters und eines noch stärkeren Großvaters. Dieser hat in Hamburg ein Juwelierunternehmen gegründet, auf ihn geht der gesellschaftliche Einfluss der Familie Renn in Hamburg zurück. Natürlich spiegelt sich in der wirtschaftlichen und mentalen Abstiegsgeschichte der Renns das Schicksal einer anderen hanseatischen Sippe, der Buddenbrocks. Auch Thomas Mann findet in Michael Kleebergs Roman ein Plätzchen.

"Ich wusste gar nicht, sagt der Alte lächelnd und sich in seinem Sessel rekelnd, wie um deutlich zu machen, dass er sich hier sehr wohlfühlt trotz Yvonnes Attacke, die ihn keineswegs so erregt, dass er aufspringen müsste, ich wusste gar nicht, dass deine Interessengebiete neben Majoliken und Gesellschaftsklatsch jetzt auch die Politik umfassen. Aber man lernt ja nie aus. Nur müsstest Du ein bisschen deutlicher erklären, was Du unter "politischen Idiotien" verstehst. Womöglich ja, dass ich mich als Citoyen, der ich bin, um die Belange meiner Vaterstadt kümmere. Franz, der nicht wie seine Stiefmutter und ihr Sohn stehengeblieben ist, sondern sich auf die Lehne von Kumpfs Sessel gehockt hat, sagt: Kannst Dus nicht ein bisschen kleiner geben, Karl? Citoyen und Vaterstadt, er betont beide Wörter übertrieben, aber das ist nicht so sehr ein Angriff wie Yvonnes Ouvertüre, scheint mir, mehr ein Aufruf zum allgemeinen Runterfahren der Emotionen, vielleicht sogar ein halbes Vermittlungsangebot. Auch dass er sitzt. Franz will offenbar keineswegs unbedingt Krieg."

Im vierten Kapitel kommt es zum familiären Show-Down der Familie. Charly ist, was er schon zu Romanbeginn war: Der passive Zuschauer einer großen Matchs. Diesmal ringt aber nicht Boris Becker gegen einen Tennispartner, sondern Charlys eigener Vater gegen seinen Bruder. Ort der Auseinandersetzung ist ein großer Empfang zur Jubiläumsfeier des Juweliergeschäfts Renn. Tout le monde ist da. Sogar der Hamburger Bürgermeister wird erwartet. Jetzt kommt es zum Krach. Karl Renn, Charlys Vater macht sich zum Verteidiger der Hausbesetzer in der Hafenstraße. Es ist das Jahr 1988.

"Als die erste Haspa-Filiale brannte, sagt der Alte zu seinem Bruder gewandt, da war klar, es wird noch mehr brennen, wenn wir nicht deeskalieren. Was wollt ihr denn, den Bürgerkrieg? Die Frage ist doch: Wer schafft das neue Fundament, auf dem eine gewaltlose Bewältigung von Konflikten möglich bleibt? Doch nur die, die wir als Außenseiter verstehen, die Nonkonformisten, die widersprechenden Minderheiten. Diejenigen also, die widerstehen."

Sagte man 1988 schon "deeskalieren"? Spricht und denkt so ein Hamburger Bürger, der das 16. Lebensjahrzehnt hinter sich gelassen haben dürfte ? Oder geht hier ein Autor, der aus Gründen literarischer Sportlichkeit fest entschlossen ist, das Thomas-Mann'sche Ensemble um den zeitgenössischen Typus des Anarcho-Patriziers zu erweitern, in großen Schritten über die Maßgaben der Wahrscheinlichkeit hinweg? Michael Kleeberg traut sich - auch zu Recht - viel zu. Wenn nicht alles täuscht, ist "Karlmann" der erste Roman einer Romanserie, und Charlys weiteres Schicksal wird uns in die 90er Jahre hinein treu bleiben. Wie auch immer, der Autor dieses Romans spielt, quantitativ und qualitativ auf Größe, auf einen literarischen Boris-Becker-Sieg seines Romanprojektes, das sich über das gewohnte Mittelmaß erheben soll.

Dagegen, das heißt, gegen hohe künstlerische Ambition ist nicht das Geringste zu sagen. Keiner der Schriftstellerväter Michael Kleebergs, auch Updike darf dazu gerechnet werden, verfasste seine Jahrhundertwerke ohne das Bewusstsein äußerster Ambition. Was bei Michael Kleeberg indes durchschlägt, ist ein beweishaftes Ambitioniertsein noch in jeder Metapher, jeder Reflexion. Das Besondere des Ganzen ist ihm durchweg wichtiger als das Gelingende im Detail. Die großen, aber unzuverlässigen Leistungen Boris Beckers sind denen Michael Kleebergs durchaus vergleichbar. Von 10 seiner Metaphern sind eben 3 ziemlich daneben, von 30 Formulierungen eine schlichtweg ungelenk. "Bei dieser Vorstellung" , heißt es an einer Stelle, "fühlt Charly sich ausgeschlossen und neidisch". Man weiß, was gemeint ist, aber "sich neidisch fühlen" ist eine halbschiefe Wendung aus Schulaufsätzen, nicht aus Jahrhundertromanen. So zieht der Roman den, man möchte sagen, unnötigen Zweifel auf sich, ob der Autor zwischen ambitioniert und aufgemotzt so ganz genau unterscheiden kann. Anders gesagt: Die Siegesgewisstheit, die Charly Renn am Abend seiner Hochzeitsfeier abhanden kommt, wird für den Roman zur Last gewollter Genialität.

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