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StartseiteBüchermarktSchwankend in Griechenland23.08.2004

Schwankend in Griechenland

Gerhard Kelling: "Jahreswechsel"

Ende der sechziger Jahre wurde Gerhard Kelling bekannt mit sozialkritischen Stücken wie <em>Eisenwichser</em>, <em>Arbeitgeber</em> und <em>Die Massen von Hsunhi</em> - Stücken, die den 68-er Geist atmeten und zum Ausbruch aufforderten aus den politischen und moralischen Defiziten der 50-er und 60-er Jahre. Dann war es lange still um Gerhard Kelling. Erst 1999 meldete sich der Siebenundfünfzigjährige in der Öffentlichkeit zurück mit dem erstaunlichen Romandebüt <em>Beckersons Buch</em>. Darin wird ein wenig erfolgreicher Journalist von seiner Lebensgefährtin verlassen. Er gerät in eine Lebenskrise und verstrickt sich immer tiefer in Wahnvorstellungen. Kelling erhielt für diesen Roman, den man auch einen spannenden Psychokrimi nennen kann, als "bestes deutschsprachiges Prosadebüt des Jahres 1999" den Rauriser Literaturpreis. Auch in Kellings neuem, autobiographisch inspiriertem Roman <em>Jahreswechsel</em> trennt sich eine Frau von einem Mann: Zu Silvester, beim Jahreswechsel, auf den Landungsbrücken im Hamburger Stadtteil St. Pauli wird Hansgeorg Kreuf von seiner Lebensgefährtin verlassen. Kelling interessiert jedoch weniger das Scheitern dieser Beziehung als die Erfahrung des Abschieds.

Von Stephan Reinhard

Gerhard Kelling: "Jahreswechsel", Coverausschnitt (Suhrkamp Verlag)
Gerhard Kelling: "Jahreswechsel", Coverausschnitt (Suhrkamp Verlag)

Um den Trennungsschmerz zu mildern, verbringt Kellings Protagonist Hanskreuf viel Zeit in seiner Stammkneipe "Dorf", einem Nachtasyl für Theaterleute, aber auch für "Verlorene" und Alkoholiker.

In seiner Stammkneipe lernt Kellings Hauptfigur Hanskreuf immer wieder neue Frauen kennen, ohne doch die, die sich von ihm getrennt hat, ganz loslassen zu können. Ein Psychoanalyriker, dem er sich anvertraut, lehnt es ab, ihn zu therapieren. Schließlich wisse er über sich und seinen Zustand selbst am besten Bescheid. Um Abstand zu gewinnen, fliegt Hanskreuf nach Griechenland. Auf einer Inselreise durch die Ägäis gibt er sich Rechenschaft über sein Leben. Bewegt er sich nicht, was die allgemeine Anschauung der Welt angeht, wie jede und jeder auf schwankendem Boden? "Verläßliche Wahrheit" - kann es sie überhaupt geben? Ist nicht alles nur Einbildung, Wahn? Der Wahn zum Beispiel, dem Geld nachzujagen. Und ist es nicht so, erläutert Hanskreuf der Reisebekanntschaft Bea, einer Pädagogin, dass das, was wir für ausschließlich individuell halten, nur ausdrücklich vorher festgelegter Code ist?

Kellings Hanskreuf ist eine Figur aus dem Arsenal der literarischen Moderne. Unsicher ist inmitten einer "Welt voller Scheitern" der Boden, auf dem sie steht. Auch als Romanautor ist Hanskreuf - so sieht er sich selbst - gescheitert. Die Ursache nach seinen Maßstäben: Weil er von nichts überzeugt ist, hat er nichts mitzuteilen. Mit dieser ewigen Unentschiedenheit streift er die Welt des Wahns. Allerdings überschreitet Hanskreuf nicht wie der freie Wissenschaftsjournalist Walter Levinson in Kellings Romanerstling Beckersons Buch die Grenze zum Wahn. Der Leser von "Beckersons Buch" wird hineingezogen in den fortschreitenden Prozess einer seelischen Erkrankung, die am Ende in eine psychiatrische Klinik führt. "Identitätssubstitution mit Sequenzen von psychotischer Paranoia" lautet dort die Diagnose.

In seinen Romanen "Beckersons Buch" und "Jahreswechsel" beschreibt Kelling existentielle Schwächezustände als Ineinander von privater, beruflicher und gesellschaftlicher Krise - in einer ruhigen, kreisenden und genauen Sprache. In "Jahreswechsel" kehrt Hanskreuf von seiner Griechenlandreise zurück in seinen Hamburger Lebensalltag. Nach Ablauf eines Trennungsjahres hat er im Zugehen auf andere und im Aufeinander weiterer Abschiede schließlich gelernt, seine einstige Lebensgefährtin loszulassen. Und hinter den Defiziten, die sein Leben bestimmen, erscheint zugleich eine Hoffnung.

Gerhard Kellings Prosa ist autobiographisch inspiriert. Lange hat der 1942 in Pommern geborene frühere Dramaturg, Regisseur und Theaterautor gebraucht, um sich frei zu schreiben.

Gerhard Kelling ist ein leiser Autor, dessen existentialistische Prosa eine eigene Qualität hat: Weder denunziert er in ihr sein "gesellschaftliches Wissen", noch verzichtet er auf die Genauigkeit des Gedankens und der Sprache.

Gerhard Kelling
Jahreswechsel
Suhrkamp, 168 S., EUR 18,90

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